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Seit mehr als 150 Jahren kämpfen die honorigen Herren der Schlaraffia gegen den Bierernst des Lebens. Zu Gast bei einer „Sippung“.
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„Guten Tag, Ordination Dr. Schaffer. Kann der Herr Doktor Sie zurückrufen? Er hat gerade einen Patienten“, meldet sich die Dame am Telefon. Dabei wollte man keinen Arzttermin vereinbaren, sondern in einen Geheimbund aufgenommen werden. Eigentlich hätte deshalb „Ritter Staphylo der Kokkenjäger“ abheben sollen, „Oberschlaraffe für Inneres“ der Schlaraffia Vindobona. Denn will man die Vereinigung von innen kennenlernen, muss man von einem Vereinsmitglied eingeladen werden, das die Patenschaft übernimmt.

Schlaraffia, das ist ein Männerbund, der über die ganze Welt verteilt ist. Alleine in Wien gibt es drei Vereine, sogenannte „Reyche“. Die Schlaraffia Vindobona ist mit rund 100 Mitgliedern die größte und wurde 1880 als 24. Reych gegründet. Weltweit existieren um die 265 Reyche – von Klagenfurt über Paris bis nach San Francisco und Rio de Janeiro. In Deutschland sind es 151, in Österreich 49, in der Schweiz elf, in Nordamerika 33, in Südamerika neun. Daneben existieren Reyche in Schweden, Belgien, Frankreich, Spanien, Australien und Thailand. In Österreich leben gut 2.500 Schlaraffen, in Deutschland 6.650, in der Schweiz 470, in Lateinamerika 190, in Nordamerika beinahe 700. 

Oberschlaraffe Schaffer ruft tatsächlich zurück, und daraufhin wird ein Treffen fixiert – in Zivil und an einem neutralen Ort, zum ersten Beschnuppern. Der sich in seinen besten Jahren befindende Schaffer wartet in Hemd, Hose, Sakko und Krawatte vor der Eingangstür eines Wiener Kaffeehauses im achten Bezirk und hält sie, wie es sich für einen Gentleman gehört, einer Dame auf, die eben das Lokal verlässt. Er nimmt Platz an einem leeren Tisch und bestellt ein Soda. Es folgt ein kurzer Einführungskurs in die Welt der Schlaraffia, der auch gleich zu einem Sprachkurs wird: Die wöchentlichen Vereinssitzungen heißen „Sippungen“, die Vereinslokale „Burgen“. 

Seine bürgerliche Wohlsituiertheit hindert Schaffer nicht am Schlaraffen-Dasein – im Gegenteil: Sie bedingt es viel eher. Die meisten Mitglieder sind 60 Jahre und älter und gehören zum gehobenen Bürgertum: Universitätsprofessoren, Architekten, Juweliere, viele bereits im Ruhestand. Bei den wöchentlichen Treffen werden die Bürger zu Narren, der Spaß wird dabei allerdings sehr ernst genommen. Fast 11.000 Schlaraffen sind auf der ganzen Welt vertreten – und überall spricht man Deutsch beziehungsweise verulkt es im „Schlaraffenlatein“. 

Es ist „Uhutag“, kurz nach 19 Uhr. Der Bewerber hat es geschafft, die Ängste des Oberschlaraffen vor einer lächerlich machenden Berichterstattung zu zerstreuen. Schaffer hat ganz offiziell die Patenschaft für den „Pilger“ übernommen – die unterste Stufe im schlaraffischen Universum ist erreicht. Zahlreiche Krawatten- und Anzugträger nähern sich tröpfchenweise dem Vereinshaus in der Währinger Straße im 18. Bezirk. In den Händen halten sie alle einen Aktenkoffer. Die Schlaraffen durchschreiten das Eingangstor, durchkreuzen einen Hof und erreichen nach einer weiteren Tür die Garderobe der Burg. Dort geben sie ihre Mäntel ab, jeder Schlaraffe hat sein eigenes Kärtchen mit Foto. Sie öffnen ihre Aktentaschen und entnehmen ihnen ihre feierlichen Uniformen. Auf ihren „Helmen“ – bunten Stoffmützen – sind ihre Ritternamen zu lesen. Beim Reych Vindobona haben sie die Farben Weiß, Rot, Gelb, Blau – andere Reyche, andere Farben. Amtsträger tragen zusätzlich Ketten, Orden und Schärpen. Als Pilger wird einem eine Muschel an einer Kette überreicht, die man den ganzen Abend um den Hals zu tragen hat. Die Garderobendame führt einen, nachdem man verraten hat, auf wessen Geheiß man hier ist, in die Burg. Am Eingang steht der „Ceremonienmeister“ Ritter Tschien, der alle Ankömmlinge auf eigenen Kärtchen genau registriert. Er zählt mit 47 Jahren zu den jüngsten Schlaraffen.

Ihren Ursprung hat die Schlaraffia im Prag des Jahres 1859, das damals zur k. u. k. Monarchie gehörte: Junge deutschsprachige Künstler, die „Urschlaraffen“, hatten genug von der etablierten Institution Kunst und stampften die Schlaraffia als augenzwinkernden Gegenschlag, als „Persiflage auf Anmaßung und Standesdünkel“, aus dem Boden. Freundschaft, Kunst und Humor wurden als Grundtugenden in den Statuten festgelegt – und blieben bis heute unverändert. Die Zeitrechnung setzt im Gründungsjahr der Schlaraffia ein: 2011 ist also das Jahr 152 a. U. („anno Uhui“). Die Wände der Burg sind mit Ritterwappen behängt, am Plafond eine massive Holzdecke, mehrere Uhus stehen im beeindruckend großen Saal, alles ist sehr ritterlich eingerichtet. Das Reych Vindobona hat eine der größten Burgen weltweit und zählte nach dem Ersten Weltkrieg beinahe 600 Mitglieder. 1923 wurde das gesamte Vereinshaus käuflich erworben, bis heute finden hier die Sippungen statt. Im Seitenflügel befindet sich die „Nebenburg“ (Besprechungszimmer), daneben ein Museum mit Ausstellungsstücken berühmter Schlaraffen wie Schauspieler Paul Hörbiger und Komponist Franz Lehár. Weitere berühmte Schlaraffen waren Gustav Mahler, Peter Rosegger und Gustl Bayrhammer („Meister Eder“).