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Republik

Euro Blues

Mercedes Echerer hat fünf Jahre lang die EU von innen kennen gelernt. Was bleibt von Europa? Und was von ihr?
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Die Sophiensäle in Wien gibt es nicht mehr. Sie sind abgebrannt. Europa ist in der Krise. 1998 stand Mercedes Echerer auf der Bühne der Sophiensäle als Conférencier im Musical „Cabaret“. Ein Jahr später saß sie im Europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg als EU-Abgeordnete der Grünen. Die vierte Strophe des berühmten „Cabaret“-Songs „Mein Herr“ hätte sie quasi als Programm von der einen Bühne auf die andere mitnehmen können.

„The continent of Europe is so wide, Mein Herr
Not only up and down but side by side, Mein Herr
I couldn’t ever cross it if I tried, Mein Herr
But I do what I can inch by inch, step
by step, mile by mile, man by man.“


Aber ich mach, was ich kann, Schritt für Schritt … Dieses Lied hat sie in Brüssel nicht gesungen. Dafür ein anderes.

Ich habe mehrere Male gesungen, einmal im Plenum. Einmal zu Ehren der ungarischen Delegation. Sie hat sich vor der Osterweiterung der EU als das erste halbe ungarische Mandat bezeichnet, weil sie ungarischer Abstammung ist. Jetzt ist sie auf die Theaterbühne zurückgekehrt. Für Europa macht sie immer noch, was sie kann, sagt sie.

Welche Bilanz zieht jemand, der sein von ORF und Bühne bekanntes Gesicht einer politischen Partei zur Verfügung stellt und dann auch noch den Job bekommt? Der in der kleinen Wiener „Broadway Bar“ nahe der Ankeruhr am Hohen Markt nächtens Chansons gesungen hat und doch nicht dafür gewählt wurde, im großen Haus in Brüssel den „Cabaret“-Hit „Money, Money, Money“ zu intonieren?

War es es wert, die sechsjährigen Zwillinge nach Straßburg zu verpflanzen und ihnen dann auch noch zwei Schulwechsel zuzumuten und ein Jahr, in dem die Mutter oft am Zahnfleisch ging? Eigentlich könnte man erwarten, dass so jemand in Österreich viel vom „Opfer für die Politik“ und noch mehr davon spricht, dass der Moloch Brüssel nicht wirklich etwas zugelassen habe.

Doch das gibt Echerer nicht her. Nun, wenn sie sich schon Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ verweigert, so scheint sie doch seine These von der „subjektiven Wahrheit“ zu bestätigen. Für den Betroffenen zählt nur diese, und so scheint sie sich von der großen Bühne in Brüssel auf die kleinen Theaterbretter in Wien herübergerettet zu haben, zu dem, was sie eben kann.

Im Gespräch wechselt sie immer wieder die Diktion – einmal Schauspielerin, einmal EU-Aktivistin; einmal ist sie, wie jetzt gerade, die Marianne in Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ in Reichenau, dann ist sie wieder die Direktorin des Festivals „EU XXL Film“. Da spricht sie als Schauspielerin über ihre Ängste im Vorjahr nach der Rückkehr aus Brüssel.

Da hatte ich zwei Sorgen. Erstens: Wie weit bin ich in einem Land, das doch sehr konservativ ist, was Querdenker oder Quereinsteiger betrifft? Wie wird man mich empfangen? Werde ich einen Stempel haben? Die größte Freude war für mich, dass ganz viele meiner Kollegen sofort angerufen haben und gesagt haben: „Super, du bist wieder zuhause. Bei mir musst du spielen!“ Nicht alle, aber sehr viele.

Die andere Angst, und die ist noch nicht ganz überwunden: Wie geht’s mir damit, wenn man fünf Jahre außerhalb dieses Elfenbeinturms ist? Und das Theater ist ein Elfenbeinturm. Auch wenn wir mit Nöten kämpfen und die meisten meiner Kolleginnen, auch sehr gute Kolleginnen, nicht wissen, wie sie die Miete nächstes Monat bezahlen sollen, ist die Arbeit, die wir machen, eine privilegierte. Und dann noch als Ex-EU-Politikerin.

Wenn dann alles in Zahlen und Fakten auf deinem Schreibtisch vor dir gelegen hat über die Jahre, und wenn du dann siehst, so und so viele Verkehrstote weniger als letztes Jahr oder so und so viele Arbeitslose mehr als vergangenes Jahr, wenn du die Bürgerkriege auf deinem Schreibtisch liegen hast und die Zahlen der Toten siehst, dann ist das eine Realität, wo ich mich frage: Kann ich jetzt noch auf die Bühne gehen und wieder so tun?


