Lebensarten
Historische Ausnahme
In der Ely Cathedral, dem anno domini 673 von der angelsächsischen Prinzessin Etheldreda gegründeten Gotteshaus in der mittelenglischen Grafschaft Cambridgeshire, ereignet sich an diesem Abend ein kleines Wunder. Vorne beim Altar, wo üblicherweise aus der Heiligen Schrift vorgetragen wird, spricht heute ein Mann lobend über Bücher, in denen Priester als raffgierig und Bischöfe als machtbesessen geschildert werden. Das Wunder ist dabei weniger, dass dem Mann diese Bücher vernehmlich gut gefallen. Wie könnte es auch anders sein? Er hat sie selbst geschrieben. Das eigentliche Wunder ist, dass die Church of England nichts dagegen hat, ihn in ihrer ehrwürdigen Kathedrale über falsche Heilige und nicht minder unechte Reliquien sprechen zu lassen.
Ein ungewöhnlicher Veranstaltungsrahmen also, der aber perfekt zur Ausnahmeerscheinung Bernard Cornwell passt. Über 20 Millionen Bücher des 67-jährigen britischen Autors wurden laut seinem Verlag HarperCollins bisher weltweit verkauft. Der Großteil davon freilich im englischen Sprachraum. Dort gelangte Cornwell mit den Kriegserlebnissen Richard Sharpes, eines englischen Soldaten zur Zeit Napoleons, zu erstem Ansehen und einer großen wie treuen Lesergemeinde. 24 Abenteuer hat Cornwell seinen populären Serienhelden in 30 Jahren bereits bestehen lassen. Als Glücksfall für die Verkaufszahlen erwiesen sich die TV-Adaptionen der Sharpe-Romane durch den britischen Sender ITV. Darin brilliert der zwischenzeitlich als Boromir in der „Herr der Ringe“-Trilogie zu Weltruhm gekommene Schauspieler Sean Bean in der Rolle des englischen Soldaten. Aber Sharpe sollte für Bernard Cornwell nur die Ouvertüre zu einem mittlerweile schwer überschaubaren Gesamtwerk sein. Längst tummeln sich im literarischen Kabinett des in den USA lebenden Autors weitere Serienhelden auf der Zeitachse der englischen Geschichte.
Der Bogenschütze Thomas von Hookton etwa, den Cornwell zugleich in den Hundertjährigen Krieg mit Frankreich und auf die Suche nach dem Heiligen Gral schickt. Der Wikingerziehsohn Uthred, ein sächsischer Krieger an der Seite Alfreds des Großen im Kampf mit dänischen Invasoren des neunten Jahrhunderts. Und nicht zuletzt Derfel Cadarn, der in der Königsdisziplin englischer Mythenbildung und Geschichtsschreibung antreten darf: der Legende um König Arthur und dessen Schwert Excalibur.
Mit diesem Personal deckt Cornwell nunmehr gut 1.300 Jahre der englischen Geschichte ab. Das Muster seiner Erzählungen handhabt der Autor dabei stets gleich. Vor faktisch belegtem Hintergrund lässt er einem fiktiven Helden freien Lauf. Dass er ihn dabei nie ganz von der zeitgeschichtlichen Leine lässt? Ein Muss für den studierten Geschichtswissenschaftler, vormaligen Lehrer und BBC-Journalisten! Dass er die von ihm gewählten Epochen äußerst bildreich und eindringlich zum Leben erweckt? Ein Genuss für den Leser! Selbst auf die „Dark Ages“, das dunkle Zeitalter britischer Chroniken, richtet Cornwell seine Scheinwerfer und leuchtet die Mythen um Arthur, Merlin, Guinevere, Mordred, Lancelot & Co. neu aus. Der detailbewusste Rechercheur verwechselt sich aber trotz aller Faktentreue keineswegs mit einem Historiker: „In erster Linie bin und bleibe ich ein Geschichtenerzähler. Mein Job ist es zu unterhalten, nicht zu erziehen.“ Eine Einschränkung, die sich auch andersrum sehen lässt: Weil Cornwell Geschichte in lebendige Unterhaltung verwandelt, machen verstaubte Epochen plötzlich vielen Menschen richtig Spaß. Zu den Büchern Cornwells können daher auch jene Skeptiker greifen, die zum Genre „Historischer Roman“ bislang Distanz hielten. Nicht wenigen Belletristik-Liebhabern gilt diese Disziplin schließlich als Niederung der Literatur. Knapp oberhalb der Science-Fiction- und Fantasy-Schamgrenze angesiedelt, aber noch deutlich unter dem längst geadelten Schmuddelgenre früherer Jahre: dem Kriminalroman.
