Filipiniana
Kirche, Sex und Politik
Lila Fähnchen und Schleifen schmücken den Park gegenüber des Kongressgebäudes. Lila, das ist die Farbe der „pro RH“-Bewegung. Seit Jahren kämpft sie dafür, dass ein Gesetz zur reproduktiven Gesundheit verabschiedet wird, „Reproductive Health (RH) Bill“ genannt. Es soll Verhütungsmittel auf den Philippinen zugänglicher machen, vor allem für die arme Bevölkerung. Seit 16 Jahren wird darüber diskutiert. Seit 16 Jahren blockiert die Katholische Kirche das Gesetz.
„Noch nie waren wir so nahe am Ziel wie jetzt“, sagen Aktivisten dennoch optimistisch. Der Kongress stehe kurz vor der Abstimmung. Ein Grund, noch einmal Druck zu machen. An diesem regnerischen Abend haben sie im Park eine Bühne aufgebaut. Auch wenn das Publikum überschaubar ist, jubelt es umso lauter, als ein junger Mann mit Gitarre die philippinische Version von „What a Wonderful World“ anstimmt. Dazwischen singt er immer wieder die Worte „RH Bill, ipasa na!“ („Verabschiedet die RH Bill!“). Als er die Bühne verlässt, greift eine Frau mit kurzem Haar und einem sympathischen breiten Lächeln zum Mikrofon. Elisabeth Angsioco von den Sozialistischen Frauen ist eine Leitfigur der Bewegung. „Wir sind nicht nur hier, um die RH Bill zu fordern“, ruft sie dem Publikum zu. „Wir sind hier, um über Sex zu reden!“ Die Leute lachen und klatschen begeistert. Über Sex zu reden ist auf den Philippinen ein Tabu.
Über achtzig Prozent der mehr als 100 Millionen Einwohner sind katholisch. Obwohl laut Verfassung Staat und Religion getrennt sind, hat die Kirche starken Einfluss auf die Politik. In Pastoralbriefen, Pressekonferenzen, Youtube-Videos und von der Kanzel herunter verbreiten Priester ihre politischen Positionen. Nicht alle sind gegen die RH Bill. Doch dominiert die Meinung der offiziellen Kirchenführung. Mit fatalen Folgen.
Gesundheitsversorgung ist auf den Philippinen Angelegenheit der Lokalregierungen. Daher sind die Regelungen bezüglich Verhütungsmitteln unterschiedlich. In Manila City beispielsweise ist künstliche Verhütung verboten. So wie in Ayala Alabang südlich davon. Dort bekommt man Kondome nur gegen Rezept. Der Bürgermeister – überzeugter Katholik – setzt künstliche Verhütung mit Abtreibung gleich. Deshalb will er sogar Strafen einführen. Geldstrafen etwa, oder im schlimmsten Fall 6 bis 12 Monate Gefängnis. Je nachdem, wie oft man beim Kauf „illegaler“ Verhütungsmittel erwischt wird. Im Gegensatz dazu werden in Quezon City, nördlich von Manila, Aufklärungskampagnen gefördert. Mit der RH Bill wären alle Lokalregierungen verpflichtet, solche Programme zu finanzieren.
Die RH Bill soll vor allem das Bevölkerungswachstum regeln. In den Slums von Manila haben Frauen oft bis zu 13 Kinder, die sie nicht ernähren und nicht zur Schule schicken können. Selten ist eine so große Familie geplant. Sind Verhütungsmittel verfügbar, sind sie meist zu teuer. Die RH Bill sieht deswegen die Gratisverteilung von Verhütungsmitteln in den Armenvierteln vor. Alle Eltern sollen die Größe ihrer Familie bestimmen dürfen. Nicht nur jene, die sich Kondome leisten können.
Bei der RH Bill geht es aber nicht nur um Verhütung. Es geht um die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern allgemein, wie die Frauenrechtsorganisation Likhaan betont. Elf Frauen sterben täglich während der Geburt. Viele der Komplikationen wären vermeidbar, gäbe es die richtige Behandlung für alle Mütter.
Von solchen Argumente lässt sich die Kirchenführung nicht überzeugen. Sie warnt stattdessen vor dem „moralischen Verfall“ der Gesellschaft. „Die Kirche lehnt künstliche Verhütung ab, deren Verbreitung eine Kultur des Todes kreiert”, schreibt die Bischofskonferenz in einem Pastoralbrief. Katholische Organisationen, wie Pro-Life Philippines greifen zur selben Rhetorik: Die RH Bill fördere eine „Anti-Lebenskultur“. Und während Politiker vor Überbevölkerung warnen, befürchtet Pro-Life das Aussterben der Filipinos: „Jede Gruppe, die sich weigert sich zu reproduzieren, wird irgendwann verschwinden.“ Unter dem Motto „Save the World Through Divine Power” will Pro-Life das verhindern. Die Katholische Kirche akzeptiert nur natürliche Familienplanung. Verhütungsmittel würden ohnehin den Körper „vergiften“ und Kondome HIV/Aids verbreiten, anstatt davor zu schützen. In Fernsehsendungen erklären Priester sogar, warum die Einnahme der Pille Abtreibung sei.
Mit solchen Behauptungen lenken sie völlig von der Realität ab, denn sie ignorieren, dass 1.000 Frauen jährlich bei tatsächlichen Abtreibungen sterben. Insgesamt treiben 500.000 Frauen ab. Trotz Verbot. Und das geradezu vor den Augen der Kirche: Der Platz vor der Quiapo Church in Manila ist einer der überfülltesten Orte der Stadt. Im Getümmel der Pilger und Touristen betteln Kinder um Geld, alte Damen verkaufen Heiligenbilder und Hellseherinnen bieten ihre Dienste an. Für verzweifelte Frauen beginnt der Weg zur Abtreibung oft auf dem angrenzenden Markt, wo sie Fläschchen mit Kräutermedizin erhalten. Die Telefonnummer eines vermeintlichen Doktors gleich dazu.
Währenddessen werden sich im Kongress Befürworter und Gegner der RH Bill nicht einig. Frauenrechtlerin Elisabeth Angsioco wird ungeduldig: „Es sind unsere Eierstöcke, über die ihr spricht!“, lautet ihre Botschaft an die Politiker und Bischöfe. „Lasst die Frauen selbst entscheiden, was sie wollen!“
Eine Doku gibt Einblick in die RH Bill-Debatte Der Sprecher der Bischofskonferenz beispielsweise sagt in einer Pressekonferenz, dass es im Widerspruch zum Kaholizismus stehe, für die RH Bill zu sein:
Hier erklärt er seine moralischen Bedenken und behauptet, dass die RH Bill nichts für Filipinos sei:
Der Direktor der philippinischen Caritas sieht hinter der RH Bill „big business“ und eine Verschwörung zwischen Kapitalisten und dem Westen (ab min 1:00)



