• Facebook
  • Twitter
  • RSS

Streitgespräch

Neos-Chef Matthias Strolz über die Grenzen des Liberalismus.

Ziesel

Warum 130 Erdhörnchen einen Bauträger 18 Millionen Euro kosten.

Kirche

Über das Leben in einem der strengsten Klöster der Welt mitten in Graz.

Globus

Die Underdogs von Kairo

Weil sie sich seit der Revolution unsicher fühlen, kaufen immer mehr reiche Ägypter einen Hund. Der aber gilt den meisten Muslimen als unrein und ist deshalb fast so unbeliebt wie das Schwein. Von Tierschutz können die Hunde nur träumen.
Bild 1 von 3
Bild 2 von 3
Bild 3 von 3

Am Stadtrand von Kairo, wo die Reichen wohnen und deshalb nicht mehr viel von den zwei Millionen Autos dieses Molochs zu hören und zu riechen ist, sitzt Mahmud Aladin in einem Geschäftslokal, das so sauber ist wie eine deutsche Zahnarztpraxis. Er trägt eine schwere Armbanduhr, das schwarze Sakko und das viele nasse Gel in den Haaren verraten, dass Mahmud früher Banker war. Heute ist der 27-Jährige erfolgreicher Unternehmer. Er fährt ein Motorrad, Typ Honda Valkyrie Rune, von dem weltweit nur 1.500 Stück produziert wurden; erzählt von seiner Schweizer Ehefrau und von seinen Jahren in Paris, als er dort „Luxury Marketing“ studierte.

Dann öffnet Mahmud eine Seite im Internet, die der Kunde auf einem riesigen Bildschirm an der Wand des Geschäftslokals sieht. Da sind Hundewelpen abgebildet, „Mr. Spock“ zum Beispiel, eine neun Wochen alte Englische Bulldogge aus Ungarn, zu haben um 2.250 Dollar. Im Preis inbegriffen: ein Lufthansa-Ticket für den Hund. „Ich verkaufe kein Tier, sondern ein Luxusprodukt“, sagt Mahmud. Der reiche Ägypter wolle seinen Hund in einem Geschäft kaufen, „denn einen BMW bestellt man schließlich auch nicht im Internet“. Sein Laden funktioniere wie eine amerikanische Kaffeehausfiliale: „Die Kunden kommen in den Laden, weil er nach Starbucks schmeckt.“

Bei Mahmud riecht es nach Hundefutter und frischer Dispersionsfarbe. Das Geschäft im Expat- und Reichenviertel Maadi hat er erst vor ein paar Wochen eröffnet. Es ist die bereits dritte Filiale von Egy Puppy, der Firma, die Mahmud vor etwas mehr als einem Jahr gegründet hat. Seit der Revolution kann er sich vor Nachfrage kaum noch retten. Fast zweihundert Luxushunde hat er in den vergangenen zehn Monaten verkauft. Zu seinen Kunden zählen Prominente wie der ägyptische Filmstar Ahmed Mekky, der gleich sieben Stück bestellte. Nun will Mahmud expandieren und das Land mit Luxushunden bevölkern. Er plant zehn neue Filialen.

Seit der Polizeistaat Hosni Mubaraks in sich zusammenfiel, fürchten die reichen Ägypter um ihre Sicherheit und lassen sich eine schwere Eisentür in den Eingang setzen – oder sie kaufen sich einen Hund. Bis vor einem Jahr existierten in Ägypten lediglich ein Dutzend professionelle Hundeläden, nun sind es bereits mehr als 50. Neuerdings gibt es in El-Waseet, dem größten Anzeigenblatt des Landes, eine Hundeecke, in der illegale Züchter Welpen zum Dumpingpreis anbieten: Dobermänner, Rottweiler und Deutsche Schäferhunde für weniger als umgerechnet 200 Euro. In Kairos Nobelgegenden finden jeden Monat Hundestammtische statt, und irgendwo an einem geheimen Ort in der Wüste werden offenbar illegale Hundekämpfe ausgetragen.

