Ökonometer
Ein Gerichts-Vollzieher in Wien
Wie hoch ist Ihr Einkommen?
Zwischen 1.800 und 2.000 Euro netto pro Monat. Es kommt immer darauf an, wie viele Fälle man abschließt. Es ist ein leistungsorientiertes System. Das finde ich sehr gut. Ich werde nicht fürs Nasenbohren bezahlt.
Wie hoch sind Ihre Fixkosten?
Die Parkraumbewirtschaftung der Stadt Wien ist das Schlimmste. Da zahle ich 200 Euro im Monat. Treibstoff kommt auf etwa 300 Euro im Monat. Miete zahle ich keine, weil mir ein Haus gehört. Strom und Gas weiß ich gar nicht auswendig.
Wie und warum sind Sie Gerichtsvollzieher geworden?
Durch die Empfehlung eines Bekannten. Ich habe die Aufnahmeprüfung und die vorgesehenen Kurse gemacht und bin seit 1. September 1981 beim Bezirksgericht Innere Stadt. Ich bin also heuer seit 30 Jahren Gerichtsvollzieher – leider werden bei uns aber nur 25- und 40-jährige Jubiläen gefeiert.
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Um fünf Uhr in der Früh muss ich aufstehen, um halb sechs wegfahren. Bis etwa 9.30 Uhr mache ich Wohnungsbesuche in meinem Gebiet, das Teile des dritten, vierten und fünften Bezirks einschließt. Von zehn bis zwölf bin ich im Gericht, mache den Parteienverkehr und andere Aktenerledigungen. Am Nachmittag gehe ich noch ins Naschmarktgebiet oder zu den Geschäftsleuten, die man in der Früh nicht antrifft. Dann wird abgerechnet, und der Tag ist zwischen vier und fünf Uhr zu Ende. Wenn man einen Nachtclub, eine Diskothek oder ein Bordell auf der Liste hat, muss man am Abend noch mal ausrücken. Bei einem Blumenhändler muss man ja auch am besten am Valentinstag hingehen, weil da am meisten zu holen ist. So ist das eben.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?
Es ist sehr abwechslungsreich, und ich verhelfe dem betreibenden Gläubiger zu seinem Recht. Das ist ein Hauptargument. Sonst motiviert bei diesem Job nicht sehr viel, wenn man ständig Elend und Not sieht. Aber die Not ist oft selbst herbeigeführt, manche sind einfach Schmarotzer. Die wollen gar nicht arbeiten. Ich sehe, dass viele den Staat ausnutzen wollen. Die lachen mich dann aus, wenn ich um neun Uhr vormittags komme, und sie schlafen noch.
Was gefällt Ihnen am wenigsten?
Am schwierigsten sind die Fälle, bei denen man jemandem die Kinder wegnehmen muss. Oder wenn man eine Wohnung räumen muss, in der eine Frau mit ihren Kindern wohnt und der Mann das versprochene Geld nicht gezahlt hat.
Wie und wo machen Sie Urlaub?
Der letzte Urlaub war eine Motorradreise durch Sardinien. Ich war auch schon siebenmal in China. Außerdem in Japan, Südafrika, Tibet und so weiter – ich mache sehr gerne Fern- und Motorradreisen.
ZAHLEN UND FAKTEN
Gerichtsvollzieher sind als Beamte den vier Oberlandesgerichten Wien, Linz, Graz und Innsbruck beziehungsweise den jeweiligen Bezirksgerichten unterstellt. Die Ausbildung dauert ein Jahr. Zuerst muss eine Schulung zum Kanzleidienst absolviert werden, nach der eine praktische Verwendung im Ausmaß von 50 Arbeitstagen vorgesehen ist. Es folgt ein dreiwöchiger Lehrgang, der mit einer schriftlichen Prüfung abgeschlossen wird. Daraufhin wird ein 150-tägiges Praktikum an einem Bezirksgericht absolviert, bei dem ein erfahrener Gerichtsvollzieher als Trainer und Supervisor fungiert. Abschließend folgen ein weiterer Theorieteil mit schriftlicher Klausur und die Ablegung der finalen Gerichtsvollzieherprüfung, die von einer Kommission abgenommen wird.
Die rund 370 Gerichtsvollzieher der vier Oberlandesgerichte nahmen im Jahr 2010 in Form von Erlösen 250.959.740,71 Euro ein, pfändeten 40.336 Objekte und exekutierten 6.072 Räumungen. Durch die Versteigerung der gepfändeten Gegenstände kamen weitere 2.398.162,39 Euro hinzu. Die Beamten kassierten also im Jahr 2010 insgesamt 253.357.903,10 Euro für private Gläubiger und den Staat. Die Vollzugsbranche ist eindeutig männlich dominiert. Auf 140 männliche Gerichtsvollzieher im Sprengel Wien kommen derzeit nur zehn Frauen, die diese Tätigkeit ausüben.




