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Gute Geister

Eine deutsche Ghostwriting-Agentur bietet akademische Arbeiten bis hin zur Dissertation in Österreich an – und verdient gut damit. Die Universitäten sind machtlos, das Wissenschaftsministerium interessiert sich nicht für das Problem.
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Junge, hübsche Menschen schmücken das Titelblatt der Broschüre, offenbar sollen sie Studenten darstellen. Aber sie sind nicht auf dem Weg in die Bibliothek oder Vorlesung. Kunden von Acad Write, das soll das Bild suggerieren, müssen dort nämlich nicht hin. Die Studenten müssen sich nur entscheiden: „Studium vs. Party? Lebensfreude vs. Prüfungsstress? Karriere vs. Freizeit? Privatleben und Karriereplanung scheinen häufig unvereinbar.“ Acad Write weiß da einen Ausweg. Oder leistet Beihilfe zum Betrug, je nach Sichtweise. Die Agentur bietet akademisches Ghostwriting an. Heißt: Wer will, kann sich seine Seminar-, Bachelor-, Diplomarbeit und sogar Dissertation von Acad Write schreiben lassen.

Alles, was die Agentur braucht: Titel, Umfang der Arbeit und eine Anzahlung. Der Rest läuft von alleine. Forschungsfragen, Hypothesen, Datenerhebung und -analyse – und zuletzt das Schreiben selbst. Macht je nach Aufwand rund 50 Euro pro Seite. Das heißt, für eine Bachelorarbeit von rund 40 Seiten müssen Studenten etwa 2.000 Euro hinblättern, für eine Diplomarbeit zwischen 3.000 und 6.000 Euro. Seit Februar ist die deutsche Agentur mit einem Büro in Salzburg vertreten. Denn die Ghostwriting-Industrie wächst, jetzt auch nach Österreich. Das behauptet jedenfalls die Agentur, und Statistiken zu Ghostwriting gibt es naturgemäß nicht. Geschäftsführer Thomas Nemet sagt, dass Acad Write seit der Gründung im Jahr 2004 etwa 5.000 Aufträge abgewickelt habe. Wie viele davon aus Österreich kamen, nennt er nicht. Es sei aber „kein geringer Anteil“.

Acad Write agiert in einer rechtlichen Grauzone, in der die Agentur kaum etwas zu befürchten hat. „Es gibt keine Regelung darüber, ob Ghostwriting zulässig ist oder nicht“, sagt Leonhard Reis, der am Juridicum der Universität Wien lehrt und sich als Rechtsanwalt mit Ghostwriting und Urheberrecht beschäftigt. Acad Write hält vertraglich fest, dass der Kunde die Arbeit, die er in Auftrag gibt, nicht als seine eigene einreichen darf – und ist damit auf der sicheren Seite. Während sich der Kunde strafbar macht, falls er es doch tut. Abseits dessen versucht Acad Write nicht einmal im Ansatz, den eigentlichen Zweck der bestellten Arbeiten zu verschleiern. Im Kontaktformular auf der Website können die Kunden die Art der Arbeit angeben, die sie gerne hätten: Diplomarbeit, Bachelorarbeit, Dissertation und so weiter. Wird damit nicht klar, dass es um Betrug geht? Thomas Nemet seufzt. Er spricht nicht gern über seine Agentur, wirkt am Telefon genervt, antwortet ausweichend und knapp. „So kann man den Anspruch der Arbeit bestimmen“, sagt der Deutsche. „Natürlich ist eine Seminararbeit weniger rechercheaufwendig als eine Diplomarbeit.“

Um herauszufinden, wie explizit die Agentur wird, hat DATUM unter einer erfundenen Identität Interesse an einer Bachelorarbeit zum „chinesischen Finanzsystem in Zeiten der Wirtschaftskrise“ bekundet. Und wollte in einer E-Mail wissen, ob es eine Garantie gibt, dass die Arbeit auch gut benotet wird. Die Antwort folgte keine drei Stunden später: „Selbstverständlich ist dieses garantiert.“ Kein Wort davon, dass die Arbeit nicht abgegeben werden darf. Für die Motive der Kunden interessiert sich Nemet nicht, schließlich ist er lediglich Geschäftsmann: „Uns geht es darum, Umsatz zu generieren.“ Um den zu garantieren, bietet die Agentur ein Rundumpaket an: Über 200 „hoch qualifizierte Mitarbeiter“ sorgen laut Broschüre für die „bestmögliche Leistung“. Spezialisten in BWL, Jus, Soziologie und Philosophie, die laut Agentur mindestens einen akademischen Titel haben. Sogar auf Plagiate werden die Texte geprüft. Und auch Zeitdruck soll überhaupt kein Problem sein. „Immer dann, wenn es ganz schnell gehen muss, laufen wir zur Höchstform auf. Feste Bürozeiten oder Feiertage kennen wir nicht“, heißt es in der Broschüre. Nach der Fertigstellung kann der angehende Akademiker sogar Korrekturwünsche angeben. Trotzdem sagt Nemet: „Was die Kunden mit den Texten machen, geht mich nichts an. Der Waffenhändler ist auch nicht schuld, wenn Sie Ihren Schwiegervater erschießen.“ Allerdings garantiert der Waffenhändler vermutlich auch nicht, dass der Schwiegervater auch sicher tot ist, wenn man mit der bei ihm erworbenen Waffe auf ihn schießt.

