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Silvio Berlusconis Ära neigt sich dem Ende zu. Jetzt hat der Alleinherrscher erstmals einen möglichen Nachfolger in Stellung gebracht. Angelino Alfano ist jung, Jurist und Sizilianer. Und bringt gute Kontakte zur italienischen Mafia mit.
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Angelino Alfano ist der Stolz ins Gesicht geschrieben. Auf dem Podium steht Regierungschef Silvio Berlusconi und streut ihm Rosen. Der italienische Premier ist sichtlich gerührt, die Masse vor ihm tobt, jubelt und klatscht. Alfano selbst, groß gewachsen, schütteres Haar, beobachtet den Tumult gleichzeitig strahlend und etwas betreten. Mit dem Riesengrinsen, das immer wieder über sein Gesicht huscht, wirkt er wie ein überwältigter Schulbub, der noch nicht weiß, wohin mit dem Ruhm. Berlusconi hebt die Arme, steht da wie die Jesusstatue am Zuckerhut in Rio und bemüht sich um einen seriösen Gesichtsausdruck. „Die Zeit ist reif!“, ruft er in die Menge. Jetzt ist Alfano selbst am Podium. Berlusconi hält seinen Arm hoch wie ein Ringrichter beim siegreichen Boxer. Dann tritt er ans Mikrofon. Der Moment gehört jetzt ihm. Alfano hat selten so glücklich ausgesehen, ­Berlusconi selten so alt.

Es ist der 1. Juli 2011, soeben haben tausend Delegierte der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà (PdL) den bisherigen Justizminister per Beifallsbekundung zum Parteivorsitzenden gemacht. Der sagt in einem seiner ersten Sätze mit stockender Stimme: „Viel Bessere als ich hätten es verdient, heute von hier aus zu sprechen.“ Erstmals gibt es in der PdL, die bisher nur ein Zentrum kannte, eine Nummer zwei. Ein Meilenstein für eine Partei, deren Grundsatzprogramm auf elf großzügig bedruckte A5-Seiten passt und deren Hymne den Titel „Zum Glück gibt es Silvio“ trägt. Die PdL hatte den Stellvertreterposten zuvor eilig ins Leben gerufen. Alfano ist jetzt „Parteisekretär“. 

Sekretär, das war Alfano schon einmal. Bevor er Justizminister und dann Parteisekretär wurde, war er sieben Jahre lang einfacher Abgeordneter und diente dem Premier als persönlicher Sekretär: Er hielt Berlusconis Terminkalender, reichte ihm Unterlagen, schenkte ihm Wasser ein. Stets ist Alfano im Schatten anderer groß geworden, jetzt hat er selbst seine große Aufgabe: Er soll die Partei umstruktieren und wieder auf Linie bringen. Vor allem aber soll er sie bis zum Ende der Legislaturperiode 2013 über Wasser halten. Zweimal schon hat ihn Berlusconi, der kleine Mann mit dem großen Ego, der stets behauptet hat, zu ihm gebe es keine Alternative, als seinen Nachfolger ins Spiel gebracht.

Berlusconi wollte nie eine Nummer zwei, in der Partei des Charismas gab es immer nur Platz für einen“, sagt Ezio Mauro, Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung La Repubblica. „Diese Wahl wurde nicht in einem Moment der Stärke, sondern extremer Schwäche getroffen.“ Diese Nummer zwei kennt ihre Rolle und hält dem Chef unvermindert die Stange. „Die Regierungskoalition lebt von Berlusconis Führung“, sagte Alfano bei einer Parteiveranstaltung in Kampanien Anfang September, er sei auch weiterhin „der Lenker“.

Berlusconi habe seinen Sekretär zum Sekretär der Partei gemacht, witzelt die Opposition. Alfano gilt als Kronprinz im Hofstaat Berlusconis. Andere sagen „Wasserträger“ zu ihm. „Er wird ob seiner Treue selbst in den eigenen Reihen oft unterschätzt“, sagt Francesco Verderami, Innenpolitikredakteur der konservativen Tageszeitung Corriere della Sera. „Dabei ist er ein ziemlich harter Knochen.“ Der 40-Jährige gehört zu einer Politikergeneration, für die in erster Linie die Nähe zu Berlusconi zählt. „Die meisten haben sich so nahe an der Sonne die Flügel verbrannt“, sagt Verderami. „Alfano nicht. Er hat die Beziehung zu Berlusconi nie aufs Spiel gesetzt.“

