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Der Zins und sein moralischer Schatten

Otmar Issing macht sich Gedanken über die Zinsen.

Das Wort von der Zinsknechtschaft geht wieder um. Ganze Völker sehen sich unterjocht, von den krisenhaften Erscheinungen der Zeit und den Zuchtmeistern der redlichen Kontoführung. Wer wem wie viel Zins zahlt, davon scheint das Schicksal ganzer Volkswirtschaften abzuhängen. Der Geldfachmann Otmar Issing, damals Chefvolkswirtschaftler der Deutschen Bundesbank und später einer der Gründerväter der Europäischen Zentralbank, hat sich im Jahr 1993 in der „FAZ“ so seine Gedanken über Sinn und Anstößigkeit des Zinses gemacht. Ein Auszug.


Michael Frank

 

In der Frankfurter Chronik zur Judenverfolgung im Mittelalter heißt es: „Propter usuras vexabantur“ – Wegen des Wuchers wurden sie gequält. Wucher, das war das Synonym für die Geldleihe gegen Zins, ein Geschäft, das den Christen nach dem kanonischen Zinsverbot untersagt war. 

Verbietet die Obrigkeit eine wirtschaftliche Aktivität, für die es in einer Gesellschaft jedoch Bedarf gibt und ohne die, wie beim Kredit, nur eine beschränkte Existenz und kaum Spielraum zur Entwicklung gegeben ist, dann werden die Menschen Mittel und Wege finden, das Verbot zu umgehen. Eine naheliegende Möglichkeit besteht darin, dieses Geschäft Außenseitern zu überlassen. Genau dies geschah im Mittelalter. So wurde der „Geldhandel“ ab etwa der Mitte des zwölften Jahrhunderts der Hauptberuf der Juden, zumal man sie im Laufe der Zeit immer mehr aus anderen Gewerben herausgedrängt hatte. Damit war eine Minderheit wirtschaftlich ausgegrenzt und auf eine Tätigkeit verwiesen, die durch weitere politische Eingriffe, wie extreme Steuern und Schuldenerlasse, belastet wurde. Das dadurch erhöhte Risiko der Kreditvergabe spiegelte sich in teilweise horrenden Zinsen wider, ein Ergebnis, das den Gläubiger speziell bei den Schuldnern, aber auch in der Bevölkerung ganz allgemein nicht gerade beliebter machte. Wenngleich hier sicher nicht die einzige Ursache liegt, so muß man doch dem Haß auf die „Wucherer“ eine wesentliche Rolle bei der Auslösung der schrecklichen Pogrome dieser Zeit beimessen. 

Das Zinsnehmen stand lange Zeit auf einer Stufe mit den Kapitalverbrechen, der Wucherer wurde in die Gesellschaft von Brandstiftern, Räubern, Blutschändern und Huren eingereiht. Hinter dieser moralischen Verdammung steht zum einen die damalige Haltung der Kirche zum Zins und Zinsnehmen. Diese Aversion blieb aber keineswegs auf das Christentum beschränkt. So enthält etwa die Thora ein ausdrückliches Verbot des Darlehenszinses, freilich nur für Darlehen unter den Israeliten, und die Schwierigkeiten der Akzeptanz des Phänomens Zins im Islam reichen bekanntlich bis in unsere Zeit. 

In der Scholastik diente zum anderen neben der Bibel die Autorität des Aristoteles für die Stigmatisierung des Zinses. Nach der Lehre „des“ Philosophen in seiner „Politik“ war das Gewerbe des „Wucherers mit vollstem Recht eigentlich verhaßt, weil es aus dem Gelde selbst Gewinn zieht und nicht aus dem, wofür das Geld doch allein erfunden ist“. Der Zins stammt „als Geld vom Gelde. Daher widerstreitet auch diese Erwerbsweise unter allen am meisten dem Naturrecht.“ Nach Edgar Salin sind von da an die Geldleihe und der Geldhandel überhaupt mit dem schwersten Fluch belegt, den die Philosophie und später auch die Theologie zu schleudern vermögen. Sie sind wider die Natur. 

