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Seit mehr als 150 Jahren kämpfen die honorigen Herren der Schlaraffia gegen den Bierernst des Lebens. Zu Gast bei einer „Sippung“.
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„Guten Tag, Ordination Dr. Schaffer. Kann der Herr Doktor Sie zurückrufen? Er hat gerade einen Patienten“, meldet sich die Dame am Telefon. Dabei wollte man keinen Arzttermin vereinbaren, sondern in einen Geheimbund aufgenommen werden. Eigentlich hätte deshalb „Ritter Staphylo der Kokkenjäger“ abheben sollen, „Oberschlaraffe für Inneres“ der Schlaraffia Vindobona. Denn will man die Vereinigung von innen kennenlernen, muss man von einem Vereinsmitglied eingeladen werden, das die Patenschaft übernimmt.

Schlaraffia, das ist ein Männerbund, der über die ganze Welt verteilt ist. Alleine in Wien gibt es drei Vereine, sogenannte „Reyche“. Die Schlaraffia Vindobona ist mit rund 100 Mitgliedern die größte und wurde 1880 als 24. Reych gegründet. Weltweit existieren um die 265 Reyche – von Klagenfurt über Paris bis nach San Francisco und Rio de Janeiro. In Deutschland sind es 151, in Österreich 49, in der Schweiz elf, in Nordamerika 33, in Südamerika neun. Daneben existieren Reyche in Schweden, Belgien, Frankreich, Spanien, Australien und Thailand. In Österreich leben gut 2.500 Schlaraffen, in Deutschland 6.650, in der Schweiz 470, in Lateinamerika 190, in Nordamerika beinahe 700. 

Oberschlaraffe Schaffer ruft tatsächlich zurück, und daraufhin wird ein Treffen fixiert – in Zivil und an einem neutralen Ort, zum ersten Beschnuppern. Der sich in seinen besten Jahren befindende Schaffer wartet in Hemd, Hose, Sakko und Krawatte vor der Eingangstür eines Wiener Kaffeehauses im achten Bezirk und hält sie, wie es sich für einen Gentleman gehört, einer Dame auf, die eben das Lokal verlässt. Er nimmt Platz an einem leeren Tisch und bestellt ein Soda. Es folgt ein kurzer Einführungskurs in die Welt der Schlaraffia, der auch gleich zu einem Sprachkurs wird: Die wöchentlichen Vereinssitzungen heißen „Sippungen“, die Vereinslokale „Burgen“. 

Seine bürgerliche Wohlsituiertheit hindert Schaffer nicht am Schlaraffen-Dasein – im Gegenteil: Sie bedingt es viel eher. Die meisten Mitglieder sind 60 Jahre und älter und gehören zum gehobenen Bürgertum: Universitätsprofessoren, Architekten, Juweliere, viele bereits im Ruhestand. Bei den wöchentlichen Treffen werden die Bürger zu Narren, der Spaß wird dabei allerdings sehr ernst genommen. Fast 11.000 Schlaraffen sind auf der ganzen Welt vertreten – und überall spricht man Deutsch beziehungsweise verulkt es im „Schlaraffenlatein“. 

Es ist „Uhutag“, kurz nach 19 Uhr. Der Bewerber hat es geschafft, die Ängste des Oberschlaraffen vor einer lächerlich machenden Berichterstattung zu zerstreuen. Schaffer hat ganz offiziell die Patenschaft für den „Pilger“ übernommen – die unterste Stufe im schlaraffischen Universum ist erreicht. Zahlreiche Krawatten- und Anzugträger nähern sich tröpfchenweise dem Vereinshaus in der Währinger Straße im 18. Bezirk. In den Händen halten sie alle einen Aktenkoffer. Die Schlaraffen durchschreiten das Eingangstor, durchkreuzen einen Hof und erreichen nach einer weiteren Tür die Garderobe der Burg. Dort geben sie ihre Mäntel ab, jeder Schlaraffe hat sein eigenes Kärtchen mit Foto. Sie öffnen ihre Aktentaschen und entnehmen ihnen ihre feierlichen Uniformen. Auf ihren „Helmen“ – bunten Stoffmützen – sind ihre Ritternamen zu lesen. Beim Reych Vindobona haben sie die Farben Weiß, Rot, Gelb, Blau – andere Reyche, andere Farben. Amtsträger tragen zusätzlich Ketten, Orden und Schärpen. Als Pilger wird einem eine Muschel an einer Kette überreicht, die man den ganzen Abend um den Hals zu tragen hat. Die Garderobendame führt einen, nachdem man verraten hat, auf wessen Geheiß man hier ist, in die Burg. Am Eingang steht der „Ceremonienmeister“ Ritter Tschien, der alle Ankömmlinge auf eigenen Kärtchen genau registriert. Er zählt mit 47 Jahren zu den jüngsten Schlaraffen.

