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Die Deutungshoheit

Sie überlebte die Nazis, die Kommunisten und ihre Flucht von Ungarn nach Wien. Vera Ligeti arbeitet seit 50 Jahren als Psychoanalytikerin und schert sich nicht darum, ob Sigmund Freuds Lehren gerade als modern oder von gestern gelten.
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Vera Ligeti steht in einer Ziegelfabrik und wartet auf ihre Hinrichtung. Die 14-Jährige mit den hellbraunen, geflochtenen Zöpfen und den weißen, festen Winterschuhen ist Teil einer Menschenmasse, in der jeder darum kämpft, am Leben zu bleiben. Es ist der 15. Oktober 1944, und die faschistische Partei der Pfeilkreuzler, das ungarische Pendant zu den Nazis, feiert gerade ihre Machtergreifung mit der Erschießung zehntausender Juden. Ein Bursche, etwas jünger als Ligeti, geht auf das Mädchen zu und greift nach ihren Haaren. Er spannt die Zöpfe auf sein Bajonett und dreht so lange daran, bis sie in die Knie fällt. Er lacht kurz auf, dann schnallt er sich ein Maschinengewehr um die Schulter und legt an. Ligeti liegt am Boden und starrt auf seine Schuhe, als sie den ersten Schuss hört.

Der Bursch fällt rückwärts auf den Boden. Das Maschinengewehr hat sich verselbstständigt und schießt so lange durch die Gegend, bis die letzte Kugel aufgebraucht ist. Drei, vielleicht vier Menschen sacken neben ihr zusammen. Vera Ligeti bleibt regungslos am Boden liegen und versucht, ihre Gedanken zu sammeln. Und die kreisen in diesem Moment nur um eines: „Ich habe gedacht: Wenn ich überlebe, werde ich einen Beruf wählen, bei dem man am besten den Menschen, seine Triebe und Abgründe versteht.“

Heute sitzt Vera Ligeti in einem Korbsessel auf ihrer Terrasse, die Hände im Schoß zusammengefaltet und den Rücken zu einem leichten Buckel gekrümmt. „Déformation professionnelle“, sagt sie und deutet zuerst auf ihren Hals, dann auf ihre Schultern. „Typische Berufskrankheit. Kommt vom vielen Zuhören.“ 2008 wird es genau 50 Jahre her sein, dass die Psychoanalytikerin Ligeti ihren ersten Patienten auf der Couch liegen hatte. Erinnern kann sie sich daran noch gut: „Ich hatte keine Ahnung, wie das Erlernte in der Praxis aussehen soll. Also hab ich’s einfach probiert – und ich kann nicht sagen, dass es so viel schlechter war als heute.“

Immer noch gibt sie als Lehranalytikerin angehenden Psychoanalytikern Stunden, ehe diese sich selbst ins Therapieren stürzen dürfen. Drei- bis viermal die Woche, von neun Uhr früh bis in den späten Abend, empfängt sie daheim in ihrem Hietzinger Haus ihre rund 20 regulären Patienten. „Der Kundenstock ist in etwa immer derselbe geblieben.“ Eine Einheit dauert 50 Minuten, die Therapie „so lange, wie sie eben dauert“. Ob die Methoden, die sie dabei anwendet, richtig sind, kann sie nicht beschwören. „Natürlich wurden sie nie bestätigt. Aber die Frage ist, ob das ein Kriterium ist. Auch ich habe meine Probleme mit der Analyse. Aber es gibt bis heute einfach kein besseres Modell der menschlichen Psyche.“

Die Psychoanalyse ist keine gefestigte Theorie, sondern eine Ansammlung von Hypothesen, die sich weder widerlegen noch bestätigen lassen. Und sie ist Behandlungs- und Untersuchungsmethode zugleich. Selbst die Erben ihres Erfinders Sigmund Freud zanken sich ausdauernd um die Deutungshoheit seiner Theorien. „Über Jahre hinweg gab es Rivalitäten und Konflikte zwischen den unterschiedlichen Schulen der Psychoanalyse“, sagt Christine Diercks, Vorsitzende der Wiener Psycho- analytischen Vereinigung (WPV), der auch Vera Ligeti angehört. Alfred Pritz, Direktor der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, schlägt in dieselbe Kerbe: „In dieser Branche gab und gibt es immer viele Intrigen und Entwertungen.“ Die Einzige, die sich über Jahrzehnte konsequent aus allen Konflikten herausgehalten und gleichzeitig immer viel für die Weiterentwicklung der Disziplin getan habe, sei Vera Ligeti. „Frau Ligeti ist eine Ikone der Psychoanalyse. Diese Disziplin wäre um vieles weiter, wenn es mehrere wie sie gäbe“, sagt Pritz.

