Clemens Berger: Hojac
Hojac im Streichelinstitut
HOJAC: Guten Tag, Herr Horvath, schön, Sie –
HORVATH: Nein.
HOJAC: Was nein?
HORVATH: Ich bin zwar ein Dienstleister, aber – seien Sie mir nicht böse: Sie nicht!
HOJAC: Ich bin nicht der, für den Sie mich halten.
HORVATH: Dieses Gesicht gibt es nur einmal.
HOJAC: Ich bin trotzdem nicht der, für den Sie mich halten.
HORVATH: Kein trauriger Kasperl?
HOJAC: Traurig meinetwegen, traurig mittlerweile, aber Kasperl – nein!
HORVATH: Sondern?
HOJAC: Ich bin Hojac, Peter Hojac, Brückenbauer. Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen in den Mühlen unsensibler Bürokratie, um nicht zu sagen: repressiv assimilierender. Ich bin ein anderer. Back to the roots sozusagen. Vergessen Sie alle Bilder, vergessen Sie, was Sie zu wissen meinen, vergessen Sie Ihre Vorurteile. Streicheln Sie mich. Bitte.
HORVATH: Mir sind, sozusagen, die Hände gebunden.
HOJAC: Ich habe über Sie in der Zeitung gelesen, Herr Horvath, im Falter, meiner Lieblingszeitung, auch wenn Sie’s mir nicht glauben, genau meine Meinung. Zu dem muss ich, war mein erster Gedanke. Ab ins Streichelinstitut mit mir!
HORVATH: Herr –
HOJAC: Ich zahle auch mehr. Ich zahle von mir aus das Doppelte.
HORVATH: Es geht mir nicht ums Geld. In diesem Fall.
HOJAC: Darf ich mich setzen?
HORVATH: Sie sollten sitzen. War schon immer meine –
HOJAC: Sie missverstehen etwas. Und zwar grundsätzlich. Was ist ein Mensch, Herr Horvath?
HORVATH: Was wollen Sie von mir?
HOJAC: Was er aus sich macht – was gleich bleibt an ihm über alle Veränderungen hindurch!
HORVATH: Interessant.
HOJAC: Wahrscheinlich können Sie mir gar nicht helfen. Fünfundvierzig Minuten gestreichelt zu werden ist viel zu wenig in meiner Situation. So gut können Sie gar nicht sein. So gut kann niemand sein. So gut könnte höchstens ein Gott sein.
HORVATH: Ein allesverzeihender.
HOJAC: Da können die Zeitungen über Ihre Künste schreiben, was sie wollen. Sie sind auch bloß ein Mensch. Glauben Sie nicht, ich wüsste nicht, was Ihr Name auf Deutsch bedeutet. Ich müsste in einen Streichelzoo, durch den täglich dutzende Schülerklassen gelotst werden. Horvath: Hoffentlich nicht die sozialistische Jugend.
HOJAC: Herr Horvath, hören Sie, lassen wir all das beiseite. Wir sind zwei Menschen, Sie und ich, auf dieser Welt, in diesem Augenblick. Sie, der Sie mir helfen können, und ich, der ich Hilfe benötige.
HORVATH: Dem ist schwer zu widersprechen.
HOJAC: Ich kann nicht mehr in die Straßenbahn steigen, nicht in die U-Bahn, sogar in der Schnellbahn werde ich so angesehen. So, so, Sie wissen schon, so wie Sie mich angesehen haben – als ob ich ein Teufel wäre.
HORVATH: Etwas hoch angesetzt.
HOJAC: Oder Unmensch, meinetwegen.
HORVATH: Meinetwegen.
HOJAC: Dabei liebe ich die Menschen, aber sie lieben mich nicht. Ich will mit ihnen lachen, sie lachen über mich. Ich will mit ihnen weinen, sie weinen allein. Wissen Sie, was das heißt? Was das aus einem macht? Wenn man keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann, ohne angepöbelt zu werden? Wegen etwas, das man nicht mehr ist! Mit dem man abgeschlossen hat. Das man hinter sich gelassen, aus sich verbannt hat. Der Kopf ist rund, sagt Einstein, damit die Gedanken ihre Bahnen ändern können. Ich kann mir doch kein Gesicht transplantieren lassen. Nach Mauretanien will ich auch nicht. Das wäre feige.
HORVATH: Südafrika vielleicht, Argentinien – hätte eine gewisse Tradition, Herr –
HOJAC: Machen Sie sich nur lustig über mich. Aber wissen Sie, was? Es trifft mich nicht, es zielt an mir vorbei. Man macht sich lustig über mich, meine Frisur, meine Körpergröße, meinen Blick, man grinst und prustet und stößt sich in die Seiten. Sie und die Leute – ihr meint einen Verschollenen. Einen von mir Verstoßenen. Einen aus mir Vertriebenen. Das, was über Sie in der Zeitung steht, ist doch auch nicht die Wahrheit. Oder haben Sie sich wiedererkannt?