Das aristotelische Verdikt wird heute schwerlich noch jemanden beeindrucken, und mit einer Doktrin aus dem gemeinhin als „finster“ apostrophierten Mittelalter wird sich ansonsten kaum ein Bürger unserer so aufgeklärten Zeit identifizieren. Ob aber nun die Meinungen der Vergangenheit das Bewußtsein der heute Lebenden stärker beeinflussen, als dies für möglich gehalten wird, oder ob dies nicht zutrifft, so bleiben doch berechtigte Zweifel, ob der Zins – um mit dem bekannten österreichischen Kapitaltheoretiker Eugen von Böhm-Bawerk zu sprechen – jemals seinen „moralischen Schatten“ vollständig losgeworden ist. In der innerlichen Ablehnung, der die moralische Ächtung leicht folgt, liegt wohl auch die Wurzel dafür, daß die Sehnsucht nach der zinslosen Wirtschaft zum Beispiel am Rande von Kirchentagen immer wieder ihre Anhänger versammelt. 

Wohin eine Gesellschaft kommt, wenn sie den Prozeß, die marktgerechte Höhe des Zinses zu bestimmen, beschränkt oder wenn sie gar die Notwendigkeit des Zinses schlechtweg ignoriert, läßt sich an zahlreichen Fallbeispielen demonstrieren. So liegt hier eine wesentliche Ursache für die Mängel und schließlich das Scheitern der Planwirtschaften sowjetischen Typs. Nach der Marxschen Lehre stellt das Privateigentum an Produktionsmitteln die Quelle der Ausbeutung des Arbeiters dar, im Zins als Bestandteil des Mehrwertes wird diesem ein Teil seines Arbeitsertrages vorenthalten.

Getreu dieser Auffassung haben die Nationen, die dieser theoretisch längst vorher widerlegten These gefolgt sind, nicht nur die Produktionsmittel sozialisiert, sondern zunächst auch den Zins quasi per Dekret abgeschafft. Schon bald wurden freilich die Defekte dieses Versuchs der Wirtschaftslenkung ohne Zins so offenkundig, daß nach bis ans Groteske grenzenden Bemühungen, den Begriff selbst zu vermeiden, das Phänomen als solches aber in der Planung zu berücksichtigen, schließlich ganz offen die Notwendigkeit des Rechnens mit dem Zins von der Realität gegen das Dogma erzwungen wurde. 

Ohne die Institution des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Lenkung durch den Markt waren freilich auch diese Anstrengungen zum Scheitern verurteilt. 

 

Kommt es von ungefähr, daß auch die andere totalitäre Weltanschauung, die in diesem Jahrhundert ihre furchtbare Spur hinterlassen hat, zum Zins grundsätzlich eine ähnlich feindliche Einstellung vertreten hat? Die „Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“ war Bestandteil des Parteiprogrammes der NSDAP von 1920, das bis 1930 galt. Für Gottfried Feder, den Urheber dieses Programmpunktes, ist die „goldene Internationale“ aus dem „durch und durch unsittlichen Leihzinsgedanken geboren“.

„Der Leihzins ist die teuflische Erfindung des Großleihkapitals, der Leihzins ermöglicht allein das träge Drohnenleben einer Minderzahl von Geldmächtigen auf Kosten der schaffenden Völker und ihrer Arbeitskraft, er hat zu den tiefen unüberbrückbaren Gegensätzen, zum Klassenhaß geführt, aus dem der Bürgerkrieg und Bruderkrieg geboren ist … Die Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes bedeutet die einzig mögliche und endgültige Befreiung der schaffenden Arbeit von den geheimen überstaatlichen Geldmächten.“ 

Die Dimensionen sind größer geworden, knüpfen aber nicht Inhalt und Sprache aus diesem Jahrhundert nahtlos an das Mittelalter an? 

Die moralische Verdammung des Zinses ist keine Antwort auf die Frage, warum es den Zins gibt. Solange freilich die wichtigste und auffälligste Form des Kredites im Konsumdarlehen – oft für existentielle Notsituationen – bestand, war es fast unvermeidlich, daß Zins und Wucher gleichgesetzt und als Verbrechen eingestuft wurden. Den Kreditbedürftigen war damit freilich nicht geholfen. Eine solche Entschuldigung mag man für einen Aristoteles und das Mittelalter ins Felde führen, dieses Jahrhundert kann den Freispruch nicht beanspruchen. 

Die adäquate Erfassung des Phänomens und die Erklärung seiner Ursache sind die Voraussetzung dafür, daß der Zins von seinem Stigma befreit werden kann. Was also ist der Zins, warum gibt es ihn, was sind seine Funktionen? 