Was war 1999? Hat sie da als neue EU-Mandatarin nicht auch einfach „so getan“?
Nicht wirklich.

Wenn ich nicht so wenig faktisches Wissen gehabt hätte, hätte ich das nicht gemacht. Es war der Mut einer Idealistin und Optimistin. Der Mut einer Unerfahrenen! Ich hatte meine Träume und Visionen, das ist mein Naturell. Ich bin nicht jemand, der von außen sagt, etwas ist schlecht oder falsch, sondern ich muss dann reingehen und schauen, ob das veränderbar ist und wie.

Das ist auch der Grund, warum Europa für mich ein Thema war. Ich habe die Einstellung „Was wollen wir mit Europa?“ nie ganz verstanden. Ich bin ein Kind von Eltern, die den Zweiten Weltkrieg als Jugendliche erlebt haben. Daher ist man da sensibilisiert.


Und ich habe gesehen, aha, das ist halt so eine Wirtschaftsgeschichte. Und dann war wieder spürbar, dass die mehr wollen, auch wenn nicht genau klar war, was das ist. Dann war der Beitritt, und es hat geheißen, das ist für uns ein Vorteil.
Aber ist das ein wirtschaftlicher Vorteil oder ist da jetzt eine andere Kommunikation möglich, besteht überhaupt eine Basis für Gespräche zwischen Politikern, zwischen Netzwerken? Das war mein kleines Wissen, mein kleiner Zugang. Und auch die Hoffnung: In Europa ist das vielleicht lösbar.


Ich mach, was ich kann, Schritt für Schritt … Was also konnte sie überhaupt machen?

Meine Generation ist sehr dünn gesät im Parlament. Es gibt einen Haufen Junger, die von manchen Ländern ganz bewusst geschickt werden, damit sie die Institutionen kennen lernen und von ihren Parteien für eine zukünftige Arbeit in Ministerien aufgebaut werden. Das ist eine sehr weise und kluge Entscheidung, die kann ich Österreich nur empfehlen. Oder wir haben ältere Damen. Aber Frauen im, sagen wir mal, mutterfähigen Alter, also zwischen 30 und 45, sind eher dünn gesät.

Die jungen Frauen müssen täglich eine unglaubliche Kompetenz an den Tag legen, um auch wahr- und ernst genommen zu werden. Ich hatte den Bonus, dass man mich für jünger hielt, als ich tatsächlich bin, und gemeint hat: „Na, die Kleine ist eh gscheit, eh nicht blöd, was sie sagt!“ Dieser so genannte Bonus nützt sich aber relativ schnell ab. Man muss wirklich kompetent auftreten.

Es reicht nicht, nett zu sein oder ein Kasperl oder charmant. Ich habe keine einzige Debatte über Kulturpolitik geführt, in der ich die Notwendigkeit der Kultur herausgehoben habe. Ich habe mit Wirtschaftszahlen gearbeitet, mit Handelsdefiziten, mit einem Vokabular, das für die Mehrheit des Parlaments verständlich war. Wenn man dann in einem Gespräch auslotet, gibt es da eine Mehrheit für meine Idee, dann schadet es natürlich nicht, wenn man charmant ist oder ein Kasperl.


Was ist davon geblieben außer der ganz bestimmten EU-Sprache, die sich in der Beschreibung des Projekts „EU XXL Film“ wiederfindet?

Die Gemeinschaft der 25 Mitgliedstaaten birgt eine enorme geistige und kulturelle Vielfalt, aber dieser oft zitierte Reichtum Europas ist dem Großteil der Bürger nicht wirklich vertraut. Das Überwinden der alten Grenzen, das Friedensprojekt Europa, ist die Erfolgsstory europäischer Politik.

Die Intensivierung von Austausch, Mobilität und interkultureller Kompetenz fördert nicht nur die Vielfalt, sondern ist ein wesentlicher Beitrag für die innere Stabilität von Europa und dient der Konfliktprävention nach innen und nach außen.

Was also ist geblieben außer dem Beherrschen der ganz spezifischen Brüssel-Lingo?
Erstens einmal bin ich noch immer mit den Kolleginnen und Kollegen vernetzt! Auch mit den anderen Fraktionen, mit denen ich kooperiert habe, gibt es noch einen Austausch.


