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Hurra wir leben noch

Sie kommt nicht, sie kommt schon, sie ist schon da: die große Krise. Die meisten können sich gar nicht gegen sie wehren. Ein Besuch bei den mehr oder weniger normalen Menschen unserer Zeit.
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Diese Geschichte beginnt mit einem Anruf in einer anderen Welt. Dort, wo die Menschen nicht nur ein paar tausend Euro haben, sondern Millionen. Wo kaum einer über Sparbücher oder Bausparverträge nachdenkt. Wer sich in dieser Welt bewegt, kauft Ackerland in Brasilien oder in der Ukraine. Baut sich eine Landvilla oder renoviert eine Wohnung in Innenstadtlage. Sammelt Gemälde, vielleicht den einen oder anderen Barren Gold oder Silber. Der Mann am anderen Ende der Leitung spricht schnell, aber überlegt. Er managt Investmentfonds für Menschen mit viel, viel Geld und will seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Man erreicht ihn über eine britische Handynummer, er arbeitet in London, einem der Knotenpunkte der Finanzelite. 

Er sagt, er habe die Anarchie gesehen. Als die Londoner Polizei diesen Sommer im Stadtteil Tottenham einen Mann erschoss und danach für zwei Tage in der britischen Hauptstadt Autos brannten. Als jene mit wenig Geld durch die Straßen zogen und die Scheiben der ­Geschäftsauslagen zerschlugen. Sich nahmen, was sie sich mit ihrem geringen Gehalt nicht kaufen konnten. Es sei möglich, dass so etwas überall in Europa passiert, sagt er. Die Politiker würden die Kontrolle verlieren. Man könne bald nur noch sich selbst vertrauen. Keinem Ministerrat, keiner Regierung. Er selbst lege sich Eigentumswohnungen zu, eine renoviere er gerade. Dann ist er weg. 

Der Mann am Telefon ist nicht alleine. Bankdirektoren sollen mit Koffern voller Euro-Scheine in Südbayern Bauernhöfe für die Zeit nach dem großen Finanzcrash aufkaufen. Ein begüterter Anwalt soll seit Jahren jeden Cent in Immobilien stecken. Die Gattin eines anderen soll sich einen Notstromgenerator für das Landhaus zugelegt haben, um nicht darben zu müssen, wenn die Stromnetze zusammenbrechen. Und immer wieder Geschichten von Menschen, die sich nur noch Goldbarren anschaffen, Kunstwerke, Ackerland. In den vergangenen Monaten erzählten sich viele solche Gerüchte. Wer mit jenen sprechen will, die das angeblich tun, stößt auf Schweigen. Wer an einen Zusammenbruch des Systems glaubt, redet nicht gerne öffentlich darüber. 

Also fährt man ins Land hinein. Spricht mit den Leuten. Ruft Experten an, aber auch jene, die sonst keiner fragt. Die sonst nur in Meinungsumfragen vorkommen, namenlos in der Masse. Wenn die große Krise kommt, sind sie ihr alle ausgeliefert. Sie leben von ihren Jobs, dem Ersparten oder dem Staat, der sie auffängt. Vertrauen darauf, dass jeden Montag die Müllabfuhr kommt, das Geld am Sparbuch etwas wert bleibt und in den Supermarktregalen frische Milch steht. Wenn alles falsch läuft, können die Reichen ihr Vermögen woanders hinbringen. Sie können sich Bauernhöfe kaufen, Ackerland, Gold, Silber, Kunst, eine Wohnung in Innenstadtlage. Alle anderen verlieren ihre Sparbücher, ihren Bausparvertrag, ihre Pensionsvorsorge, ihre Aktien, sollten die Banken oder der Staat doch noch krachen gehen. Das wenige, das sich der heimische Mittelstand über die Jahre hinweg zur Seite gelegt hat, liegt in den Händen des taumelnden Währungssystems Euro, zögerlicher Politiker und krisengebeutelter Banken mit ihren Anlageprodukten vom Sparbuch bis zum Immobilienfonds, bei dem man schon für 30 Euro im Monat dabei ist. Die Masse der Österreicher ist dazu verdammt, dem jahrhundertealten System aus Geldgeben und Geldherborgen zu vertrauen. 

Alois Handl, 47

Maurer

„Den großen Krach, von dem alle reden, wird es nicht geben“, sagt Alois Handl und nimmt noch einen Schluck aus der Gösser-Flasche. Die schwieligen Hände in den Schoß gelegt, sitzt er auf der Eckbank im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses im niederösterreichischen 1.700-Einwohner-Ort Hochneukirchen-Gschaidt, nicht ganz eine Autostunde südlich von Wiener Neustadt. Seit er 17 ist, arbeitet der heute 47-Jährige als Maurer bei derselben Firma. Verheiratet, drei Kinder, um die 2.000 Euro netto im Monat, ein dickes Sparbuch. „Es geht uns gut“, sagt Handl. Er ist einer von denen, die immer in der Zeitung stehen, aber nie gefragt werden. Er ist der kleine Mann von der Straße, der Arbeiter, der Österreicher, von dem so viele Politiker in Pressekonferenzen und Wahlwerbung sprechen. 