„Historische Romane“ – diese neu erstandenen Abteilungen bei Thalia, Morawa, Hugendubel und der Mayerschen Buchhandlung sind noch immer No-Go-Areas für Leser mit Anspruch. Aus nachvollziehbaren Gründen: Wenn auch der über Dünkel erhabene Umberto Eco und das 2009 mit dem Booker-Preis bedachte „Wölfe“ von Hilary Mantel hier vertreten sind, wird das Gros des Angebots doch nach wie vor von Titeln wie „Die Wanderhure“, „Töchter der Sünde“, „Der Schwur der Sünderin“, „Die Teufelshure“, „Der Traum der Hebamme“ und Klappentexten wie diesem bestimmt: „Burg Falkenberg, Oberpfalz, 1192. Obwohl ihr Herz dem Ritter Floris gehört, heiratet Gerlin von Falkenberg auf Wunsch ihres Vaters den erst vierzehn Jahre alten Erben der Grafschaft Lauenstein.“ Eine angedrohte Handlung, die die dafür verantwortliche, „1958 in Bochum geborene Schriftstellerin“ offenbar doch nicht mit eigenem Namen vertreten möchte – sie schreibt unter dem Pseudonym Ricarda Jordan. Wen das in Summe an schlecht getarnte Neuprägungen einstiger Groschenliteratur erinnert, der geht vermutlich nicht fehl.
Dies allerdings auch auf die Bücher Cornwells umzumünzen wäre ein gravierender Fehler. Bernard Cornwell ist tatsächlich die Ausnahmeerscheinung seines Genres. Ihn irgendwo zwischen Hilary Mantel und Ricarda Jordan schubladisieren zu wollen, um das Phänomen seines Erfolges besser erklärbar zu machen, könnte falscher nicht sein. So wenig es ihm um Mittelalter-Schmonz geht, so wenig ist er nämlich Mittelmaß. Darum steht er aktuell auch dort, wo er steht: auf Großbritanniens Bestsellerlisten und dem geschichtsträchtigen Boden der Kathedrale der ostenglischen Kleinstadt Ely, eine Zugstunde nordwestlich von London.
Der ob seiner literarischen Leistung 2006 zum „Officer of the British Empire“ (OBE) ernannte Schriftsteller ist für ein paar Tage in seine alte Heimat zurückgekehrt. Ein neues Buch gilt es zu bewerben: „Death of Kings“, das jüngste Abenteuer des forschen Uthred. Und der Präsentationsort des heutigen Abends ist dafür gut gewählt. Nicht nur der Kathedrale wegen. Ein paar Straßen weiter kann ein Wohnhaus Oliver Cromwells besichtigt werden, der vor seiner Karriere im Englischen Bürgerkrieg auf der damals von Sümpfen umgebenen Isle of Ely Steuern einhob. Sümpfen, die einer anderen, mythischen Figur einst Versteck geboten haben: Hereward the Wake, einem legendären Widerständler gegen die Normannen.
Englischer Bürgerkrieg, Hereward – eigentlich perfekte Stoffe für Bernard Cornwell. Der ist aber nicht aus Recherchegründen nach Ely gekommen, sondern um vor gut 100 Zuhörern den Handlungsbogen von „Death of Kings“ darzulegen. Dass sich dieser Titel auch auf ihn, den laut Verlagsangaben „unangefochtenen König des historischen Romans“, beziehen könnte, lässt sich schon nach wenigen Minuten ausschließen. Graues Haar, weißer Vollbart und randlose Brille erweisen sich der Aura eines historischen Romanciers als absolut würdig. Mit einem elegant gehaltenen Rotweinglas, aus dem er während des 35-minütigen Vortrags kein einziges Mal trinken wird, stolziert Cornwell den zur Bühne umfunktionierten Altarbereich des Kirchenbaus ab. Über seinem Kopf flattert, von ihm unbemerkt, eine Fledermaus. Zu ebener Erde treibt er mit tiefer Stimme seine Rede voran. Ohne Vorlage, ohne Hänger, ohne die kleinste Sprachunsicherheit. Die Ausnahmeerscheinung unter den Geschichteschreibern kann auch verdammt gut vortragen. Zudem weiß er sein Publikum zu bedienen und sichere Pointen zu setzen. Den Triumph englischer Bogenschützen über ein französisches Ritterheer in der 1415 ausgetragenen Schlacht von Azincourt bezeichnet er im Fußballjargon als great away-win, einen tollen Auswärtssieg. Die Liebe zu Cricket und richtigem Bier, Seitenhiebe auf seine Wahlheimat USA, wird gleich mehrfach betont. Auch die logische Spitze gegen se Germans darf in diesem Reigen nicht fehlen.





