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Der blaue Maschinist

In der FPÖ gilt Herbert Kickl als rechte Hand und Hirn von Heinz-Christian Strache. Seine politischen Mitstreiter nennen ihn intelligent, introvertiert – und nicht ganz koscher. Was treibt den FPÖ-Generalsekretär an? Und wie kam er in diese Rolle?
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„Ich mag ihn nicht“, sagt Lothar Höbelt, ehemals wissenschaftlicher Berater der Freiheitlichen Akademie und Universitätsprofessor für Geschichte an der Universität Wien. „Diese Kleine-Mann-Rhetorik war nie meins.“ Herbert Kickl sitzt in einem kahlen Konferenzraum in der FPÖ-Zentrale hinterm Wiener Rathaus, der genau so viel preisgibt, wie vom freiheitlichen General­sekretär bekannt ist. Die Kritik jenes Mannes, der als Vordenker des Dritten Lagers gilt, kratzt ihn nach eigenen Angaben kaum.

„Höbelt ist ein Manchester-Liberaler. So eine Einstellung kann man sich nur als pragmatisierter Uniprofessor erlauben.“ Der Erfinder von Slogans wie „Pummerin statt Muezzin“ und „Daham statt Islam“ verschanzt sich lieber hinter seinem Schreibtisch. Knapp mehr als ein Jahrzehnt ist er bei der FPÖ und hat sich zum strategischen Kopf hochgedient. Notiz nimmt dennoch kaum einer von ihm. Er werkt lieber im „Maschinenraum“, wie er sagt.

Wer ist Herbert Kickl? Was steckt hinter der Fassade jenes Mannes, der tagein, tagaus mit rechten und ausländerfeindlichen Parolen jongliert? Denkt man sich den Dreitagebart weg, gleicht Kickl mit seiner runden Brille einem alternden Harry Potter. Stefan Petzner, neuer BZÖ-Generalsekretär, beschreibt ihn als „interessante, aber schwierige Persönlichkeit. Er ist sehr von sich eingenommen, bestimmend und duldet keinen Widerspruch. Gleichzeitig wirkt er aber oft unsicher und ist sensibel. Bei ihm weiß man nie, wo der Mensch aufhört und der Stratege beginnt.“

Im persönlichen Gespräch ist Kickl kaum zu fassen. Trotz seiner schmächtigen Statur wirkt er präsent. Seine Stimme klingt sanfter und angenehmer, als es sein aufgesetzter Habitus bei Reden im Parlament erahnen lässt. Fragt man Persönliches, schaut er desinteressiert aus dem Fenster, gibt knappe Antworten. Bei politischen Themen ist er wieder da; blickt seinem Gesprächspartner tief in die Augen, schaltet in die blaue Endlosschleife.

Herbert Kickl, der im kommenden Monat 40 Jahre alt wird, wuchs in Radenthein auf, einer 6.500-Seelen-Gemeinde im Kärntner Bezirk Spittal an der Drau. Er hat eine Lebensgefährtin und einen achtjährigen Sohn. „Ich komme aus einer Arbeitersiedlung. Die Eltern waren Angestellte bei Radex, einer großen Rohstoffverarbeitungsfabrik. Zu Hause haben wir nie politisch diskutiert.“ Im Gymnasium in der Bezirkshauptstadt drückte er mit Eva Glawischnig, heute grüne Nationalratspräsidentin, die Schulbank. Mit ihr wechselte er sich jedes Jahr als Klassensprecher ab.

„Einmal der Kickl, einmal der Gockl“, macht man sich später in FPÖ-Kreisen über diese Rotation lustig. Glawischnig will sich zu ihrem ehemaligen Klassenkameraden nicht äußern: „Das ist zu privat. Ich will nur so viel sagen, dass der Herbert immer beliebt und in die Klassengemeinschaft voll integriert war.“ Jörg Haider bewunderte er schon als Gymnasiast. Seine Begeisterung unterscheidet sich nicht von der eines Peter Westenthaler oder Karl-Heinz Grasser. „Der Kampf gegen das herrschende politische System“ habe es ihm angetan. „Das war für jemanden wie mich, der getrieben ist von einer Idee der Gerechtigkeit, beeindruckend. Auch sein Auftreten war ganz anders, volksnah.“

Haiders Kampf kämpft Kickl bis heute weiter. Er trägt Jeans und Hemd, keine Krawatte. Auch am Rednerpult des Parlaments. Die Anti-System-­Polemik, mit der die FPÖ in den Neunzigern Wähler um Wähler gewonnen hat, zieht sich durch das ganze Gespräch. Denn das System ist immer gegen ihn und seine Partei. Damit lässt sich im Universum des Herbert Kickl vieles rechtfertigen.

