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Sie waren „Besatzungskinder“, geboren 1946: die Mutter Deutsche, der Vater ein schwarzer US-Soldat – als uneheliche Kinder freigegeben zur Adoption. Jetzt machen sie sich auf die Suche nach ihren Müttern.
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Dolores Becker steht auf, als die Vorträge in der vornehmen New Hampshire Avenue Nummer 1607 beendet sind. Dolores, die mit fünf Jahren aus Deutschland in die USA adoptiert wurde – „Ich erinnere mich nur noch, dass ich auf dem Schiff war und dass mir schlecht war“ – und die seither ihr Geburtsland nicht mehr betreten hat. Dolores, die nach der mexikanischen Schauspielerin Dolores del Río getauft wurde und die oft für eine Latina gehalten wird. Im weißen Sommerkleid, die dunklen Locken flüchtig hochgesteckt, steht Dolores jetzt auf und sagt: „Ich suche meine Mutter, und ich möchte von Ihnen wissen: Wohin kann ich gehen, um meine Mutter zu finden? Ich habe alles, ihren Namen, ich weiß, wann sie geboren ist, wo sie geboren ist, ich habe alle Unterlagen, aber ich frage Sie: Wie kann ich sie jetzt finden?“

Es ist still im Saal des Deutschen Historischen Instituts in der US-Hauptstadt Washington. Nur die Klimaanlage surrt. Dolores Becker macht eine verlorene Handbewegung und setzt sich zögernd wieder hin. Becker, so hieß sie bei ihrer Geburt, ihren heutigen Namen möchte sie nicht öffentlich machen. Wie sie wurden die meisten Anwesenden von Afroamerikanern adoptiert. Sie alle gehören zu einer Gruppe von Deutschen und ehemals Deutschen, die, je nachdem, auf welcher Seite des Atlantiks man sich befand, „Brown Babies“ (USA) oder „Besatzungskinder“ (Deutschland) genannt wurden. Sie sind Kinder weißer deutscher Mütter und schwarzer, meist US-amerikanischer Väter, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Soldaten der Besatzungsmächte in Deutschland stationiert waren.An diesem schwülen Tag im August treffen sich ein paar Dutzend jener in die Jahre gekommenen Kinder zum ersten Mal. Ein Verein hat sich in Amerika gegründet, „Black Germans“ nennen sie sich.

Das Treffen schlägt ein oft überblättertes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf. Das Kapitel beginnt im Jahr 1946 mit der Geburt des ersten Jahrgangs der sogenannten Besatzungskinder. Schon bald darauf sind sie Gesprächsstoff in ganz Deutschland – in Schlagerliedern, Groschenheften, Kinofilmen, aber auch im Bundestag und akademischen Kreisen. Und Deutschland stellt sich vor allem eine Frage: Wohin mit den schwarzen Kindern? Die weißen Besatzungskinder, bis 1960 wurden 85.000 gezählt, wurden gelegentlich, wie alle unehelich geborenen Kinder dieser Zeit, als Kostenstelle für den Sozialstaat thematisiert. Doch um die schwarzen Kinder, bis 1960 weniger als 5.000, entspannen sich geradezu abenteuerliche Diskussionen. Zum Beispiel in der Bundestagsdebatte im Jahr 1952. 

„Eine besondere Gruppe unter den Besatzungskindern bilden die 3.093 Negermischlinge, die ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art darstellen“: So fasste die CDU-Abgeordnete Luise Rehling den Stand der Debatte zusammen und fuhr fort: „Die verantwortlichen Stellen der freien und behördlichen Jugendpflege haben sich bereits seit Jahren Gedanken über das Schicksal dieser Mischlingskinder gemacht, denen schon allein die klimatischen Bedingungen in unserem Lande nicht gemäß sind. Man hat erwogen, ob es nicht besser für sie sei, wenn man sie in das Heimatland ihrer Väter verbrächte.“

Folgerichtig begann Deutschland damit, ausländische, vorzugsweise amerikanische Adoptiveltern für die deutschen Kinder zu suchen. Dolores, die nun 55 und Amerikanerin ist, hat ihre Frage „Wie kann ich meine Mutter finden?“ einer deutschen Historikerin gestellt, die gerade ihren Vortrag beendet hat. Yara-Colette Lemke Muniz de Faria hat das Standardwerk über diese Epoche geschrieben: „Zwischen Fürsorge und Ausgrenzung. Afrodeutsche ‚Besatzungskinder‘ im Nachkriegsdeutschland“. An diesem Augusttag in Washington stellte sie eine noch unveröffentlichte Untersuchung von rund 200 Adoptionsakten vor. 

