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Die Underdogs von Kairo

Weil sie sich seit der Revolution unsicher fühlen, kaufen immer mehr reiche Ägypter einen Hund. Der aber gilt den meisten Muslimen als unrein und ist deshalb fast so unbeliebt wie das Schwein. Von Tierschutz können die Hunde nur träumen.
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Am Stadtrand von Kairo, wo die Reichen wohnen und deshalb nicht mehr viel von den zwei Millionen Autos dieses Molochs zu hören und zu riechen ist, sitzt Mahmud Aladin in einem Geschäftslokal, das so sauber ist wie eine deutsche Zahnarztpraxis. Er trägt eine schwere Armbanduhr, das schwarze Sakko und das viele nasse Gel in den Haaren verraten, dass Mahmud früher Banker war. Heute ist der 27-Jährige erfolgreicher Unternehmer. Er fährt ein Motorrad, Typ Honda Valkyrie Rune, von dem weltweit nur 1.500 Stück produziert wurden; erzählt von seiner Schweizer Ehefrau und von seinen Jahren in Paris, als er dort „Luxury Marketing“ studierte.

Dann öffnet Mahmud eine Seite im Internet, die der Kunde auf einem riesigen Bildschirm an der Wand des Geschäftslokals sieht. Da sind Hundewelpen abgebildet, „Mr. Spock“ zum Beispiel, eine neun Wochen alte Englische Bulldogge aus Ungarn, zu haben um 2.250 Dollar. Im Preis inbegriffen: ein Lufthansa-Ticket für den Hund. „Ich verkaufe kein Tier, sondern ein Luxusprodukt“, sagt Mahmud. Der reiche Ägypter wolle seinen Hund in einem Geschäft kaufen, „denn einen BMW bestellt man schließlich auch nicht im Internet“. Sein Laden funktioniere wie eine amerikanische Kaffeehausfiliale: „Die Kunden kommen in den Laden, weil er nach Starbucks schmeckt.“

Bei Mahmud riecht es nach Hundefutter und frischer Dispersionsfarbe. Das Geschäft im Expat- und Reichenviertel Maadi hat er erst vor ein paar Wochen eröffnet. Es ist die bereits dritte Filiale von Egy Puppy, der Firma, die Mahmud vor etwas mehr als einem Jahr gegründet hat. Seit der Revolution kann er sich vor Nachfrage kaum noch retten. Fast zweihundert Luxushunde hat er in den vergangenen zehn Monaten verkauft. Zu seinen Kunden zählen Prominente wie der ägyptische Filmstar Ahmed Mekky, der gleich sieben Stück bestellte. Nun will Mahmud expandieren und das Land mit Luxushunden bevölkern. Er plant zehn neue Filialen.

Seit der Polizeistaat Hosni Mubaraks in sich zusammenfiel, fürchten die reichen Ägypter um ihre Sicherheit und lassen sich eine schwere Eisentür in den Eingang setzen – oder sie kaufen sich einen Hund. Bis vor einem Jahr existierten in Ägypten lediglich ein Dutzend professionelle Hundeläden, nun sind es bereits mehr als 50. Neuerdings gibt es in El-Waseet, dem größten Anzeigenblatt des Landes, eine Hundeecke, in der illegale Züchter Welpen zum Dumpingpreis anbieten: Dobermänner, Rottweiler und Deutsche Schäferhunde für weniger als umgerechnet 200 Euro. In Kairos Nobelgegenden finden jeden Monat Hundestammtische statt, und irgendwo an einem geheimen Ort in der Wüste werden offenbar illegale Hundekämpfe ausgetragen.

Das ist insofern bemerkenswert, als der gemeine Ägypter dem Hund so viel Sympathie entgegenbringt wie einer Ratte. Hunde, weiß hier jedes Kind, übertragen Tollwut, weshalb schon im 19. Jahrhundert der damalige Vizekönig Mohammed Ali Pascha befahl, ein Schiff mit streunenden Kötern zu beladen und zu versenken. Noch heute glauben viele Ägypter im Süden des Landes an die Existenz des „Silawa“, eines schwarzen hundeähnlichen Säugetiers, das nachts in Häuser schleicht, um Babys zu fressen. Der Bürgermeister der Stadt Aswan ließ im November 2008 auf Verdacht 2.300 Streuner töten, Proteste von Tierschützern halfen da wenig. Heute ist die Angst vor Hunden dermaßen tief in der ägyptischen Gesellschaft verankert, dass Eltern ihren Kindern am Mittagstisch drohen: „Wenn du dein Essen nicht aufisst, hole ich den Hund!“

