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ÖNORM

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Globus

Krawallah

In Ägypten sind sich Muslime und Christen oft dermaßen gram, dass sie nichts anderes wissen, als zu töten. Dabei sind sie einander im Alltag näher, als ihnen lieb ist. Ein Frontbericht aus einem Land, das einen Gott zu viel hat.
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In Ägypten fällt jeden Tag für ein paar Minuten der Strom aus, und da Stromausfälle auch ein Zeichen sind, dass nicht alles rund läuft im Land, hat der Ministerpräsident im April in höchster Eile ein Gesetz erlassen: Er schaffte die Sommerzeit ab. Denn die habe schließlich nur „Mensch und Tier verwirrt“ und dazu geführt, dass die Klimaanlagen länger laufen; außerdem lasse der Ägypter ohnehin die ganze Nacht das Licht an.

An Freitagen allerdings, wenn die Sonne ganz oben am Himmel steht, bricht das Netz nur äußerst selten zusammen. Das wiederum habe mit den Nudeln und den Linsen zu tun, die er gerade isst, davon ist Rames Nader überzeugt. Er sitzt auf seinem Balkon und versteht die Welt um ihn herum nicht mehr. Es ist zu laut.

„Mach dir nichts draus“, schreit mich Rames auf Arabisch an, „der brüllt diesen Mist dauernd!“ Der koptische Christ, 23, wohnt im sechsten Stock eines betongrauen Wohnhauses in der Abdel-Qader-Straße in Alexandria, zwei Zimmer, Küche, an der Wand zwei Bilder: eines vom Papst und eines von Jesus. Im Gebäude nebenan ist die Al-Fath-Moschee, ein wuchtiger Raum im Erdgeschoß mit weißen Wänden, kaltem Neonlicht und grünen, frisch gesaugten Teppichen. Sie ist der Grund, warum ich mit Rames nicht reden kann, sondern schreien muss.

Sieben große Lautsprecher ließ der Scheich installieren, damit er der Nachbarschaft mitteilen kann, was sie zu wissen braucht. Die Kabel sind von Wand zu Wand über die Straße gespannt: von der Moschee zur Schule gegenüber und weiter zu Rames’ Nachbarn im Erdgeschoß; von dort zur Straßenlaterne vis-à-vis, wo zwei besonders große Modelle hängen. Der vorerst letzte Lautsprecher wurde dort angeschraubt, wo er Rames am meisten wehtut: neben seinem Balkon.

Es ist ein Freitag im Mai, in Österreich wird jetzt zu Mittag gegessen, und die Leute freuen sich darauf, am Sonntag saftigen Schweinenacken und frische Bratwürste auf den Grill zu legen; es ist Frühling. Zweitausend Kilometer südlich, in Alexandria am Mittelmeer, ist es 31 Grad heiß und gefühlter Sommer; es ist die Zeit für das große wöchentliche Gebet, das Dschumah. Die Straßen: verwaist. Die Geschäfte: geschlossen. Die Ehefrauen: am Beten – und nicht wie sonst am Kochen.

Die Gläubigen haben ihre Teppiche auf der Straße ausgebreitet. In der Moschee ist viel zu wenig Platz für die Männer, die zu Hunderten gekommen sind. Frauen beten getrennt in einem Kabuff um die Ecke. Es ist die Kraft der Gruppe, die sie anzieht, die schon ihr Prophet damals beschwor: „Das Gebet in der Gemeinschaft ist um siebenundzwanzig Stufen besser als das Gebet des Einzelnen.“

Damit auch wirklich niemand stört, haben sie an den Kreuzungen zwei Autos quer gestellt. So wie in der Abdel-Qader-Straße sieht es jetzt im ganzen Land aus. Es gibt 75 Millionen Muslime und 104.506 offiziell registrierte Mo­scheen. Vor dieser Macht der Masse musste am Ende sogar Mubaraks Polizei kapitulieren. Daheim in der Wohnung sitzen jetzt nur die acht Millionen Christen. Das aber, sagt Rames, reiche „niemals für einen ordentlichen Stromausfall“. Seine Theorie geht so: mehr Nudeln, mehr Leute zu Hause, mehr Stromausfälle. Denn ginge jetzt den Lautsprechern der Saft aus, wäre das eine tiefe Demütigung für den Islam, davon ist Rames überzeugt. Er bittet den Herrgott jeden Freitag darum – erhört wurde er aber noch nie.

Über die grellen Lautsprecher hört sich die Rede des Scheichs akustisch an wie jene Adolf Hitlers, als er Polen den Krieg erklärte. Rames stochert in seinen Linsen herum. Vergeht ihm bei diesem Geplärre nicht der Appetit? „Der Mensch gewöhnt sich nach einiger Zeit auch an das Wort ‚töten‘“ – und so, wie Rames das sagt, klingt es ein wenig nach ärztlichem Befund: „Der Scheich hat auch mal gute Tage, dann ist er ruhiger.“ 

Rames hat französisches Recht studiert, verkauft Handyverträge und macht damit gutes Geld. Sein Vater starb vor zwei Jahren, also übernahm er als ältester Sohn dessen Pflichten und kümmert sich seither um seine Mutter und seine zwei Geschwister. Rames hört gerne Lieder von James Blunt und ist Mitglied der Facebook-Gruppe „Eine Million ist bereit, als Märtyrer für Jesus zu sterben“.

Unten auf der Straße, nach der achtzigminütigen Standpauke, werfen sich die Betenden jetzt nieder und sagen im Chor: Allahu akbar. Beruhigend ist das nicht. Sie sehen aus wie jene Männer, die an Flughäfen auf Plakaten hängen, weil sie das Bundeskriminalamt als Terroristen verdächtigt. Sie sind Salafisten. Menschen, die so leben wollen, wie es ihr Prophet vor 1.400 Jahren vorgemacht hat. Und die tüchtig daran arbeiten, dass die Welt das auch irgendwann tut, das wolle Allah so. 

Theoretisch mag das schlüssig klingen. Praktisch funktioniert das in etwa so gut, als würde Olivetti die Menschen zwingen, mit der Schreibmaschine ins Internet einzusteigen. Trotzdem soll es bis zu eine Million Ägypter geben, die von diesem Lebensentwurf überzeugt sind. Die Predigern regelrecht hörig sind, die zusammengefasst dafür eintreten, einfach alles zu verbieten, was Spaß macht. Die größte Partei der Salafisten, Al-Nour, hat in den Wochen nach der Revolution allein in Alexandria 33 Büros eröffnet.

Die heruntergekommene Metropole mit fünf Millionen Einwohnern gilt als Zentrum des strengen Islam. Der ist mehr Peitsche als Zuckerbrot und wird nicht nur von den Radikalsten beworben, sondern auch von den Radikalen, den im Westen gefürchteten Muslimbrüdern, die bei Wahlen ein Ergebnis einfahren könnten wie die SPÖ zu ihren besten Kreisky-Zeiten – und deren Unterschied zu den Salafisten in etwa so ist wie Cola zu Cola light.

Die anderen Gläubigen sagen, sie seien moderat, was in Ägypten heißt: im Zweifel für den Koran. Und das macht den Christen Angst. So kam in einer Umfrage des Gallup-Instituts heraus, dass 97 Prozent der ägyptischen muslimischen Frauen überzeugt sind, dass die Scharia die Frauen schütze, und vier von fünf, dass das auch für die Minderheiten gelte. Jenes islamische Regelwerk, das im Westen gleichgesetzt wird mit: steinigen, auspeitschen, Hände abhacken.