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Ein goldener Mozart in Wien

Charles K. (älter als 48) ist ein Straßenkünstler in Wien und kommt ursprünglich aus Vorarlberg. Er ist ledig und hat keine Kinder.
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Wie hoch ist Ihr Einkommen?

Ich arbeite sechs Tage die Woche, und die Leute werfen mir pro Monat circa 1.000 Euro an Spenden in meine goldene Schale. 

Wie hoch sind Ihre Fixkosten?

Ich zahle 330 Euro Miete und gebe ungefähr 300 Euro für Essen aus. Ich kaufe nur Bioprodukte. Zu meinen Fixkosten gehören auch 35 Euro pro Monat für Make-up, Goldfarbe und anfallende Reparaturen am Kostüm. 

Wie sieht Ihre Performance aus?

Ich improvisiere. Handkuss, Händeschütteln und Herlocken. Ich winke, tanze und singe. Ich habe auch Tanz- und Gesangsunterricht genommen. Jetzt plane ich gerade, den Tanzstil Michael Jacksons in meine Mozart-Performance einzubauen, weil ich ihn sehr bewundere. 

Wie und warum sind Sie ein goldener Mozart geworden?

Ich wollte schon immer zum Theater oder zum Film, aber ich mag keine Kritik oder dass mir jemand sagt, was ich zu tun habe. Ich habe lange Zeit in Amsterdam gelebt, dort sind mir diese schrägen Straßenkünstler aufgefallen. Und irgendwann dachte ich mir: Das kann ich doch auch. Eine Freundin nähte mir ein Kostüm, und ich stellte mich mit Halbmaske vor das Amsterdamer Reichsmuseum. Ich wollte mir damit eigentlich nur mein Psychologiestudium finanzieren. Letztendlich habe ich mich voll und ganz für die Kunst entschieden. Seit elf Jahren bin ich Straßenkünstler, und seit 2001 ist Wien meine Bühne. Bevor ich zum goldenen Mozart wurde, war ich Rembrandt und Johann Strauß. Am Anfang traute ich mich nicht, mich als Mozart zu verkleiden, denn meiner Meinung nach kommt nach Gott gleich Mozart, musikalisch gesehen. Aber eine Bekannte gab mir den entscheidenden Ruck. 

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Ich stehe von zehn Uhr morgens bis circa 18 Uhr auf einem öffentlichen Platz auf meinem Sockel und performe. Ich mache meistens nur eine kurze Pause. Normalerweise bin ich von Frühjahr bis Herbst in Wien und arbeite im Winter in anderen Ländern wie Peru, Mexiko, in Florida in den USA oder in Thailand. Heuer war ich das ganze Jahr in Wien, da es sich finanziell nicht ausging wegzufahren.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?

Ich liebe meine Unabhängigkeit und die Reaktion der Leute auf mich. Außerdem kann ich meine Performance so machen, wie ich es will. Ich muss mit den Menschen arbeiten und bekomme von meiner Umwelt sofort ein Feedback. 

Was gefällt Ihnen weniger?

Früher stand ich am Stephansplatz, da musste ich nur fünf Stunden pro Tag arbeiten und habe das Gleiche verdient wie heute, wo ich zehn Stunden an verschiedenen Plätzen stehen muss. Ich stehe nicht mehr am Stephansplatz, weil der Konkurrenzkampf dort zu groß wurde. Es gibt unter Künstlern keinen Respekt mehr. Man nimmt sich gegenseitig den Platz weg oder ahmt die Performance des anderen nach. Außerdem werden die gesetzlichen Richtlinien für Straßenkünstler immer strenger.

ZAHLEN UND FAKTEN

Unter Straßenkunst versteht man alle Darbietungen künstlerischer Art, die für kurze Zeit an öffentlichen Orten unentgeltlich stattfinden. Zurzeit dürfen in Wien Musiker nur mit einer Platzkarte auf bestimmten Plätzen wie am Graben und auf der Kärntner Straße und zu festgelegten Zeiten spielen. Alle anderen Künstler – also Porträtzeichner, Clowns und „lebende Statuen“ – dürfen prinzipiell überall auftreten, sofern sie den Verkehr nicht behindern und den Mindestabstand von fünf Metern zu Schanigärten und U-Bahn-Stationen und von 25 Metern zu Kirchen und anderen Künstlern einhalten. Musizierende Straßenkünstler müssen nach einer Stunde den Ort wechseln. Alle anderen Darsteller dürfen von 13.00 bis 22.00 Uhr ihre Performance durchgängig an öffentlichen Plätzen darbieten. Die Nichteinhaltung wird mit einer Geldstrafe von bis zu 350 Euro geahndet. Straßenkünstler müssen laut Straßenkunstverordnung älter als 16 Jahre sein. Das zuständige Magistrat für Veranstaltungswesen, die MA 36, gibt keine Daten über die Anzahl der Straßenkünstler in Wien bekannt. Die Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel (ÖVP), setzt sich seit Jahren für eine Verschärfung der Straßenkunstverordnung ein, da sie der Meinung ist, der Lärm sei für die Anrainer nicht zumutbar. Außerdem sieht Stenzel Straßenperformance als versteckte Bettelei. Sie will, dass Straßenkünstler nur vier Stunden an einem Ort ihre Performance abliefern dürfen und danach den Ort wechseln müssen.