Mit seiner kräftigen Statur und dem konzentrierten Blick wirkt Alfano so gar nicht unterwürfig. Er gilt als intelligent, eloquent, telegen, mitunter als brillant. Sizilianern wird ein Hang zur Theatralik und ein schwer verstehbarerer Dialekt nachgesagt. Alfano spricht ohne Zungenschlag, sein Temperament hat er unter Kontrolle. Er ist freundlich und gut erzogen, aber nur, solange ihm niemand auf die Zehen steigt. In dem Fall legen sich die Augenbrauen zusammen, die Stirn in Falten, und von Freundlichkeit bleibt dann nicht mehr viel übrig. Man kennt ihn im eleganten Anzug, als Politiker, nicht als Privatmann. Berlusconi bringt man mit minderjährigen Tänzerinnen und Prostituierten in Verbindung, Alfano mit seiner Ehefrau, einer bekannten Anwältin, und den gemeinsamen Kindern. Alfano ist Berlusconi so nah und gleichzeitig Lichtjahre von ihm entfernt. Genau dieser Widerspruch zum Chef soll dem Chef nun das Leben retten.

Alfanos Weg ins Zentrum des Staates begann ausgerechnet in Sizilien, dort, wo der Staat so weit weg ist wie der Mond. Wo die antistaatliche Haltung einen Teil der lokalen Mentalität ausmacht und zum Aufstieg der dortigen Mafia, der Cosa Nostra, beitrug. Wer hier Politik macht, kreuzt in der Regel früher oder später die Wege der Mafia. Mit 16 schloss sich Alfano in seiner Heimatstadt Agrigent der Democrazia Cristiana (DC) an. Jener katholischen Volkspartei, die 1994 im Zuge des Zusammenbruchs der alten politischen Blöcke in unterschiedliche Richtungen zerfiel, unter anderem in Berlusconis Forza Italia, die später in der PdL aufging. Er habe ab dem Zeitpunkt in die Politik wollen, als er mit Anfang 20 Berlusconi zum ersten Mal im Fernsehen sah, erzählt Alfano gerne: „Ich sah einen Mann mit einer Leidenschaft für Freiheit, der zum Träumen verleitete, der die Sonne in sich trug.“

1996, im Alter von 26, zog er für Berlusconis Partei ins Parlament der autonomen Region Sizilien in Palermo ein. Vier Jahre später stieg Alfano zum Chef der Forza Italia in Sizilien auf. Dazwischen schloss er sein Studium der Rechtswissenschaften an der renommierten Katholischen Universität del Sacro Cuore in Mailand ab. Während er 1999 in seiner Heimat bereits als politisches Wunderkind galt, runzelte Berlusconi bei seinem ersten Besuch in Rom zunächst noch die Stirn: „Und wer ist das?“ Ein Jahr später lag Alfanos Büro Tür an Tür mit dem Berlusconis. Im Zuge der gewonnenen Parlamentswahl 2001 holte Berlusconi Alfano ins Parlament. Als er ihn zum Justizminister ernannte, war Alfano 37 – beachtlich angesichts einer Parlamentarierriege, die im Durchschnitt aus 60-Jährigen besteht. 

Als Alfanos Förderer gelten drei nicht gerade unumstrittene Persönlichkeiten: Gianfranco Micciché, Berlusconis Statthalter in Sizilien der ersten Stunde und heute Unterstaatssekretär der Regierung. 2002, im Zuge eines Drogenskandals, in den Politiker, Unternehmer und die Mafia verwickelt waren, belastete die Polizei auch Micciché schwer: Der damalige stellvertretende Finanz- und Wirtschaftsminister ließ sich laut Zeugenaussagen, abgehörten Telefongesprächen, Video- und Audiomaterial regelmäßig Kokain in sein Büro liefern. 19 Personen wurden festgenommen. Die gegen Micciché eingeleiteten Ermittlungen blieben folgenlos. Weiters Salvatore Cuffaro, Ex-Präsident Siziliens, der 2008 rechtskräftig zu sieben Jahren Haft wegen Unterstützung der Mafia verurteilt wurde. Und Marcello Dell’Utri, bis heute Berlusconis rechte Hand. Ein Gericht in Palermo sah seine Funktion als Verbindungsmann zwischen Berlusconi und der Cosa Nostra als erwiesen an und verurteilte ihn 2004 in erster, 2010 in zweiter Instanz wegen seiner Mafiaverbindungen zu sieben Jahren Haft. Er sitzt weiterhin als Senator im Parlament, wo er auf die Entscheidung der letzten Instanz wartet. Alfano nützt jede Gelegenheit, um dem Verurteilten seine Solidarität auszusprechen.