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Fernsehen für den Hugo

Mithilfe des panamerikanischen TV-Senders Telesur will Venezuelas Präsident Chávez seine Vision von einem geeinten Südamerika verwirklichen. Die Chancen dafür stehen gar nicht einmal schlecht.
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Der kleine Mann liebt das Fernsehen. Seinen großen Auftritt hat er immer sonntags. Dann nimmt sich Hugo Chávez ausführlich Zeit, um in seiner Show „Alò Presidente“ im staatlichen Fernsehen bis zu sieben Stunden lang zu seinem Volk zu sprechen. Er singt und schwärmt von seinem Idol, dem Volkshelden Simón Bolívar. Dessen Freiheitskampf hat der Präsident zur Grundlage seiner „bolivarischen Revolution“ erkoren. Die Bürger Venezuelas schauen ihm anscheinend gerne zu.

Chávez, seit 1998 an der Macht, wird aller Voraussicht nach die Präsidenschaftswahlen Ende des Jahres locker gewinnen – und seine Vision eines geeinten Südamerika mit wirtschaftlich unabhängigen, vom Neoliberalismus befreiten Staaten weiter via TV verbreiten. Weil es mit der Revolution aber auch außerhalb Venezuelas klappen soll, hat Mitte vergangenen Jahres in Caracas ein Sender seinen Betrieb aufgenommen, der jetzt zur ernst zu nehmenden Konkurrenz für die TV-Stationen des Kontinents zu werden droht: der Nachrichtenkanal Televisión del Sur, kurz Telesur, der erste panamerikanische Fernsehsender.

Das Timing ist perfekt: In den nächsten Monaten finden in sieben lateinamerikanischen Staaten Präsidentschafts- und/oder Parlamentswahlen statt, bei denen sich etliche linke Politiker Chancen ausrechnen. In Mexiko träumt Andrés Manuel López Obrador, der Bürgermeister von Mexiko City, den Traum vom Präsidentenamt. In Nicaragua darf der ewige Sandinist Daniel Ortega, der sich schon mit Ronald Reagan matchte, auf eine Mehrheit hoffen. Außerdem schreiten 2006 noch die Peruaner, die Kolumbianer, die Brasilianer und die Ecuadorianer zu den Urnen.

Sie alle hoffen auf die moralische und finanzielle Unterstützung ihres Freundes Chávez – und auf eine möglichst freundliche Berichterstattung von Telesur. Seit kurzem strahlt Telesur rund um die Uhr Nachrichten, Analysen, Reportagen, Dokumentationen und Spielfilme aus. In den Kabelnetzen von mehr als 15 Staaten der Region ist der Sender bereits vertreten. Ziel: durch eine alternative Berichterstattung die Integration Lateinamerikas fördern. Telesur will denen eine Stimme geben, die in der Fernsehwelt sonst keine haben: Armen, Minderheiten, sozialen Organisationen. Mittelfristig will man 50 Millionen Menschen erreichen – weltweit. Auch die Ausstrahlung eines Programms in Englisch wird überlegt.

Dem Quasi-Nachrichtenmonopol von CNN en Español eine südamerikanische Perspektive gegenüberzustellen, mache durchaus Sinn, sagt der Politologe Andreas Boeckh von der Uni Tübingen, der sich intensiv mit dem Chávez’schen Populismus beschäftigt. „Aber wenn Hugo Chávez, der von Robert Mugabe schwärmt und Fidel Castro für einen Demokraten hält, sich da einmischt, dann graust’s mir.“

Trotzdem haben sich neben Venezuela (51 Prozent der Anteile) auch die Regierungen Argentiniens (20), Kubas (19) und Uruguays (10) in Telesur eingekauft. Mit Brasilien wird kooperiert. Rund zwölf Millionen US-Dollar wurden bislang investiert. Das meiste davon kommt aus Venezuelas Ölexporten. Obwohl relativ klein an Fläche, hält das Land die fünftgrößten Ölreserven der Welt.

Mehr als hundert Journalisten arbeiten für Telesur. Die meisten von ihnen deklarieren sich klar als links. Neben der Ausgewogenheit nennen sie auch Subjektivität als Grundsatz ihrer Arbeit. So ist es auch zu erklären, dass ein Anführer der in Kolumbien kämpfenden FARC-Guerilla – einer Rebellentruppe, die sich seit rund vier Jahrzehnten mit Drogenhandel, Erpressungen und Entführungen über Wasser hält – in einem Trailer als Freiheitskämpfer idealisiert wird.

Mehr Seriosität verstrahlt indes der Telesur-Programmbeirat: Ihm gehören Intellektuelle wie der Schriftsteller Ernesto Cardenal an, der Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel oder auch Ignacio Ramonet, der Chefredakteur von Le Monde diplomatique. Präsident von Telesur ist Andrés Izarra, früherer CNN-Journalist und kurze Zeit venezolanischer Kommunikationsminister unter Chávez. „Telesur ist keine Waffe, um politische Modelle oder Ideen zu unterstützen“, betont Izarra in Interviews.

Anders sieht das der republikanische US-Abgeordnete Connie Mack. Weil Telesur und der arabische Nachrichtensender Al Jazeera jüngst bekannt gaben, künftig in Sachen Informationsaustausch, Technologie und Ausbildung zusammenzuarbeiten – für Izarra „eine Brücke zwischen den Kulturen“ –, fürchtet Mack jetzt ein „Fernsehnetzwerk für Terroristen und Feinde der Freiheit“ und fordert eigene Propagandasender, die nach Venezuela hineinstrahlen.

Die Frage ist, inwieweit Hauptgeldgeber Chávez bereit ist, in heiklen Situationen auf redaktionelle Einflussnahme zu verzichten. Zwar herrscht in Venezuela Pressefreiheit – wie die Mainstreammedien, die sich allesamt auf Chávez eingeschossen haben, beweisen –, doch hat sich die Lage in letzter Zeit verschlechtert: Mit dem „Gesetz der sozialen Verantwortung in Radio und TV“ führte Chávez im vergangenen Jahr Gefängnisstrafen für Journalisten ein, die sich „abfällig gegenüber Regierung und Behörden äußern“ oder „die Unwahrheit“ verbreiten.

„Dieses neue Gesetz hat zu einem Klima der Selbstzensur beigetragen“, sagt Robert Shaw, Menschenrechtsbeauftragter der International Federation of Journalists. Die Revolution hat erst begonnen.

Telesur bietet auf seiner Website www.telesurtv.net einen Live-Stream an.