Das Tollste überhaupt ist, wenn dich jemand aus irgendeinem EU-Land anruft und sagt: „Guten Tag, wir haben ein Europa-Projekt …“, und man sagt: „Halt, stopp! Ich bin nicht mehr in dem Verein, ich bin ganz privat wieder zuhause in meinem Zimmerlein!“ – „Ja, das wissen wir!“ – „Und warum rufen Sie mich dann an?“ – „Weil man uns gesagt hat, dass Sie so eine gute Reputation haben, und vielleicht geht die eine oder andere Tür auf, wenn wir ein Gespräch mit Ihnen führen!“

Das ehrt mich im ersten Augenblick sehr. Aber vielleicht habe ich ja dann den einen oder anderen Ratschlag gewusst, und dann haben sie gesagt: „Vielen Dank! Wir haben angerufen, uns auf Sie berufen, und die Tür ging auf!“


Ist das alles, was von fünf Jahren EU-Politik geblieben ist? Von fünf Jahren, in denen sie nur vier Jahre lang die Familie in Straßburg dabei hatte und ein Jahr lang pendelte – mit wöchentlichem Familienrat, narrischen Mitarbeiterinnen und den ständigen Versuchen, aus einer minimalen Zeit das Maximale herauszuholen.

Wenn ich als Delegationsteilnehmerin irgendwo anders hinfliegen musste, dann habe ich das halt sehr genau eingeteilt: Ankunft, Händeschütteln, Rede, Abflug.
Ich habe es mir nie leisten können, bei einer Konferenz einmal länger zu bleiben. Das hat mir sehr Leid getan, aber das ist der Preis: Ich wollte ja meine Familie nicht verlieren.


Also doch alles? Eben nicht. Es bleibt „EU XXL Film“.

Zuerst waren wir in Krems an der Donau-Uni, in Wien machen wir es im Künstlerhauskino und im Filmmuseum. Es wird eine Fachtagung geben, aber eben nicht eine, wo jeder ganz gscheit vor sich hinredet und alle zuhören müssen, sondern es soll anhand der bestehenden Gesetzgebung der EU, die einen direkten Einfluss auf das Filmschaffen hat, der Versuch unternommen werden, zwischen Kreativen, Kommerziellen und Industrie eine gemeinsame Stellungnahme zu erarbeiten. Erstmals vom 23. bis 29. November, und dann halt einmal jährlich.

Ich mache das mit Liebe. Ich muss auf keine parteipolitischen Zwänge mehr achten, ich muss mich nicht mehr mit den ganzen Gremien auseinander setzen, nicht nach links, nicht nach rechts, nach oben oder unten. Ich bin frei und kann mir jetzt alles erlauben. Ich kann das machen, was mich interessiert, weil ich das Vertrauen der Netzwerke genieße. Die Leute haben Vertrauen und sagen sich: „Die Echerer wird das nicht ausspielen, die hat das auch in Brüssel nie gemacht, sondern die versucht das zusammenzuführen.“ Wenn es geht, machen wir es, wo es nicht geht, kann man auch nichts machen. Aber wenn man miteinander redet, kommt man drauf, dass die Dinge gar nicht so weit voneinander entfernt sind, und man kann eine Brücke schlagen.


Ich mach, was ich kann, Schritt für Schritt … Waren da in fünf Jahren Brüssel, in fünf Jahren Akten, Dokumente, Sitzungen, Kofferpacken nie Zweifel?

Da gab es Nachtbegegnungen nach irgendwelchen seltsamen Vorstellungen, die ich ab und zu mal gespielt habe. Das waren so drei, vier Mal im Jahr während meiner Mandatszeit meine Oasen! Da habe ich Kollegen von früher getroffen, unter anderem den Klaus Maria Brandauer. Der hat gesagt: „Was willst du dort ändern? Du kannst nichts ändern! So wie du heute gelesen hast, da kannst du was ändern!“ Ich habe ihm gesagt: Das stimmt nicht! So kann man es nicht sehen! Wir haben dann bis vier Uhr früh gestritten über die Notwendigkeit und Sinnlosigkeit von Politik und Kulturpolitik. Es hat mich nicht mehr ausgelassen.

Und letztendlich die Tatsache, dass ich gelernt habe, als Schauspielerin direkt mit der Reaktion, die ich auf meine Arbeit bekomme, umzugehen – bei einem Misserfolg genauso wie bei einem Erfolg. Die Bereitschaft, zuzuhören, wenn die anderen rezitieren, das habe ich in der Politik wahnsinnig vermisst. Ich habe nie eine direkte Reaktion bekommen auf meine Arbeit. Du weißt zwar, was du gemacht hast, aber bis das irgendwo sichtbar wird, vergehen Jahre. Und dann sagen sie: „Na, die hat damals …“ oder: „Ohne die hätten wir nie …“ und so weiter.