Als er für Haiders Aschermittwochrede in Ried/Innkreis den Satz „Wie kann jemand, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben?“ aus dem Hut zauberte, reagierte der Politologe Anton Pelinka mit dem Vorwurf der „entschieden antisemitisch ausgerichteten Verfahrensweise“. Darauf angesprochen verliert Kickl kurz die Fassung und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Es war damals eine innenpolitische Diskussion um die ­Finanzierung der Israelitischen Kultusgemeinde im Gange. Es ist eine Pflichtübung von Pelinka, alles aus freiheitlichem Mund als antisemitisch einzustufen.“

1995 heuerte Kickl bei der Freiheitlichen Akademie an. Mit „Ich kann nix, aber ich kann alles lernen“ soll er sich vorgestellt haben. „Er war von Anfang an fleißig, hat sich in seine Arbeit verbissen“, sagt sein ehemals langjähriger bester Freund Manfred Stromberger, heute Landesgeschäftsführer des BZÖ Kärnten. Sein Philosophiestudium litt darunter. Noch immer fehlen ihm zwei Kapitel zum Abschluss seiner Diplomarbeit, die er über die „Transzedentale Deduktion der Kategorien und Bewusstseinskapitel in Hegels Phänomenologie“ schreiben will.

Im vorgezogenen Wahlkampf 1995 begann Kickls rasanter Aufstieg innerhalb der Partei. Er sammelte Erfahrungen in der Wahlkampforganisation, leckte Blut, nutzte die Zeit, um Kontakte zu knüpfen. „Ich habe damals Haiders Wahlkampf begleiten können. So ist dann auch die Verbindung mit der Mannschaft rund um Gernot Rumpold und Jörg Haider eine immer engere geworden.“ Neben der Wahlkampforganisation verlegte er sich immer mehr aufs Schreiben. Bald wurde er zu Haiders Redenschreiber, kreierte Wahlkampf­slogans und gilt als Urheber der meisten Aschermittwoch-Kalauer Haiders in Ried. „An seinen Büchern habe ich auch maßgeblich mitgearbeitet“, sagt er und wirkt dabei fast ein wenig überheblich.

Der BZÖ-Spitzenkandidat will davon freilich nichts mehr wissen: „Ghostwriter ist übertrieben, er hat halt ein paar Stichworte geliefert. Der Westentaschen-Napoleon ist von mir, der Muzicant-Sager von ihm“, sagt Haider. „Mit den Büchern hat er nichts zu tun gehabt. Er kann ganz gut formulieren. Herausragend war er nicht. Die besseren Sager fielen immer mir ein. Er kann ganz lustig sein, aber wir hatten nie ein besonders enges Verhältnis.“

Zu Haiders Wörthersee-Buberl-Partie hielt Kickl immer Distanz. Zwischen seinen Sätzen kann man spüren, dass er sich den Uwe Scheuchs und Konsorten intellektuell überlegen fühlt. „Kickl war zu introvertiert, um wirklich dazuzugehören,“ sagt Stromberger. Viel lieber steht der blaue Mastermind um fünf Uhr Früh auf, schnürt seine Sportschuhe und trainiert für den Iron-Man. Beim Laufen fühlt sich Kickl frei. „Wenn die Sonne aufgeht, kann ich klar denken. Da kann ich dann genießen.“ An die zehn Stunden pro Woche schwimmt, läuft oder fährt er mit dem Rad. Allein.

