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Lässig, Luftig, Laura

Um in ihrer Partei nach oben zu kommen, musste Laura Rudas nicht viel mehr machen, als im Wahlkampf zu laufen und nett zu lächeln. Jetzt ist sie SPÖ-Bundesgeschäftsführerin und könnte zum Problem werden.
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Laura Rudas hat immer Begleiter an ihrer Seite. Bei öffentlichen Auftritten umschwirrt sie eine Meute von Mitarbeitern und nicht selten sie selbst Bundeskanzler Werner Faymann. An diesem 10. März, ihrem 28. Geburtstag, sitzt beim Gespräch mit der Bundesgeschäftsführerin in der SPÖ-Parteizentrale auch Elisabeth Hakel mit am Tisch. Die neue Kommunikationschefin der Partei macht sich eifrig Notizen und dient auch als Souffleuse. „In ganz Europa beneidet man uns“, beginnt Rudas einen Satz, stockt plötzlich und sucht verzweifelt nach dem richtigen Wort. „Wie heißt es denn?“, fragt sie. Hakel hilft aus und sagt „für“. Rudas bedankt sich. Also noch einmal von vorn: „In ganz Europa beneidet man uns für die große Zahl an Mitgliedern“, sagt sie mit entschuldigendem Lächeln.

Protektion ist Laura Rudas gewohnt. Ihr verdankt sie ihren rasanten politischen Aufstieg, der sie an die Spitze der Parteizentrale und auf eine der vorderen Bänke des Nationalrates gebracht hat. Stets vertraute die Parteispitze darauf, dass die Symbolik einer jungen Frau, die durch die Parteihierarchie geht wie das heiße Messer durch die Butter, ausreicht, um inhaltliche Leere zu kaschieren. Wirklich beweisen musste sich Rudas noch nicht. Es genügte, dass sie sich in den Wahlkämpfen der vergangenen Jahre die Hacken wund lief, lächelte und die jeweils aktuelle Parteilinie nacherzählte. Nach mehr als drei Monaten in der neuen Funktion, die sie gemeinsam mit Günther Kräuter ausübt, sieht sich Laura Rudas jetzt mit den ersten echten politischen Herausforderungen konfrontiert: Die Bundesgeschäftsführerin muss sich nach den Wahlniederlagen der SPÖ in Kärnten und Salzburg und dem ersten großkoalitionären Knatsch um die Neuregelung von Lehrerarbeitszeiten im Troubleshooting beweisen.

Eigentlich. Tatsächlich wirkt es aber so, als ob die Partei Laura Rudas derzeit am liebsten verstecken würde. Jetzt, da die SPÖ wieder einmal merkt, dass sie deutlicher machen muss, wofür sie eigentlich steht. Da wirkt eine Person, die sich selten klar positioniert, an vorderster Front der Partei deplaziert. „Mängel in der Kommunikation“, diagnostiziert die steirische SP-Nationalratsabgeordnete Elisabeth Grossmann und steht damit nicht allein da. Tatsächlich stößt der „neue Stil“, den Rudas und Kräuter im vergangenen November ankündigten, nachdem sie ihre – in verschiedenen Stockwerken gelegenen – Büros in der Löwelstraße bezogen hatten, in der Partei bisher auf wenig Anklang.

Schluss sollte sein mit den ewigen Schlachten mittels Presseaussendungen, die sich frühere SP-Geschäftsführer mit ihren Pendants in den anderen Parteien, vornehmlich von denen der ÖVP, geliefert hatten. Das gelang ihnen vorzüglich, indem sie sich so gut wie überhaupt nicht zu sachpolitischen Themen äußerten. Rudas dagegen verlegte sich bisher darauf, die „Öffnung“ der Partei voranzutreiben. Das heißt für sie vor allem, die SPÖ-Aktivitäten auf Internetplattformen wie Facebook, Twitter oder Flickr zu forcieren.

Wie diese Öffnung allerdings inhaltlich begleitet werden soll und was darunter konkret zu verstehen sei, lässt Rudas bis heute im Unklaren. Im Gespräch greift sie regelmäßig auf Allgemeinplätze zurück, die sich mitunter schnell zu Binsenweisheiten auswachsen. „Es gibt eine parteiübergreifende Zustimmung, dass man etwas tun muss, damit die Arbeitslosigkeit nicht ins Unermessliche steigt“, sagt sie zu den jüngst beschlossenen Konjunkturpaketen und deren Auswirkungen auf den Staatshaushalt.

