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Republik

Ich bin dann mal weg

Aussteigen als Antwort auf die Krise – das gab es schon einmal. Was wurde aus den Hippies und Ökos, die auf dem Land das Glück suchten? Eine Annäherung im Waldviertel.
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„Wir sind auf die Idylle abgefahren“, sagt Ulli Jussel, während sie die zweieinhalb Hek­tar Grund abschreitet, auf und von denen sie seit 36 Jahren lebt. „Wir waren Hippies.“ Während in den Niederungen der Nebel liegt, scheint hier auf mehr als 900 Meter Seehöhe die Sonne. Der Acker vor dem Haus ist schon bereit für den Winter. Nur der Knoblauch steht noch, eine Reihe Topinambur-Stengel ragen aus dem Boden. Wenn die Mäuse die Süßkartoffeln fressen, kommen sie nicht ins Haus, sagt Richard, Ullis Ehemann. Eine Fuhre Mist muss noch ausgebracht werden, ansonsten ist es für dieses Jahr mit der Feldarbeit getan. Im Vorraum des Hauses liegen die Kürbisse auf einer Bank und die Äpfel in einer Kiste. „Ich bin wirklich glücklich“, sagt Ulli, als sie bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen am Tisch sitzt. „Ich habe mein Gemüse, und aus Kräutern mache ich meine eigene Medizin.“

Die 58-Jährige wollte autark leben, seit sie Anfang der Siebziger von einer neunmonatigen Reise aus Indien zurückkam. Sie hatte genug vom Überfluss und dem Beton der Stadt und suchte gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann einen Ort der Ruhe. Das Waldviertel kannte sie von Besuchen bei Freunden, und nachdem sie als Kellnerin etwas Geld in der Schweiz verdient und noch einen Kredit aufgenommen hatte, zog sie 1975 nach Klein Wetzles im Bezirk Zwettl. Der Hof liegt außerhalb des Dorfes und war fast eine Ruine. Am Haus waren Holzschindeln, und die Scheune hatte ein Strohdach. „Wir haben es mit der rosaroten Brille betrachtet“, sagt sie. „Es war wunderhübsch, wie es dagestanden ist. Da haben wir gar nicht so richtig wahrgenommen, wie baufällig alles ist. Es war eigentlich alles zu erneuern.“ 

Nicht mehr mitspielen, haben sie sich gedacht. So wie die Gesellschaft wirtschaftet, kann es nicht weitergehen. Die Krise Krise sein lassen und einen eigenen Weg gehen. Und dann sind sie ausgestiegen. Viele haben so gedacht wie Ulli Jussel, damals in den Siebzigern und Achtzigern. Sie wollten autonom sein und autark leben, die Natur spüren und den Boden bebauen, Tiere halten und selbst die Ernte einfahren. Sie wollten sich selbst versorgen. Im Waldviertel – ausgerechnet. An einem Ort, der ob seines rauen Klimas und schroffen Bodens mit landwirtschaftlichen Reizen geizt. Aber von hier wanderten die Leute in die Städte ab, hier gab es günstigen Grund und Boden, und die Abgeschiedenheit im Schatten des Eisernen Vorhangs störte die Aussteiger auch nicht. Sie kamen nicht in Massen, aber doch in Wellen. Zuerst waren es Hippies, dann Ökologiebewegte. In den Neunzigern verebbte der Strom, doch die Pioniere haben sich behauptet. Rund 300 Aussteiger-Landwirtschaften gab es damals im Waldviertel, schätzte das Bundesinstitut für Bergbauernfragen in einem Bericht. Eine derartige Dichte an ländlicher Aussteigerkultur gab es sonst nur noch im Südburgenland.

