• Facebook
  • Twitter
  • RSS

Gepeinigt

Warum Hannes Swoboda in Europa leiden muss.

Verfolgt

Warum in Indien Frauen zu Hexen gemacht werden.

Missbraucht

Warum ein Mädchen nicht mehr wachsen wollte.

Clemens Berger: Hojac

Hojac und der Hatschek

Letzte Folge. Am 31. Oktober liest Clemens Berger im Wiener Literaturhaus Hojac.

Beamter: Standesamt, Bru –

Hojac: Guten Morgen, Hojac spricht, Peter Hojac, Ha O Jot A C, Hatschek verlorengegangen, geraubt, wegassimiliert, zwangsgermanisiert oder -austrifiziert, wie Sie wollen. Sie hören Hojatsch oder Hojadsch, weil ich Hojatsch oder Hojadsch sage, geschrieben werde ich leider mit C, und wenn jemand meinen Namen liest, sagt sie oder er Hojak oder Hojack, und genau darum rufe ich an. Ich halte das nicht länger aus, es ist unsäglich, unerträglich, unerhört eigentlich, eben weil es sich so falsch anhört. Mir wurde mein Hatschek geraubt, den Meinigen wurde der Hatschek entwunden, den meine Vorfahren aus Böhmen mitbrachten, irgendwann wurde dem Großvater oder Urgroßvater der Hatschek entrissen, vielleicht scherte er sich auch nicht darum, weil er dazugehören wollte, verstehen Sie, das ist doch verständlich, dass man dazugehören will, wenn die Welt ringsum feindselig ist. Österreicher wollte er sein, deutsch vielleicht, was weiß ich, obwohl sie Sozialisten waren, alle, also beinahe, und ich wollte einmal auch dazugehören und habe meinen Namen verleugnet, meine Herkunft vergessen, meine Wurzeln mit Füßen getreten und also vergraben, aber jetzt, heute, am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, grabe ich meine Wurzeln wieder aus, weil ich mich ihrer nicht schäme, verstehen Sie?

Beamter: Moment, ich verbinde.

Beamtin: Pospisil, Standesamt.

Hojac: Pospischil heißt das! Sch, nicht s!

Beamtin: Ich habe immer Pospisil gesagt.

Hojac: Was steht in Ihrem Pass?

Beamtin: Wie meinen Sie das?

Hojac: Wie steht Ihr Name in Ihrem Pass? Buchstabiert?

Beamtin: Pe O Es Pe I Es I El.

Hojac: Und das Es? Ohne Hatschek? Oder wie sagt man da?

Beamtin: Ohne Sonderzeichen.

Hojac: Sie haben eine angenehme Stimme.

Beamtin: Danke.

Hojac: Dreiundvierzig, würde ich sagen.

Beamtin: Stimmt.

Hojac: Nicht, dass man eine Dame nach ihrem Alter fragte, aber wir sind am Telefon und – Wie alt würden Sie mich schätzen?

Beamtin: Vierundvierzig?

Hojac: Das ist, wie soll ich sagen, genial, das hat etwas zu bedeuten! Andererseits überrascht es mich auch wieder nicht. Wir haben ein ähnliches Problem.

Beamtin: Ich habe kein Problem.

Hojac: Was unsere Namen betrifft.

Beamtin: Ich mag meinen Namen.

Hojac: Wir wurden eines Sonderzeichens beraubt, unsere Ahnen würden ihre Namen nicht wiedererkennen. Wir beschweren uns über die Vereinigten Staaten, die Zuwanderern aus Europa auf Ellis Island neue Namen gaben, weil sie diese Namen nicht verstanden, aber –

Beamtin: Das ist eine Räubergeschichte.

Hojac: Richtig, eine Räubergeschichte, Sie sagen es, die raubten den Europäern ihre Namen –

Beamtin: Es gibt keine Beweise für diese Theorie.

Hojac: Aber die Österreicher raubten unseren Vorfahren, und damit uns, die schönen Namen. Wir haben das gleiche, was sage ich, dasselbe Problem, verstehen Sie?

Beamtin: Ehrlich gesagt: nein.

Hojac: Mein Name ist Hojac, Sie hören Hojadsch oder Hojatsch, obwohl der Name mit C geschrieben und also von den meisten Hojak oder Hojack ausgesprochen wird, weil ich im Unterschied zu Ihnen das geraubte Sonderzeichen ausspreche.

Beamtin: Wenn es Ihnen damit besser geht.

Hojac: Wie kann Ihnen Ihre Geschichte gleichgültig sein? Ihr Urgroßvater Pospischil – Ist das Ihr Name oder der –

Beamtin: Der Name meines Vaters.

Hojac: Ihr Urgroßvater wäre todtraurig, glauben Sie mir, der rotiert in seinem Grab, auf dessen Stein hoffentlich das Sonderzeichen gemeißelt ist. Es ist nur ein Zeichen, und doch mehr als ein Indiz. Ein kleines Zeichen für die Welt, aber ein großes Zeichen für mich. Auch Sie sind eine andere. Sch ist nicht s. Darum will ich meinen Hatschek zurück! Vielleicht könnten wir das gemeinsam besprechen, heute nach Büroschluss, oder die Tage, Sie haben ein Expertenwissen, und ich habe ein Expertenwissen, und gemeinsam könnten wir eine Strategie finden, um –

Beamtin: Moment, ich verbinde.