Ligeti nimmt solcherlei Lob locker, sie brauchte noch nie jemandem etwas beweisen. Bis heute schlüpft sie gerne in die Rolle von Personen aus dem Leben ihrer Patienten und versucht, diesen den Standpunkt des jeweils anderen verständlich zu machen. Ziel: das Verdrängte ins Bewusste zu bringen. „Psychoanalyse ist für mich so wichtig wie die Luft zum Atmen. Ich mache das so gerne, und es gehört einfach zu mir – ich könnte gar nicht anders.“ Dass sich jemand für sie interessiert, verdutzt sie hingegen. „Warum gerade ich?“, fragt sie langsam und betont in einer Mischung aus Schönbrunner Deutsch und ungarischem Akzent. „Zwei bis drei, maximal vier ganz kurze“ Interviews hat die medienscheue Analytikerin in ihrem Leben gegeben. „Geben müssen“, korrigiert sie sich.

Ligetis Mann hingegen war Interviews gewohnt. Der im vergangenen Jahr verstorbene György Ligeti gilt als einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts. „Man kann schon sagen, dass mein Leben eine Verkettung von unglaublichem Glück ist“, sagt Vera Ligeti. „Aber das größte Glück von allem war, dass ich meinen Mann getroffen habe.“ Eine Verkettung von glücklichen Umständen, die mit einem großen Unheil ihren Ausgang nahm.

Als im Jahr 1938 Hitlers Truppen in Österreich einmarschieren, ist Vera Ligeti, geborene Spitz, gerade einmal acht Jahre alt. Sie wächst in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Budapest auf, „als Einzelkind, dem jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde. Und dennoch habe ich mich unverstanden gefühlt.“ Grund: die Erkenntnis, dass ihre Eltern und der Rest der Erwachsenen sowieso „alles sofort wieder vergessen“ und „nichts verstehen“.

Diese Einsicht bringt sie erstmals auf die Idee, es selbst einmal besser machen zu wollen. Doch vorerst gilt es, die Schule zu bewältigen. Als Ligeti 1936 eingeschult wurde, hatte ihr der Vater eingebläut, immer Klassenbeste sein zu müssen. Andernfalls habe sie als Jüdin kaum Chancen, später einmal dem Beruf ihrer Wahl nachgehen zu können. Gegen den Antisemitismus an der Schule hilft aber auch das nicht. „Anfangs war es noch erträglich. Da musste ich nur ab und zu die Klasse verlassen, wenn etwas Bestimmtes gelehrt wurde, das ich als Jüdin und somit potenzielle Spionin nicht hören durfte.“

Ende der Dreißigerjahre ist auch damit Schluss: Die offen antisemtische Regierung Ungarns verbietet Juden den Schulbesuch. Die unfreiwillige Freizeit nützt das Kind, um sich in Bücher zu stürzen. Mit 13 kennt Ligeti die Standardwerke der Psychoanalyse: die vom Begründer Sigmund Freud ebenso wie jene seiner Schüler Alfred Adler und Carl Gustav Jung. „In dem Alter genießt man es sehr, Freuds ‚Traumdeutung‘ zu lesen“, sagt sie ernst. „Sie ist wie eine Mischung aus Opernführer und Pornoheft: Es stehen lauter Sachen drinnen, die man schon anfängt zu spüren, aber von denen man nicht wirklich weiß, wohin damit.“ Das Buch sieht sie bis heute vor sich liegen: die ungarische Fassung, übersetzt von Sándor Ferenczi, einem der ersten Schüler Freuds.

Warum sie in diesem Alter zu Freud und Co. statt zu gängigerer Kinderlektüre gegriffen hat? „Weiß ich nicht mehr genau.“ Vielleicht lag es an der jungen Englischlehrerin Lilli, die damals von Wien nach Budapest geflüchtet war und sich ihren Lebensunterhalt durch private Stunden verdiente. Zumindest war sie es, die der jungen Vera Ligeti von den wenigen Psychologievorlesungen erzählte, die sie an der Universität besucht hatte, ehe ihr das Studieren verboten worden war.

