Clemens Berger: Hojac
Hojac und der Geisterschreiber
Agent: Literarische Agentur Herzog.
Hojac: Grüß Gott, Hojac spricht.
Agent: Sprechen Sie.
Hojac: Ich weiß nicht, wie ich sagen soll.
Agent: Sagen Sie!
Hojac: Ich will ein Buch.
Agent: Vielleicht sollten Sie in eine Buchhandlung gehen oder eines im Netz bestellen.
Hojac: Ich will ein Buch geschrieben bekommen, verstehen Sie?
Agent: Üblicherweise ruft man hier an, um Manuskripte anzubieten.
Hojac: Ich brauche jemanden, der für mich ein Buch schreibt.
Agent: Haben Sie Geld?
Hojac: Geld und ein Gesicht.
Agent: Ein Gesicht?
Hojac: Ein nicht gerade unbekanntes. Und das ist das Problem.
Agent: Sind Sie entstellt?
Hojac: Das würde ich nicht sagen. Ich gelte als durchaus herzeigbar, wenn auch bestimmte, aber gut, das kann Ihnen ja … Ich will mein Gesicht zurückbekommen, verstehen Sie, zurückerobern will ich es mir, wegzerren von dem, den man mit diesem Gesicht verbindet, ich bin nämlich ein anderer geworden.
Agent: Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben?
Hojac: Absolut.
Agent: In welche Richtung soll es gehen?
Hojac: Literatur, aber spannend geschrieben, verstehen Sie, einen Thriller, ich muss auf die Bestsellerliste.
Agent: Ich werde sehen, Herr –
Hojac: Hojac!
***
Hojac: Sie sind also ein Geisterschreiber?
Ghostwriter: Wenn Sie so wollen, ja.
Hojac: Warum so einsilbig?
Ghostwriter: Ich warte auf Ihre Vorstellungen.
Hojac: Sie haben kein Problem, für mich zu arbeiten?
Ghostwriter: Sollte ich eines haben? Hojac: Sagt Ihnen dieses Gesicht nichts? Ich meine –
Ghostwriter: Kommt darauf an, was Sie geschrieben bekommen wollen.
Hojac: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein musischer Mensch, ich singe unter der Dusche, im Auto, manchmal tanze ich auch. Ich schieße nicht die schlechtesten Fotos mit meinem Mobiltelefon, bisweilen nehme ich kleine Videos auf, die man durchaus in zeitgenössischen Sammlungen zeigen könnte, zu Hause arbeite ich an kleinen Installationen, die gelegentlich, das will ich nicht verhehlen, in eine gewisse Voodoo-Richtung abdriften. Ich habe in meinem alten Leben, auf das ich nicht näher eingehen will und das keineswegs Gegenstand des Buches sein soll, ein Lied aufgenommen. Ich kann nicht sagen, dass es mich mit Stolz erfüllte, der Text war verheerend, aber schlecht gesungen habe ich nicht.
Ghostwriter: Wie ging der Text?
Hojac: Das will ich jetzt –
Ghostwriter: Kommen Sie, wir leben beide im Verborgenen.
Hojac: Wenn wir einander besser kennen. Nur schreiben kann ich nicht. Ich meine, ich kann schreiben, natürlich, ich war ein begabter Aufsatzschreiber, Pro und Contra Todesstrafe, diese Themen, aber mir fehlt der lange Atem, wissen Sie? Ich will einen Thriller.
Ghostwriter: Einen Thriller?
Hojac: Spannend, dick, sagen wir fünfhundert Seiten, aber gut geschrieben, mit der Pranke eines Löwen, keinen Schund.
Ghostwriter: Es soll um einen Mann gehen, der zu viel weiß?
Hojac: Woher wissen Sie das?
Ghostwriter: Intuition.
Hojac: Sie sind gut, Sie gefallen mir. Dieser Mann sieht und hört.
Ghostwriter: Ach ja?
Hojac: Er sieht alles, hört alles, er hat –
Ghostwriter: Eine schwierige Vergangenheit?
Hojac: Sie sind tatsächlich gut. Er wuchs unter den falschen Menschen auf, vielleicht in der falschen Zeit, er musste sich immer verstecken, sein wahres Gesicht verbergen, was aber gleichzeitig der Grund dafür ist, dass er so gut zu sehen und hören lernte. Vielleicht ist er auch in einem Wald aufgewachsen oder wurde als Kind ausgesetzt, in ein Heim oder sonst eine Anstalt gesteckt, das überlasse ich Ihnen. Jedenfalls sollte da etwas sein, das im Halbdunkel bleibt. Er ist mit den Dingen auf eine magische Weise verbunden, verstehen Sie, mit der Welt, aber nicht nur mit den Menschen, mit allen Lebewesen, nicht bloß mit Tieren, auch mit Pflanzen, Bäumen, selbst mit Steinen kann er Kontakt aufnehmen. Allmählich reifen seine Fähigkeiten in ihm, er wird seiner Umgebung immer unheimlicher, gleichzeitig sieht er seine Umgebung auf einmal als das, was sie ist, und er findet heraus, wie man mit dem Internet die Welt grundlegend revolutionieren könnte. Flüstert: Es geht um das ewige Leben.