Wie mir das jetzt passiert mit Sachen, bei denen ich vor drei Jahren meinen Abstimmungsdaumen so oder so gehalten habe, und heute sagt irgendwer aus der Kommission: „Na, dank ihres Daumens haben wir jetzt das oder das!“ Damit kann ich nicht umgehen. Da habe ich gesagt: Ich reib mich auf, das schaff ich nicht!


War das der Punkt, an dem die Schauspielerei wieder wichtiger als alles andere wurde?

Wichtiger weiß ich nicht. Für mich war es notwendig, weil ich manchmal sehr leicht verunsicherbar bin. Ich muss wissen, was man draußen über das, was ich tue, denkt. Weil ich dadurch vielleicht auch oft selber auf meine Fehler draufgekommen bin. Aber das passiert im politischen Alltag nicht.

Du hast entweder Leute, die dich immer kritisieren, oder du hast Leute aus deinem engsten Umfeld, die alles toll finden oder die vielleicht nur deine Erscheinung kritisieren, aber nicht das, was du tust. Die Erscheinung ist eine PR-Geschichte, darüber redet man mit einem Werbefachmann.

Dafür brauche ich keinen Daniel Cohn-Bendit, keinen Johannes Voggenhuber, keinen Alexander Van der Bellen, keine Eva Glawischnig. Ich möchte von denen wissen: Wie ist meine Arbeit? Das passiert aber nicht! Nicht in dem Ausmaß, in dem ich es brauche, um mich weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Und da mir meine Weiterentwicklung ja nicht so unwichtig ist, war das dann auch eine Entscheidung, bei der ich gesagt habe: Das kann ich so nicht.


Was also bleibt?

Für mich war die Zeit in der Politik wertvoll, weil ich wahnsinnig viel gelernt habe. Es hat mich geprägt, ich habe profitiert vom Wissen, von den Netzwerken, von den Menschen. Ich glaube, ohne mich besser zu machen, als ich bin, dass Menschen, die nicht aus einer politischen Gardeschmiede, nicht aus einer Eliteschule, nicht aus einer politischen Institution kommen, ganz wichtig sind, weil sie einen frischen Wind hineinbringen. Sie denken anders, sie haben ein anderes Vokabular, sie bringen einen gestandenen Politiker nach 20 oder 30 Jahren dazu, etwas anders erklären zu müssen, weil sie zum fünften Mal sagen: Ich verstehe das so nicht. Aber es war klar, dass das eine bewusste Provokation war.

Was bleibt an Erfolgen?

Ich war ja nicht die Einzige, die quer eingestiegen ist. Wir waren so 35 bis 40 Leute im Parlament, die aus dem Kulturbereich kamen. Ich glaube, dass wir eine eigene Kraft waren, die etwas dazu beigetragen hat, dass nicht alles immer so weitergeht. Das war schon an sich ein Erfolgserlebnis. Und dann gab es noch so einzelne Dinge wie die Buchpreisbindung, die keiner mehr wollte. Ein wunderbarer Sieg!

Ein weiterer Erfolg war die erste Konferenz zum Thema Medienkonzentration. Ich war bis dahin überhaupt die Einzige, die das Wort Medienkonzentration in den Mund genommen hat! Dann die Verhinderung der Patentierung der Softwareprogramme in erster Instanz. Leider ist dieser Erfolg jetzt keiner mehr.

Dann war es ein Erfolg, im Bereich des Urheberrechts, die Diskussion ein bisschen anders zu führen. Können sie sich vorstellen, wenn sie aus dem Internet etwas kaufen wollen, dass sie wegen jedem einzelnen Auszug individuell verhandeln müssen? Das wäre ja krank. Ein einzelner Autor ist gegenüber einem großen Konzern machtlos. Also diese Solidarität, auch Monopol genannt, hat durchaus ihren Sinn.

Wie kann man das allerdings machen, dass so ein Monopol nicht missbraucht wird, auch nicht von der eigenen Sippe? Ich habe gesagt: So, wir wollen keine Monopole, und wenn doch, dann müssen sie reglementiert sein. Das ist Europa, also reglementieren wir sie europäisch! Um Gottes willen! Bis jetzt hat niemand darüber geredet, das Parlament hat keine Meinung dazu! Na, ich werd euch eine Basis schaffen für eine Meinungsbildung!

Ich habe ein Jahr gekämpft, Anträge durchgesetzt und einen einstimmigen Beschluss verabschiedet. Da war ich ganz stolz darauf. Das ist jetzt das Dokument, auf dem das Parlament seine Meinung zu Kommissionsvorschlägen aufbauen wird.