Dem Traum vom Studium der Psychoanalyse macht Hitler einen Strich durch die Rechnung. Im März 1944 besetzen die Nazis auch Ungarn, bis dahin ein treuer Bündnispartner des Dritten Reichs. Kurze Zeit später übernehmen die Pfeilkreuzler, die eine aggressive antisemitische Ideologie vertreten, die politische Führung und greifen den Deutschen bei der Vollstreckung des Holocausts bereitwillig unter die Arme. Ihre Anhänger überziehen Budapest mit Terror und ermorden in kürzester Zeit an die zehntausend Juden. Zweimal findet sich auch Vera Ligeti vor einem Erschießungskommando am Donauufer wieder. Beide Male entkommt sie nur knapp. „Beim zweiten Mal haben sie beim siebten Menschen vor mir aufgehört zu töten. Ich hab gewusst, dass es in jeder Sekunde vorbei sein kann. Und immerfort hatte ich denselben Gedanken: dass ich das alles verstehen will.“ Heute erinnert ein paar hundert Meter südlich des Budapester Parlaments an jener Stelle ein Mahnmal an die Gräueltaten des Regimes.

Ihre Familie hat indes kein Glück: Zu dem Zeitpunkt, als sie so knapp mit dem Leben davonkommt, ist Ligetis Mutter bereits von den Pfeilkreuzlern verschleppt worden, ihr Vater in ein Konzentrationslager deportiert. Während die Mutter überlebt und 1945 nach Budapest zurückkehrt, stirbt Arthur Spitz – in welchem KZ, ist bis heute nicht geklärt. Bis zur Befreiung Ungarns durch die Rote Armee im Jänner 1945 irrt Ligeti durch die Straßen Budapests. Gegen Ende des Krieges kommt sie ihrem Ziel indes unverhofft wieder einen Schritt näher: Durch ihre Bekanntschaft mit dem Vorsitzenden der Budapester Psychoanalytiker-Gesellschaft erhält sie im Frühjahr die Möglichkeit, an Treffen teilzunehmen. Ligeti besucht zwei Sitzungen, ehe die Analytiker-Gesellschaft unmittelbar nach ihrer Gründung wieder verboten wird.

Ungarn, soeben von den Nazis befreit, steht nun unter sowjetischem Einfluss, und Stalin hat für Seelenforschung wenig übrig. „Die Diktatur der Kommunisten war grauenhaft und um nichts besser als die vorige. Davon weiß man nur viel weniger“, sagt Ligeti heute. Beeindrucken lässt sie sich von dem repressiven System nicht: In den Nachkriegsjahren schließt sie die Schule ab und belegt ihre ersten Uni-Kurse in Psychologie. Sie absolviert gerade einmal ein Semester, ehe die Studienrichtung von den Kommunisten auf „Pädagogik“ umgetauft und – ebenso wie viele andere Fächer, die nicht mit Marxismus oder Schießübungen zu tun haben – verboten wird. „Aus Traurigkeit und aus Mangel an Alternativen“ beginnt Ligeti, Privatstunden zu nehmen. Die Fächer, die sie sich aussucht: Sumerisch und Akkadisch – zwei der ältesten Schriftformen der Welt.

„Das war so schön, weil wir auf der Uni nur auf irgendwelche grauenhaften Blödheiten umgeschult wurden“, sagt Ligeti. Sie findet ihren eigenen Weg, um „der Desinformation in Form von null oder falscher Information“ zu entkommen: Sie schafft es, sich zusätzlich für Geschichte und Ungarisch zu inskribieren, und stattet regelmäßig „dem alten Professor“ Besuche ab. Zweimal die Woche trifft sie den Lehrbeauftragten für altsemitische Philologie, den die Kommunistische Partei von der Uni geworfen hatte. Mit dem alten Herrn und zwei weiteren Studenten diskutiert sie fortan in einem kleinen Unterrichtszimmer geheim über antike Hochkultur und alles andere, was außerhalb dieser Wände als verboten gilt.