Ihren Ursprung hat die Schlaraffia im Prag des Jahres 1859, das damals zur k. u. k. Monarchie gehörte: Junge deutschsprachige Künstler, die „Urschlaraffen“, hatten genug von der etablierten Institution Kunst und stampften die Schlaraffia als augenzwinkernden Gegenschlag, als „Persiflage auf Anmaßung und Standesdünkel“, aus dem Boden. Freundschaft, Kunst und Humor wurden als Grundtugenden in den Statuten festgelegt – und blieben bis heute unverändert. Die Zeitrechnung setzt im Gründungsjahr der Schlaraffia ein: 2011 ist also das Jahr 152 a. U. („anno Uhui“). Die Wände der Burg sind mit Ritterwappen behängt, am Plafond eine massive Holzdecke, mehrere Uhus stehen im beeindruckend großen Saal, alles ist sehr ritterlich eingerichtet. Das Reych Vindobona hat eine der größten Burgen weltweit und zählte nach dem Ersten Weltkrieg beinahe 600 Mitglieder. 1923 wurde das gesamte Vereinshaus käuflich erworben, bis heute finden hier die Sippungen statt. Im Seitenflügel befindet sich die „Nebenburg“ (Besprechungszimmer), daneben ein Museum mit Ausstellungsstücken berühmter Schlaraffen wie Schauspieler Paul Hörbiger und Komponist Franz Lehár. Weitere berühmte Schlaraffen waren Gustav Mahler, Peter Rosegger und Gustl Bayrhammer („Meister Eder“). 

Die Schlaraffen begrüßen einander mit Handschlag und einem herzlichen „Lulu!“ – der offiziellen Begrüßungs- und Jubelformel. Alle Schlaraffen sind Brüder im Geiste: Den einen kennt man besser, den anderen weniger – aber alle sind gleich. Den Begrüßungen sitzt wie dem ganzen Abend ein altmodischer Schalk im Nacken. Selbstironie ist eines der Hauptkennzeichen der Schlaraffen. Worte werden gedreht, Sprichwörter neu ausgelegt, man foppt sich mit schneller Zunge, aber nie beleidigend. „Die Schlagfertigkeit ist essenziell“, sagt Ritter CondeQuent, ein Gast aus einem deutschen Reych. „Den Mut, sich zu äußern, lernt man in der Schlaraffia.“ Auch als Pilger wird man von den Schlaraffen sehr liebenswürdig behandelt: Sie sind stolz, ihr Reych herzuzeigen. Schon im 19. Jahrhundert sind Prager Schlaraffen aus beruflichen oder privaten Gründen umgezogen. Doch anstatt ihrem Verein lange nachzutrauern, gründeten einige von ihnen eigene Reyche in anderen Städten – und es kam langsam zum weltumfassenden Schlaraffia-Phänomen. Den Wochentag, an dem die Sippung stattfindet, legt jedes Reych strategisch fest: In der Wiener Umgebung etwa kann man von Montag bis Freitag jeden Abend an Sippungen in verschiedenen Reychen teilnehmen. „Sassen“, also Vereinsmitglieder, sind jederzeit in allen Reychen auf der ganzen Welt willkommen. „Für einen Vertreter wäre das zum Beispiel ideal“, sagt Schaffer. „Wenn der ein bisschen geschickt ist, kann er jeden Abend in einem anderen Reych unter Freunden verbringen, anstatt einsam und alleine im Hotelzimmer zu sitzen.“

Die Schlaraffia Vindobona tagt jede Woche Donnerstagabend. Die Zusammenkünfte finden in allen Reychen von Anfang Oktober bis Ende April („Winterung“) statt, von Mai bis September ist Sommerpause („Sommerung“). Das hat ganz profane Gründe, sagt Schaffer: „Damals wie heute sind Theaterleute im Sommer oft in Provinztheatern und verlassen die Stadt. Also setzte man die Sippungen da aus – es wären einfach keine Leute da gewesen.“ 