Oder: „Nichts ist schlimmer, als Jugendarbeitslosigkeit zuzulassen, denn das belastet die nächste Generation.“ Als Reaktion auf die für die SPÖ enttäuschenden Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen in Kärnten und Salzburg kündigt sie an, dass „wir noch stärker direkt mit den Wählern in Kontakt treten“. Noch stärker als in einem Wahlkampf?

Nach dem Willen des Bundeskanzlers soll Laura Rudas für eine ganze Generation junger Menschen stehen, die die SPÖ für sich gewinnen will und die die Partei in Zukunft gestalten soll. Führt das nicht zum Erfolg, hätte wohl weniger Rudas als vielmehr die SPÖ ein Problem. „Die Frage könnte dann lauten: Ist es so, dass es kritische junge Leute in der Partei schwer haben, oder gibt es diese Leute einfach nicht?“, sagt Kurt Flecker, steirischer SPÖ-Landessozialrat, der Werner Faymann zuletzt für dessen Linie in der EU-Politik kritisiert hatte.

Flecker vermutet eine Absicht hinter der Besetzungspolitik in den Kommunikationsabteilungen der Partei. Dazu gehören neben den Geschäftsführern Rudas und Kräuter auch Kommunikationschefin Hakel und Medienstaatssekretär Josef Ostermayer. „Wenn diese Staumauer den Sinn hat, innerparteiliche Kritik abperlen zu lassen, würde das zum Stil passen“, sagt er. „Für junge Politiker, die andere Ansichten als die Parteiführung haben, ist es schwieriger, durchzudringen. Aber von denen, die in entsprechenden Positionen sind, hört man nichts“, sagt Flecker.

Was Parteikollegen zu Laura Rudas einfällt, deckt sich oft mit dem, was auch Co-Geschäftsführer Kräuter über sie sagt: „Sie stärkt das Profil der SPÖ. Ich finde bemerkenswert, dass eine junge Frau wie sie in eine verantwortliche Position kommt.“ Sie darüber hinaus politisch einzuschätzen schafft indes niemand so recht.
„Ich kenne sie eigentlich gar nicht“, sagt die oberösterreichische Nationalratsabgeordnete Sonja Ablinger über Rudas. Kein Wunder: Wer im Schnelldurchlauf eine Karriere durchläuft, für die andere Jahrzehnte brauchen, kann eben nicht an jeder Milchkanne halt machen und Hände schütteln.

„Als Bundesgeschäftsführerin muss sie auch die Probleme und Sorgen aus den Ländern erfragen“, sagt der steirische SPÖ-Nationalratsabgeordnete Josef Muchitsch. Er sieht in Rudas „die Hoffnungsträgerin der Partei. Aber es besteht die Gefahr, dass sie verheizt wird.“ Auch andere in der SPÖ warnen plötzlich vor zu hohen Erwartungen an die Jungpolitikerin. „Man kann nicht die Erneuerung der Partei auf eine Person projizieren“, sagt Gertraud Knoll, Bezirksvorsitzende der SPÖ im 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund und ehedem unabhängige Kandidatin bei der Bundespräsidentschaftswahl 1998 (sie landete klar hinter Thomas Klestil auf dem zweiten Platz).

Vorhandene Ängste in der Gesellschaft würden „in einer politischen Eventszene weggeblödelt“, sagt Knoll, möchte das aber nicht auf Rudas und deren Auftritte münzen. „Sie ist von der Funktion her eine der wichtigsten Personen der Partei. Und sie genießt das Vertrauen von Werner Faymann “, sagt Knoll. Zuneigung hört sich anders an.

So wie die Partei mit ihr fremdelt, so fremdelt auch Rudas mit ihrer exponierten Rolle in der Öffentlichkeit. Steht sie allein, kommen unbequeme Fragen oder unerwartete Ereignisse auf sie zu, wird sie schnell unsicher. In Fernsehinterviews verhaspelt sie sich gern einmal, auf spontane Fragen im Straßenwahlkampf reagiert sie bisweilen unwirsch. Im Gespräch platzt ihre Stimme zunächst oft laut hervor, wird dann aber leiser, je länger sie redet. Immer mehr Füllwörter schleichen sich dann in ihre Sätze ein.