Beamter: Reichenbach.

Hojac: Mein Name ist Hojac, Peter Hojac, man schreibt mich mit C, aber da war einmal ein Hatschek darüber, darum sage ich Hojadsch oder Hojatsch und nicht Hojak oder Hojack, und diesen Hatschek will ich zurück, er ist ein konstitutives Element meiner Identität.

Beamter: Eine Namensänderung kostet fünfhundertfünfzehn Euro und fünfzig Cent zuzüglich anfallender Folgekosten.

Hojac: Für ein Sonderzeichen?

Beamter: Bei einer Namensänderung, ja. Hier ist die Abteilung für Namensänderung. Handelt es sich um eine Berichtigung aufgrund eines Urkundenfehlers, fallen keine Kosten an.

Hojac: Berichtigung, ja, es geht um eine Berichtigung, die Berichtigung eines Unrechts! Meine Vorfahren hießen Hojadsch oder Hojatsch, verstehen Sie, Ihnen wurde der Hatschek genommen.

Beamter: Genommen oder verzichtet?

Hojac: Ist doch dasselbe! Darüber wurde nie gesprochen, Assimilationsdruck ist etwas Schreckliches, glauben Sie mir, und die Frage des freien Willens ohnedies kaum zu klären.

Beamter: Was steht auf der Geburtsurkunde?

Hojac: Ha O Jot A C.

Beamter: Und im Reisepass?

Hojac: Ein anderer Name.

Beamter: Ein anderer Name?

Hojac: Ja, ich wollte, ich meine, ich dachte, ein anderer sein zu wollen, also –

Beamter: Sie hatten eine Namensänderung?

Hojac: Die will ich rückgängig machen.

Beamter: Dann können Sie unter Angabe der Gründe eine Berichtung beantragen. Sind Sie österreichischer Staatsbürger?

Hojac: Natürlich! Ja, meine ich. Wo liegt der Unterschied?

Beamter: Es gibt Unterschiede. Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, Heiratsurkunde, Herr Hojak –

Hojac: Hojadsch heißt das, Hojatsch!

Beamter: Ich bin ein korrekter Mensch, Herr Hojak, und solange Sie mir nicht Ihren richtigen Namen nennen und auf dem Namen Ihrer Geburtsurkunde beharren, spreche ich diesen Namen gemäß Ihrem Wunsch aus – aber richtig! Heiratsurkunde, Herr Hojak, so es eine gibt, akademische Titel, so Sie welche erworben haben – damit können Sie eine Berichtigung beantragen.

Hojac: Auf meinen richtigen Namen?

Beamter: Auf den, der in Ihrer Geburtsurkunde steht.

Hojac: Der ist aber falsch.

Beamter: Kein Problem, wenn Sie es belegen können.

Hojac: Was heißt belegen?!

Beamter: Wenn Sie eine amtlich bestätigte, gültige Urkunde des Vaters oder Großvaters oder Urgroßvaters auftreiben, auf welcher der Name, auf den Sie jenen, den sie derzeit führen und nicht nennen, berichtigen wollen, mit Sonderzeichen geschrieben steht, und wenn Sie den Schreibfehler auf einer Folgeurkunde belegen können, nehmen wir eine Berichtigung vor.

Hojac: Ich soll also eine Berichtigung und eine Namensänderung durchführen, damit Sie etwas verdienen?

Beamter: Herr Hojak, bringen Sie mich nicht dazu, unfreundlich zu werden.

Hojac: Wie soll ich diese Dokumente auftreiben? Und wo?

Beamter: Die meisten Menschen legen ihre Dokumente in Mappen ab. Sie können auch Meldeämter, Magistrate und Kirchenmatriken konsultieren.

Hojac: Das ist Österreich!

Beamter: Wie meinen?

Hojac: Das ist Wien!

Beamter: Herr Hojak –

Hojac: Hojadsch! Ho-ja-tsch!

Beamter: Herr Hojak, das ist das Gesetz. Sie können sich nennen, wie Sie wollen. Wenn Sie in der Straßenbahn jemand nach Ihrem Namen fragt, können Sie sich Reichenbach oder Sultan oder Krankl nennen. Wenn Sie in einem Lokal eine Frau kennenlernen, können Sie sich Christopher oder Ümit oder Branko nennen. Aber wenn es um Dokumente geht, wenn Sie unterschreiben müssen, kurz, etwas Verbindliches, sind Sie verpflichtet, jenen Namen zu verwenden, den Sie rechtlich führen. Wir leben nicht im –

Hojac: Kongo, sagen Sie es ruhig.

Beamter: Zehnten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Hojac mehr zu sich: Alter Sozialist.

Beamter: Wie bitte?

Hojac: Sie sind der Spezialist, sagte ich. Und ich bin bald ich.