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Kroatischer Moralapostel

Obwohl selbst Priester, ist Don Ivan Grubisic der größte Kirchenkritiker in Kroatien. Jetzt tritt er bei der kommenden Parlamentswahl an.
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Große Ideen entstehen im Kleinen. Zum Beispiel in einer Garage mit weniger als 20 Quadratmeter Fläche. Hier stehen zwei Schreibtische, ein Festnetztelefon, ein Standcomputer. Die Gitterstäbe vor der Fensterscheibe schützen nicht vor Blicken von der Straße, die große Pinie davor spendet zumindest ein wenig Schatten. Hier in Split, der größten kroatischen Adriastadt, ragen überall violette Drillingsblumen und Feigenbäume aus der Erde, es riecht nach zerquetschten Früchten und öligem Asphalt.

Die Garage, keine zehn Minuten vom antiken Diokletianpalast, der Riva und der Fähranlegestelle entfernt, ist die Zentrale einer neuen Bewegung, die Kroatien umkrempeln will. „Savez za gradansku i eticku Hrvatsku“, das Bündnis für ein bürgerliches und ethisches Kroatien, möchte am 4. Dezember in das kroatische Parlament, den Sabor, in der Hauptstadt Zagreb einziehen. Mittlerweile hat die Bewegung über 7.000 Anhänger in Social-Media-Kanälen wie Facebook. „Mehr als jede andere politische Gruppierung in Kroatien!“, sagt deren Initiator stolz.

Der ist nicht etwa ein junger Internetfreak oder ein ehrgeiziger Student, sondern ein 75-jähriger Priester. Ivan Grubisic ist ein prominenter Mann. Seit Jahren fungiert er als der bekannteste Kirchenkritiker Kroatiens. Für manche ist er interessanter als selbst der Papst: Als das kroatische Fernsehen im Sommer dieses Jahres eine große Messe von Benedikt XVI. aus Zagreb übertrug, gab Grubisic gleichzeitig auf dem anderen Kanal ein einstündiges Interview. Er hatte etwas mehr Zuseher als die Papstmesse.

Wegen Machtmissbrauchs, Verschwendung und Intransparenz hat Don Ivan von seiner kleinen Spliter Pfarre St. Rochus aus seinen Arbeitgeber öffentlich ständig scharf kritisiert. Nun ist er in Priesterpension und will mit derselben Vehemenz die Politik ins Visier nehmen.

Hintergrund ist die größte politische und moralische Krise, seit Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Investitionen bleiben aus und langjährige Spitzenpolitiker müssen sich wegen Korruption und Amtsmissbrauchs verantworten. Deshalb will das Bündnis für ein bürgerliches und ethisches Kroatien von der dalmatinischen Küste aus das 4,5-Millionen-Einwohner-Land „strukturell und politisch tiefgreifend verändern“, wie es im Programm der Bewegung heißt. Es oszilliert zwischen christlichsozialer und grüner Weltanschauung.

Initiator Don Ivan Grubisic ist für viele Kroaten eine Galionsfigur im Kampf um Moral und Anstand. Vor allem, weil Kritik an der katholische Kirche, einer in Kroatien übermächtigen Institution, etwas sehr Ungewöhnliches ist. Diese weiß ihre gesellschaftliche und politische Position machtbewusst zu nützen. Deshalb gilt Don Grubisic mitunter auch als Nestbeschmutzer. Manche Kirchenmänner sagen, er sei eitel und geltungssüchtig. Kaum ein Thema mit Bezug zur Kirche, das Don Grubisic nicht kommentiere, er sei auf einem ernsthaften Egotrip, meinte sein Spliter Priesterkollege Josip Coric gegenüber dem kroatischen Fernsehen. Manche Kritiker gehen noch weiter, nennen ihn einen Kommunisten, Freimaurer oder Jugonostalgiker. 

