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„Ich predige die Hoffnung“

Der Buchautor Rahim Taghizadegan über die Wutrede seines Freundes Roland Düringer, die Sehnsucht nach dem Garten und warum er nicht wählen geht.

Eine Altbauwohnung in Wien, Bezirk Döbling, später Nachmittag. Rahim Taghizadegan sitzt im Anzug an einem schmalen Tisch, stützt immer wieder das Kinn nachdenklich auf die Handfläche. Er soll heute über sich und sein Buch reden. Das heißt „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ (Ecowin) und ist im vergangenen Monat immer und immer wieder in heimischen Zeitschriften aufgetaucht. Eine Satire, aber auch Lebensanleitung, ein Mischwerk aus nicht ernst gemeinten Überzeichnungen, dann doch wieder ernst gemeinten Nachdenkratschlägen und wilden Thesen. Über Wochen schaffte es das Werk in die österreichische Bestsellerliste, noch bevor es im Fernsehen zu Ruhm kam.

Der Kabarettist Roland Düringer hatte in der ORF-Sendung „Dorfers Donnerstalk“ eine Rede gehalten, die sich inhaltlich an das Buch anlehnte. Mehr als hunderttausend Mal wurde die danach auf der Internetplattform YouTube angeklickt. Die Kommentatoren einiger Tageszeitungen beschäftigten sich mit den Thesen der beiden bis dahin weitgehend unbekannten Buchautoren. Sie gaben Interviews, manchmal auch zusammen mit Düringer, den sie als Freund bezeichnen, den sie schon vor seiner Fernsehrede kannten. Mit ihm mutierten sie über Nacht selbst zu Medienfiguren, zu Experten über die Wut und den Gesellschaftswandel. Das Nachrichtenmagazin News bezeichnet ihr Werk als „Lebensratgeber“, die Tageszeitung Wiener Zeitung spricht von einer „Streitschrift“, die Stadzeitung Falter schreibt „arg esoterisch angehauchter Lebensratgeber für Sinnsuchende“. In der Buchhandlung liegt das 154-Seiten-Werk in der Abteilung Politik und Geschichte.

Das folgende Gespräch ist eine Langfassung eines Interviews aus der Rubrik Letzte Fragen der aktuellen Februar-Ausgabe von DATUM:

Das Publikum ist nach der Fernsehrede von Roland Düringer aufgestanden und hat im Chor „Wir sind wütend“ geschrien. Dabei ist Ihnen das unreflektierte Massenverhalten doch zuwider, oder?

Ich war froh, dass der Roland keine platte Sache daraus gemacht hat, sondern etwas Verstörendes. Im ersten Teil macht er sich ja über seine Rolle lustig. Dass die Leute aufstehen, war ausgemacht. Das Buch hat ja auch viele verstört. Da steht: Wutbürger. Dabei endet das Buch ja gar nicht beim Wutbürger. Der Wutbürger ist ein aktuelles Phänomen und besagt, dass die Wut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Das hat der Roland adressiert, in all seiner Ambivalenz.

Dass das Buch damit Teil einer Show der von Ihnen gescholtenen Massenmedien wurde, stört Sie nicht?

Klassische philosophische Methode: Das Paradoxon. Das regt die Leute zum Nachdenken an. Dass man einen satirischen Fernsehauftritt ernst nimmt, zeigt, dass Journalisten ihr Medium nicht verstehen. Ein massenmedialer Superstar sagt in einem Massenmedium: In den Massenmedien werdet ihr nur belogen. Das regt an, darüber nachzudenken: Was kann ich glauben und was nicht?

Düringer hat selbst in einem Interview gesagt, er hat das „eigentlich ernst“ gemeint.

Es ist ja auch ernst zu nehmen. Es ist beides.

Woran soll man denn merken, wo die Satire anfängt und wo sie aufhört?

Das ist die Aufgabe, die jedem selbst überlassen ist. Hofnarr und Philosoph sind verwandte Positionen. Es ist darf aber nicht nur Unterhaltung sein, wir sind ernsthafte Menschen. Wir spüren ja auch die Wut.

Seite 2: Umschnall-Dildos, Allerweltsweisheiten und die Manipulation