Heinrich, der eigentlich anders heißt, ist auskunftsfreudiger als Nemet. Auch der 29-Jährige hat als Ghostwriter gearbeitet, im kleinen Rahmen und ohne Agentur. Heute forscht und lehrt er an einer deutschen Universität, doch als er noch in Österreich und arbeitsloser Doktor der Sozialwissenschaften war, hat er sich damit über Wasser gehalten, für Studenten wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen. Hauptsächlich Seminararbeiten, aber auch eine Diplomarbeit. 3.000 Euro hat er für die Abschlussarbeit verlangt. 

Es seien vor allem zwei Typen von Studenten, die die Dienste von Ghostwritern in Anspruch nehmen, sagt er: solche, die keine Zeit für die Uni haben, und solche, die einfach überfordert sind. Zweitere seien in der Mehrheit. Heinrich geht mit seinen Kunden hart ins Gericht: „Viele, die an die Universität gehen, sind nicht einmal imstande, zu lesen und zu schreiben. Die Leute sind total blank!“ Nicht Titelgeilheit, sondern Überforderung sei meistens der Grund, sich an ihn oder einen seiner Kollegen zu wenden.

Ghostwriting nährt sich von den Zuständen an den Universitäten, von überfüllten Hörsälen, überforderten Professoren und der Anonymität des Massenstudiums. „Es gibt Professoren, die 150 Diplomanden gleichzeitig betreuen“, sagt Gerhard Fröhlich, der Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Johannes-Kepler-Universität Linz lehrt und die Initiative „Transparente Wissenschaft“ mitbegründet hat. Und wer seine Diplomanden nicht einmal kennt, kann unmöglich überprüfen, ob sie ihre Arbeiten selbst geschrieben haben. Laut den zuletzt veröffentlichten Zahlen gab es im Studienjahr 2008/09 etwas mehr als 36.000 Studienabschlüsse an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen – rund 15.000 mehr als noch 2002/03. Die Zahl der Studenten stieg im selben Zeitraum von rund 227.000 auf fast 310.000. Die Professuren sind dagegen kaum mehr geworden: 2.073 Professoren lehrten 2003, Ende 2009 waren es 2.203.

So ist es kein Wunder, dass in Österreich noch kein einziger Fall von Ghostwriting aufgeflogen ist, obwohl Acad Write hier so viele Kunden hat, dass sich eine Dependance rechnet. Der Salzburger Medienwissenschaftler Stefan Weber hat sich als „Plagiatsjäger“ einen Namen gemacht, unter anderem den ehemaligen Wissenschaftsminister und aktuellen EU-Regionalkommissar Johannes Hahn (ÖVP) des Plagiats bezichtigt. Weber glaubt, dass er als „Ghostbuster“ wenig Erfolg hätte: Ghostwriting sei zwar ein „Riesenproblem“, das aber allen „wurscht“ sei. Und: „Niemand weiß, wo man beginnen soll, Ghostwritern auf die Schliche zu kommen.“ 

Auch Heinrich hatte nie Angst, dass er von seinen Kunden geoutet wird: „Die hätten sich ja ins eigene Fleisch geschnitten. Schuld ist derjenige, der bezahlt.“ Und er würde teuer bezahlen: Laut Rechtsanwalt Reis würde ihm nicht nur der akademische Titel aberkannt, es könnte ihm auch eine Anzeige wegen Betrugs ins Haus flattern. Sollte die Arbeit auch noch eine eidesstattliche Erklärung beinhalten, die besagt, dass die Arbeit selbst verfasst wurde – das ist an manchen österreichischen Universitäten Pflicht –, wäre der Betrug sogar ein schwerer. Die Höchststrafe dafür laut Reis: bis zu drei Jahre Haft. 