Allein um diese Anzahl zu finden – einen Bruchteil aller Fälle –, war sie vier Monate lang täglich in den riesigen Keller der Social Welfare History Archives, der Archive für die Geschichte der Sozialfürsorge in Minnesota, hinuntergestiegen. Dort hatte sie, acht Stunden am Tag, beim Schein einer nackten Glühbirne tausende Akten des Internationalen Sozialdiensts, der weltweit größten Organisation für internationale Adoption, durchsucht. Dolores horcht auf, als Lemke Muniz de Faria über eines ihrer Untersuchungsergebnisse spricht. In einer Vielzahl der Fälle, sagt die Historikern, bemühten sich die US-Väter darum, ihre Kinder zu sich zu holen. Das bedeutete nach damaligem Recht, dass sie ihre eigenen Kinder adoptieren mussten. 

Wenige Tage später sitzt Dolores Becker zu Hause an ihrem Esstisch, vor ihr die Notariatsurkunden ihrer Adoption. Eine auf Deutsch, eine auf Englisch, zwei vergilbte, brüchige Akten. „Ich habe das erst auf der Konferenz erfahren, dass mein Vater mich adoptiert haben muss. Ich wusste nur, dass er mich geholt hat, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau.“ Nun will sie noch einmal nachschauen. Ja, hier steht es, im letzten Satz: „Die unverehelichte Haushaltsgehilfin Valentine Becker hat am 26. Mai 1956 in Bad Nauheim das Kind Dolores Becker unehelich zur Welt gebracht. Die Kindesmutter ist am 7. August 1929 in Bessabotowka, Russland, geboren und besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit und evangelische Religion. Durch Urkunde Nr. 6/1960 des Notars Dr. Pfeffer in Bad Nauheim hat die Kindesmutter ihre unwider­rufliche Einwilligung zur Adoption ihres Kindes durch die amerikanischen ­Eheleute erteilt.“

Dolores Becker hat sich ihr Leben im Südosten Washingtons eingerichtet, auf der östlichen Seite des Flusses Anacostia. In einem schwarzen Viertel, „schwarze Mittelschicht“, das ist ihr wichtig, bewohnt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann ein eigenes kleines Haus. Um Geld zu verdienen, arbeitet sie als Barfrau in zwei feinen Hotels, aber am liebsten ist sie zu Hause. Ihr Heim ist ihre Festung, ihr schützender Kokon, in den sie liebevoll all das hineinsortiert hat, was ihr etwas bedeutet. 

Andenken an ihre Kindheit in einem kleinen Südstaatenort gehören nicht dazu. „Ich denke nie an meine Kindheit, sie war nicht schön. Ich halte mich damit nicht auf.“ Viel Arbeit im Haushalt, eine ablehnende Adoptivmutter, ein gewalttätiger Vater, daran erinnert sie sich. Wenn sie nicht mit ihren jüngeren Brüdern im Hof Badminton spielte, lief sie. „Ich bin immer gelaufen, ich bin eine Läuferin. Manchmal will ich irgendwohin, und dann laufe ich einfach weiter.“ Bald lief sie von zu Hause fort, zu einer Tante zuerst und schließlich nach Washington. Nein, ihre Kindheit hat keinen Platz in diesem Haus. 

An der Wand neben dem Esstisch hängt groß ein gerahmtes Foto von Schloss Neuschwanstein. Überall im Haus kleben selbst gemachte Zettel mit deutschen Begriffen. In der Besteckschublade „Die Schublade“, im Geschirrschrank „Der Suppenteller“. 

Dieses Jahr wollte sie zum ersten Mal nach Deutschland fahren, um ihre Mutter zu suchen, um Deutschland kennenzulernen. Doch die Krankheit ihrer Schwiegermutter kam dazwischen. Eine Wand im Wohnzimmer ist noch mit Worten bedeckt, die sie für die Reise lernen wollte. „Ich verstehe nicht“, „Ankunft/Abfahrt“, „erste/zweite Klasse“. „Ich habe zu Reggie, meinem Mann, gesagt, ich will hauptsächlich nach Deutschland, um die Kultur kennenzulernen, Leute zu beobachten“, sagt Dolores. „Ich will eigentlich nicht viel Zeit im Museum verbringen, es reicht, wenn wir in eines gehen und natürlich ins Schloss. Aber vor allem will ich die Leute sehen, in Cafés sitzen und nur schauen. Vor allem das will ich: schauen, wie das ist, deutsch zu sein.“

Als sie kurz darauf in den Hinterhof geht, um ihre Tomaten zu gießen, wackelt plötzlich die Erde. Nippes fällt von den Regalen. Ein Erdbeben hebt Dolores’ Welt kurz aus den Fugen. Das Epizentrum des Bebens, Stärke 5,8 auf der Richterskala, ist 150 Kilometer entfernt, in Washington entsteht wenig Schaden. Doch Dolores’ selbstbewusste, kontrollierte Fassade ist aufgeplatzt. Ihre Festung könnte innerhalb weniger Sekunden zu Staub zerfallen, diese Erschütterung schreit aus ihrem Blick. 

Erst seit einigen Jahren will sie ihre Mutter finden. „Seit ich die 50 überschritten habe, denke ich über viele Dinge nach, die mir vorher nichts bedeutet haben“, sagt sie. Die Konferenz in D.C. habe ihr gutgetan. „Ich spüre eine gewisse Affinität zu Leuten, die so sind wie ich.“