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Streitgespräch

Bundespräsident Heinz Fischer über Streitkultur, Liberalismus und Sozialismus.

In 24 Stunden um die Welt

Einmal um den Globus in 24 Geschichten aus aller Welt, von Mumbai über Tokio nach Sarajevo.

Schuld und Sühne

Das Gefängnis ist gescheitert. Justizminister Brandstetter verspricht längst notwendige Reformen, an die kaum wer glaubt.

Globus

Land unter

Die Katastrophe in Port Said schockiert Ägypten und die Welt. Wer auch immer Schuld daran haben will - die Details der Tragödie zeigen, in welchem gefährlichen Zustand das Land ist.

Das einzige, was Ägypten immer zusammengehalten hat, ist Fußball. Nach der Revolution diskutierten die Menschen auf der Straße vor allem darüber, wann denn endlich die Spiele in der obersten Liga wieder aufgenommen werden, was schließlich im April geschah. Jeder Taxifahrer in Kairo strahlt, wenn man ihn fragt, ob er „Ahlawi“ sei oder zum Erzfeind „Zamalek“ halte. Und wagt es die Tochter, einen Freund nach Hause zu bringen, der den falschen Verein unterstützt, bekommt sie großen Ärger mit dem Vater. Mit der Clubzugehörigkeit sei es wie mit der Religion, sagt Jailan, eine Lehrerin aus Alexandria: „Du bekommst sie vererbt.“

Die Fußballtragödie in Port Said trifft das Land deshalb mitten ins Herz. Sie eint es in der Trauer. Die Menschen im überlauten Moloch Kairo sind leiser in diesen Tagen. Staatliche wie öffentliche Fernsehsender zeigen einen schwarzen Balken in ihren Logos. Die Tragödie eint die Menschen in ihrem Schock. Es ist schwer zu akzeptieren, dass Mitglieder ihre Gesellschaft zu so etwas fähig sind: Fans und Spieler wie Tiere zu jagen und zu ermorden - denn vielen Opfern wurde der Kopf mit „stumpfen Gegenständen“ zertrümmert. Die Katastrophe in der Stadt am Mittelmeer zeigt aber vor allem, dass das Land in einem kritischen Zustand ist. Die liberale Tageszeitung „Al-Tahrir“ fasst es heute auf der Titelseite so zusammen: „Das Militär hat in der Führung des Landes versagt“.

Doch wer tut so etwas? Wer hat Interesse daran, dass mehr als siebzig Menschen sterben? Das alte Regime, das die teuflische Idee haben soll, das Land in das Chaos zu treiben? Das ist eine beliebte Verschwörungstheorie, für die es aber keinen konkreten Beweis gibt und die immer herhalten muss, wenn etwas Schlimmes passiert. War es vielleicht die Rache der Polizisten, die viel zu spät eingegriffen hatten, weil die Fußballfans ihre Gegner während der Revolution waren? Oder waren es doch die gewaltbereiten Fußballfans, denen ihr täglicher Frust in diesem kaputten Land einfach zu viel wurde?

Niemand weiß bis heute, was an jenem Mittwochabend im Stadion in Port Said genau passiert ist. Die Ägypter tun also das, was sie gern tun in solchen Fällen: sie suchen die Schuld bei anderen und ja nur nicht bei sich selber – und stricken die verrücktesten Theorien. Jedenfalls gibt es im Moment kaum jemanden, der auf Fakten setzt oder danach sucht. Denn vielleicht folgte die Tragödie von Port Said den Gesetzen der meisten großen Katastrophen und war ein Kulminieren kleiner Ereignisse und Zufällen.

Fest steht, dass viel zu wenig Polizisten im Stadion waren. Früher wurden Fußballspiele mit Hundertschaften an Polizisten gesichert. Damals durften die Sicherheitskräfte Tränengas einsetzen, doch wurde dieses vor ein paar Wochen verboten, als mehrere Demonstranten auf dem Tahrir-Platz an den Nachwirkungen starben. Selbst wenn die Polizisten sofort eingegriffen hätten, wären sie mit ihren Schlagstöcken und Schildern vermutlich machtlos gegen die Hunderten Angreifer gewesen, die – so schrieb eine ägyptische Zeitung gestern – wie „die Bienen eines auf den Boden gefallenen Bienenstocks“ auf das Feld flogen.

Fest steht auch, dass es schon seit Jahren eine Feindschaft zwischen den Fans gibt. „Treffen der Vergeltung“ beschrieb eine ägyptische Tageszeitung das Spiel am Vortag. Stimmen die Aussagen, die auf Twitter veröffentlicht wurden, dann war die Anreise der Fans der Gastmannschaft nach Port Said alles andere als friedlich. Der Bus sei mit Steinen beworfen worden und kaum ging das Match los, flogen angeblich Feuerwerkskörper. Der Blogger „Heemalization“ schreibt, „wir wussten, dass es ein Problem geben wird“.

