• Facebook
  • Twitter
  • RSS

Gepeinigt

Warum Hannes Swoboda in Europa leiden muss.

Verfolgt

Warum in Indien Frauen zu Hexen gemacht werden.

Missbraucht

Warum ein Mädchen nicht mehr wachsen wollte.

Lebensarten

Der Kunst den Krieg erklären

Ein Theaterkollektiv begibt sich auf die Spuren Heiner Müllers und landet in den Kanonenhallen des Heeresgeschichtlichen Museums. Dazwischen wird es beinahe vom KGB verschleppt.
Bild 1 von 2
Bild 2 von 2

Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche“, schallt es durch die endlos lange, an den Seiten offene Halle, „der auf dich zufährt. So ein Himmel aus Flugzeugen ist der Deutsche. Und ein Teppich aus Bomben, der sich über Russland legt.“ Es ist nicht das Deutsche Reich, das hier den Ernstfall simuliert, sondern eine österreichische Theatertruppe auf den Spuren der Wehrmacht im tiefen Russland. Schauplatz sind die Kanonenhallen des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums (HGM). Die Spur gelegt hat kein Unbekannter. 

Der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller, gestorben 1995, hat den Text einst Mitte der Achtzigerjahre in sein überbordendes Versepos „Wolokolamsker Chaussee I–V“ eingeflochten. Neben Versatzstücken von Kleist, Kafka und Anna Seghers fanden sich da auch jene sowjetischen Panzer, die 1968 in der Tschechoslowakei einrückten und den „Prager Frühling“ beendeten. Symbolisch stand die Wolokolamsker Chaussee im Titel, wie schon im gleichnamigen Roman des russischen Schriftstellers Alexander Bek aus dem Jahr 1944: jene Straße, an der der Vormarsch der deutschen Wehrmacht im November 1941 in Schnee, Hunger und Eis am Widerstand der Roten Armee endete, 120 Kilometer vor Moskau.

Beharrlich hat sich Müller in seinem Werk mit Krieg, Totalitarismus und dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auseinandergesetzt. Ein Schwanengesang auf das 20. Jahrhundert, dessen Echos weit ins 21. reichen. „Die Herausforderung liegt wohl darin, dass man diese Texte eigentlich nicht spielen kann“, sagt Melanie Hollaus. „Man muss sich so sehr daran reiben, dass Dinge entstehen, auf die man bei einem normalen Theatertext nie käme.“

Mit dem jungen österreichischen Kollektiv „Konfiguration jenseits des Todes“ (KJDT) hat sie es dennoch gewagt. Seit fünf Jahren beschäftigt sich die gebürtige Innsbruckerin mit Müllers Texten. Die jüngste Station dieses kolossalen Unterfangens führte das fünfköpfige Ensemble Ende September ins Heeresgeschichtliche Museum nahe dem zukünftigen Zentralbahnhof Wien, wo man ein Wochenende lang „der Kunst den Krieg erklärte – oder umgekehrt“, wie Hollaus sagt. Unterstützt wurde KJDT dabei von weiteren Gruppen: Der Chor „Hor 29 November“ schmetterte Partisanenlieder aus dem ehemaligen Jugoslawien, und „SlowForward“ lieferten Zeitlupen-Bewegungsperformances in der Riesenhalle. Dazu sprang die „Ape Connection“, eine Gruppe junger Freestyle-Akrobaten, über die historischen Kanonen aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. 

Den Rhythmus gab das KJDT-Quintett vor: mal mit diszipliniertem Schreiten samt synchronem Deklamieren, dann wieder mit zerstreutem Flüstern der Texte. „Angst ist die Mutter des Soldaten, und der erste Schnitt geht durch die Nabelschnur. Und wer den Schnitt verpasst, stirbt an der Mutter.“ Mit seinen weißen Gesichtsmasken und dunkelgrauen Uniformen wirkte das Ensemble wie eine kleine Armee auf den Spuren des literarischen Deserteurs Heiner Müller. Am 15. und 16. November wird die junge österreichische Truppe nun im Heiner-Müller-Archiv in Berlin in einer zweitägigen Werkstattpräsentation durch die Arbeit an und mit „Wolokolamsker Chaussee“ führen. 