Ghostwriter: Aber es gibt Menschen, die etwas dagegen haben?
Hojac: Man hat etwas gegen ihn, weil er frei ist. Weil er sich emanzipiert hat. Weil er sich der Welt geöffnet hat. Weil er groß denkt und groß handelt. Weil er allen über die Köpfe wächst. Ich kann es nicht anders sagen, und alles, was noch kommt, Liebe, Verzweiflung, Verrat, Verstrickungen, überlasse ich Ihnen. Oder sagen wir so: Ich würde die Geschichte gern mit Ihnen stricken. Es soll ein Thriller sein, der zu mir passt, etwas absolut Unerwartetes, funkelnd, geheimnisvoll und gleichzeitig glasklar. In Wirklichkeit kommt es gar nicht so sehr auf die Geschichte an, lassen Sie mich die ersten Seiten sehen, bevor wir weiterreden.
Ghostwriter: Worauf kommt es an?
Hojac: Ich will ein Buch, und mit diesem Buch will ich die Öffentlichkeit betreten, damit man sieht, wer ich wirklich bin. Umgekehrter Striptease sozusagen.
Ghostwriter: Lassen Sie mich überlegen.
***
Hojac: Das ist fabelhaft, wunderbar, ich kann mich ganz und gar damit identifizieren. Eine feine Feder! Die Szene im Wald ist grandios, wie gespenstisch alles auf einmal ist, von Beginn an, die Lichtung, die beiden Männer, die nicht sprechen, die Geräusche, die Eule, Gänsehaut!
Ghostwriter: Wir müssen über den Vertrag reden.
Hojac: Schicken Sie ihn mir.
Ghostwriter: In sechs Monaten könnte ich eine erste –
Hojac: Sechs Monate?!
Ghostwriter: Das ist äußerst schnell.
Hojac: Ich habe ein paar Ideen aufgeschrieben, schicke ich morgen – das muss rein, irgendwie, der Typ muss rein. Ich nehme Sprechunterricht, das befreit mich ungemein, ich muss mich für meine Auftritte vorbereiten, zu Hause lese ich mir bereits laut vor. Was glauben Sie, wie alle staunen werden? Hojac wie Phönix aus der Asche!
Ghostwriter: Wer muss noch rein? Wir haben mittlerweile so viele Figuren, dass es schwer werden dürfte, die alle unter einen Hut zu bringen.
Hojac: Ein Kollege von Ihnen.
***
Berger: Hallo?
Hojac: Grüß Gott, Herr Berger, kennen Sie diese Stimme?
Berger: Ich habe einen Verdacht.
Hojac: Peter Hojac, Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen, geraubt, kommt Ihnen doch bekannt vor, ich könnte auch sagen: Peter –
Berger: Hojac ist mir lieber.
Hojac: Warum tun Sie das?
Berger: Weil ich Sie vermisse. Sie fehlen mir. Was sind das für Zeitungen ohne Sie? Was sind das für Zeiten ohne Sie?
Hojac: Den Eindruck habe ich auch.
Berger: Sie waren der Lichtblick in meiner dunklen Welt, der Stern im Parlament. Wenn ich Sie sah, lachte mein Herz. Sie zeigten mir ein ums andere Mal, in welchem Land ich auch lebe.
Hojac: Interessant.
Berger: Jetzt bleibt mir nur noch YouTube. Sie und Strache, die Fernsehkonfrontation, mindestens einmal die Woche. „Warum hat Ihnen der liebe Gott einen Mund und zwei Ohren gegeben?“ Großartig! Ihr „Asterix“ ist auch ganz wunderbar, die Hälfte der Aufrufe dürfte von mir stammen.
Hojac: Haben Sie schon ein neues Buch?
Berger: Nein.
Hojac: Ich aber, bald, und wissen Sie, was? Sie kommen auch vor. Da ist die Eislady, Sie erinnern sich, die Eisbaronin?
Berger: Die mit dem spanischen Flamenco-Gitarristen?
Hojac: Genau. Nur leider sind Sie der spanische Flamenco-Gitarrist, will heißen, Sie nehmen die junge Frau an seiner Statt auf, und ich kann Ihnen verraten, es geht nicht so glimpflich aus.
Berger: Mauert Sie mich ein?
Hojac: Etwas grausamer, leider.
Berger: Sonst geht es Ihnen gut?
Hojac: Ich hole mir meinen Hatschek zurück.



