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Letzte Fragen an ... Hans Weiss

„Die eigene Profession unter die Lupe nehmen“.
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HANS WEISS (56) blickt auf mehr als ein Dutzend Buchveröffentlichungen mit einer Gesamtauflage von vier Millionen, darunter das „Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne“ (gemeinsam mit Klaus Werner, 2001, Ullstein) und „Asoziale Marktwirtschaft“ (gemeinsam mit Ernst Schmiederer, 2003, Deuticke) zurück. Daneben arbeitete Weiss als freier Journalist unter anderem für den ORF, stern und Spiegel. Vor seiner Karriere als Autor studierte Weiss Psychologie und (Medizin-)Soziologie in Wien, Innsbruck, Cambridge und London.

Am 19. August schrieb Weiss einen Leserbrief an den Standard, in dem er auf Ungereimtheiten im Haus der Schwägerin des (bis zu Redaktionsschluss amtierenden) Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel hinwies: Lange Zeit sei dort eine Pflegerin in einem gesetzlichen Graubereich tätig gewesen. Es folgte eine breite politische Debatte zum Thema illegale Pflege in Österreich. Wochen später vermittelte Weiss der Boulevardillustrierten News ein Interview mit der angeblichen Pflegerin – die sich im Nachhinein als Sylvia Scheid, eine Freundin von Weiss, herausstellte. News klagte daraufhin den Autor.

Die Identität der wirklichen Pflegerin ist der Öffentlichkeit bis heute unbekannt.

Herr Weiss, Sie hatten der Boulevardillustrierten News Mitte September ein Interview mit einer falschen Pflegerin untergejubelt, die die Schwiegermutter von Wolfgang Schüssel gepflegt haben wollte. Die Aktion hat Ihnen mittlerweile drei Anzeigen eingebracht – eine von News und seinem Redakteur Kurt Kuch wegen versuchten Betrugs und Täuschung, eine von News wegen Schadenersatzes (Streitwert 62.200 Euro) sowie eine von Krista Schüssel und ihrer Schwester Heide Strasser wegen übler Nachrede und Kreditschädigung. Rechnen Sie mit noch mehr Anzeigen?

Ich glaube nicht, dass da noch etwas kommt. News hat diese drei Anzeigen angekündigt. Bei den beiden Zivilrechtsklagen stehen die nächsten Prozesstermine fest. (Am 16. Jänner findet der zweite Verhandlungstag der Klage von Frau Schüssel und Frau Strasser, am 6. Februar der erste Verhandlungstag der Schadensersatzklage statt, Anm.) Im Fall der Strafanzeige wegen versuchten Betrugs und Täuschung muss jetzt die Oberstaatsanwaltschaft Wien entscheiden, ob es zu einem Verfahren kommt.

News sprach bereits von „perfidem Rufmord“ und analysierte, „wie ein einst renommierter Autor seine Reputation zerstört“ hat. Sehen Sie Ihren Ruf ruiniert?

Das ist völliger Blödsinn. Viele Kollegen haben mir zu der Aktion gratuliert. Ich bin von der Zeit eingeladen worden, dazu was zu schreiben. Ich erfahre jedenfalls bei meiner Arbeit überhaupt nicht das, was News sich da offenbar wünscht.

Sie sagen, dass von Anfang an geplant war, das Interview als Zeitungsente zu enttarnen.

Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass die Geschichte gedruckt wird. Die Umstände, unter denen das Interview gegeben wurde, waren so, dass man als Journalist eigentlich misstrauisch hätte werden müssen. Die falsche Pflegerin, die eigentlich eine Slowakin sein sollte, war eine Wienerin, die sich sprachlich überhaupt nicht verstellt hat. Und das Interview war in ihrer Privatwohnung im Palais Schwarzenberg, die sich eine illegale Pflegerin gar nicht leisten könnte. News hat da etwas zu einer Exklusivgeschichte aufgeblasen, was inhaltlich überhaupt nicht neu war. Die hätten das natürlich gegenchecken müssen, was sie nicht getan haben.

Als freier Journalist leben Sie davon, dass Sie Ihre Artikel an Medien aus dem gesamten deutschsprachigen Raum verkaufen. Befürchten Sie jetzt Sanktionen der österreichischen Verlage?

Auf meine Arbeit hat das überhaupt keine Auswirkungen. Der östereichische Markt ist finanziell irrelevant. Ich kann mir aufgrund meiner ökonomischen Situation und meiner Auftraggeber, die zu 95 Prozent in Deutschland sind, solche Aktionen leisten.

Worin liegt für Sie prinzipiell der journalistische Wert solcher „Wallraffiaden“ (das Wort leitet sich von dem deutschen Journalisten Günter Wallraff ab, der in den Siebzigern und Achtzigern unter falscher Identität Missstände aufdeckte, Anm.)?

Das ist eine Methode, die man nicht generell gutheißen kann. Manchmal kommt man aber mit herkömmlichen Recherchemethoden nicht weiter, dann ist es durchaus eine Methode, durch die man Fehlentwicklungen aufzeigen kann. Ich habe zum Beispiel ein Jahr lang als Pharmavertreter gearbeitet, um zu zeigen, wie die Pharmaindustrie funktioniert und wie Ärzte bestochen werden, um bestimmte, meist teure Medikamente zu verschreiben.

Bei diesem Fall wollte ich die eigene Profession unter die Lupe nehmen und zeigen, wie Magazine wie News arbeiten. Dass das denen nicht gefällt, war zu erwarten. Dass sie aber versuchen, mit juristischen Mitteln gegen mich vorzugehen, finde ich bemerkenswert. Immerhin hat News solche Methoden mehrfach und immer wieder selbst angewandt.