Clemens Berger: Hojac
Hojac im Fasching
Herr Nilsson: Herrlich! So etwas habe ich seit langem nicht mehr gesehen! So etwas habe ich noch nie gesehen! Ruft: Schaut euch den an! Wunderbar!
Hojac: Was ist wunderbar?
Herr Nilsson: Ihre Verkleidung!
Hojac: Ich bin nicht verkleidet.
Herr Nilsson: Er ist nicht verkleidet!
Hojac: Ich habe Fasching immer gehasst, und wenn ich mir eine Tüte auf den Kopf setzte oder als Asterix ginge oder als Musketier oder – leise, zu sich – als Neger, dann nur, weil es die anderen erwarteten.
Herr Nilsson: Damit werden Sie Faschingsprinz!
Hojac: Ich beobachte das alles mit einem gewissen wissenschaftlichen Interesse, wissen Sie, mich beschäftigt, warum Menschen sich verkleiden und auf einmal tun, was sie sonst nie tun würden, wer warum welches Kostüm wählt – diese Dinge. Ich bin auch kein großer Silvester-Freund, alles zu aufgesetzt.
Herr Nilsson: Die sind aber aufgesetzt, oder? Greift ihm ins Haar. Verblüffend echt. Herr Ingenieur, darf ich Sie – nein, das ist, ich pack’s gerade nicht, Sie sehen ihm zum Verwechseln ähnlich, genauso –
Hojac: Ich sehe niemandem, nur mir zum Verwechseln ähnlich.
Herr Nilsson: Pippi, schau dir den an, ist das nicht das beste Kostüm aller Zeiten?
Pippi Langstrumpf: Wenn ich meinen Herrn Nilsson nicht schon gefunden hätte, würde ich den Herrn Ingenieur in die Villa Kunterbunt –
Hojac: Was für ein Ingenieur? Ich bin nur ich, Peter Hojac, Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen, unverkleidet, unkostümiert, zufällig an diesem Lokal vorbeigegangen und zufällig in dieses Lokal getreten, um –
Herr Nilsson: Das ist ja noch viel großartiger! Sie sind er und gehen als ein anderer, sehen aber nicht wie der andere aus, sondern wie er!
Hojac: Lieber Mann, ich glaube, Sie haben zu viel getrunken.
Herr Nilsson: Man kann in diesem Land gar nicht genug trinken. Pippi, warte da mit dem Herrn – nein, es ist einfach zu unglaublich! Was trinken Sie?
Hojac: Cola.
Herr Nilsson: Seien Sie nicht lächerlich, Sie sind nicht im Parlament, hier herrscht ein anderer Klubzwang.
Hojac zu Pippi: Man kann es ihm nicht ausreden. – Ein kleines Bier bitte.
Herr Nilsson: Langweilig. Wie wär’s mit Sex on the Beach?
Hojac: Stumpfsinniger Name.
Herr Nilsson: Trinken Sie einen Phaeton mit uns?
Hojac: Phaeton?
Herr Nilsson: Wodka Cola, viel Wodka, ein wenig Cola.
Hojac: Ich finde das überhaupt nicht, das ist nun wirklich nicht … Ja, doch, bringen Sie mir einen.
Pippi: Kommt das an, bei den Frauen?
Hojac: Was meinen Sie?
Pippi: Sie, Ihr Kostüm, ist doch ungemein, wie soll ich sagen – exotisch.
Hojac: Erotisch?
Pippi: Exotisch, erotisch, Sie Schlingel, daran hatte ich gar nicht gedacht. Jemand, vor dem man sich ein wenig fürchtet und den man gleichzeitig nicht ganz ernst nimmt, das ist schon eine Mischung, die –
Hojac: Nicht ganz ernst nimmt?
Pippi: Das ist unwahrscheinlich gefinkelt, über alle Maßen gefinkelt! Je länger ich darüber nachdenke, desto gefinkelter ist Ihre Verkleidung.
Hojac: Ich bin nicht verkleidet.
Herr Nilsson: Und ich völlig nüchtern! So, einen Phaeton für unsere Pippi mit den langen Strümpfen, einen für unseren verehrten Herrn –
Hojac: Hojac!
Herr Nilsson: Und einen für unseren verehrten Mich. Zum Wohl!
Einige Phaetons später
Herr Nilsson: Waren Sie das?
Hojac: Was?
Herr Nilsson: Auf der Toilette – diese krakelige Zeichnung und dieser Spruch.
Pippi: Welche Zeichnung, welcher Spruch?
Herr Nilsson: Da hat einer ein Auto aufgezeichnet, und darunter steht: „Night Haider, ein Mann und sein Auto“.
Pippi: Kämpfen gegen das Unrecht!
