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Der erste Schnee

Migranten sind aus dem heimischen Spitzenfußball nicht mehr wegzudenken. Zuwanderer backen Brot, betreiben Lokale und leiten Unternehmen. Nur der Wintersport ist ein gallisches Dorf geblieben.

„Es ist einfach cool, wenn du am Snowboard stehst“, sagt Tugba Seker. Die 28-jährige gebürtige Niederösterreicherin mit türkischen Eltern ist Geschäftsführerin des Vereins Muslimische Jugend Österreich (MJÖ). Der Verein organisiert jedes Jahr Skikurse für Migranten. „Natürlich fällt das auf, wenn du mit dem Kopftuch Snowboard fährst“, sagt Seker, die als eine der ersten Musliminnen auch ausgebildete Snowboardlehrerin ist. „Wir haben aber keinerlei Probleme. Im Gegenteil, viele Menschen kommen aktiv auf uns zu. Eine islamische Identität und Österreich sind kein Widerspruch.“ 

Bis zu 300 Jugendliche, fast durchwegs mit Migrationshintergrund, besuchen jährlich die MJÖ-Camps, die vorwiegend am Annaberg in Niederösterreich und am Hochkönig in Salzburg stattfinden. Es ist kein Luxusurlaub, denn die meisten Jugendlichen kommen aus sozial schwächeren Familien und haben mehrere Geschwister. Eine knappe Woche Skivergnügen mit Unterkunft, Verpflegung, Leihausrüstung und Liftkarte darf nicht mehr als 200 Euro kosten. Familien, die sich auch das nicht leisten können, werden vom Verein finanziell unterstützt. Auch der Verein Junge Musliminnen Österreich, der einzige deutschsprachige Verein für Frauen und Mädchen ab 15 Jahren, veranstaltet mittlerweile seit mehreren Jahren preisgünstige Skiwochen und wurde dafür 2008 mit dem Integrationspreis für Sport des Österreichischen Integrationsfonds ausgezeichnet. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass Jugendliche aus Zuwandererfamilien immer noch eine Minderheit auf den Pisten sind. 

Dabei lauert hier ein einzigartiges Kapital, als Leistungssportler wie als zahlender Kunde. Denn wo sollen in Zukunft die Skisportbegeisterten herkommen? „Uns fehlt langsam der Nachwuchs, die Breite nimmt ab, und die Tradition, dass Skifahren zur Freizeit dazugehört, geht verloren“, sagt Gert Ehn. Als verantwortlicher Nachwuchsrefernt im Österreichischen Skiverband (ÖSV) weiß er, wovon er spricht. Dass der verpflichtende Schulskikurs 1995 abgeschafft wurde, war laut Ehn der entscheidende Fehler. Seither folgen die Schulklassen immer seltener dem Ruf der Berge. „Mehr als eine halbe Million Kinder haben wir deshalb als Skifahrer verloren“, sagt Hans Schenner, Tourismusobmann der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Schenner will mittlerweile zurück zum Pflichtskikurs und fordert Internet in allen Skihütten, damit die Jugend auch dort „cool bloggen und twittern“ kann. 

Der ÖSV sucht derweil vergeblich nach Konzepten, um Migranten auf die Pisten zu locken. Während sie in der Fußball-Nationalmannschaft bereits zu Stammspielern geworden sind und auch in anderen Sportarten Spitzenleistungen erbringen, fehlen in den Schneesportarten Vorbilder und der Nachwuchs. Der vor mehr als hundert Jahren gegründete ÖSV ruht sich auf seinen Lorbeeren als mit Abstand erfolgreichster Sportverband des Landes aus. Nachwuchsarbeit wird im ÖSV zwar großgeschrieben, auf Minderheiten aber wenig bis gar keine Rücksicht genommen. 

„Gerade muslimische Familien haben oft mehrere Kinder, und viele wären ausgezeichnete Sportler, wie man beim Fußball ja sieht. Das Problem ist aber, die Muslime interessiert der Schnee nicht so sehr, sie sind leider schwer zum alpinen Skisport zu bewegen“, sagt Wolfgang Labacher, Direktor der Skihauptschule Lilienfeld in Niederösterreich und Leiter des örtlichen Skiklubs. „Aber auch die trainierten Skifahrer aus Migrantenfamilien haben bei uns nicht viel zu plaudern. Nicht, weil sie kein Talent hätten, sondern weil sie zu spät mit dem Training anfangen und die familiäre Unterstützung fehlt.“ Schulungsprogramme, um gezielt Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien anzusprechen, gibt es nicht.

Lale Maierhofer-Tuna ist dennoch schon im Alter von drei Jahren auf Skiern gestanden. Der Vater der heute 37-Jährigen ist Muslim aus der Türkei, ihre Mutter Österreicherin und Katholikin. Maierhofer-Tuna hat zwei unterschiedliche Kulturen kennengelernt und findet das gut so. Die Mutter von vier Kindern ist selbst Muslimin und mit einem Katholiken verheiratet. Ihre ersten Rutschversuche machte sie in Pernitz, in der Skiregion Unterberg in Niederösterreich. Für Maierhofer-Tuna ist das mangelnde Interesse vieler Österreicher mit Migrationshintergrund am Wintersport weniger ein finanzielles, vielmehr ein soziales und logistisches Problem. „Viele Zuwandererfamilien wohnen in Städten, und es ist sehr aufwendig und teuer, mit den Kindern in die Berge zu fahren“, sagt sie. „In den Schulen wird es Eltern auch viel zu leicht gemacht, die Kinder vom Skikurs abzumelden. Anders als beim Fußball oder Radfahren geht aber beim Skifahren nichts ohne Unterstützung.“ Ihre eigenen Kinder lernen jedenfalls Skifahren, auch wenn das manchmal anstrengend und sehr teuer ist.

Im Integrationsstaatssekretariat von Sebastian Kurz (ÖVP) ist das Problem sozial schwacher, kinderreicher Familien mit Migrationshintergrund zwar bekannt, Lösung hat die Politik aber noch keine gefunden. „Es ist unser Wunsch und Ziel, Migranten in der Mitte der Gesellschaft zu unterstützen – in traditionellen Berufsarten genauso wie beim Sport“, sagt Gerald Fleischmann, Pressesprecher des Staatssekretärs. Konkrete Pläne, jungen Migranten den Schnee schmackhaft zu machen oder gezielt Zuwandererfamilien anzusprechen, fehlen hier jedoch genauso wie im Ressort von Sport- und Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ). Das Kulturgut Skifahren wird zwar als Nationalsport aus dem jährlich knapp 100 Millionen Euro schweren Budget der Sportförderung unterstützt, ein schlüssiges Konzept, den Wintersport auch zugewanderten Familien zu vermitteln, wird aber noch gesucht. „Wir wissen, dass es nicht rund läuft“, sagt ein Beamter des Ministeriums, der anonym bleiben möchte.