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Im Auftrag des Wieners

In den Achtzigerjahren schockiert eine Mordserie Hamburg. Ein Killer räumt einen Zuhälter nach dem anderen von der Reeperbahn. Einer ­seiner Auftraggeber ist Österreicher. Im Milieu heißt er „Wiener Peter“. Bis heute sind die blutigen Jahre am Kiez nicht vergessen.
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Plötzlich fallen Schüsse – und Chinesen-Fritz vom Barhocker. Drei Kugeln stecken in Fritz Schroers Körper. Der Zuhälter, der seinen Spitznamen seinen schmalen Augen verdankt, ist sofort tot. Eigentlich war er in die Kneipe gekommen, um dort seinen Geschäftspartner zu treffen. Telefonisch hatte dieser Chinesen-Fritz in die „Ritze“, den damaligen Szenetreff der Hamburger Rotlicht-Größen, bestellt. Wie oft zuvor war Chinesen-Fritz durch die gespreizten Frauenschenkel mit Strapsen getreten, die bis heute die Eingangstür der „Ritze“ zieren. Die Zuhälter hatten etwas zu besprechen: Im gemeinsamen Laufhaus „Palais d’Amour“ schafften Prostituierte für die beiden an. „Nach den Erkenntnissen der Polizei wollte Chinesen-Fritz sich von seinem Partner trennen, er wollte ausbezahlt werden“, erinnert sich der ehemalige Ermittler Max van Oosting. Mit dem Mord an Chinesen-Fritz beginnt für ihn der spektakulärste Fall seines Lebens. Wenig später ermittelt er in einer Reihe weiterer Milieumorde und erkennt schnell ein Muster. „Man fragt: Wem nützt die Tat?“, sagt van Oosting. „Das ist eine kriminalistische Formel, wenn man sich einem Verbrechen annähert. Die Antwort: am ehesten seinem Partner.“ Am Ende war das für van Oosting und seine Kollegen der neu geschaffenen Dienststelle für Organisierte Kriminalität aber nie zu beweisen. Bis heute gilt der Mord als ungeklärt. 

Hamburg schreibt das Jahr 1981, als mit Chinesen-Fritz der erste Zuhälter auf St. Pauli tot vom Hocker fällt. Bisher waren Streits im Milieu mit den Fäusten ausgetragen worden. Ein ungeschriebener Kodex hatte die schweren Jungs voreinander beschützt: Gab es Probleme, ging man in den Keller oder um die Ecke, um sich stilvoll und ehrlich in die Fresse zu hauen. Wer am Ende noch stand, der hatte recht. Nun aber war einer von ihnen tot. „Das war in der Tat eine neue Dimension“, erinnert sich van Oosting. „Man darf es nicht so darstellen, als hätte es davor keine Gewalt gegeben, aber 1981 war eine Zeitenwende. Danach spielte sich die Gewalt auf einem anderen Niveau ab.“ Für die Ermittler steht bald außer Frage, dass es sich um einen Auftragsmord gehandelt haben muss. 

In den kommenden Jahren erschüttert eine Reihe weiterer Morde die Reeperbahn. Die Ereignisse sind bis heute Thema in deutschen Medien. Die Hamburger Morgenpost brachte im Sommer eine Artikelserie, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) strahlte zur selben Zeit die Dokumenation „Als die Killer auf den Kiez kamen“ aus. In Hamburgs Polizeimuseum, das offiziell erst 2012 eröffnet werden soll, ist der blutigen Zeit ein Teil der Ausstellung gewidmet. Die Morde sind wie die Kaufhauserpressungen Arno Funkes („Dagobert“) und die gefälschten Hitler-Tagebücher Teil deutscher Kriminalgeschichte. 

Anfang der Achtzigerjahre müssen sich Politiker wie Polizisten erstmals eingestehen: Es gibt das organisierte Verbrechen nicht nur in den Großstädten Amerikas, sondern auch in Deutschland. An der Spitze steht damals neben einigen anderen ein junger Klagenfurter, der sein Leben in Kärnten hinter sich gelassen hat und über Berlin nach Hamburg gekommen ist. Josef Peter N. taucht im Milieu auf – und als Kellner ein. Aber er will ganz nach oben. Er ist es, der in der „Ritze“ neben Chinesen-Fritz sitzt, als dieser vom Hocker geschossen wird. Er „erbt“ die Anteile seines Geschäftspartners. Dass N. zwar Österreicher, aber kein Wiener ist, sehen die deutschen Zuhälter nicht so eng. Sie nennen ihn schlicht: Wiener Peter. Aus dieser Zeit gibt es von ihm, dem „Wiener“, nur wenig Bildmaterial. Ein kurzer Videoausschnitt zeigt einen gutaussehenden, jungen Mann. Er trägt sein braunes Haar schulterlang. Die oberen Knöpfe seines Hemds geöffnet, die Zigarette im Mundwinkel. Am Handgelenk eine goldene Rolex, im Gesicht ein verschmitztes Lächeln. Er wirkt selbstsicher, hat Schmäh. Den Hamburgern dürfte er damit imponiert haben haben. Vor allem den Frauen.

Vom „Wiener“ hört man in Hamburg zum ersten Mal im Jahr 1972. Er ist gerade einmal 22 Jahre alt, hat Zwischenstation in Berlin gemacht und kommt nun in die Stadt an der Elbe. Zu dieser Zeit erreicht das Geschäft mit der Liebe seinen Höhepunkt, die Fronten sind klar abgesteckt. Drei Banden teilen sich Mädchen und Geld auf: die Hans-Albers-Clique, eine Verbindung aus Zuhältern, die rund um den nach dem Hamburger Schauspieler und Sänger („Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“) benannten Platz ihr Territorium hat; die GMBH, deren Name auf die Anfangsbuchstaben ihrer Bosse zurückgeht; und die Nutella-Bande – die jungen Wilden, die protzige Made-in-USA-Autos fahren, um sich von den älteren Zuhältern und deren Lamborghinis und Rolls-Royces abzuheben. Sie gelten als Milchbubis, die noch Nutella essen. 

In den Diskotheken und Bordellen der Reeperbahn stehen sich die Mitglieder der Gangs wie Kontrahenten eines sportlichen Wettkampfs gegenüber. Die Spielbälle und Trophäen: junge Frauen. Sie sollen mit Geld und Luxus verführt, dann von „Posierern“ gefügig gemacht werden. Ein Woche, so heißt es, braucht ein guter Posierer damals, bis eine Frau für ihn anschaffen geht. Bis zu 150.000 Deutsche Mark liegen an den Wochenenden zur Verteilung auf den Tischen.