Eine erste Antwort lautet: Der Zins ist der Preis für Kredit; Zins und Kredit stellen also zwei Seiten einer Medaille dar. In der modernen Wirtschaft wird Kredit fast nur noch in Geldform gewährt – die auf Zeit geliehene Kaufkraft eröffnet den Zugang zum Erwerb von Gütern aller Art. Wird der Kredit fällig, ist nicht nur der ursprüngliche Betrag zurückzuzahlen, sondern auch ein „Aufgeld“, eben der Zins. 

Der Kredit verleiht dem Kreditnehmer Verfügungsmacht am Markt, auf die der Kreditgeber für die Zeitspanne des Kreditkontrakts verzichtet. Kredit verkörpert insofern einen Tausch von Gütern in der Zeit – er stellt ein intertemporales Phänomen dar. Erst die Kreditaufnahme versetzt viele Unternehmen in die Lage, Investitionen in der gewünschten Höhe zu realisieren, also Kapitalgüter (beispielsweise Maschinen oder Gebäude) zu kaufen und im Produktionsprozeß einzusetzen. Dem Haushalt ermöglicht der (Konsumenten-)Kredit, über die durch das laufende Einkommen und gegebenenfalls den Rückgriff auf Vermögen gesetzte Beschränkung hinaus Güter zu kaufen. Der Zins ist somit der Preis für zeitlich vorgezogenes Verfügungsrecht über Güter beziehungsweise die entsprechende Nutzung von Kapital. 

Die den in der Investition eingesetzten Betrag übertreffende Wertschöpfung erlaubt es dem Kreditnehmer, mehr als die Amortisation zurückzuzahlen – das heißt eben, einen Zins zu erwirtschaften. Hier liegt die Antwort auf die Frage, die Aristoteles nicht lösen konnte: Der nicht investierte Geldbetrag bleibt „unfruchtbar“ – erst über die Investition in Realkapital wird es möglich, einen die ursprüngliche Summe übersteigenden Wert zu erzielen; was dem Unternehmen darüber hinaus nach Abzug aller Aufwendungen verbleibt, ist der Gewinn. Als Ausdruck der Netto-Produktivität des Kapitals ist der Zins eine Erscheinung der realen Wirtschaftssphäre; der Kreditgeber nutzt nicht eine Notsituation des Kreditnehmers aus, sondern erhält als Gegenleistung für den vorübergehenden Verzicht auf Kaufkraft den Zins, der wiederum im realen Produktionsprozeß erwirtschaftet wird. In der Definition von Gustav Cassel ist der Zins der Preis für das Warten oder für die Nutzung von Kapital. 

Der Sparer verzichtet (vorübergehend) auf Konsum, die in den verschiedenen Anlageformen bereitgestellten Mittel werden von den Institutionen des Finanzsektors – Banken, Investmentgesellschaften, Versicherungen – in Kredite an Unternehmen transformiert, aus „Kredit wird Kapital“. Der Zins als Marktpreis fungiert daher auch als Gradmesser für die Knappheit des Kapitals. Gleichzeitig stellt der Zins das Verbindungsglied zwischen zukünftigem Einkommen und gegenwärtigem Vermögen dar. In diesem Sinne gibt der Zins an, was eine zukünftig zu erwartende Zahlung heute wert ist. Je höher der Zins, desto stärker muß man den Wert einer künftigen Zahlung abdiskontieren, desto niedriger ist auch der Gegenwartswert des Vermögens, aus dem bestimmte zukünftige Zahlungen zu erwarten sind. 

Der Zins fungiert jedoch nicht nur als Brücke zwischen künftigem Einkommen und dem Kapital, dem Gegenwartswert der künftigen Einkommensströme, er stellt ganz allgemein die ökonomische Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen heute und morgen her. Auf diese Weise wirkt der Zins in alle Lebensbereiche hinein, in denen es um Entscheidungen mit Zukunftsbezug geht. Erst der Zins ermöglicht eine generell vergleichende Bewertung von Ereignissen, die zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden. Über diesen Zusammenhang beeinflußt der Zins zukunftsgerichtete Handlungen und damit insoweit das Erscheinungsbild der Welt von morgen. Hier liegt im Kern die umfassende intertemporale Bedeutung dieses Preises.