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Herr der Artischocken

Im krisengebeutelten Spanien sorgt ein Bürgermeister für Vollbeschäftigung und billige Häuser. Die Krise und der Verdacht undemokratischer Praktiken bedrohen den Fortbestand seiner Utopie.
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Er ist überall. Wie eine bärtige Mona Lisa mit Palästinensertuch lächelt er Passanten von Häuserwänden, Mülltonnen und Strommasten entgegen. Aufdringliche Werbebotschaften fehlen auf dem Weg, der von runden Orangenbäumen gesäumt ist. Stattdessen sprechen mit dicken Pinseln bemalte Hauswände und Mauern von „Frieden, Brot und Arbeit“ oder fordern auf, den Fernseher aus- und das Gehirn einzuschalten. Der väterliche Blick der bärtigen Mona Lisa verfolgt die Vorbeigehenden weiter – wie die echte Mona Lisa im Louvre, die einen immer im Auge behält, egal ob man links oder rechts von ihr steht. Die Mittagssonne vertreibt die kalte Morgenluft aus den Straßen, die von plattgefahrenen braunen Orangen übersät sind. Dazwischen rollt ein weißer Wagen in Schrittgeschwindigkeit und mit großen Lautsprechern heran, aus denen eine aufdringliche weibliche Stimme mantraartig wiederholt: „Morgen wird in der Fabrik gearbeitet. Morgen wird in der Fabrik gearbeitet.“ 

Das also ist der Ort, an dem es keinen einzigen Arbeitslosen geben soll, in dem der Traum vom Eigenheim mit 15 Euro im Monat wahr wird und wo die Sozialdemokraten den rechten Rand des politischen Spektrums Spaniens bilden.

Der allgegenwärtige Mann heißt Juan Manuel Sanchez Gordillo, und seine unzähligen Porträts hängen in Marinaleda, einem 2.800-Einwohner-Dorf in Andalusien, dessen Bürgermeister er seit mehr als 30 Jahren ist. Die „autonome Republik Marinaleda“, wie das aufmüpfige Dorf in den Nachbarorten genannt wird, ist der Schrecken andalusischer Großgrundbesitzer. Heute hat Sanchez Gordillo sein Markenzeichen, das Palästinensertuch, nicht um den Hals gewickelt. Vielleicht, weil es mit 25 Grad etwas zu heiß ist, obwohl wir schon November haben. Reflexartig greift er nach einer Zeitschrift und fängt wahllos in ihr zu blättern an. „Was willst du?“, fragt Sanchez Gordillo, während Che Guevera herzhaft von der Wand über ihm lacht. Die lange Amtszeit und der graumelierte Bart des Bürgermeisters erinnern mehr an Fidel Castro. Neben dem Tisch hängt eine rot-gelb-violette Flagge an der Wand – Symbol der von Franco 1939 gewaltsam zerschlagenen Zweiten Spanischen Republik.

„Ich bin Antikapitalist, Öko, Pazifist und Utopist“, stellt sich Sanchez Gordillo vor. Marinaleda ist seine wahr gewordene Utopie. Seit er 1979 bei der ersten demokratischen Wahl nach dem Ende der Franco-Diktatur als 21-Jähriger zum Bürgermeister gewählt wurde, hat er Marinaleda Jahr für Jahr seinem Traum von einer idealen Gesellschaft näher gebracht. Wie schafft es Marinaleda, trotz Krise Vollbeschäftigung zu haben? Spanien hat mit über 20 Prozent die höchste Arbeitslosenrate in der EU, Andalusien erreichte Ende 2011 die traurige Rekordmarke von 30 Prozent. „Weil wir investieren, statt zu kürzen, wie es die Regierung Zapatero macht“, sagt der Bürgermeister. Mittlerweile ist Zapatero abgewählt und durch seinen konservativen Konkurrenten Mariano Rajoy ersetzt worden, an der Regierungsstrategie hat sich wenig geändert. Hauptarbeitgeber im Dorf ist der landwirtschaftliche Genossenschaftsverband El Humoso, dessen Produkte über die Marke Humar vertrieben werden. Auf 1.200 Hektar werden Oliven und Artischocken angebaut, aber auch Paprika und Saubohnen. Die werden nach der Ernte in der ebenfalls im Dorf angesiedelten Dosenfabrik weiterverarbeitet.

Dolores Tejadas steht bei der Waage. Die Artischockenherzen wackeln gemütlich über das Fließband, während die Bee Gees mit ihren fadendünnen Stimmen die Fabrikhalle mit guter Laune überdecken. Ihre in grüne Gummihandschuhe verpackten Hände greifen nach den bleichen Herzen und legen sie behutsam, aber zügig auf die Waage. Seit zwölf Jahren, also seit es die Fabrik gibt, arbeitet Dolores hier. 

