Clemens Berger: Hojac
Hojac im 13A
Hojac: Diese Überschriften! „Rot in hell“. Wir leben in finsteren Zeiten, ein argloses Wesen ist selten. Wie kann man sich über den Tod eines Menschen freuen? Widerlich, unmenschlich, um keinen Deut besser. Der hat Familie, eine ziemlich große sogar, da gibt es Frauen, die trauern, Kinder, die ihren Vater nie wiedersehen, Brüder und Schwestern, die sich nicht verabschieden konnten. Über dem Meer verstreut? Nach islamischem Ritus? Natürlich, glauben wir aufs Wort. Sieh einer an, wie sollen die alle hineinpassen? Gibt es etwas umsonst? Freibier? Freiminuten? Hojac, du musst dir Verwunderung eingestehen, wenn so viele Menschen auf einmal irgendwo hinwollen. Gerade so fuhren die New Yorker Barbaren in U-Bahnen und Bussen in den Südwesten, um den Tod eines Menschen zu feiern, als wäre es ein Basketballspiel. Ohne Prozess, auf fremdem Boden, kaltblütig exekutiert. Rechtsstaatlichkeit? Fairer Prozess? Woher hatten sie seine DNA zum Abgleich, in the first place? Wenn Hojac bedenkt, dass er einmal Detektiv werden wollte, spürt er eine alte Saite in ihm angeschlagen werden. Eye of the tiger. Jetzt wird alles noch schlimmer, Zauberlehrling et cetera. Der hatte doch, will man schon glauben, es habe diesen Bösewicht gegeben, den man jahrelang nicht finden konnte und immer dann aus der Mottenkiste zog, wenn man ihn brauchte, nichts mehr zu melden. Erstaunlich, dass ich in mir noch besser spreche als außer mir, sozusagen. Brächte ich meine innere Stimme aus mir, ich wäre längst – aber das will ich ja gar nicht, mir genügt das Wissen, alles sein zu können. Ja, seht mich nur an, ihr Seltsamen, denkt euch nur, was ihr denken wollt. Ihr Lemuren habt keinen blassen Schimmer von Hojac, er ist ein anderer, j’est un autre, nicht je suis, bloß das weiß überhaupt keiner von euch, die ihr mich anstarrt, als wäre ich nicht jemand, der sich endlich gefunden hat. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich. Wie die rempeln, unerträglich, lauter kleine Rumpelstilzchen, Rempelstilzchen eigentlich, Zivilisationsgrad verheerend. Dass es nicht unbedingt gut riecht hier, müsste ebenfalls konstatiert werden, allerdings, Hojac, merke auf: Wo Menschen sind, sind Gerüche, wo viele Menschen sind, sind viele Gerüche, und unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen riechen unterschiedlich, weil sie unter unterschiedlichen Umständen in unterschiedlichen Unterkünften leben und unterschiedlich essen. Aha, und warum setzt sich der nicht? Hat wohl Angst vor einem Selbstmordattentat, während die wirklichen Terroristen. Whatever: Da hat Hojac wieder einmal Glück. Nun kann er sich. Oh. Gut. Jetzt verstehe ich, warum der sich nicht setzt, jetzt verstehe ich auch, warum sich niemand. Andererseits ist daran nicht das Mindeste zu verstehen. Wohin man blickt, ist die Empathie ausgemerzt, keine Nächstenliebe, kein Verständnis für die Andersheit des anderen. Seht mich nur an. Ich weiß, was ihr denkt – dass der im Bus fährt! Aber erstens bin ich nicht der, und zweitens verstecke ich mich nicht länger, ich habe meine Würde, Würde und Brot, darum ist es dem Menschen zu tun, nur, Würde ist noch wichtiger, und drittens: Bitte sehr, hier sitze ich, ich kann und will nicht anders. Hättet ihr nicht gedacht, was? Nicht urteilen, verurteilen und sich im schlimmsten Fall über den Tod eines Menschen freuen. Dabei riecht der doch gar nicht. Gut, Hojac, sei ehrlich: Er riecht, und riechen ist ein Euphemismus. Bier, Zigaretten, Schnaps wahrscheinlich, ja, definitiv Schnaps, der Rest dürfte vom Haar kommen, die Kleidung wurde wohl länger. Aber das heißt nicht, dass das kein Mensch ist. Das ist ein Mensch, der es nicht leicht hatte im Leben, und Hojac ist sich nicht nur nicht zu schade, sondern setzt sich neben ihn wie neben jeden anderen auch. Hojac, das gebrannte Kind, das es auch nicht leicht hatte im Leben, vorverurteilt niemanden. Hättet ihr nicht gedacht, ihr Heuchler. Seht, wie ich ganz normal sitze neben dem. Soziale Segregation, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts! Wenn er schwarz wäre, wäre es mir noch lieber, das heißt: Es wäre mir nicht lieber, weil ich ein Freund aller Menschen bin, aber hier sähe man mich anders, setzte ich mich neben einen schwarzen Obdachlosen. Kaum Zähne, vielleicht drogensü…, substanzabhängig, fahle Haut, glasige Augen, aber: Ich darf ihn nicht länger betrachten, als ich jeden anderen betrachten würde. Anstupsen muss er mich deswegen aber nicht. Hojac stupst andere auch nicht an. Selbstgespräche, meinethalben, deswegen muss man noch lange nicht die Nase rümpfen, ihr Schönwetterhumanisten. Tut doch jeder, nur nicht –
Junkie bedeutet Hojac, die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen: Was hörst da?
