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Fischereihauptstadt ohne Fisch

Die Hafenarbeiter von Navotas haben ihren Ort als Zentrum der Fischindustrie bekannt gemacht. Gleichzeitig sind sie die ärmste Bevölkerungsgruppe und kämpfen täglich ums Überleben.

Starker Fischgeruch, gemischt mit dem Gestank verfaulender Abfälle, weht uns entgegen, als wir mit dem Tricycle auf das Hafengelände fahren. Geschickt manövriert der Fahrer um braune Wasserpfützen. „Hier steht immer Wasser“, sagt meine Arbeitskollegin und hält sich ein Tuch vor die Nase. Das ist es also: „the Fishing Capital of the Philippines“. Mit 47 Hektaren Fläche ist der Fischhafen von Navotas bei Manila einer der größten Asiens.

Von Fisch ist jedoch noch nichts zu sehen. Stattdessen tuckern wir an kleinen Straßenläden, an Tanz- und Karaokebars vorbei. Eine Gruppe von Männern spielt in einem Lokal Billard, während Kinder und abgemagerte Hunde über die Straße laufen. Das Gelände wirkt wie eine Kleinstadt. Am Pier steigen wir aus, doch anstelle von Trubel, wie man es sich von einer Fischerei-Hauptstadt erwarten könnte, findet man nur verrostete Fischkutter, die traurig im Meer schaukeln. Dennoch ist der Hafen der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt. Tausende Menschen sind hier beschäftigt.

Die meisten von ihnen sind „batilyos“, wie die Hafenarbeiter genannt werden. Kuya Garlan, 42 Jahre alt, ist einer von ihnen. Eigentlich heißt er Jerry, doch wie es auf den Philippinen üblich ist, nennt ihn jeder beim Spitznamen. („Kuya“ist außerdem eine gängige Form der Anrede und heißt so viel wie „großer Bruder“.) Es ist fünf Uhr nachmittags und bereits dunkel. Kuya Garlan marschiert voran und zeigt uns das Gelände, das seit über zwanzig Jahren sein Arbeitsplatz ist. Er trägt FlipFlops, Shorts und ein Muskelshirt. Normalerweise aber erkennt man Hafenarbeiter an schwarzen Gummistiefeln und an einem langen Haken, den sie mit sich tragen.

Mit dem Haken heben sie die Kübel mit Fisch von den Schiffen, ziehen sie von einem Händler zum nächsten oder entladen LKWs, die ebenfalls Fisch anliefern. In der Hochsaison sollen täglich zwanzig Schiffe mit insgesamt 800 Tonnen Fisch einlaufen. Als wir ankommen, wird aber gerade mal ein Kutter von etwa dreißig Batilyos entladen. „Es ist noch früh“, sagt Kuya Garlan. „Vielleicht kommen um zehn Uhr mehr Schiffe“. Batilyos arbeiten stets abends bis früh in den Morgen. Tagsüber verdient Kuya Garlan außerdem als Straßenkehrer zusätzliches Geld, um seine neunköpfige Familie zu versorgen. Denn sein Lohn als Batilyo alleine reicht kaum aus. Er verdient umgerechnet nur 2,50 Euro täglich, wobei es auch Tage gibt, an denen der Fisch ausbleibt – und damit auch der Lohn.

Dann sitzen die Batilyos so wie heute am Wasser und warten. Einige schlafen. „Die Fischsaison beginnt im März“, sagt Kuya Garlan. „Aber es gibt immer weniger Fisch.“ Das sei klimatisch bedingt, erklärt er, Taifune werden in der Region immer häufiger. Dadurch können einerseits die Schiffe nicht auslaufen, andererseits ziehen die Fische in andere Gewässer. In solch schlechten Zeiten suchen die Batilyos andere Beschäftigungen, zum Beispiel am Bau oder als Rikschafahrer, während ihre Frauen als Kindermädchen, Haushälterinnen oder Straßenverkäuferinnen Geld verdienen. Manchmal sogar als Prostituierte in den Clubs. Oft müssen selbst die Kinder zum Haushaltseinkommen beitragen, indem sie entweder Süßigkeiten verkaufen oder wie die Erwachsenen als Batilyos am Hafen arbeiten. Kuya Garlans jüngerer Bruder war selbst erst acht Jahre alt, als er zu arbeiten begann.

Die Arbeitsverhältnisse am Hafen sind großteils informell, das heißt, die Batilyos sind nicht versichert und auch nicht organisiert. Zwar gab es früher eine Gewerkschaft, doch die ist zerstritten. Anstelle von Solidarität dominiert Konkurrenz unter den Arbeitern. Vor allem die steigende Bevölkerung drückt auf den Arbeitsmarkt: Das Distrikt rund um den Hafen gehört zu den dichtest besiedelten Gebieten im Großraum Manila. Auf 254 Hektar leben 70.000 Menschen. Die meisten von ihnen wohnen in fragilen Hütten aus Holz, Plastik und Wellblech. Sanitäranlagen fehlen oft. Die Stadtverwaltung ist überfordert und hat keine geeignete Lösung für die prekären Arbeits- und Wohnverhältnisse auf Lager. Sie tendiert stattdessen dazu das Problem durch Umsiedelungen aus den Augen zu schaffen. Dabei werden die Slums einfach demoliert, um beispielsweise Platz für „Entwicklungsprojekte“, wie eine neue Autobahn, zu machen. Die Bewohner werden dann in andere Provinzen gebracht, wo sie jedoch keine Arbeit finden. Als logische Folge ziehen die umgesiedelten Familien wieder zurück in die Slums von Navotas. Ein Teufelskreis.