Interview
Letzte Fragen an ... Josef Zotter
Josef Zotter (50) ist Chocolatier und gilt in Österreich als Vorzeigeunternehmer in puncto sozialer Verantwortung. Der gelernte Koch, Kellner und Konditor machte sich 1987 als Zuckerbäcker selbstständig und ging 1996 pleite. Drei Jahre später eröffnete er eine Schokoladenmanufaktur im südoststeirischen Bergl bei Riegersburg, die heute 120 Mitarbeiter beschäftigt und mehrfach ausgezeichnet wurde. 45 Prozent des Umsatzes macht der Betrieb im Ausland. Zotter-Filialen gibt es in Innsbruck, Salzburg und im deutschen Essen. An der Harvard University steht das Unternehmen als Fallbeispiel für Entrepreneurship auf dem Lehrplan der Studenten. Seit 2004 ist Zotter Partner von Fairtrade, seit 2006 kommen alle Rohstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau. Seit 2007 können Besucher im neu gebauten „Schoko-Laden-Theater“ jeden Produktionsschritt der Manufaktur nachverfolgen, jährlich kommen mehr als 150.000. Am 1. Mai wird Josef Zotter den Essbaren Tiergarten eröffnen, der mehr als vier Millionen Euro kosten und aus dem Cashflow finanziert wird. Der Tiergarten erstreckt sich über ein 27 Hektar großes Gelände und ist durch eine Photovoltaikanlage, die 110.000 Kilowatt Strom erzeugt, energieautark. Auf dem Tiergarten hält Zotter alte Nutztiere wie Zottelrinder, Wollschweine und Altsteirer-Hühner. Die Tiere landen später auf den Tellern von Zotters Besuchern und Mitarbeitern.
Was ist der Essbare Tiergarten?
Der Tiergarten ist ein Biobauernhof, durch den die Leute durchgehen und sich dabei Gedanken machen sollen. Sie sollen sehen, was artgerechte Haltung ist. Wir zeigen hier, was Sache ist. Aber wir schlachten die Tiere nicht öffentlich und machen hier kein Massaker.
Welche Philosophie steckt hinter dem Konzept „Tiere streicheln und essen“?
Die Leute sehen die Kette hinter dem Produkt nicht mehr. Wer nicht genau auf das Fleisch im Supermarkt schaut, der bekommt Fleisch von Tieren, denen es extrem schlecht gegangen ist. Das ist wie mit der Schokolade und den Kakaobauern. Die Kakaobauern sieht auch niemand, und denen geht’s beschissen. Wir halten die Tiere artgerecht, und die Kakaobauern bekommen artgerechte Preise. Die Leute, die den Essbaren Tiergarten besuchen, sollen danach bewusster und genussvoller essen.
Wie reagieren die Menschen auf Ihren Essbaren Tiergarten?
Ich habe ganz böse Briefe von Leuten bekommen, die mir vorwerfen, der Essbare Tiergarten könnte Kinder verstören. Aber was sagen die dann einem Kind, wenn sie ihm ein Hamburger-Fleischlaberl kaufen? Die Kinder sind ja nicht dumm, die wissen ja, dass das Fleischlaberl einmal eine Kuh war. Nur manche Erwachsene haben einen Huscher.
Sind Sie selbst ein Vegetarier?
Nein. Auch wenn ich mit Tierschutz-Organisationen mit dieser Aussage Probleme bekomme: Der Mensch ist ein übergeordnetes Wesen. Aber mir geht es um etwas anderes: Die Menschheit ist ökologisch nicht mehr zu ernähern, das geht nur mehr mit Spritzmitteln und Pestiziden. Wenn ich weiß, dass in einer Kalorie Fleisch acht Kalorien Pflanzen stecken, dann muss ich sagen: Das ist eine unglaubliche Ressourcenverschwendung. Da braucht man nur die erste Klasse Volksschule schaffen, um das zu verstehen. Ich sehe den Ausweg aus der Ernährungskrise darin, dass man weniger Fleisch isst. Ich bin ein Fleischesser, der sehr bewusst isst. Wir kommen zu Hause mit einem Hendl eine Woche lang aus.
Was passiert, wenn alle so weiteressen wie bisher?
Dann wird das Essen knapp, und dann kommt Krieg. Das sieht man schon in Nordafrika. Und das ist selbstverständlich auch bei uns eine Gefahr. Es ist absehbar, dass das Klima kippt. Ich habe selber gesehen, wie der Regenwald jeden Tag kleiner wird. Irgendwann wachsen in Skandinavien Zitronen, und wir haben hier die Wüste. Nicht jetzt, aber vielleicht in 200 Jahren. Es ist unfassbar, dass man nicht schon jetzt darauf reagiert. Wir müssen uns fragen: „Fressen wir alles jetzt und nachher nix?“ Das ist ja wie bei einer Rattenplage. Obwohl: Wenn wir schon jetzt alles wegfressen, dann werden wir eh bald wieder weniger.
Sie sprechen sich gegen den Wachstums- und Konsumwahn aus, aber Ihr Betrieb wird immer größer, weil immer mehr Menschen Ihre Schokolade kaufen. Wie passt das zusammen?
Das ist ein Widerspruch. Aber es stellt sich die Frage, wie das Wachstum zustande kommt. Natürliches Wachstum kann man im Gegensatz zu unnatürlichem Wachstum zulassen. Unter unnatürlichem Wachstum verstehe ich, wenn das Unternehmen auf Kosten von anderen Menschen und der Umwelt Gewinne macht. Aber Wirtschaft ist immer irgendwie ein Schadensfall.
Sie sind ein Fairtrade-Pionier. Sind Fairtrade-Käufer die besseren Menschen?
Wovon reden wir hier eigentlich? Ist es nicht selbstverständlich, dass man Menschen faire Preise bezahlt? Das ist das Normale. Alles andere muss man infrage stellen. Ich bin kein Gutmensch, die anderen sind Schlechtmenschen.