Hojac: Äthiopischen Jazz.
Junkie: Warum?
Hojac: Weil wir unter Jazz nur amerikanischen oder europäischen verstehen und darüber vergessen, dass –
Junkie: Darf ich mithören?
Hojac: Ich fahre nur –
Junkie: Einen Stöpsel, bitte.
Hojac: Aber der rechte passt nicht in das –
Junkie: Dann gib mir beide.
Hojac: Andererseits: rechts oder links, nicht so wichtig. Gibt ihm den rechten Stöpsel, steckt sich den linken ins rechte Ohr, zu sich: Hojac denkt jetzt nicht an die Möglichkeit des Ohrenschmalzes.
***
Hojac: Verzeihen Sie, ich müsste dann aussteigen.
Junkie: Na geh, bitte, das is grad urleiwand.
Hojac: Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, kann ich Ihnen gern –
Junkie: Nur weil ich so ausseh, oder?
Hojac: Ich muss wirklich –
Junkie: Oida, bitte, mir geht’s heute echt nicht gut.
***
Hojac: Verzeihen Sie, wo steigen Sie eigentlich aus?
Junkie: Die Nummer is a Wahnsinn.
Hojac: Ich brenne Ihnen das Album, kein Problem, wenn Sie –
Junkie: Der Drummer is Hammer.
***
Hojac: Verzeihen Sie, das ist die Endstation.
Junkie: Kannst mich bitte nicht dauernd unterbrechen?
Hojac: Ich müsste aber –
Junkie: Guter Geschmack, echt.
***
Hojac: Verzeihen Sie, aber jetzt sind wir wieder, wo ich ursprünglich –
Junkie: Noch a Runde, bitte, nur noch eine.
Hojac: Noch eine Runde?!
Junkie: Du weißt gar nicht, wie geil das in dem Zustand ist.
Hojac: Ich muss schleunigst wo –
Junkie: Die nächste Nummer noch, okay?
***
Kontrolleur: Ihre Fahrausweise bitte.
Hojac: Moment. Hier.
Kontrolleur: Danke. – Jesusmaria, du schon wieder. Gratuliere, neuer Wochenrekord.
Hojac: Seit wann kennen Sie den Herrn?
Kontrolleur: Warum?
Hojac: Weil Sie ihn duzen.
Kontrolleur: Ich duze, wen ich will. Sagen Sie, sind Sie nicht –
Hojac: Nein, bin ich nicht. Mein Name ist Hojac, Peter Hojac, Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen, dem Großvater von einer minderheitenfeindlichen Bürokratie ausradiert, was jetzt nur insofern von Bedeutung ist, als Sie offenbar gewisse zivilisatorische Mindeststandards unterschreiten. Der Herr neben mir –
Kontrolleur: Fährt gern in diesem Bus und wird jetzt gleich mit mir aus demselben steigen. Vielleicht kann er mich diesmal mit einem Fahrschein überraschen.
Hojac: Haben Sie einen?
Junkie: Die Nummer is echt leiwand.
Hojac: Ob Sie einen Fahrschein haben?
Junkie: Verloren, glaub ich.
Kontrolleur: Das ist natürlich ein Unglück.
Hojac: Das ist mein Neffe. Sind Familienmitglieder nicht im Jahresticket –
Kontrolleur: Nein. Und jetzt steh –
Hojac: Stehen Sie.
Kontrolleur: Stehen Sie auf – und gib den Stöpsel raus, wenn ich mit dir rede!
Hojac: Ich steige mit aus. Ich werde nicht zulassen, dass Sie den Herrn –
Kontrolleur: Sie können gern die Strafe für ihn begleichen.
Junkie: Mit dir will ich auch nicht tauschen.
Hojac: Keine Angst, ich erledige das für Sie. Aber geben Sie den Stöpsel aus dem Ohr, das ist wirklich unhöflich.