So sehr die Ägypter Fußball auch lieben, die meistens Spiele sind emotional aufgeladen und in den Stadien sitzen Fans, die auch handgreiflich werden, weshalb die Fußballplätze unter Mubarak regelrechten Festungen glichen. Ausschreitungen vor oder nach einem Spiel passieren in Ägypten regelmäßig. Im Herbst vor zwei Jahren wurde aus einem Match gegen Algerien gar eine diplomatische Krise. Fanatische Fans attackierten den Bus der algerischen Mannschaft mit Steinen, es kam zu Ausschreitungen und vielen Verletzten. Als auch Ägypter in Algerien angegriffen wurden, forderten Kommentatoren in den staatlichen Medien gar, man solle Algerien „den Krieg erklären“.

Doch in Wahrheit offenbart die Tragödie von Port Said, dass aus Ägypten innerhalb eines Jahres ein anderes Land geworden ist. Die Menschen müssen sich plötzlich daran gewöhnen, dass in Talkshows zum Tahrir geschaltet wird und Demonstranten live gefragt werden, wie viele Menschen ins Krankenhaus geliefert wurden und wie viele in die „Maschraha“, die Leichenhalle. Freitags zeigt das Staatsfernsehen keine Landschaftsbilder aus dem Nildelta mehr, sondern stundenlang, wie sich Demonstranten mit Polizisten prügeln. In den vergangenen zwei Wochen gab es mehrere bewaffnete Banküberfälle – ein Verbrechen, das es in einem der ehemals stärksten und brutalsten Polizeistaaten der Welt so gut wie nicht gab. Da das Land finanziell ausgeblutet ist, brennen nachts in Kairo nur wenige Straßenlaternen. Was zur Folge hat, dass wenige Menschen auf der Straße sind, die Menschen sich Eisentüren einbauen lassen – oder sich Waffen zulegen.

Es gebe keine Sicherheit mehr, sagen alle. Deshalb sei es auch zur Katastrophe in Port Said gekommen, denn mehr Polizei hätte den Angriff womöglich verhindert. Was die Menschen in Ägypten erst lernen müssen, ist die Tatsache, dass es Verbrechen gibt. Denn absolute Sicherheit bietet nur ein Polizeistaat, den niemand mehr will. Ägypten steckt also in einem Dilemma und hat es bisher verabsäumt, den Grundriss eines neuen Landes zu setzen. Die Bürger wissen einfach nicht, was sie wollen.

Der oberste Militärrat, der die Macht nach der Revolution übernommen hat, drückte in dem Land die Pause-Taste. Es steht still: wirtschaftlich, intellektuell. Bei den meisten Menschen sind die Generäle deshalb unten durch. Sie haben das Vertrauen verloren und merken, dass es ihnen jetzt sogar schlechter geht als unter Mubarak. Manche Demonstranten fordern sogar öffentlich, dass Tantawi, der oberste Führer, gehängt werden soll. 

Das alles spricht gegen die Theorie, dass das Militär absichtlich Chaos erzeugen wolle. Denn selbst wenn das stimmen würde: jenes Chaos, das die Generäle angeblich erzeugen, können sie ja nicht mal unter Kontrolle bringen – was ihnen das Volk sehr übel nimmt. Es ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, dass das Militär bei den derzeitigen Umfragewerten länger als geplant an der Macht bleiben wird.

Die Hoffnung, die islamischen Parteien würden das Land auf Vordermann bringen, zerschlagen sich auch immer mehr. Manche Zeitungen schreiben mittlerweile, dass die Muslimbrüder, die das halbe Parlament füllen, die neue Mubarak-Partei seien. Jedenfalls haben auch sie es in den vergangenen zwölf Monaten nicht geschafft, irgendein ein konkretes Programm aufzuschreiben. Sie tun stattdessen nichts anderes, als „ausländische Kräfte“ und die Überreste des Mubarak-Regimes für jeden Ärger verantwortlich zu machen, wie auch jetzt wieder, nach der Katastrophe in Port Said. Und das Volk, enttäuscht und frustriert, greift bereits zum vielleicht gefährlichsten Mittel: zur Selbstjustiz. In einem Dorf im Nildelta wurden kürzlich zwei Männer gesteinigt und öffentlich aufgehängt – weil sie ein Tuktuk stehlen wollten.

Das alles sind keine Vorzeichen, dass das Land schnell zur Ruhe kommt. Die Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz haben nur noch das Niveau einer Stein-Schlacht, die das Land nicht weiterbringt. Nur hat es bislang noch niemand geschafft, eine vernünftige Alternative anzubieten – für den Fall, dass das Militär wirklich Ernst macht und sich zurückzieht. Die meisten Menschen auf der Straße, die kaum noch ihr Leben finanzieren können, haben die Krawalle satt und wollen nur eines: endlich loslegen.

Vermutlich wollen sie aber auch bald wieder im Fernsehen Fußball schauen, dieser kleine Trost in diesen schwierigen Zeiten. Die Spiele in der Liga wurden alle bis auf weiteres abgesagt. Das war auch nach der Revolution so. Als dann im Frühjahr die Liga wieder startete, ging so etwas wie Glück und Hoffnung durch das Land – ein Ruck. Vielleicht klappt das dieses Mal ja auch wieder.