In jener Zeit lernt Ligeti ihren späteren Ehemann György kennen, der soeben seine musikalische Laufbahn gestartet hat. 1948 werden Vera Ligeti und das Ausnahmetalent ein Paar; Ungarn ist zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren Teil des neuen Ostblocks. Die Kommunisten wissen mit der musikalischen Avantgarde wenig anzufangen – als Kunst werden lediglich das System verherrlichender Kitsch und volkstümliche Folklore akzeptiert. Weil György Ligeti begonnen hat, sich der modernen Musik zuzuwenden, wird er zur geächteten Person. Der Druck wird so groß, dass sich das Paar entschließt, zu fliehen. Einen Monat nach der Niederschlagung des Aufstands im Oktober 1956 nutzen sie die chaotische Situation: Mit Hilfe von Freunden stellt Vera Ligeti ein Dokument her, das ihren Mann offiziell für verrückt erklärt und ihr erlaubt, ihn in eine Anstalt nahe der österreichischen Grenze einzuliefern. Im Grenzgebiet zu Österreich hatte ein befreundeter Primarius ein Sanatorium für psychisch Kranke gegründet, „den goldenen Käfig“, wie sie es nennt.

An einem verschneiten Dezembertag verlassen Vera und György Ligeti ihre Wohnung Richtung Bahnhof und verbringen dort eine Nacht, ehe der erste Zug in Richtung Westen eintrifft. Russische Soldaten, am Weg zu ihrem Grenzposten, sitzen nur wenige Waggons vor ihnen, spielen Balalaika, trinken und spazieren singend durch die Gänge. Der Zug ist voll mit Leuten, die sich wie die Ligetis auf die Flucht vorbereitet haben: Sie haben sich gefälschte Papiere besorgt und aus Angst vor möglichen Spitzeln Scheinkonversationen eingeübt. In Sarvar, 25 Kilometer von der Grenze entfernt, hält der Zug plötzlich. Die Sowjetmiliz beginnt, Passagiere aus den ersten Waggons zu verhaften. Das Paar bemerkt, was passiert, springt aus dem Zug und rennt los: So lange, bis sie auf eine hilfsbereite Ungarin treffen, die ihnen Unterschlupf anbietet.

Sie schlagen sich von einem Versteck zum nächsten durch, bis sie sich nur mehr ein paar Kilometer vor der Grenze befinden. „Der Gyuri ist mit völliger Sicherheit in irgendeine Richtung gegangen, und ich hab die ganze Zeit gekeppelt, weil ich befürchtet habe, dass wir Richtung Moskau gehen. Es war stockfinster. Aber ich hab ihm vertraut, weil er eine alte Landkarte dieses Gebiets auswendig gelernt und sowieso in 95 Prozent aller Fälle recht hatte. Irgendwann sind wir tatsächlich angekommen.“

Zusammen mit anderen Flüchtlingen werden sie nach dem Aufgriff im Burgenland nach Wien gebracht, wo sich Hilfsorganisationen der Flüchtlinge annehmen. Die Eingewöhnungsphase dauert nicht lange: Kurz nach der Ankunft erhält Vera Ligeti ihren ersten Arbeitsauftrag. Das von den Amerikanern gegründete Institut für Erziehungshilfe in Heiligenstadt hat sich der minderjährigen Flüchtlinge aus Ungarn angenommen und bittet Ligeti um Hilfe, weil sie gut Deutsch, Englisch und Ungarisch spricht.

Geld verdient sie damit zunächst keines, aber: „Mir wurde eine Dose Baked Beans und eine Tube Kondensmilch in die Hand gedrückt. Das war viel für jemanden, der gerade mit leeren Händen ein neues Land betreten hat.“ Während ihr Mann, der inzwischen als Komponist erste Erfolge erfährt, durch die Welt reist, schreibt sich seine Frau neben der Arbeit endlich für das langersehnte Psychologiestudium ein. Sie beginnt die für die Ausbildung notwendige eigene Psychoanalyse – und plant darüber hinaus die nächste Auswanderung.