Fragt man, welche konkreten Maßnahmen beispielsweise gesetzt werden sollen, um die angesichts der Weltwirtschaftskrise rasant steigende Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist es ihr nicht zuwider, eine ohnehin schon unzureichende Antwort zu wiederholen: „Es braucht gemeinsame Anstrengungen“ und „Projekte, um junge Menschen in Ausbildung zu bringen“. Angesichts all dessen entsteht unweigerlich der Eindruck einer politischen Dünnbrettbohrerin. „Um in der täglichen Diskussion gerüstet zu sein, muss sie sich themenübergreifend ein Wissen aneignen“, empfiehlt ihr deshalb der Gewerkschafter Josef Muchitsch.

Trotz allem sieht sich Rudas selbst als Rebellin. Als Beleg dafür zieht sie immer gern die Geschichte mit der Fußballmannschaft am konservativen Gymnasium in ihrem Wiener Heimatbezirk Döbling hervor, das Laura Rudas bis zur Matura besucht hatte. Die geht so, dass sie sich im Alter von 14 Jahren darüber aufregte, dass sie als Mädchen nicht mit den Buben in der Fußballmannschaft der Schule kicken durfte. Sie intervenierte so lange, bis auch Mädchen im Team spielen durften, bis sie selbst mit der Mannschaft auf dem Platz stand – als einzige unter lauter Jungs. Die „Ungerechtigkeiten“, denen sie in der Schule ausgesetzt gewesen war, inspirierten sie auch für ihre Diplomarbeit im Fach Politikwissenschaft zum Thema „Soziale Selektion an österreichischen Schulen“, die sie jüngst fertiggestellt hat.

Nach der Matura hatte Laura Rudas bei der SPÖ des 15. Wiener Gemeindebezirks Rudolfsheim-Fünfhaus angeklopft. Den Schritt in den Arbeiter- und Einwandererbezirk wagte sie weniger aus Liebe zum Proletariat, sondern aus praktischen Erwägungen. 2001 gab es dort noch keine Bezirksorganisation der Sozialistischen Jugend (SJ). Also gründete Rudas sie und wurde auch gleich von der Bezirks-SPÖ zu deren Vorsitzender bestimmt.

Vielen Funktionären in den Jugendorganisationen der Partei war Rudas damals suspekt. „Ihre Nähe zur Parteiführung hat die Zusammenarbeit mit den Jugendorganisationen nicht erleichtert“, sagt heute Barbara Blaha. Die damalige ÖH-Vorsitzende kehrte der SPÖ Anfang 2007 aus Protest gegen die gebrochenen Wahlversprechen – allen voran jenem, die Studiengebühren abzuschaffen – der damaligen Regierung unter Bundeskanzler Alfred Gusenbauer den Rücken.
Im Dezember 2003 gelang Rudas der Sprung in den Bezirksrat von Rudolfsheim-Fünfhaus, nur einen Monat später landete sie im Wiener Gemeinderat.

Immer lief ihr Aufstieg nach dem gleichen Muster ab: Ein Platz wurde durch den Rückzug eines SPÖ-Abgeordneten frei, den in der Folge Laura Rudas besetzte. So auch im Jänner 2007, als Rudas das freigewordene Mandat im Nationalrat von Doris Bures erbte, die als Frauenministerin in die Regierung aufgerückt war. Tatsächlich gewählt wurde Rudas nur zweimal: bei der Wiener Gemeinderatswahl 2005 und bei der Nationalratswahl im Oktober 2008. Auf dem Posten als Bundesgeschäftsführerin wollte Werner Faymann sie sehen, der entsprechende Beschluss im Parteipräsisidium fiel einstimmig aus. „Mir hat noch niemand gesagt, mit dieser Entscheidung nicht einverstanden zu sein. Zumindest nicht ins Gesicht“, versichert Rudas.

Von jungen Abgeordneten der Oppositionsparteien, die allesamt älter sind als Rudas, wird ihr das politische Talent jedenfalls nicht abgesprochen. „Ihre Stärke ist, dass sie sehr unorthodox im Parlament auftritt“, sagt der 30 Jahre alte FPÖ-Abgeordnete Manfred Haimbuchner, der bis zum Oktober 2008 Jugendsprecher seiner Partei war und inzwischen deren Rechnungshofsprecher ist. Für ihn ist Rudas aber „eine von denen in der SPÖ, mit denen eine konstruktive Zusammenarbeit nicht möglich ist“. Eine Einschätzung, mit der Laura Rudas leben kann, schießt sie doch gern gegen die FPÖ und deren Vertreter.