Der HGM-Inszenierung vorangegangen war eine einmonatige Recherchereise auf den Spuren der deutschen Wehrmacht im Sommer 2010. Dass die Beschäftigung mit Heiner Müller keine harmlose Sache werden würde, war den KJDT-Leuten von Beginn an klar. Mit einer kurzfristigen Verhaftung hatte aber niemand gerechnet – auch nicht Andreas Pronegg. Der gebürtige Kufsteiner nahm im westrussischen Smolensk soeben Fotos eines Gebäudes auf, als er plötzlich von zwei Unbekannten festgehalten und hineingezerrt wurde. „Im Gebäude stand eine Büste des KGB-Gründers Dserschinski“, erinnert sich Pronegg, „darunter der Spruch: ‚Wir haben saubere Hände‘.“ Zum Glück folgten ihm einige russischsprachige Künstler, mit denen er unterwegs war. „Die beiden Männer sagten: ‚Der kommt nach Sibirien.‘“ Nach einigen Stunden kam es dann doch glimpflicher: „Ich musste alle Fotos löschen und eine diktierte Selbstkritik unterzeichnen.“ 

Pronegg hatte Heiner Müller einst noch persönlich kennengelernt – am legendären Berliner Ensemble. Dort reizten Regisseure und Autoren wie Einar Schleef und Benno Besson zu DDR-Zeiten mit ästhetischen Mitteln den Spielraum politischer Systemkritik aus. Bereits mit 22 Jahren aus dem Schriftstellerverband der Deutschen Demokratischen Republik ausgeschlossen, hatte Müller hier seine Heimat gefunden, eine Art geschützter Werkstätte. An jenem Theater, das einst schon Bertolt Brecht als Heimstatt diente und Unterschlupf bot. In den Schriftstellerverband aufgenommen wurde Müller erst wieder 1988, als es die DDR schon fast nicht mehr gab. Seine künstlerischen Erfolge feierte er in der Zwischenzeit in Westdeutschland, wo Stücke wie „Germania Tod in Berlin“ und „Die Hamletmaschine“ das Publikum mit ihrem Textstrom fesselten. Seine Fernsehgespräche mit dem Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge machten ihn dann in den Neunzigerjahren zu einer schnoddrigen, whiskeytrinkenden und zigarrerauchenden Ikone der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem politischen Erbe der Moderne. 

In Berlin begegnet Pronegg aber nicht nur Heiner Müller, sondern auch dem österreichischen Theaterregisseur Josef Szeiler. Diesem hatte Müller in einem Gespräch 1992 einen Jahrhundertfloh ins Ohr gesetzt: die Inszenierung seines dramatischen Gesamtwerks in sieben Tagen und Nächten ohne Unterbrechung am Berliner Ensemble. Die Umsetzung wird für 1996 angedacht, nach Müllers Tod 1995 kommt es nicht mehr dazu. 

Pronegg kehrt zunächst nach Wien zurück und gründet 1998 mit Josef Szeiler, Claudia Bosse und Christine Standfest das Theatercombinat Wien. Es setzt dort an, wo Szeiler mit seinem TheaterAngelusNovus in den Achtzigerjahren aufgehört hat: Theaterinszenierungen jenseits etablierter Spielorte, in kunstfernen Umgebungen – Fabrikhallen, aufgelassene Häuser oder gleich unter freiem Himmel. Sechs Jahre lang spielt und inszeniert Pronegg auf dem Gelände des Schlachthofs St. Marx und in einem Abbruchhaus am Gürtel, dann ist die Idee der umfassenden Heiner-Müller-Hommage wieder da. „Wir konzentrierten uns zunächst auf Müllers Texte mit Antikebezug. Unsere ursprüngliche Idee war, dafür ein ehemaliges Militärschiff zu kapern. Wir wollten gemeinsam mit dem Publikum die Orte am Mittelmeer abfahren, die in den Texten vorkommen – und währenddessen ständig spielen.“

Weil das Projekt am Geld scheitert, weicht die Gruppe auf das Gelände der „Stadt des Kindes“ in Wien-Penzing aus. Auf der Anlage, von 1974 bis 2002 als sozialpädagogische Wohneinrichtung der Stadt Wien für Kinder und Jugendliche genutzt, erlebt das Ensemble 2006 seine Feuertaufe. Statt der hierarchischen Kompetenz- und Arbeitsteilung des herkömmlichen Theaterbetriebs regiert bei „Konfiguration jenseits des Todes“ das Kollektiv: Die Inszenierungen sind Improvisationen mit vorher festgelegten Strukturen, die Arbeit wird von allen gemeinsam entwickelt, von der Planung über Organisation und Durchführung bis hin zur Dokumentation. „Die Arbeit mit anderen hat viel mehr Potenzial, als alleine zu arbeiten“, sagt die Wienerin Katharina Burger, seit 2007 Mitglied von KJDT. „Es gibt mehr Reibung und gegenseitige Befruchtung.“

„Gute Ideen leben weiter und ergreifen jemand anderen“, sagt Andreas Pronegg. „Heiner Müller hat für dieses gigantische Projekt den Titel ‚Jenseits des Todes‘ vorgeschlagen. Wir sind noch weit davon entfernt, es zu realisieren. Aber wir nähern uns dem Ziel mit einer Politik der kleinen Schritte.“