Zwei bis drei Jahre könne er mit seiner Familie vom Ersparten leben. Falls er einmal seinen Job verliert oder krank wird. Wirkliche Sorgen macht Handl sich nicht. Dass mühsam Erspartes einmal wertlos sein könnte, so weit kann oder will der Niederösterreicher nicht denken. „Facharbeiter werden immer gebraucht“, sagt er mit ruhiger Stimme. Krise hin, Staatsverschuldung her. „Wir brauchen weniger Politiker, dafür bessere“, sagt Handl. „Einen starken Mann würde ich mir wünschen. Einen, der aus der Arbeiterklasse kommt, sich nicht so sehr nach anderen richten muss.“

Oliver Rathkolb, 56

Historiker

Geht es nach einer Studie zum Wertewandel der Österreicher aus dem Jahr 2008, ist Handl damit nicht allein. Von den 1.500 Personen dieser repräsentativen Umfrage wünscht sich ein Fünftel einen Führer, der sich nicht nach einem Parlament oder Wahlen richten muss. Mehr als die Hälfte würden lieber von Experten regiert als von einer demokratisch gewählten Regierung. Oliver Rathkolb kennt diese Zahlen und ist ein bisschen skeptisch. „Das muss nicht gleich heißen, dass man damit Führer faschistischer Prägung meint“, sagt der Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien. „Diese reflexartige Sehnsucht nach dem starken Mann kommt aus einer Sehnsucht nach klaren Entscheidungen.“ Denn die Welt ist kompliziert geworden, und die einfachen Antworten helfen nicht mehr weiter. Dass die Leute unsicher sind, liege auch an der Krise. 

Die erinnert den Historiker an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts. „Man kann deutliche Parallelen zu den Dreißigerjahren und der Zeit nach dem Börsenkrach von 1873 ziehen“, sagt Rathkolb. Auch damals begann die Krise schon Jahrzehnte zuvor, als mit dem Dampfschiff, der Eisenbahn und anderen Erfindungen eine erste Welle der Globalisierung über die Welt schwappte. „Da haben ein paar Leute sehr viel Geld gemacht und Hypes und Luftblasen geschaffen“, sagt er. „Die sind dann zerplatzt und mündeten in Katastrophen.“ Im Österreich der Ersten Republik hieß das Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation und später dann Austrofaschismus. „Die niedrige Arbeitslosenrate ist gerade in Österreich ein direktes Erbe aus der Zwischenkriegszeit, wo man die Krise mit harten Budgeteinschnitten bewältigen wollte“, sagt Rathkolb.

Er selbst sieht die Krise noch gelassen, obwohl auch er einen kleinen Teil seines Gehalts in Gold anlegt, anstatt ihn auf das Sparbuch zu legen. „Meine Frau sagt mir zwar öfters, dass gerade ich als Historiker mich erinnern sollte, wie mein Großvater durch die Hyperinflation alles verloren hat“, sagt Rathkolb. „Ich habe aber in der Geschichte noch keine Krise bemerkt, die so stark debattiert wurde wie diese hier. Das gibt mir Hoffnung.“ 

Walter Eichelburg, 59

Informatiker

Für manche Menschen ist die Welt hingegen schon untergegangen. Walter Eichelburg legt den Kopf zurück, kneift die Augen zusammen und beginnt langsam zu sprechen. „Die Massen stehen auf den Straßen. Akademiker suchen im Müll nach Essbarem. Die Ethnien gehen aufeinander los“, sagt er, eine kurze Pause nach jedem Satz. Als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern, das noch nicht passiert ist. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen. „Unausweichlich“, sagt er.

In weißem Hemd und mit getönten Brillen sitzt der gebürtige Salzburger im Café Limbeck im dritten Wiener Gemeindebezirk. Einen Untergangspropheten nennen sie ihn, einen Verschwörungstheoretiker. Er bekomme E-Mails von Neonazis und Menschen, die an UFOs glauben. „Die werfe ich gleich weg“, sagt Eichelburg und lächelt grimmig. In den vergangenen Jahren ist der 59-Jährige im Internet für ein paar tausend Menschen zu einem Experten geworden. Zu einem, der ein bisschen mehr versteht von den Dingen, die keiner mehr durchschaut.

Man kann es auf der Website hartgeld.com nachlesen, die mittlerweile der erfolgreichste deutschsprachige Blog zum Thema Finanzen sein soll. Ob das auch stimmt, weiß Eichelburg selber nicht. Tag für Tag schreibt der studierte Informatiker dort über Gold, Silber und den Weltuntergang. Schon ein paar Mal hat er das Ende des Euro vorausgesagt. Eingetreten ist es noch nicht. 

Doch er ist sich sicher: Es kommt. Dann würden sich ganze Länder aufspalten, vielleicht kämen die Diktatoren wieder nach Westeuropa. Das Papiergeld, die Sparbücher, die Aktien, die Staatsanleihen seien jedenfalls wertlos. „Wäre ich Bundeskanzler, würde ich demissionieren. Bevor das Volk herausfindet, dass seine Sparguthaben weg sind“, sagt Eichelburg. Er selbst kauft seit Jahren Silbermünzen und Gold. Seinen Schatz hütet er mit Schrotflinte und Alarmanlage.