HORVATH: Nicht unbedingt.
HOJAC: Sehen Sie.
HORVATH: Was?
HOJAC: Ich will trotzdem zu Ihnen, weil grundsätzlich erfreulich klang, wer Sie sind und was Sie tun. Wenn Sie in ein Lokal gehen, tuschelt man vielleicht. Vielleicht fragt Sie jemand augenzwinkernd, welche Körperteile Sie am liebsten streicheln. Vielleicht will man Ihre Hände berühren oder eine Unterschrift. Nur wenn ich in ein Lokal gehe, gibt es immer zumindest einen, der sich lauthals beschwert, warum man mittlerweile jedes Gsindel, Zitat, Herr Horvath, ich habe es gehört, ich höre es noch immer, jedes Gsindel hereinlasse. Ich bin doch auch ein Mensch! Deklamiert: Wenn man mich sticht, blute ich nicht? Wenn man mich kitzelt, lache ich nicht? Wenn man mich vergiftet, sterbe ich nicht? Und wenn man mich nicht streichelt, verzweifle ich nicht?
HORVATH: Sie Ärmster.
HOJAC: Meine Frau streichelt mich nicht mehr, Herr Horvath, meine Tochter hat so etwas wie eine körperliche Abneigung gegen mich entwickelt, mein Hund hat davon Wind bekommen, wann immer ich mich ihm nähere, knurrt er mich an, nicht einmal mit Roastbeef ist er mittlerweile zu locken, und seit ich mich von meinem ehemaligen Leben, das ich meine kurze Verirrung nennen will, verabschiedet habe, habe ich auch keine Freunde mehr. Nicht dass das Freunde gewesen wären, diese, na ja, Sie wissen schon.
HORVATH: Ja.
HOJAC: Ich halte das nicht mehr aus. Niemand streichelt mich. Niemand mag mich. Niemand liebt mich. Dabei bin ich ein anderer, streichelwürdig, liebenswürdig – würdig, würdig, würdig, einzugehen unter jedes Dach. Aber sprich nur ein Wort, murmle ich täglich beim Zähneputzen, so wird meine Seele gesund.
HORVATH: Belassen wir es dabei, Herr –
HOJAC: Hojac! Ach, wie schlecht, dass niemand weiß. Und wissen Sie, warum ich mich verirrt habe? Weil ich nicht dazugehörte! Weil ich immer im Abseits stand! Die Jugo-Kinder nahmen mir in der Pause die Jause weg, und die Wiener Kinder lauerten mir auf dem Heimweg auf. Ich war schwach und wollte zu den Stärkeren gehören – zu den einen auf Kosten der anderen. Das ist nicht gut, aber verständlich. Ich habe mir verziehen. Weil ich doch auch ein anderer war, Herr Horvath, bin, verstehen Sie? Streicheln Sie mich jetzt? Bitte! Ich, Peter Hojac, bin ein Freund der Menschen, aller Menschen. Ich habe es nötig.
HORVATH: Im Unterschied zu mir.
HOJAC: Sie sind nicht besser als die anderen, im Gegenteil. Wissen Sie, was Sie sind?
HORVATH: Sie werden es mir gleich sagen.
HOJAC: Ein Stalinist, was sage ich, ein Nazi, ein Biografienazi! Das ist Diskriminierung! Das ist Ausgrenzung! Ein Verstoß gegen die elementaren Regeln der Menschlichkeit! Muss man immer derselbe bleiben? Darf man nicht sein wahres Ich entdecken?
HORVATH: Herr –
HOJAC: Hojac! Peter Hojac, wahrscheinlich sogar Petr! Meine Vorfahren waren so arm, dass sie sich kaum Vokale leisten konnten! Ich schäme mich nicht dafür. Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen, gestohlen, geraubt, wegintegriert. Sie streicheln mich nicht? Ich verklage Sie! Ich zerre Sie vor Gericht! Ohne Ansehen der Person, heißt es, und Sie sehen die falsche Person! Sie sind schizophren! Außerhalb des Verfassungsbogens! Jenseits des Rechtsstaats! Unvereinbar mit der freien Marktwirtschaft! Bis vor den Obersten Gerichtshof schleppe ich Sie, wenn es sein muss, bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte! Es ist mein Recht, gestreichelt zu werden, wenn ich bezahle!
HORVATH: Wissen Sie, was ein Pole im Weltall will?
HOJAC: Lenken Sie nicht ab.
HORVATH:Den Großen Wagen stehlen.
HOJAC: (prustet los, fängt sich aber schnell wieder) Das ist nicht lustig, gar nicht lustig.
HORVATH: Sondern?
HOJAC: Rassistisch! Ich bin auch Slawe. Das wird ein Nachspiel haben. Ich habe alles aufgezeichnet.