Ritter Staphylo blickt auf die Uhr – gleich ist es acht. Bevor er auf die Kanzel steigt, warnt er noch den Pilger: „Die ersten Male verzweifelt man und denkt sich wahrscheinlich: ‚Die gehören alle auf die Baumgartner Höhe.‘ Erst nach vier bis fünf Jahren fängt man an, es zu verstehen.“ Ritter CondeQuent zuckt mit den Schultern: „Also, wenn mich jemand fragt, was die Schlaraffia ist, sage ich immer: ‚Ich bin seit 32 Jahren dabei – und ich weiß es noch immer nicht.‘“ Was er aber weiß, ist, worüber man zu schweigen hat: „Keine Politik, keine Religion, keine Zoten.“

Nachdem sich die Burg mit rund 60 Schlaraffen gefüllt hat, eröffnet der Ceremonienmeister um 20 Uhr die 3.449. Sippung und klopft mit seinem nikolausähnlichen Stab auf den Boden: „Schlaraffen, rüstet euch! Das Reych erhebe sich.“ Alle Anwesenden stehen auf, der Gong hinter den Oberschlaraffen wird angestimmt. Es folgen feierliche Einführungsansprachen in Reimversen, die von Posaunenfanfaren und Klavierritten abgerundet werden. Lauthals singt die gesamte Mannschaft Schlaraffenlieder. Die Sprache, die durch den Abend führt, verwendet das königliche „wir“ und ist generell sehr förmlich-ritterlich. Diese Form wird nicht gebrochen, alles bleibt übertrieben anachronistisch: Hier gibt es kein Internet, kein Handy, keinen Beamer – dafür wird gegessen und getrunken. Manche Ritter haben ihre eigenen Ritterkelche mit, andere trinken aus Weingläsern, auf die „Schlaraffia Vindobona“ gedruckt ist. Einige Schlaraffen sind aufgrund ihres hohen Alters gesundheitlich schon etwas eingeschränkt. Gelacht wird trotzdem. Jeder Schlaraffe hat seinen eigenen Pass, in dem Stempel zur Verlängerung des Schlaraffendaseins und Markierungen für jede Teilnahme an einer Sippung zu finden sind. So mancher, wie Ritter Staphylo, ist schon seit mehreren Jahrzehnten dabei, der Pass ist mit einem Foto aus seinen 20ern geschmückt. Nach einigen Sitzungen eines Pilgers wird in einer „Kugelung“ über dessen Zukunft abgestimmt. Es gibt eine monatlich erscheinende Schlaraffenzeitung, die jeder Schlaraffe weltweit erhält. Dort werden auch um Aufnahme bittende „Prüflinge“ vorgestellt, um allen Schlaraffen die Möglichkeit zu geben, Einspruch zu erheben, falls Grund dazu besteht. Wenn alles gutgeht, beginnt er als „Knappe“ und kann sich über die Stufe des „Junkers“ zum ­„Ritter“ hocharbeiten. 

Der Junkermeister hat die Aufgabe, hoffnungsvolle Schlaraffen einzuführen. Er sitzt mit den Lehrlingen vorne an einem Tisch in der ersten Reihe. Es gibt keine fixe Sitzordnung, außer bei den Bühnenfiguren: in der Mitte die drei Oberschlaraffen, einer des Inneren, einer des Äußeren, der dritte der Kunst. Rechts davon der Marschall, links der Kanzler, der Protokoll führt. Die Hierarchie erinnert an die von Burschenschaften, und tatsächlich erzählt Ritter CondeQuent: „Ich war früher in einer Studentenverbindung. Aber keiner schlagenden, sondern einer protestantischen.“ Die Schlaraffia betont immer wieder, weder Verbindung noch Freimaurerloge noch Serviceclub zu sein. In ihrer mehr als 150-jährigen Geschichte musste sie sich durch den Ersten Weltkrieg quälen, im Zweiten wurde der Verein schließlich verboten – bekanntlich hatte Hitler keinen Humor. 1939 wurde die Schlaraffia aufgelöst, das Vereinshaus wurde enteignet – geheime Stammtische fanden dennoch statt. Die Schlaraffen nennen diese Jahre die „uhufinstere Zeit“. 1946 konnte die Vereinstätigkeit wieder aufgenommen werden, 1947 bekam die Schlaraffia Vindobona ihr Haus zurück. Auch der reale Kommunismus ging streng gegen die Schlaraffen vor – eine ähnlich witzlose Sache.

