Ukraine: Road To Euro(pe)
Kalte Nahtoderlebnisse
Wenn man in Kiew um 16.30 Uhr in der U-Bahn leicht einen Sitzplatz ergattert, dann kann etwas nicht stimmen. Ende Jänner fällt die Erklärung aber relativ leicht. Zu sagen, es sei kalt, wäre eine glatte Untertreibung. Es ist saukalt, und nur weitaus schlimmere Kraftausdrücke würden ausreichen, um die aktuellen Wetterbedingungen adäquat zu beschreiben. Die Menschen hier in Kiew sind abgehärtet, aber minus 20 Grad bringt auch die Härtesten dazu, nur die allernotwendigsten Wege in Angriff zu nehmen. Als Wiener bin ich zwar harte Winter gewohnt, aber der ukrainische Winter ist eine andere Herausforderung. Es sind nicht nur die Temperaturen, die einem hier schwer zu schaffen machen. Die Schneeräumung in Kiew ist gelinde gesagt ausbaufähig. Durch einen halben Meter hohen Schnee zu waten, ist zwar nicht schön, aber möglich. Problematisch wird, es wenn es über einige Tage und Nächte richtig kalt wird. Denn dann verwandelt sich der schöne Schnee in massives Eis.
Im Februar vor zwei Jahren verzichtete die Stadt für einige Tage völlig auf die Schneeräumung. Der Bürgermeister weilte laut offizieller Mitteilung in Dschibuti (kein Scherz!), und der junge Vizebürgermeister war der Meinung, etwas Geld sparen zu können, da es ja ohnehin bald wieder schneien würde. Dass es zu der Zeit in der Nacht auf minus 25 Grad abkühlte, hatte der junge Mann nicht bedacht. Die Folge: Kiew glich einem riesigen Eislauffeld. Und wenn alle Gehsteige einmal mit einer halben Meter hohen Schicht Eis überdeckt sind, dann wird das „Aufräumen“ zu einer knochenharten Arbeit, die sich über mehrere Wochen zieht. Nun ja, als der Bürgermeister wieder aus Afrika (oder wo er auch immer war) zurückkam, wurde er mit wütenden Menschen konfrontiert, die sich im besten Falle nur mit winzigen Schritten fortbewegen konnten und im schlimmsten Fall die Knochen brachen (ich selbst hatte einen kaputten Laptop und Handy zu beklagen, die in meiner Tasche waren, als ich unsanft darauf landete, was mir aber womöglich andere Verletzungen ersparte). In einer eilig einberufenen Pressekonferenz versuchte er, einen Schuldigen für den Schlamassel auszumachen und offenbarte darin eine Ehrlichkeit, die ich so von keinem Politiker zuvor gehört hatte. Schuld sei die Kiewer Bevölkerung, denn die hätte schließlich diese (unfähige, das meinte er wohl) Stadtregierung ins Amt gewählt. Besagter Bürgermeister wurde mittlerweile von Präsident Janukowitsch entmachtet, offiziell ist er zwar noch im Amt, die Geschäfte aber erledigt ein eingesetzter „Statthalter“.
Vielleicht ist es ihm zu verdanken, dass die Situation heute etwas besser ist, dennoch ist es derzeit alles andere als ratsam, die Wohnung für mehr als einen Einkauf im nahen Supermarkt zu verlassen. Ich habe es dennoch gewagt – und es ziemlich schnell bereut. Genau sieben Minuten dauert es von meiner Wohnung bis zur U-Bahn. Zeit genug, um ein Nahtod-Erlebnis zu haben. Ausgestattet mit einer ziemlich unästhetischen langen Unterhose (hier Calzone genannt und wesentlich weniger negativ konnotiert als in Wien), und fünf Schichten Oberbekleidung, dachte ich, gut genug gerüstet zu sein. Ein Irrglaube. Bei minus 20 Grad muss man schon eine Alpinisten-Ausrüstung tragen, um sich halbwegs gegen die Kälte stemmen zu können. Nach fünf Minuten Fußmarsch fühlt es sich an, als hätte man einige Kilometer hinter sich. Es hat schon einen Grund, warum fast niemand auf der Straße zu sehen ist, dachte ich, als ich in die halbleere U-Bahn einstieg. Da fiel mir auch wieder ein, dass am Morgen die Mutter meiner Freundin anrief, nur um uns zu raten, heute doch zu Hause zu bleiben. Und ich musste an all meine Bekannten denken, von den sich keiner aufraffen wollte, mich auf einen Kaffee zu treffen. Und plötzlich kam ich mir wie das Kind vor, dass erst auf die heiße Herdplatte greifen muss, um zu wissen, dass das keine gute Idee ist. Und als ich aus der U-Bahn ausstieg, fiel mir ein, dass ich schon vor zwei Jahren genau dasselbe gedacht habe. Aber da war es schon viel zu spät.