Das ist insofern bemerkenswert, als der gemeine Ägypter dem Hund so viel Sympathie entgegenbringt wie einer Ratte. Hunde, weiß hier jedes Kind, übertragen Tollwut, weshalb schon im 19. Jahrhundert der damalige Vizekönig Mohammed Ali Pascha befahl, ein Schiff mit streunenden Kötern zu beladen und zu versenken. Noch heute glauben viele Ägypter im Süden des Landes an die Existenz des „Silawa“, eines schwarzen hundeähnlichen Säugetiers, das nachts in Häuser schleicht, um Babys zu fressen. Der Bürgermeister der Stadt Aswan ließ im November 2008 auf Verdacht 2.300 Streuner töten, Proteste von Tierschützern halfen da wenig. Heute ist die Angst vor Hunden dermaßen tief in der ägyptischen Gesellschaft verankert, dass Eltern ihren Kindern am Mittagstisch drohen: „Wenn du dein Essen nicht aufisst, hole ich den Hund!“

Vor mehreren tausend Jahren, bei den alten Ägyptern, wäre das wohl eine Schmeichelei gewesen. Damals ließen sich die pharaonischen Herrscher mit Hunden zusammen begraben und deren Kadaver mumifizieren. Jahrhunderte später führte dann eine Mischung aus Aberglaube, Religion und Tradition zu einer Kultur der Dämonisierung. In Ägypten ist es heute eine Volksweisheit, dass der Islam den Hund als unrein einstuft. Dazu aber gibt es keine einzige Stelle im Koran, sagt Magda Luthay, Islamwissenschaftlerin an der deutschen Uni Erlangen.

In den Sprüchen und Reden des Propheten Mohammed, die den Muslimen eine Gebrauchsanweisung für das Leben sind, kommt der Hund weniger gut weg. Dort findet sich etwa der Hinweis, dass das Beten eines Muslims ungültig werde, „wenn nah vor ihm eine Frau, ein Esel oder ein schwarzer Hund vorbeigeht“. Einmal soll Mohammed gar erklärt haben, dass die Engel keine Wohnung betreten würden, in der es einen Hund gibt.

Man muss der Fairness halber sagen, dass der Hund auch in Europa früher kein gutes Standing hatte: In Goethes „Faust“ hat Mephisto die Gestalt eines schwarzen Pudels. Und bei Arthur Conan Doyle ist der schwarze Hund der Baskervilles das personifizierte Böse. Man tat und tut dem Hund also nicht nur im Orient unrecht.

Das weiß auch Mahmud von Egy Puppy, und das gibt ihm Hoffnung. Immerhin gehört der Hund in Deutschland und Österreich zu den beliebtesten Haustieren. Der Unternehmer hat sich lange mit islamischen Gelehrten unterhalten, um seine Käufer zu überzeugen, dass Muslimsein und Hundehaltung kein Widerspruch sind. Sein Fazit: Gott habe den Hund nicht als Haustier erschaffen, sondern „zur Jagd und zum Schutz“, was wiederum dem Gläubigen dienlich sei. Nur „ablecken lassen und später beten“, das sei eine Sünde. 

Bevor er domestiziert wurde, war der Hund bekanntlich ein Jagdtier. So gesehen hat ein Schoßhündchen wenig mit dem göttlichen Bauplan zu tun. Deshalb ist der putzige Golden Retriever „Taxi“ der Familie Nady Dous offiziell kein Haustier, sondern ein „guter Wachhund“. Er durfte noch kein einziges Mal in die Wohnung, sondern sitzt sein Leben tagsüber im Garten ab und nachts in einer von der Familie selbst gezimmerten XXL-Hundehütte im Keller. Denn wenn die Nachbarn erfahren würden, dass die Familie mit einem Hund zusammenlebt, wäre der Frieden in der Straße gefährdet. „Die Ägypter denken, wenn der Hund Teil der Familie ist, besteht die ganze Familie aus Hunden“, sagt Schasa, Nadys 17-jährige Tochter. Das ist in Ägypten ein Vorwurf von entscheidender Wichtigkeit, denn im Koran, Sure „Die Anhöhen“, ist in einem Gleichnis verbrieft, dass Ungläubige mit einem Hund ­gleichzusetzen sind.