Woher der Vereinsname kommt, bleibt Spekulation, genauso wie die Frage, warum der Uhu zum Symbol der Schlaraffia wurde. „Es könnte sein, dass in dem Lokal, in dem die ersten Treffen der Schlaraffia waren, ein Uhu gestanden ist“, sagt Ritter Staphylo. „Solche Fragen werden nie geklärt werden, da sämtliche Aufzeichnungen vernichtet wurden.“ Der echte Uhu Roland im Tiergarten Schönbrunn wird jedenfalls von der Schlaraffia gesponsert.

Sämtliche Gäste aus anderen Reychen werden nun feierlich begrüßt. Die Schlaraffen des Reyches Vindobona bilden die „Schwertergasse“, einen Gang, der zur Bühne führt. Die Zugereisten werden einzeln aufgerufen, betreten die Burg und durchschreiten die Reihen. Die Schlaraffen nennen das den „Einrytt“, während dem die einander gegenüberstehenden Schlaraffen laut mit ihren Schwertern aufeinanderschlagen und unentwegt „Lulu! Lulu! Lulu!“ rufen. Beim Oberschlaraffen angekommen, erfolgt eine Begrüßung, bei der der Rittername, die Reychsherkunft und die genaue Stellung durchgegeben werden. Die Ritter tragen so mächtige Namen wie Duplex der Gewaltige, ­Elfengleich und Veltlin.

Nachdem alle Gäste eingerytten sind, verlautbart Ritter Staphylo: „Das Reych werde sesshaft“, und alle nehmen Platz – fast wie in der Kirche. Nach „drei donnernden Begrüßungs-Lulus“ wird auf die letzte Sippung zurückgeblickt, und der Kanzler verliest das Protokoll. Es gibt Einsprüche seitens der Schlaraffen wegen einiger Kleinigkeiten – wieder werden Worte verdreht und Sinne neu gedeutet. Ein Schlaraffe, früher bei der Polizei, heißt Ritter Rock ’n’ Roll und singt in einer Favoritner Mundart-Combo. Er liefert sich Wortduelle mit den Oberschlaraffen und Ritterkollegen. Wer das Wort erhebt, muss vom Oberschlaraffen dazu aufgefordert werden und aufstehen. Nur einer darf ohne Genehmigung von oben reden: der Hofnarr, der auch stets ein paar Verse loslässt, um das Geschehen zu kommentieren. Ritter Staphylo reagiert auf eine seiner Meldungen: „Mitleid gibt’s umsonst, Neid muss man sich erkaufen.“ Lautes Lachen erfüllt den Raum, und anstatt in die Hände zu klatschen, wird auf den Tisch gehauen und „Lulu!“ gerufen. 

Wer Geburtstag hat, wird mit einem Lied gefeiert, das in allen Reychen um den Erdball gleich ist – genauso, wie sämtliche anderen Zeremonienschritte sich den Regeln von 1859 verpflichten. Jetzt folgt die nächste Feierlichkeit: Ein Knappe wird zum Junker ernannt. Ritter Staphylo ergreift das Wort: „Das ist eine seltsame Mischung aus Ernst und Scherz, Kunst und Humor. Wir übergeben euch diesen Knappen. Bekleidet und bewaffnet ihn“ – und er bekommt einen „Helm“ und ein Holzschwert. Das sei einer der beiden schönsten Tage im Leben eines Schlaraffen, sagt Ritter CondeQuent. Der andere ist die Erhebung vom Junker zum Ritter. 

Auf einigen Tischen liegt die „Stammesrolle“, ein Wälzer, so dick wie ein Telefonbuch, der jedes Jahr neu erscheint. Darin sind alle Reyche und alle Schlaraffen genau verzeichnet: Rittername, bürgerlicher Name und Beruf. Darunter finden sich Amtstitel, die die Schlaraffen aufgrund besonderer Leistungen erhalten. „Wie überall gibt es auch hier Macher, die viele Vorträge halten, und eher passive, die ab und zu kommen und den Abend wie ein Kabarett oder ein Theater als Zuschauer wahrnehmen“, sagt Ritter Staphylo. Bei manchen umfassen die Anreden nur wenige Zeilen, bei anderen hört die Liste gar nicht mehr auf. Ritter CondeQuent zählt zu Letzteren. Neben schier unzählbar vielen anderen Amtstiteln ist bei ihm auch „Amok-Säufer“ zu lesen. Er lacht: „Nein, ich bin kein Säufer! Ich habe an einem Abend drei Dreiviertel-Liter-Mineralwasserflaschen getrunken – daher kommt der Name!“ Gleich darauf trinkt er schon wieder von seinem Glas Soda.