Vor mehreren tausend Jahren, bei den alten Ägyptern, wäre das wohl eine Schmeichelei gewesen. Damals ließen sich die pharaonischen Herrscher mit Hunden zusammen begraben und deren Kadaver mumifizieren. Jahrhunderte später führte dann eine Mischung aus Aberglaube, Religion und Tradition zu einer Kultur der Dämonisierung. In Ägypten ist es heute eine Volksweisheit, dass der Islam den Hund als unrein einstuft. Dazu aber gibt es keine einzige Stelle im Koran, sagt Magda Luthay, Islamwissenschaftlerin an der deutschen Uni Erlangen.

In den Sprüchen und Reden des Propheten Mohammed, die den Muslimen eine Gebrauchsanweisung für das Leben sind, kommt der Hund weniger gut weg. Dort findet sich etwa der Hinweis, dass das Beten eines Muslims ungültig werde, „wenn nah vor ihm eine Frau, ein Esel oder ein schwarzer Hund vorbeigeht“. Einmal soll Mohammed gar erklärt haben, dass die Engel keine Wohnung betreten würden, in der es einen Hund gibt.

Man muss der Fairness halber sagen, dass der Hund auch in Europa früher kein gutes Standing hatte: In Goethes „Faust“ hat Mephisto die Gestalt eines schwarzen Pudels. Und bei Arthur Conan Doyle ist der schwarze Hund der Baskervilles das personifizierte Böse. Man tat und tut dem Hund also nicht nur im Orient unrecht.

Das weiß auch Mahmud von Egy Puppy, und das gibt ihm Hoffnung. Immerhin gehört der Hund in Deutschland und Österreich zu den beliebtesten Haustieren. Der Unternehmer hat sich lange mit islamischen Gelehrten unterhalten, um seine Käufer zu überzeugen, dass Muslimsein und Hundehaltung kein Widerspruch sind. Sein Fazit: Gott habe den Hund nicht als Haustier erschaffen, sondern „zur Jagd und zum Schutz“, was wiederum dem Gläubigen dienlich sei. Nur „ablecken lassen und später beten“, das sei eine Sünde. 

Bevor er domestiziert wurde, war der Hund bekanntlich ein Jagdtier. So gesehen hat ein Schoßhündchen wenig mit dem göttlichen Bauplan zu tun. Deshalb ist der putzige Golden Retriever „Taxi“ der Familie Nady Dous offiziell kein Haustier, sondern ein „guter Wachhund“. Er durfte noch kein einziges Mal in die Wohnung, sondern sitzt sein Leben tagsüber im Garten ab und nachts in einer von der Familie selbst gezimmerten XXL-Hundehütte im Keller. Denn wenn die Nachbarn erfahren würden, dass die Familie mit einem Hund zusammenlebt, wäre der Frieden in der Straße gefährdet. „Die Ägypter denken, wenn der Hund Teil der Familie ist, besteht die ganze Familie aus Hunden“, sagt Schasa, Nadys 17-jährige Tochter. Das ist in Ägypten ein Vorwurf von entscheidender Wichtigkeit, denn im Koran, Sure „Die Anhöhen“, ist in einem Gleichnis verbrieft, dass Ungläubige mit einem Hund ­gleichzusetzen sind.

Und doch hat es der Hund in die ägyptische Oberschicht geschafft. Er ist zum Symbol für Macht und Geld geworden. Für Mahmud, den Hundeverkäufer, liegt die Antwort in der Bedürfnispyramide von Maslow, an deren Ende die Selbstverwirklichung steht. „Angeben ist unsere Kultur“, sagt er. Die Pharaonen hätten die Pyramiden schließlich auch nur erbauen lassen, „um zu protzen“. Heute geben hier reiche Menschen gut 700 ägyptische Pfund für importiertes Hundefutter aus den USA aus – monatlich. Das sind umgerechnet 90 Euro und somit mehr, als ein Arzt im selben Zeitraum in einem Krankenhaus verdient. Die armen Ägypter werfen den Hundeliebhabern deshalb vor, sie würden „Ausländer imitieren“, denn die hätten Luxusprobleme wie „Krebsoperationen von Haustieren“. In Ägypten dagegen gebe es nicht einmal Menschenrechte.