„Wir wollten unter keinen Umständen hierbleiben, wegen der Nazis und weil Ungarn und die Russen so nah waren.“ Trotzdem bleibt man in Wien, wo Vera Ligeti den Doktor macht. Am Ende lösen sich die Auswanderungspläne in Luft auf: „Irgendwann ist es dann passiert, und wir sind endgültig hiergeblieben.“ In Ungarn gelten sie indes ebenso wie die anderen rund 200.000 Flüchtlinge von 1956 als Verräter. Erst 1970, die Ligetis haben mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und sind Eltern geworden – fünf Jahre zuvor kam Sohn Lukas zur Welt –, kehren sie für einen flüchtigen Besuch in ihre Heimat zurück. „Budapest war für uns schon so weit weg, dass uns der Mond näher erschien“, sagt Vera Ligeti.

Als die Musik ihres Mannes erstmals im ungarischen Radio zu hören ist, leben die beiden längst im Ausland. „Bis 1979 haben sie György nie im Radio gespielt. Irgendwann mutierte er dann ganz plötzlich vom Klassenfeind und Feind der Nation zu dem in die Fremde verirrten Sohn.“ Dabei hatte Stanley Kubrick Ligetis atonale Musik bereits 1968 für den Soundtrack zu seinem Megaerfolg „2001 – Odyssee im Weltraum“ ausgewählt. In der westlichen Welt war er da längst als bahnbrechender Komponist anerkannt. Sohn Lukas wandelt heute als Komponist und Schlagzeuger in New York in seinen Fußstapfen.

Vera Ligeti hingegen hat sich im Lauf der Jahrzehnte in ihr Spezialgebiet vertieft: Psychoanalyse bei Kindern und die Spätfolgen des Nationalsozialismus bei Nachkommen von Opfern und Tätern. Hat es Vera Ligeti durch ihre Arbeit geschafft, den Menschen besser zu verstehen? „Die Neugier treibt mich nach wie vor an. Das Einzige, was mich weiterhin stört, ist, dass das Verstehen nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist.“ Die Theorien und Regeln dieses Therapieverfahrens seien erlernbar, ihre Anwendung aber „eine Kunst, ein Abenteuer, eine Reise“. Oder, anders gesagt: „Psychoanalyse ist wie eine Jamsession: ein Zusammenspiel aus Zuhören und Improvisieren. Wenn es gut ist, hört man schöne Musik. Wenn nicht, kann es durchaus grässlich werden.“

Frage an die Maus:

Welche Rolle spielt die Psychoanalyse heute?

Wien ist die Geburtsstätte der Psychoanalyse und rühmt sich bis heute mit diesem Status. In der damaligen Hauptstadt der Donaumonarchie entwickelte um 1900 der Wiener Neurologe Sigmund Freud seine Lehre des Unbewussten, hier entstand 1908 die erste Psychoanalytische Vereinigung, und hier wurde 2005 die erste psychotherapeutische Universität der Welt gegründet. „Die Psychoanalyse ist in den Alltag des 20. und 21. Jahrhunderts eingegangen, in Sprache, im Film und auch im alltäglichen Geschehen. Und sie hat auf viele andere Bereiche immer noch einen großen Einfluss“, sagt Inge Scholz-Strasser, die Vorsitzende der Sigmund Freud-Stiftung und Leiterin des Freud-Museums in dessen ehemaliger Arbeits- und Wohnstätte, der Wiener Berggasse 19.

Von 6.300 in Österreich eingetragenen Therapeuten nennen sich nur 360 Psychoanalytiker. Die größten Vertretungen sind die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) und der Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse (WAP). Daneben gibt es noch eine Handvoll weiterer Ausbildungsvereine, deren Mitglieder berechtigt sind, sich Psychoanalytiker zu nennen. „Wenn man bedenkt, dass die Psychoanalyse in Wien eine hundertjährige Tradition hat, sind 360 eigentlich sehr wenig“, sagt Alfred Pritz, Direktor der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien.

Wer in Freuds Fußstapfen treten wollte, musste bisher – neben einem Psychologie- oder Medizinstudium – selbst in Analyse gehen. Und die kann dauern – in manchen Fällen mehr als zehn Jahre. In der vor zwei Jahren gegründeten Freud-Universität können Studenten schon während der Ausbildung zur Analyse gehen und nach drei bis fünf Jahren fertige Psychoanalytiker sein. Rund 70.000 Menschen befinden sich in Österreich laut Schätzungen der Freud-Uni derzeit in psychotherapeutischer Behandlung, davon etwa 5.000 in psychoanalytischer Therapie – Tendenz stetig steigend.