Dass der Schlaraffia keine Frauen beitreten dürfen, steht wie die Deutschpflicht in den Statuten – und an denen wird nicht gerüttelt. Die einzige Frau im Raum ist Wilma, die „Styxin“, also Kellnerin. Sie ist in zwei Reychen als solche aktiv, obwohl sie keine familiären Bande zu den Schlaraffen hat. Die charmante Dame trägt einen „Helm“, den sie vor Jahrzehnten von einem Schlaraffen geschenkt bekommen hat. Seit 41 Jahren bringt sie den Schlaraffen Speis und Trank. „Ich bin da unwissentlich als Aushilfskellnerin reingerutscht und kenne die schon alle sehr gut, viele von klein auf, viele sind auch schon gestorben“, sagt sie. „Aber es hat sich nichts geändert. Es gibt einen Film, der ist schon fast 100 Jahre alt – und selbst da ist es genauso wie hier und heute.“ Währenddessen durchschreitet ein Schlaraffe die Burg mit einem Körberl und sammelt Geld ein – oder, wie es die Schlaraffen nennen: Er „berappt“. Die Rituale und Zeremonien werden in aller Ausführlichkeit durchexerziert. Nach einer Stunde ist der erste, amtliche Teil der Sippung vorbei. „Schlaraffen, hört: Wir verkünden eine kurze Schmusepause!“, schallt es von der Kanzel.

Informell geht es nach dem Gongschlag in die viertelstündige „Schmusepause“. Einige gehen aufs Klo, andere palavern ungezwungen, wieder andere fragen den Pilger, wie ihm das Spektakel gefällt, und erläutern einzelne Kleinigkeiten. Ein Ritter von den Vindobona Old Stars, einer New Orleans Jazz Band von Schlaraffen, erzählt, dass der Hofnarr ihr Sänger ist, merkt die ganzheitliche Verwirrung und meint grinsend: „Wenn Sie Fragen haben, wir werden sie Ihnen auch nicht beantworten können.“ Auf dem Weg zur Toilette passiert man eine Pinnwand, auf der Ankündigungen zu Themen der nächsten Sippungen und von geplanten Ausflügen hängen. Bei einem sind auch die Burgfrauen herzlich eingeladen, ein gemeinsames Programm zu erleben – bis zum Abend, dann trennen sich ihre Wege: Die Frauen sind für eine Vorstellung des Musicals „Grease“ eingeteilt, die Männer für einen Besuch im Hofbräuhaus.

Außerhalb der Sippungen kann man Schlaraffen an der „Rolandnadel“, einer kleinen weißen Perle am linken Revers, erkennen. Zum Teil sogar im Fernsehen: In Deutschland trat der Wettermann Uwe Wesp alias Ritter Taifun stets mit Erkennungszeichen den Weg ins Wetterstudio an. Einige Schlaraffen haben ein Uhu-Pickerl auf ihrem Auto kleben. Wenn ein Schlaraffe auf der Autobahn einen solchen Aufkleber auf dem Auto vor sich sieht, wird er es überholen, sich bemerkbar machen, und sobald auch der andere registriert hat, dass sich zwei Schlaraffen gefunden haben, wird der nächste Autobahnparkplatz für ein kleines Schwätzchen genutzt, erzählt Ritter CondeQuent. Ob diese Erkennungszeichen Einfluss auf das richtige Leben haben, gewisse Vorteile bringen, will niemand recht beantworten. Ritter Staphylo meint zögernd auf die Frage, ob ein Schlaraffe in seinem Wartezimmer vorgereiht werden würde: „Na ja … vielleicht.“ CondeQuent sagt, dass es bei einem Vorstellungsgespräch sicher nicht von Nachteil wäre, wenn zwei Schlaraffen aufeinanderträfen: „Auch in Österreich gilt: Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat.“ 

Es ist nicht Zweck der Schlaraffia, solche Verbindungen aufzubauen, die etwa Homer Simpson erfährt, wenn er der Steinmetzvereinigung beitritt. Aber es gelten wohl rein menschliche Gesetze: Freunde helfen und unterstützen einander, wenn sie sich brauchen. Feinde oder Gegenvereine der Schlaraffia gibt es keine, doch es kommt ganz selten, etwa alle zwei Jahre, im gesamten „Uhuversum“ zu Reychsfehden. Das Reych Vindobona hatte die letzte erst vor einem Jahr mit St. Gallen – wegen einer Kleinigkeit, die schmunzelnd zum Elefanten hochstilisiert wurde. Auf neutralem Boden fand dann eine zeremonielle Schlacht statt, zwei Theater traten gegeneinander an, und das schlaraffische Publikum stimmte feierlich über Sieg und Niederlage ab. Die Vindobona verlor – heute sind die beiden Reyche gute Freunde.