„Von Freunden außerhalb der Politik hat er nie geredet. Auch die Familie schottet er komplett ab“, sagt Petzner. „Ins Wirtshaus kann man mit ihm aber sehr wohl gehen, da trinkt er dann nicht ein, sondern gleich zehn Bier und bleibt bis weit nach Mitternacht. Die meisten seiner Sprüche sind im Suff entstanden.“

FPÖ-intern galt er lange Zeit als „Linker“, der keinem klassischen Flügel zuordenbar war. Gerald Grosz, Spitzendkandidat des BZÖ in der Steiermark für die kommende Nationalratswahl, sagt: „Er ist intelligent, kommt aber aus dem alternativen Bereich. Der war nie ein Rechtsaußen. Daher kommt es mir komisch vor, wie er sich jetzt benimmt. Vor allem aber ist er kein Teamplayer.“

Die Regierungsbeteiligung der FPÖ im Jahr 2000 war für Kickl auf Bundesebene ein Karriereknick. „Der Herbert ist bei der Susanne Riess-Passer in Ungnade gefallen, weil er zu sehr ein Haider-Mann war. Deshalb ist er nicht Geschäftsführer der Akademie geworden“, vermutet Manfred Stromberger. Kickl zog sich nach Kärnten zurück und wurde Anfang 2002 Leiter der internen Kommunikation der Landespartei. Beim Landtagswahlkampf 2004 war Kickl der Mann hinter Wahlkampfslogans wie „Wir vertrauen ihm“ und „An Bessern kriag ma nimma“.

Damals hat er auch Heinz Christian Strache, der zu dieser Zeit zum Wiener Parteiobmann gewählt wurde, zum ersten Mal getroffen. „Mir hat gleich imponiert, wie er an die Dinge herangegangen ist. Der Kontakt ist dann immer intensiver geworden“, sagt Kickl über seinen Chef. Stromberger sieht im Gespann Strache-Kickl eine Interessengemeinschaft: „Da haben sich zwei gefunden, die sich ergänzen. Strache fehlt der intellektuelle Zugang, dem Herbert die Lust an öffentlichen Auftritten.“ Stefan Petzner sagt: „Alles, was Strache gut macht, ist Kickl. Er ist der heimliche Parteiobmann.“

Dass Kickl bei der Spaltung der FPÖ nicht zu Haider wechselte, war für Stromberger „anfänglich unbegreiflich“. Heute weiß er, dass Strache einfach mehr zu bieten hatte: „Er ist ja dann sofort Generalsekretär geworden.“ Kickl bestreitet das. „Mit Funktionen hat meine Entscheidung nichts zu tun. Jörg Haider hat mit der Abspaltung einen Weg eingeschlagen, den ich nicht mehr mitgehen konnte.“ Der Kärntner Landeshauptmann dementiert: „Der Kickl ist von selber gekommen, er wollte in die Pressestelle der Landesregierung, das war fix.“ Für Petzner ware es einfach eine Frage der persönlichen Eitelkeit: „Er wollte seine Leistung endlich gewürdigt sehen. Da ging es auch um Geld und Macht.“

Harald Vilimsky, neben Kickl zweiter Generalsekretär der FPÖ: „Kickl hat im Vorfeld der Spaltung lange überlegt, er war schließlich immer ein Haider-Mann. Aber er hat sich dann recht schnell für uns entschieden.“ Privat haben die beiden keinen Kontakt. „Wenn es sich ergibt, gehen wir auf ein Bier“, sagt Vilimsky. Stefan Petzner sagt: „Die beiden mögen sich nicht. Kickl hat Vilimsky immer für einen Vorstadtproleten gehalten.“

Mit Kickls Wahlkampfslogans wie „Deutsch statt nix versteh’n“ und „Pummerin statt Muezzin“ sicherte sich die FPÖ im Wiener Landtagswahlkampf fast 15 Prozent der Stimmen. Der FPÖ brachte der Wahlkampf den Vorwurf ein, auf Kosten von Minderheiten auf Stimmenfang zu gehen. Herbert Kickl brachte er innerparteilich volle Akzeptanz. „Er spielt heute eine zentrale Rolle in der Partei. Und die wird er auch in absehbarer Zukunft innehaben“, sagt der ehemalige Wiener FPÖ Chef Hilmar Kabas. „Gegen die da oben will ich kämpfen. Für die da unten“, sagt Herbert Kickl.

Niveaugrenzen kennt er dabei keine. „Wir formulieren nur griffig die Ängste der Menschen, für die sich das politische System zu gut ist“, sagt er. Wenn er vom kleinen Mann spricht, spricht er von sich selbst. Vom kleinen Buben aus Kärnten, der auszog, es denen da oben zu zeigen. Nicht vorne an der Front, sondern immer in Deckung, von der zweiten Reihe aus.