Ich mach, was ich kann, Schritt für Schritt … Und ein Durchhänger zwischendurch in den fünf Jahren?

Im zweiten Drittel, ja. Es waren so viele Dinge, die wir angeleiert hatten, und alles ging so langsam, und ich habe gemerkt, die zweite Hälfte ist schon ausgerichtet auf: Ich will wiedergewählt werden!

Da war das Arbeiten nicht mehr so frei und sachlich wie in der ersten Hälfte. Es war eineinhalb Jahre lang toll, dann folgte für ein Jahr ein Durchhänger, und der Schluss war wieder super! Da sind ein paar Projekte wirklich aufgegangen!


Einmal Wien–Brüssel und zurück ohne Entzugserscheinungen, ganz ohne Übergangsschock?

Das kam erst beim Jahreswechsel, mit einem halben Jahr Verspätung, und dauerte einige Wochen. Es ist passiert, und es war irgendwie komisch. Ich hatte das Gefühl, ich falle und falle, und wohin – ich wusste es nicht. Dann haben Gott sei Dank die Proben begonnen (für ein Stück in Villach, Anm. d. A.), und ich musste mich darauf konzentrieren. Das hat mich ein bisschen aus dem Loch herausgeholt.

Ich glaube, es hat einfach Zeit gebraucht, bis ich wahrgenommen habe, was ich alles in diesen fünf Jahren gemacht habe, weil das so ein wahnsinniges Tempo hatte. Auch die körperliche Umstellung – plötzlich musst du nicht mehr alle drei Tage in den Flieger steigen, sondern bist immer zuhause.

Das war auf der einen Seite angenehm, auf der anderen Seite war plötzlich der Rhythmus durchbrochen. Bis sich das alles so gesetzt hat, dass es ein Loch werden konnte, hat es ein halbes Jahr gedauert.

Ich weiß es nicht, aber so kann ich mir das jedenfalls erklären. Aber wenn ich etwas von der Susi Nicoletti gelernt habe – Gott hab sie selig –, dann war es, dass man bei der Probe seinen Text können muss.

Deshalb habe ich es mir nicht erlaubt, mir selbst Leid zu tun in diesem schwarzen Loch, sondern es einfach akzeptiert und die Kraft dafür verwendet, mich auf die Probe vorzubereiten. Und irgendwann nach drei Monaten hat sich das aufgelöst.


Und jetzt die Marianne …


FRAGE AN DIE MAUS

Wer ist Mercedes Echerer?

Wie fand sie ihren Weg in die Politik – und wieder zurück auf die Bühne?

Raina Mercedes Echerer wurde am 16. Mai 1963 in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz geboren. Am Linzer Landestheater erfuhr sie eine Ausbildung in klassischem Ballett. Ihre Karriere als Schauspielerin begann sie an den Landestheatern Salzburg, Klagenfurt und Graz. Es folgten Verpflichtungen als Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt (1990–1998) sowie Auftritte in Stücken und Musicals an mehreren nahmhaften Häusern in Wien (Volkstheater, Theater an der Wien, Drachengasse, Vienna’s English Theatre) und im Ausland (Stadttheater Frankfurt). Nebenbei lieh sie Radio Stephansdom ihre Stimme. Während ihrer schauspielerischen Tätigkeit war Echerer immer wieder politisch aktiv: Sie kämpfte für die Anerkennung der Gebärdensprache, bei Veranstaltungen der Umweltlobbyisten von Global 2000 und Greenpeace trat sie als Anti-Atom-Aktivistin auf. Echerer protestierte für das Recht auf Eheschließung von Schwulen und Lesben, wirkte am Zustandekommen des ersten Life Ball mit und sprach sich öffentlich gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassimus aus.

Von 1991 bis 1996 arbeitete Echerer überdies als Moderatorin der ORF-Sendung „Kunst-Stücke“. Mit ihrem Engagement fiel sie Stefan Schennach auf, heute grüner Bundesrat und Mediensprecher, der sie in der Folge an die Partei heranführte. Nachdem die Österreicher sie Ende der Neunziger als Nummer zwei auf der grünen Liste – Nummer eins war Johannes Voggenhuber – ins Europaparlament gewählt hatten, füllte sie von1999 bis 2004 den Job als Abgeordnete in Brüssel und Straßburg aus. Dort war sie in den Ausschüssen für Recht und Binnenmarkt, Kultur, Jugend, Bildung, Medien, Sport und Haushalt tätig. Heute arbeitet Echerer als freie Schauspielerin und als Direktorin des Forums und Festivals „EU XXL Europäischer Film“ (www.eu-xxl.at).
Mercedes Echer hat zwei Kinder.