Sollte es zu einer Betrugsanklage kommen, könnte aber auch der Ghostwriter Probleme bekommen. „Er könnte theoretisch als Beitragstäter zum Betrug angeklagt werden“, sagt Reis. Dann nütze auch die Schutzklausel von Acad Write wenig. Wenn die Agentur bei der Annahme des Auftrags die Absichten des Kunden kennt, reiche es nicht, im Nachhinein vertraglich darauf hinzuweisen, dass er den Text nicht einreichen darf. „Es zählt das Gesamtvertragsverhältnis“, sagt Reis – also alle Vereinbarungen und Gespräche mit dem Kunden. Die Gefahr, dabei aufzufliegen, geht allerdings gegen null: wo kein Kläger, da kein Richter. „Die Unis haben gar kein Interesse daran, dass Fälle auffliegen“, sagt Stefan Weber. Vor allem in Massenstudien gehe es nur darum, die Absolventen durchzuschleusen. Inhalte seien egal, schimpft er.

In den Rektoraten der Universitäten sieht man das natürlich anders. „Die Unis wissen von dem Problem und wehren sich, so gut es geht“, sagt Karl Sandner, Vizerektor für Lehre an der Wirtschaftsuniversität Wien. Wenn er über Ghostwriting spricht, endet das in einer generellen Anklage der Gesellschaft: Das Problem habe damit zu tun, „dass wir in der Postmoderne leben, wo die Grenzen zwischen Richtig und Falsch verschwimmen“, dass „gesellschaftliche Leitbilder und Werte verfallen“ und dass „Politiker ohne offensichtliches Unrechtsbewusstsein Korruption betreiben“. Und da, sagt Sandner, „da stellt sich die Frage, woran sich die Jungen orientieren sollen“. Allerdings hat auch die WU sehr spät begonnen, den moralischen Verfall der Gesellschaft aufzuhalten: Erst vor drei Jahren hat sie eine Informationskampagne zum richtigen Umgang mit wissenschaftlicher Literatur gestartet, daneben eine verpflichtende Lehrveranstaltung zum wissenschaftlichen Arbeiten eingeführt. Ghostwriter werden damit wohl weder auffliegen noch verschwinden.

Tatsächlich stehen die Universitäten den Ghostwritern ohnmächtig gegenüber: Einerseits können sie rechtlich nicht gegen Anbieter von Ghostwriting vorgehen, andererseits sind Ghostwriter nicht so leicht zu enttarnen wie Plagiatoren. Die Technische Universität Wien bastelt gerade an einer Software, die die Geister sichtbar machen könnte – auch wenn sie eigentlich vor allem in der Forensik ihre Anwendung findet. Anhand stilistischer Merkmale wie Wortwahl und Satzstruktur könnte herausgefunden werden, ob jemand einen Text wirklich selbst verfasst hat. Allerdings: „Für Massenscreenings ist die Software nicht einsetzbar“, sagt Andreas Rauber, Dozent am Institut für Softwaretechnik und I­nteraktive Systeme der TU.

Für die Analyse von Diplomarbeiten und Dissertationen wäre der Aufwand derzeit zu groß. „Man bräuchte ausreichende Datenmengen, um treffsichere Aussagen tätigen zu können“, sagt Rauber. Eine Seminararbeit mit der Diplomarbeit zu vergleichen reiche nicht. „Außerdem verändert sich der Schreibstil eines Studenten im Lauf des Studiums.“ Sinnvoller wäre es, ein Sample von 100 Diplomarbeiten zu vergleichen. Sollte derselbe Ghostwriter mehrere Arbeiten verfasst haben, würde es auffallen. 

Das ist allerdings noch Zukunftsmusik, und die einfachste Möglichkeit wäre sowieso, Ghostwriting-Agenturen rechtlich in die Schranken zu weisen. „Man müsste einfach die Beihilfe zu Plagiaten und sonstigen Betrugs- und Täuschungsmanövern unter Strafe stellen“, sagt Gerhard Fröhlich von „Transparente Wissenschaft“. „Es ist problematisch, dass Anbieter solcher Dienste mit keinen Konsequenzen zu rechnen haben“, sagt auch Georg Winckler, Rektor der Universität Wien. Man solle über gesetzliche Änderungen nachdenken, darüber, Ghostwriting-Angebote überhaupt zu verbieten.

„Wir haben beim Wissenschaftsministerium mehrmals urgiert“, sagt Winckler. Erfolglos. „Die etwaige Sanktio­nierung von Ghostwriting-Angeboten fällt nicht in den Kompetenzbereich des Wissenschaftsministeriums“, sagt Elisabeth Grabenweger, Sprecherin von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Des Weiteren sei beim Studienrecht „derzeit keine Änderung geplant“. Das Ministerium scheint kein Interesse daran zu haben, die Unis bei der Geisterjagd zu unterstützen. Und während sich die Diskussion im Kreis dreht, prophezeit Ex-Ghostwriter Heinrich anlässlich der Betreuungsverhältnisse „fantastische Zeiten“ für die Branche: „Es wird immer Kundschaft geben.“