Für ihr Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wird sie von der 32-jährigen Jugendsprecherin der Grünen, Tanja Windbüchler-Souschill, gelobt. „Aber sie schafft es nicht, ihre Partei dafür zu sensibilisieren“, sagt sie. Dass Rudas nie außerhalb ihrer Partei tätig gewesen ist, merke man ihr an: „Ihr Leben ist die SPÖ. Deshalb hat sie manchmal einen schiefen Blick auf die Realität“, sagt die Sozialarbeiterin. Der 34-jährige Nationalratsabgeordnete August Wöginger von der ÖVP kann vor allem anderen Rudas’ Position beim Thema Pensionen nicht nachvollziehen: „Da ist sie etwas blauäugig“, sagt er. Rudas hatte sich im vergangenen Jahr für eine Erhöhung der Pensionen ausgesprochen und gegen die Einführung einer Pensionsautomatik.

Das politische Geben und Nehmen beherrscht Rudas schon ganz gut. Einer ihrer größten Fürsprecher in der Partei ist altersmäßig aber in einer ganz anderen Kategorie angesiedelt. Dafür, dass Laura Rudas die Positionen der Pensionisten übernahm, unterstützte Karl Blecha, Obmann des Pensionistenverbands Österreichs, sie darin, die Studiengebühren abzuschaffen.

Blecha ist ein langjähriger Freund der Familie und kennt Rudas schon seit ihrer Kindheit. Ihr Vater Stephan Rudas ist Chefarzt des Psychosozialen Dienstes Wien und ihr Onkel Andreas war zu Blechas Zeit als Innenminister in den Achtzigern dessen Pressesprecher. Wie seine Nichte war auch er schon einmal Bundesgeschäftsführer der SPÖ und erdachte die Kampagne für den Kanzlerwahlkampf von Viktor Klima im Jahre 1999. Damals hielten zum ersten Mal Spin-Doktoren und bestellte Jubeltruppen auf Wahlkampfveranstaltungen Einzug in die Partei. Ein Werkzeug, das Laura Rudas später in „ihrer“ Jugendgruppe, den „Jungen Roten“, für sich entdecken sollte.

Die sind eine sozialdemokratische Gruppierung fernab verfestigter Organisationsstrukturen, in der sich laut Rudas rund 300 junge Menschen engagieren und in der politische Arbeit mit dem vermengt wird, was sie für eine zeitgemäße Fankultur hält. Die Parteiführung ruft ihre Dienste vor allem in Wahlkampfzeiten ab. Ob Wiens Bürgermeister Michael Häupl oder Werner Faymann: Stets konnten sie sich darauf verlassen, dass Rudas die nötige Unterstützung in Form jubel- und klatschwilliger junger Menschen auf die Bühne bringt.

Wie man sich eine Machtbasis schafft, scheint sie bei ihrem Förderer Faymann studiert zu haben. Kopiert sie doch dessen Modell, indem sie Personen um sich schart, die sie auf ihren Karriereschritten im Windschatten mit sich zieht. Jugendfreundin Merja Biedermann, Bezirksrätin in Rudolfsheim-Fünfhaus, war parlamentarische Mitarbeiterin von Rudas und arbeitet seit deren Aufstieg in die Parteizentrale im Büro der Bundesgeschäftsführerin. Ein weiterer langjähriger Begleiter von Rudas, der Wiener Gemeinderat Peko Baxant, folgte Rudas als Jugendkoordinator der Wiener SPÖ nach und dient ihr als persönlicher Assistent.

Seit ihrem Karrieresprung schwimmt Rudas mehr denn je im Fahrwasser der Parteiführung. „Das gehört zu ihrem Profil als Bundesgeschäftsführerin. Da hat man nicht kritisch zu sein“, sagt Karl Duffek, Direktor des Karl-Renner-Instituts. Die nicht zu erfüllende Erwartungshaltung gegenüber Laura Rudas produziert sie am Ende selbst. „Ich kritisiere Dinge, die zu kritisieren sind und das werde ich auch in Zukunft tun.“ Wenn die Kritik so daherkommt wie bisher, braucht sich niemand jemals vor Laura Rudas zu fürchten. Weder die SP-Parteiführung, noch die politischen Gegner.