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Faymanns falsche Freunde

Auf seiner Facebook-Seite erntet der Kanzler harsche Kritik. Hinter den wenigen, die ihm positiv zur Seite stehen, vermutet Social-Media-Expertin Denkmayr „Marionetten-Accounts“.

Seit nicht ganz einem Monat ist der Social-Media-Auftritt des Kanzlers online; an Kritik wird seitdem von allen Seiten nicht gespart. Doch einige wenige Fans halten dem Kanzler die Stange, finden alles gut, was er tut. Da wären etwa sein außenpolitischer Berater Raphael Sternfeld und sein Wirtschaftsberater Leo Szemeliker, die unter nahezu jeden Post auf der Kanzlerseite ein „Gefällt mir“ setzen. Doch es gibt auch noch andere Fans, die nicht für den Kanzler arbeiten. Aber auch sie sind irgendwie besonders. Sie sind immer auf Parteilinie der SPÖ; und was noch viel interessanter ist: Ihre Facebook-Profile entsprechen so überhaupt nicht typischen Usern. Renate K. zum Beispiel hat keine Freunde, kein Profilfoto und nur ein einziges Interesse: Bundeskanzler Werner Faymann. Auf Freundschaftsanfragen reagiert sie genausowenig wie auf persönliche Nachrichten. Ihr Profil und zwei ihrer Postings:

Miriam W. hat zwar ein Foto, aber ihr Profil komplett abgeschottet. Man kann ihr keine Freundschaftsanfrage schicken und keine Nachricht schicken. Dafür setzt sie sich immer wieder sehr aktiv für den Kanzler ein:

Genauso wie Hannah S., von ihr sieht man ein verschwommenes Foto, ansonsten gilt dasselbe wie für Miriam W.: Es ist weder eine Freundschaftsanfrage möglich noch kann man ihr eine Nachricht senden. Auch sie ist immer wieder aktiv, wenn es gilt, den Kanzler zu unterstützen:

Ein Sonderfall unter den verdächtigen Profilen ist jenes von Hannes W. Sein Profilfoto stammt nämlich von der Bildagentur „iStockphoto“ und ist dort unter dem Suchbegriff „American Teen“ käuflich zu erwerben:

Ein Schelm, wer denkt dass manche Social Media Accounts einzig zum Zweck von Jubelpostings eingerichtet werden.“, schrieb Facebook-User Florian M. am 8. November unter einen Eintrag des Team Bundeskanzler, das für den Kanzler auf Facebook Einträge erstellt. Ein Schelm wäre demnach auch Judith Denkmayr, Geschäftsführerin der Social-Media-Agentur „Digital Affairs“: „Entweder es handelt sich dabei um Personen, die ausschließlich wegen des Kanzlers auf Facebook sind oder eben um so genannte Sock Puppets, also Marionetten-Accounts, die eingesetzt werden, um im Sinne der Plattformbetreiber zu agieren“, sagt sie zu den Profilen. „Ich finde auch die Sprache dieser Kommentare, die Schreibweise, den Ausdruck verdächtig ähnlich.“ Wer diese Profile angelegt hat, ob sie echt sind beziehungsweise wer dahinter steht, wenn sie nicht echt sind, ist nicht zu eruieren. Denkmayr jedenfalls vermutet hinter den Accounts „sogenanntes Astroturfing, und in diesem Fall sehr offensichtlich und platt.“ Mit Astroturfing ist der Versuch gemeint, den Anschein einer unabhängigen Meinungsäußerung zu erwecken, obwohl sie eigentlich zentral gesteuert wird, etwa von einer PR-Firma. Wurden also falsche Facebook-Accounts von Mitgliedern des Social-Media-Teams des Bundeskanzlers angelegt? Ist Astroturfing eine Strategie des Social-Media-Teams? Angelika Feigl, die Social-Media-Beauftragte von Kanzler Werner Faymann, beantwortet beide Fragen denkbar knapp: „Nein.“ Die atypischen Profile erklärt sie sich damit, dass es „viele Menschen und demzufolge sicher auch einige User (gibt), die dem Bundeskanzler bei persönlichen Begegnungen, per Mail, per Telefon oder jetzt eben per Facebook-Kommentar einfach nur ihre Zustimmung zu seiner Politik kund tun wollen.“

Doch auch abseits der seltsamen Fan-Accounts steht der Social-Media-Auftritt des Kanzlers weiter unter Kritik. Wenig erstaunlich: Selbst an das Facebook-Volk gewandt hat sich der Kanzler erst einmal, am ersten Tag. Das neunköpfige @teamkanzler auf Twitter bringt es an schlechten Tagen auf keinen einzigen Tweet und die Kosten des Auftritts (98.000 Euro allein für die Programmierung, inklusive Apps) kommen weder bei den Medien noch bei den Nutzern gut an. Judith Denkmayr kann außerdem „nicht ganz nachvollziehen, was die Strategie dahinter sein soll – echter Dialog kann hier jedenfalls nicht die Zielsetzung gewesen sein, auch ein Kommunikationsbedürfnis seitens des Kanzlers scheint nicht gegeben zu sein. Facebook wird als Verlautbarungsplattform für Belanglosigkeiten verwendet, auch auf Twitter ist abzulesen, dass man eher an Beschwichtigungsdialog und Schönwetter-Kommunikation interessiert gewesen wäre.“ Angelika Feigl ist dennoch zufrieden: „Wir hatten einen sehr guten Start – gleich in den ersten fünf Tagen hatten wir 195.000 Beitragsaufrufe. In der Zeit von 26. Oktober bis 14. November hatten wir über 476.000 Beitragsaufrufe, 4.855 Feedbacks zu Beiträgen (Kommentare und „gefällt mir“) und durchschnittlich täglich 2.000 aktive User. Diese hohen Interaktionsraten wären mit Fake-Usern nicht möglich.“

Allerdings: Die Interaktionen, die von zweifelsfrei echten Profilen kommen, werden zu weiten Teilen zur Kritik genutzt, bei den Facebook-Kommentaren werden der Kanzler und sein Social-Media-Team regelmäßig abgewatscht, nicht immer in angemessener Wortwahl. Das wundert Denkmayr nicht: „Alles, was in der Politik schief läuft, ausgesessen, verschwiegen oder weggelächelt wird, entlädt sich in Zukunft auf der Facebook-Seite.“