Ökonometer
Eine Werbesprecherin in Wien
Wie hoch ist Ihr Einkommen?
Zwischen null und 5.000 Euro brutto. Im letzten Monat waren es 600 Euro. Manchmal kommt gar nichts rein. Die Wirtschaftskrise kriege ich stark zu spüren.
Wie hoch sind Ihre Fixkosten?
Die Miete beträgt 200 bis 300 Euro im Monat, je nach Betriebskosten. Dazu kommt das Auto. Alles, was ich zum Arbeiten brauche, zahle ich selbst – zum Beispiel meine Bühnenklamotten. Im Monat habe ich rund 1.000 Euro Fixkosten, aber davon habe ich noch nicht einmal gegessen.
Wie und warum sind Sie Sprecherin geworden?
Das ist kein Beruf, das ist eine Berufung. Mit 22 bin ich ins Musikgeschäft gerutscht, da habe ich für Bekannte einen Song eingesungen. „Hochsaison im Eissalon“ hieß der, Neue Deutsche Welle. Der ist auf Anhieb in den Charts gelandet. Dann habe ich jahrelang Werbejingles gemacht und war Backgroundsängerin, von Wolfgang Ambros bis hin zu Steffi Werger. Einer meiner ersten Werbejingles war für Dany plus Sahne von Danone. Jetzt spreche ich für Garnier, Pagro, McDonald’s und Substral, über die Jahre ist viel zusammengekommen. Ich habe erst mit 35 von meinen Sprecherjobs leben können, davor habe ich vom Kellnern bis zum Hemdenverkauf im Laden meiner Großmutter alles Mögliche gemacht. Noch heute arbeite ich nebenbei als Visagistin, schneide Videos und gebe Gesangsunterricht.
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Meine Regelmäßigkeit besteht darin, mir selbst Arbeit zu verschaffen. Manchmal hast du zehn Jobs in der Woche, dann wieder nur einen. Das ist total unterschiedlich. Wenn ich gerade keine Sprecherjobs habe, dann setze ich mich hin und arbeite an meiner musikalischen Karriere. Mein Tagesablauf richtet sich danach, wie lange ich gearbeitet habe und wie lange ich schlafen kann. Ich gehe selten vor zwei Uhr nachts zu Bett. Ich versuche, für mich eine Regelmäßigkeit reinzukriegen, aber generell geht das bei Selbstständigen nicht. Du hast keine Gewerkschaft hinter dir, die schaut, dass du deine Mittagspause kriegst. Aber einen geordneten Tagesablauf zu haben ist für uns Selbstständige gar nicht so wichtig – von viel größerer Bedeutung ist, immer in Bewegung zu bleiben.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?
Ich wollte das immer machen, Musik und Sprechen. Nimm mir das weg, und ich werde sterben. Und ich schlüpfe jeden Tag in eine andere Rolle. Das liebe ich total.
Was gefällt Ihnen weniger?
Dass du als Selbstständige keinen Rückhalt hast, kein Auffangnetz. Von meinem Verdienst gehen 50 Prozent für die Steuer drauf, 25 Prozent für die SVA und zehn Prozent oft für die Verzugszinsen, weil ich die SVA nicht sofort bezahlen kann.
Wie und wo machen Sie Urlaub?
Urlaub kenne ich nicht, das kann ich mir nicht leisten. Ich werde angerufen, und die sagen zu mir: „Kannst du heute um vier Uhr da sein?“ Wenn ich zweimal Nein sage, rufen mich die Leute nicht mehr an. In diesem Job musst du ständig verfügbar sein.
ZAHLEN UND FAKTEN:
In Österreich ist die Werbung der größte Auftraggeber für Sprecher; internationale Film- und Fernsehproduktionen für den deutschsprachigen Raum werden fast ausschließlich in Deutschland synchronisiert. Die meisten der rund 4.000 heimischen Film- und Tonstudios, die als Auftraggeber in Frage kommen, sind in Wien angesiedelt. Eine genormte Ausbildung zum Synchronsprecher gibt es nicht, eine klangvolle Stimme und klare Aussprache sind Voraussetzung. Einige Institute bieten in Österreich eine solche Ausbildung an, oftmals in Modulform. Eine einjährige Ausbildung zum Berufssprecher an der Schule des Sprechens kostet 5.533 Euro. Oft werden auch Schauspieler und Sänger mit einer entsprechenden Ausbildung gebucht. 1993 wurde in Österreich VOICE gegründet. Laut Eigendefinition versteht sich der Verband für Sprecher und Darsteller als Interessenvertretung „hauptsächlich für Schauspieler, die einer Sprechertätigkeit nachgehen“. Einen Kollektivvertrag für Sprecher gibt es in Österreich nicht, die meisten sind freiberuflich tätig oder haben ein künstlerisches Gewerbe angemeldet. Da die wenigsten davon leben können, wird es oft nebenberuflich ausgeübt. Darüber gibt es aber nur Schätzungen. Demnach sind laut Dolf Maurer, Geschäftsleiter der Sprecher Akademie, rund 70 Prozent der Sprecher ausgebildete Schauspieler. Rund 80 Prozent fallen unter die „Kleinstunternehmerregelung“, sind also umsatzsteuerbefreit, da ihr jährlicher Nettoumsatz unter 30.000 Euro liegt.