„In der Fabrik ist es viel besser als auf dem Feld. Die Arbeit erfüllt mich irgendwie mehr“, sagt die 49-Jährige. Früher, also bevor Sanchez Gordillo den „proceso“, den Revolutionsprozess, in Gang setzte, war sie so wie hunderte andere im Dorf Tagelöhnerin. Das bedeutete intensive und harte Arbeit während der Erntezeit von Mitte September bis Jänner und Arbeitslosigkeit für den Rest des Jahres. In ganz schwierigen Jahren musste sie auch schon mal Arbeit in anderen, mehr als hundert Kilometer entfernten Regionen annehmen. Manchmal hatte sie Glück und konnte im benachbarten Estepa in der Keksfabrik arbeiten. Bis in die Achtzigerjahre hinein war Hunger nichts ­Unübliches in Marinaleda, und die Kinder gingen schon mal am Feld arbeiten statt in die Schule. 

Die Geschichte der Genossenschaft El Humoso ist fester Bestandteil der Dorfidentität und wohl auch der größte Stolz der Marinaledaer. Zwölf Jahre lang besetzten die Dorfbewohner unermüdlich jeden Sommer die Finca des Herzogs von Infantado, einem ehemaligen Militärkommandanten und Franco-Getreuen. Zu Fuß pilgerten die meisten von ihnen die 16 Kilometer nach El Humoso und trotzten der gleißenden Sommerhitze, hier im heißesten Eck Europas. Straßenblockaden, die Lahmlegung von Bahnstrecken und Flughäfen begleiteten die Landbesetzungen. Mit diesen Aktionen hat sich das Dorf in ganz Spanien einen Namen gemacht. Es war ein langer und harter Kampf um El Humoso, erinnert sich Dolores. Vor allem, weil keiner wusste, ob sie Erfolg haben würden. Doch auch die Knüppelschläge der Guardia Civil, Geld- und Gefängnisstrafen konnten den Willen der kämpferischen Tagelöhner nicht brechen. 1991, ein Jahr vor der Expo-Eröffnung in Sevilla, war die Geduld der Politiker am Ende. Andalusien kaufte dem Herzog das Land zum Marktpreis ab und gab es gratis an Marinaleda weiter. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so viel erreichen würden“, sagt Dolores. 

Der Süden Spaniens ist bis heute geprägt von Latifundien. Ein großer Teil ist nach wie vor im Besitz von Adeligen wie der Herzogin von Alba, deren von Schönheitsoperationen entstelltes Gesicht die Seiten von Klatschzeitschriften füllt. Mit geschätzten 34.000 Hektar andalusischen Landes führt sie die Liste der hiesigen Großgrundbesitzer an und kassiert über ein komplexes Netzwerk von Agroindustriefirmen EU-Agrarsubventionen in Millionenhöhe. Diese Agrounternehmen setzen natürlich auf Maschinen statt auf menschliche Arbeit.

Das erklärte Ziel der Genossenschaft El Humoso hingegen ist, Arbeitsplätze zu schaffen. Den jährlichen Umsatz, den die Genossenschaft erwirtschaftet, beziffert deren Geschäftsführer Antonio Aires auf fünf Millionen Euro. Der Gewinn macht rund drei Prozent aus. Das sei nicht viel, aber man versuche eben, eine gesunde Balance aus größtmöglicher Anzahl von Arbeitsplätzen und Rentabilität zu halten, sagt Aires. Laut Sanchez Gordillo beschäftigt die Genossenschaft 300 bis 400 Menschen pro Jahr. Jeder verdient das Gleiche: 1.200 Euro – egal ob Arbeiterin am Fließband, Arbeiter auf dem Feld, Sekretärin oder Bürgermeister. „Alles, was ich darüber hinaus verdiene, spende ich der Gemeinde, der Genossenschaft oder NGOs wie Ärzte ohne Grenzen“, sagt der Bürgermeister, der für die Izquierda Unida (Vereinigte Linke) auch im andalusischen Regionalparlament sitzt. Sein Jahresbruttogehalt beträgt laut eigenen Angaben mehr als 57.000 Euro.

Was angebaut wird, worin investiert werden soll, das entscheiden die sieben Genossenschafter von El Humoso auf eigenen Versammlungen. Sanchez Gordillo ist immer dabei, obwohl er kein Genossenschafter ist. Das gilt auch für alle Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Zwischen 50 und 60 Versammlungen finden jährlich in Marinaleda statt. Da stimmen die Dorfbewohner über alles ab: wie das Dorfbudget eingesetzt wird, welche Arbeiten am „Roten Sonntag“ ausgeführt werden, an dem Freiwillige öffentliche Plätze instandhalten, wie groß das geplante Altersheim werden soll, wer in die 15-Euro-Häuser einziehen darf.