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Leben auf Stelzen.

In dem kolumbianischen Dorf Bajamar leben die Menschen unter erbärmlichsten Bedingungen in Stelzenhäusern auf dem Meer. Nun sollen sie umgesiedelt werden – und wehren sich dagegen.
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Buenaventura, Kolumbien. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir wären gestolpert und mitsamt unserer Ausrüstung ins Wasser gefallen, als wir unsere Filmkameras zwischen den baufälligen Holzbaracken hin und her trugen. Die Häuser stehen auf dünnen Stelzen und sind aus glitschigen Holzbrettern zusammengezimmert, in den Bodenplanken klaffen riesige Löcher, durch die wir in die tiefblaue See blickten. Es waren weniger unsere Kameras und das Filmmaterial, um die wir uns Sorgen machten und die bei einem Sturz unweigerlich ruiniert worden wären; wir fürchteten vor allem um unsere eigene Gesundheit – denn hier wird das Abwasser tausender Menschen einfach ins Meer gespült.

Warum in aller Welt wollen die Einwohner von Bajamar, wie diese Gemeinde genannt wird, unter diesen menschenwidrigen Bedingungen leben? Und verhindern, dass an Kolumbiens größtem Hafen eine moderne Uferpromenade errichtet werden kann? Wären sie nicht glücklicher, ins 21. Jahrhundert und in ein Haus auf festem Grund zu übersiedeln? Und weshalb komponierten die Bewohner dieses unbarmherzigen Fleckchens Erde den Song „Marking Territory“, um gegen ihre geplante Absiedelung zu protestieren?

Nach vierzehn Drehtagen verstanden wir die Antworten auf diese Fragen besser und begriffen, dass die Wurzeln des Widerstands dieser Menschen tiefer gehen als der Pazifische Ozean unter den löchrigen Planken ihrer Baracken. Die Einwohner von Bajamar wollen ihre Auffassung vom Leben nicht kampflos aufgeben; die Identität, die ihnen ihre Heimat verschafft, und ein wirtschaftliches System, das sie nach ihren persönlichen Bedürfnissen geschnitzt und gestaltet haben. Die meisten von ihnen sind afrikanischer Abstammung und fühlen sich als Minderheit in Kolumbien diskriminiert. Von der Regierung haben sie niemals Unterstützung bekommen. Sie haben ihre Gemeinde mit dem eigenen Schweiß und Blut aufgebaut, sagen sie. Warum sollten sie das alles wieder ­aufgeben?

„Die armen Menschen bleiben unbemerkt. Die Regierung und die Reichen, die hören dir nicht zu“, singt Pompilio Castillo, einer der Musiker. Bajamar liegt etwa in der Mitte der kolumbianischen Küste, in einer großen Bucht, eingekesselt vom tropischen Dschungel. In den Vierzigerjahren begannen sich hier Afro-Kolumbianer anzusiedeln, Flüchtlinge des blutigen Bürgerkriegs „La ­Violencia“. 

Der bewaffnete Konflikt, der zwischen kommunistischen Guerillas, paramilitärischen Todesschwadronen und Drogenkartellen ausgetragen wurde, wütete bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und zwang mehr als zwei Millionen Menschen quer durch ganz Kolumbien, aus ihren Häusern zu flüchten. In Bajamar fanden die Afro-Kolumbianer ein sicheres Refugium, das ihnen reichlich Salzwasserfische und tropische Früchte als Nahrung bot. Das Meer stellte kein Hindernis dar – sie waren es gewohnt, ihre Häuser auf Stelzen zu bauen, die im Inland bei Überschwemmungen den Fluten der Flüsse standhalten mussten. So steckten sie ihre Stelzen diesmal ­einfach ins Meer und begannen ein neues Leben an der Spitze des ­Pazifischen Ozeans. Um mehr Land zu gewinnen, füllten sie die Küste mit allen Dingen auf, derer sie habhaft werden konnten. „Sie haben sich Lastwagen aus der Stadt geholt, sind hergekommen und haben allen Müll, den sie in die Hand gekriegt haben, hier abgelagert und darauf gebaut“, sagt Benildo Estupian, aus dessen Feder der „Marking Territory“-Song stammt. „Es war sehr gefährlich, diese Straßen zu bauen. Viele haben dabei ihr Leben gelassen.“

Die Einwohner von Bajamar sind nicht ausschließlich afro-kolumbianischer Herkunft, auch Familien mit indigenen Wurzeln leben in der weitläufigen Gemeinde; insgesamt sind es einige zehntausend. Die überwiegende Mehrheit aber ist schwarz. Und die schwarze Bevölkerung ist der Meinung, dass ihre geplante Aussiedlung rassistische Gründe hat. Die Afro-Kolumbianer hätten sich hier eine erstklassige Liegenschaft aufgebaut, so sagen sie, und jetzt wolle ihnen die weiße Elite das alles einfach wieder wegnehmen.  „Dreh den Fernseher auf, und was du siehst, das ist Rassismus“, sagt Roger Riascos, ein hiesiger Rapper, der Texte gegen die Vertreibung schreibt. „Die Seifenopern gaukeln dir vor, dass die meisten Menschen in Kolumbien weiß seien. Schwarze Menschen siehst du fast nie.“

In Kolumbien lebt die größte Zahl spanischsprachiger Schwarzer weltweit – sie machen schätzungsweise zwischen zehn und 20 Prozent der 45 Millionen Einwohner aus. Da die Volkszählung hierzulande ethnische Zugehörigkeiten aber nicht berücksichtigt, ist es schwer, an exakte Zahlen zu kommen. Diese fehlende Anerkennung spiegle sich auch in der allgemeinen Politik wider, die Afro-Kolumbianer und ihre Probleme einfach ignoriere, sagt Estupian, einer der Aktivisten. „Wir Afro-Kolumbianer leben in sehr schwierigen Verhältnissen, haben mit Armut und Ausgrenzung zu kämpfen“, sagt er. „In Bajamar gibt es nicht einmal ein einfaches Abwassersystem. Es gibt nur alle acht Stunden sauberes Wasser, und die Menschen gehen bis zu eine Stunde, um an welches zu gelangen.“ 

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen würde es die Probleme der Einwohner von Bajamar vergrößern, würden sie aus ihrer Heimat vertrieben, sagt Estupian. In Bajamar können sie fischen, Holz hacken und die tropischen Früchte der Mangrovenwälder sammeln. Bei einer Übersiedelung würden die meisten von ihnen arm und arbeitslos in den Ghettos im Landesinneren verkommen. Aber das ist nicht alles, abseits von wirtschaftlichen Vorteilen betrachten die Bewohner von Bajamar diesen Ort auch als Kern ihrer Identität. Auf die Menschen, die in Kolumbien versuchen, Handel und Tourismus anzukurbeln und Wachstum zu schaffen, mögen solche Bedenken enttäuschend wirken. Aber für die Einwohner von Bajamar, die kaum von Kolumbiens größtem Hafen profitieren, sind ihre Heimat und ihr eigenwilliger Lebensstil von größter Bedeutung. „Das ist so, als würde man einen Löwen aus dem Dschungel vertreiben und ihn in einen Käfig setzen“, sagt Bajamars Dichter ­Julio Aguino. „Wir wollen dort leben, wo wir uns wohlfühlen. Wo wir die salzige Meeresluft riechen können.“