Solche Anfeindungen perlen an ihm ab wie Wasser an einer Ente. „Meine Kritiker kann ich nicht ändern“, sagt Grubisic. „Es macht keinen Sinn, Blinden Bilder zu zeigen und auf Taube einzureden.“ Er sitzt am Steuer eines gepflegten Opel und fährt im Rahmen seines Wahlkampfes nach Gospic, einer Kleinstadt auf halbem Weg zwischen Split und Zagreb. Über der Rückbank baumelt ein schwarzes Sakko an einem Kleiderhaken. Grubisic ist ein ungeduldiger Fahrer. Gekonnt drängt er einen Mercedes von der Überholspur und lacht. Dabei wirkt der Pensionist wie ein schüchterner Gymnasiast, der sich gehen lässt. 

Don Ivan gehört zu einer Generation, für die Bescheidenheit und Genügsamkeit noch viel gelten. Seine grau melierten Haare sind ordentlich zur Seite gekämmt. Seine Kleider striegelt und pflegt er seit Jahren, Neues wird erst dann gekauft, wenn das Alte auseinanderfällt. In das schwarze Leder seiner Halbschuhe haben sich tiefe Furchen gegraben, von einem Knopf am rechten Sakkoärmel ist nur noch die Hälfte übrig. Grubisic wahrt die Form, dennoch legt er keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten. „Man ist am glücklichsten, wenn man nicht begehrt“, sagt er und klingt dabei wie ein buddhistischer Mönch.

Sein Bündnis hat trotzdem konkrete Forderungen: die Stärkung des Rechts- und Sozialstaats, die Abschaffung aller Privilegien für Politiker und Religionsgemeinschaften sowie einen schlankeren, dezentralisierten Staat. Seine Organisation ist klein und erst wenige Monate alt. Beobachter meinen, dass selbst ihr Einzug in den Sabor fraglich ist. Doch sie könnte den Beginn einer größeren Bewegung abseits der beiden großer Lager bedeuten, die Kroatien seit jeher prägen – den Konservativen und den Sozialdemokraten.

„Die beiden Parteien sind siamesische Zwillinge“, sagt Grubisic. „Sie sind aus dem gleichen Nest.“ In Kroatien ging die konservative HDZ (Kroatische Demokratische Union) ebenso wie die sozialdemokratische SDP (Sozialdemokratische Partei Kroatiens) aus den Eliten des ehemaligen Jugoslawien hervor. Erstere war die Partei des Staatsgründers und Präsidenten Franjo Tudjman. Seine Partei bot ein breites Forum für Nationalismus, Chauvinismus und Staatskatholizismus. Doch in der Zeit nach Tudjman wandelte sich die HDZ von einer Kriegspartei zu einer scheinbar soliden Volkspartei nach europäischem Vorbild. Verantwortlich dafür war Ivo Sanader, Tudjmans Nachfolger als Parteichef.

Sanader kommt wie Ivan Grubisic aus Split. In seiner Zeit als Ministerpräsident von 2003 bis 2009 näherte sich Kroatien der Europäischen Union an. Die Wirtschaft prosperierte, und erstmals seit dem Krieg kamen wieder massenhaft Touristen. Sanader, ein weltgewandter, polyglotter Mann, wurde von Europas Politikern hofiert und als Symbol des neuen Kroatien gefeiert. „Er war ein balkanischer Wichtigtuer“, meint Don Grubisic. Noch im August 2010 trat Sanader beim Forum Alpbach in Tirol auf. Vier Monate später hob das kroatische Parlament seine Immunität auf. Ihm werden Amtsmissbrauch und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Am selben Tag verließ er das Land und wurde kurz darauf von österreichischen Polizisten auf der Tauernautobahn festgenommen. 

Sanader soll mehrere Millionen Euro aus den Kassen des Landes gestohlen haben. Nach Monaten in Salzburger Untersuchungshaft überstellte man ihn nach Zagreb, wo im September Anklage erhoben wurde. Der tiefe Fall Sanaders und die Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zogen einen vorläufigen Schlussstrich unter die Erfolgsgeschichte des jungen Staates.