Zunächst musste aber einmal die Selbstversorgung ins Laufen kommen. Ulli Jussel las Bücher und fragte Freunde, um sich Fertigkeiten anzueignen. Sie schaffte ein paar Schafe und Ziegen an, machte aus der Milch Käse und sorgte mit Vorräten und Eingemachtem für den Winter vor. Es gab kein Auto, keinen Strom und kein Telefon. Das Plumpsklo stand im Garten. „Das war für mich kein Mangel“, sagt sie. „Für mich war es einfach schön, wie es war, und ich habe ein neues Glücksgefühl gehabt.“ Sie erinnert sich, dass ohnehin immer Freunde da waren. Die meisten kamen per Autostopp. So auch Richard, der sich verliebte und ab 1984 mit Ulli am Hof wohnte. Zu der Tochter aus erster Ehe kam nun eine zweite hinzu.

Die Freunde waren oft zwei, drei Wochen lang zu Gast. Manchmal waren mehr als ein Dutzend Leute am Hof. „Dann ist einfach mit unserem Gemüse gekocht worden“, erinnert sich Ulli. „Es war eigentlich eine Fülle an Nahrungsmitteln da. Wir waren ohnehin eher Vegetarier.“ Einmal stellten Freunde einen alten Postbus im Garten ab und lebten einige Zeit darin. Sie hatten das Fahrzeug in der Mitte auseinandergeschnitten und einen Kachelofen eingebaut. Ein Windrad sorgte für Strom, und wenn eine steife Brise wehte, brannte am Abend Licht. „Es hat ausgeschaut wie ein UFO“, sagt Ulli.

Mit den Nachbarn war das Verhältnis gut, doch die biologisch-dynamischen Methoden der Landbestellung sorgten für misstrauische Blicke. „Wir haben Hornmist gestreut“, sagt Ulli. Hornmist, das ist frischer Kuhmist, der in ein Horn gefüllt, einige Zeit vergraben und dann auf dem Acker ausgestreut wird. Damit soll laut dem Anthroposophen Rudolf Steiner der Boden gedüngt werden. „Dann haben schon einige gesagt: ‚Die haben einen Vogel.‘“

Wenn doch einmal Geld hereinkommen sollte, produzierte Ulli Gemüselaibchen, die über eine Genossenschaft in Wien verkauft wurden. In der Adventzeit buk sie Lebkuchen, machte sich selbst auf den Weg durch Wiener Beisln und verkaufte sie dort. Meistens jedoch war Ulli zu Hause, kümmerte sich um die kleine Landwirtschaft und sorgte für warmes Essen am Tisch, wenn die Töchter aus der Schule kamen. „Da konnten wir reden und essen“, sagt sie. „Ich weiß, das sind altmodische Werte, aber mir ist das immer wichtig gewesen. Es ist erstaunlich, auch wenn man nur so im Kleinen für sich arbeitet, wie viel man trotzdem lernt.“ Während einige Freunde ihre Kinder selbst unterrichteten, ließ Ulli ihren Töchtern die Wahl. Und beide entschieden sich dafür, nach dem Kindergarten in die nächstgelegene Volksschule zu gehen. Letztlich stieß die Selbstversorgung dadurch an ihre Grenzen. Für Schule und Studium wurde mehr Geld notwendig.

Richard arbeitete am Bau und in einer Keramikfabrik, bevor er sich entschloss, eine Hafnerlehre zu machen, nach deren Abschluss er auf die Meisterprüfung hinarbeitete und sich schließlich selbstständig machte. In den Neunzigerjahren setzte Veränderung ein. Richard baute die Firma auf, und Ulli kam mit auf die Baustellen; für die Pflanzen blieb weniger Zeit. Der Garten wurde kleiner, die Tiere abgegeben. „Die Tiere haben mir irrsinnig viel zerstört“, sagt Ulli. „Sie haben viel Zeit gekostet. Die Hendln sind in den Garten und haben alles verscharrt, oder der Bock ist ausgekommen. Das war so viel Stress.“ Es sollte ein paar Jahre dauern, bis sie sich wieder voll ihrem Kräuter- und Gemüsegarten zuwenden konnte.