So schlimm es aber manchen Hunden auch ergehen mag – sie haben es noch gut im Vergleich zu Eseln und Kamelen, die wie Outlaws behandelt werden. Ganz arg erwischte es die Schweine im April 2009, als die ägyptische Regierung anordnete, alle 250.000 Sauen, Eber und Ferkel der Kairoer Christen zu töten. Angeblich, um die Muslime vor der Schweinegrippe zu schützen. Heimliche Videoaufnahmen zeigten, wie Männer mit Brecheisen und Küchenmessern auf die Tiere einstachen und sie anschließend mit Baggern auf einen Lkw kippten. Manche Schweine wurden lebendig begraben. „Nicht einmal dem Teufel hätte ich so etwas Bestialisches zugetraut“, sagt Amina Abasa. Sie hat vor einigen Jahren die Tierschutzorganisation SPARE (Society for the Protection of Animal Rights in Egypt) gegründet, weil sie als Kind miterleben musste, wie ihr Lieblingshund nachts auf der Straße erschossen wurde. Dafür, dass Tiere in Ägypten so wenig Respekt genießen, hat sie für sich selbst eine Antwort gefunden: „Die haben hier nur zwei Funktionen: Sie arbeiten oder werden gegessen.“

Deshalb sei der Boom bei Haustieren eine Katastrophe für Ägypten, sagt Amina. Denn jeder, der eine Dachterrasse oder einen Keller habe, züchte jetzt Hunde, um an schnelles Geld zu kommen. Die Welpen werden in winzige Käfige gesperrt und leiden im Sommer bei gefühlten 50 Grad. Die Ausgestoßenen, Vertriebenen und Misshandelten unter den Hunden finden sich in Schabramant wieder, einem kleinen Dorf im Süden Kairos, sechs Kilometer von den Pyramiden entfernt. Dort betreibt Amina eine Tierklinik. Mehr als 40 Hunde sind hier derzeit in Boxen untergebracht, bekommen ihr Futter und werden operiert. Oft sei den Besitzern gar nicht bewusst, dass sie ihr Tier gequält haben, erzählen die Ärzte. Neulich sei ein Mann gekommen, der seinen Hund mit Säure übergossen hatte. „Weil er ihn reinigen wollte“, sagen die Mediziner.

Wie fast überall auf der Welt gibt es auch bei den ägyptischen Hunden eine Zweiklassengesellschaft: die, die importiertes Rindfleisch bekommen – und die große Mehrheit, die sich im Müll ihre Knochen zusammensuchen muss und vor der die Menschen eine Heidenangst haben. Die internationale Tierschutzorganisation WSPA (World Society for the Protection of Animals) schätzt die Zahl der streunenden Hunde in Kairo auf mehr als eine Million. Mehrere Tausend werden jedes Jahr von Polizisten im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums erschossen, um ihre Vermehrung zu stoppen. „In Gegenden, wo Amerikaner leben, töten sie mit Strychnin“, sagt Mona Khalil. Sie ist die Vorsitzende des Tierschutzvereins ESMA (Egyptian Society for Mercy to Animals) und eine Art Kummernummer für Tierliebhaber. Sie erhält im Schnitt 30 Anrufe pro Tag. Meistens geht es um angeschossene Tiere, die auf der Straße elendig verbluten. Mit ihren Freunden versucht sie, die Hunde zu retten – und die Polizisten vor Gericht zu bekommen.

Doch ohne wirksame Gesetze ist das schwierig. Deshalb hofft Khalil auf Hilfe aus dem künftigen Parlament, das zu zwei Dritteln mit strenggläubigen Muslimbrüdern und Salafisten gefüllt sein wird. Um die zu überzeugen, will sie ihnen die „Siebenschläferlegende“ aus dem Koran vorlesen. Demnach beschützte ein Hund 309 Jahre lang sieben junge Männer, die in einer Höhle Schutz gesucht hatten, weil sie wegen ihres Glaubens verfolgt wurden – und bekam dafür Einlass ins Paradies.

Dass es noch lange dauern wird, bis die Ägypter einsehen, dass auch Tiere Rechte haben, musste die Tierschützerin bereits selbst erkennen. Khalil verdient ihr Geld als Moderatorin beim ägyptischen Staatsfernsehen. Vor ein paar Jahren versuchte sie, ihre Prominenz für die gute Sache einzusetzen, und thematisierte in einer dreiteiligen Sendereihe die elende Situation der Hunde in Kairo. Nach der zweiten Folge zitierte der Chef sie zu sich. Mit ihrer Sendung und ihrem Appell zu mehr Tierschutz habe sie „den Ruf Ägyptens beschädigt“, sagte er. Die dritte Folge wurde nicht mehr ausgestrahlt.