Die zweite Sippungshälfte trägt heute den Titel „Wald und Wiesen“: Jeder Schlaraffe kann sich für „Fechsungen“ – Vorträge, Gedichte, Musikinterpretationen, Zaubereien oder Ähnliches – anmelden und damit die Bühne entern. Ritter CondeQuent: „Man kann über alles reden – nur nicht über fünf Minuten.“ Hinter dem Rednerpult hängt eine riesige Schere, die bei Zeitüberschreitung zum Einsatz kommt. 

Ein Vortrag hat anzufangen mit dem Ausruf: „Schlaraffen, hört!“ Nach Alltagsanekdoten, heiteren Gedichten und Ausflugsschilderungen verschiedener Schlaraffen interpretiert Ritter Glissando anlässlich des runden Geburtstags des 1811 geborenen Franz Liszt den ersten Satz der „Ungarischen Rhapsodie“ auf dem Klavier. Er ist ein Schlaraffe aus Steyr, extra für die Sippung nach Wien gekommen, und wird heute Nacht wieder zurück nach Oberösterreich fahren. Das Programm ist bunt gemischt: Es treten Schlaraffen auf, die sonst in der Staatsoper singen, aber auch Hobbymusiker. Profis müssen Amateure aushalten – und umgekehrt.

Bei erfolgreichem Abgang hört man den Oberschlaraffen Ritter Staphylo: „Das Reych jubelt Euch zu mit einem dreifachen Lulu!“ Wer einen guten Vortrag oder eine andere Leistung abliefert, wird von ihm mit einer Plakette belohnt, die auf den Helm gesteckt wird. Einige Kopfbedeckungen sind noch leer, andere quellen schon über vor Funkeln. „Das war ursprünglich als Persiflage gedacht“, sagt CondeQuent. „Aber weil wir Menschen sind, nehmen es manche von uns ernst.“ Dieses „Gieren nach wertlosen Plaketten“ sei typisch schlaraffisch, sagt CondeQuent: dort Sinn suchen, wo ihn kein Außenstehender vermuten würde. 

Für besondere spontane Wortmeldungen bekommt man eine Blitzplakette. Wer sich hingegen einen gröberen Fauxpas erlaubt, wird in die „Eiserne Jungfrau“ gesperrt, die in einer Ecke der Burg steht – ohne Stacheln, dafür mit einem Sessel im Inneren. Der Oberschlaraffe der Kunst, Ritter Denk Mal, muss sich heute in das entschärfte Folterinstrument begeben. Ein delikater Vierzeiler ist die einzige Möglichkeit, sich daraus wieder zu befreien. Als ihn die Muse küsst und er die Verse vorträgt, begnadigt ihn Ritter Staphylo von der Kanzel aus: „Erlöst die Jungfrau von Eurer Anwesenheit!“

Neben Problemen, die die Welt und den Alltag bestimmen, bleiben auch sämtliche Merkmale des 21. Jahrhunderts außerhalb der Burg. Diese heile Welt kann zutiefst menschliche, nostalgische Sehnsüchte erfüllen: Man ist in einem unwirklich-romantischen Zwischenraum, Teil einer Utopie, in der es keinerlei unangenehme Verwirrung gibt. Wie wohl die Gründer der Schlaraffia über ihre Nachfolger denken würden, die deren Regeln noch 150 Jahre später so penibel einhalten? Doch nur diese Konsequenz macht es möglich, dass sich ein so einzigartiges Netzwerk um die ganze Welt spannt: Als Schlaraffe ist man überall zu Hause, nie alleine und hat immer Grund zu lachen. Zumindest einmal in der Woche. 

Es ist kurz nach halb zwölf. Nach zahlreichen Fechsungen und Lachsalven neigt sich der Abend dem Ende zu. Alle Schlaraffen stehen auf, bilden einen riesigen Kreis in der Burg, geben einander die Hände und singen feierlich das Abschiedslied: „Lasst bis zum letzten Atemzug Schlaraffen uns bleiben …“ Die ­Sippung ist geschlossen.