Hojac: Das ist eigentlich auch nicht –
Herr Nilsson: Wir sind unter uns, Herr –
Hojac: Hojac! Ja, gut, das fiel mir so ein, manchmal fallen mir so Sachen ein.
Herr Nilsson: Ich hab mich fast –
Pippi: So genau wollen wir das nicht wissen, nicht wahr, Herr Unverkleidet?
Hojac: Ich gebe es zu, ich gebe ja alles zu. Ich habe diesen Spruch an die Wand geschrieben und ich bin natürlich verkleidet, wobei Sie zugeben müssen, was Sie längst zugegeben haben – dass ich beinahe perfekt verkleidet bin!
Pippi: Wie ein Ei dem anderen.
Hojac: Und?
Herr Nilsson: Was und?
Hojac: Was halten Sie von meiner Verkleidung? Oder besser gesagt von dem, als der ich gehe?
Pippi: Witzfigur – zum Lachen! Mutiges Kostüm!
Herr Nilsson: Vor allem diese unvergleichliche Frisur!
Pippi: Und dieser unvergleichliche Blick, etwas glasig, etwas verschleiert, die Lider immer halb über den Augen!
Zorro: Wen haben wir denn da? Ist das nicht ein Gartenzwerg, der begossen werden muss?
Pippi: Er ist nicht er.
Zorro: Das Gesicht gibt es nur einmal. Man muss ihn begießen.
Herr Nilsson: Lassen Sie ihn. Er spricht ganz vernünftig, er ist verkleidet, für mich ist er der Faschingsprinz.
Zorro: Sag was!
Hojac: Was?
Zorro: Er klingt aber genauso.
Pippi: Er ist ein ganz gefinkelter – wie heißen Sie noch mal?
Hojac: Hojac!
Zorro: Begossen sollte er trotzdem werden.
Hojac: Trinken Sie einen Phaeton mit uns?
Zorro: Was ist das?
Hojac: Wodka Cola, viel Wodka, ein wenig Cola.
Zorro klopft Hojac auf die Schulter: Der ist gut, der Mensch hat Humor!
Einige Phaetons später
Hojac: Gut, das war so, man ist ja dumm und lässt sich zu allerlei hinreißen, wenn man nach Anerkennung giert, geliebt werden will, dazugehören, all diese Dinge, die einen Menschen umtreiben, der immer etwas im Abseits steht, weil er anders als die anderen ist, Migrationshintergrund in meinem Fall. Und weil ich als Kind einmal Sternsinger war und als Melchior ging, kaufte ich halt diese schwarze Farbe und ließ mich von meiner Frau anmalen, das ganze Gesicht, unangenehm war es nur am Kragen meines weißen Hemdes, das können Sie sich gar nicht vorstellen, es ist wie beim Skifahren, wenn man sich eincremt, das habe ich auch immer gehasst, nur dass ich zwei Tage später noch immer nicht meine Originalhautfarbe hatte. Die meisten von denen, mit denen ich früher –
Pippi: Früher?
Hojac: murmelt: Ach ja, ich bin doch. – Die meisten meiner Freunde hetzen gegen Afrikaner, aber liegen stundenlang im Solarium, um zumindest wie Araber auszusehen. Da dachte ich, ich gehe als der, der sie gern wären, wobei Sie auch bedenken müssen, dass die meisten meiner Freunde kleine Schwänze haben, und wenn man einen kleinen Schwanz hat, liegt es nahe, Faschist zu werden. Ich spreche aus Erfahrung, ich stand mit vielen unter der Dusche – Fußball, Fitnessstudio, diese Umgebungen.
Herr Nilsson: Der ist phantastisch!
Hojac: Also ging ich als Neger, und alle fanden das wunderbar, und ich bekam einen kleinen Preis und musste kein einziges Getränk bezahlen –
Pippi: Herr Nilsson, wir sind durstig!
Einige Phaetons später
Hojac: Aber eigentlich ist das alles furchtbar traurig und gar nicht lustig, dieser stupide Fasching, dieses Verkleiden, diese verordnete Heiterkeit – zum Heulen und Zähneknirschen. Wenn ich es recht bedenke, war ich ein Leben lang verkleidet, bis zu einem gewissen Zeitpunkt vor nicht allzu langer Zeit immer nur als ein anderer unterwegs, immer alles, nur nicht ich. Mein wahres Ich, Peter Hojac, Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen im Assimilierungswahn, Freund aller Menschen und Rassen, wird verdeckt von einer Maske, die ich ab-ge-legt habe.
Pippi: Genial, der Typ.
Herr Nilsson: Trinken Sie noch einen letzten Phaeton mit uns?
Hojac: Ich habe keine Vorurteile, ich liebe die Verschiedenheit, ich bin ein guter Mensch! Warum siezen Sie mich?
Pippi: Trinkst du einen Phaeton mit uns?
Hojac: Mit Vergnügen.



