Interview
Letzte Fragen an ... Werner Neubauer
Werner Neubauer (54) ist seit 2006 Nationalratsabgeordneter der FPÖ, Generalsekretär des Seniorenbundes und Südtirolsprecher der Freiheitlichen. Der gebürtige Linzer studierte Philosophie und Kunstwissenschaften. Neubauer ist Obmann des Anti-Islam-Vereins SOS-Abendland und hat bereits in der rechten Zeitschrift „Aula“ veröffentlicht. Als Nationalratsabgeordneter war er Mitglied des Untersuchungsausschusses zu Ermittlungspannen im Fall Natascha Kampusch und anderen Themen (BAWAG, Visa-Affäre etc.). Der Ausschuss wurde wegen der Neuwahlen 2008 vorzeitig aufgelöst. Neubauer hat im November drei parlamentarische Anfragen zum Fall Kampusch eingebracht. Er will von den zuständigen Ministerinnen (Claudia Bandion-Ortner und Maria Fekter, ÖVP) unter anderem wissen, warum H., ein Geschäftsfreund von Entführer Wolfgang Priklopil, nach dessen Tod das Haus betreten und einige Gegenstände entfernen durfte. Vier Jahre nach der Flucht von Natascha Kampusch sind diese und viele weitere Fragen zu ihrem Fall weiter ungeklärt. Die offizielle Einzeltätertheorie wird nicht nur von Neubauer, sondern auch von der Kommission bezweifelt, die den Fall unter Leitung von Ludwig Adamovich untersucht hat. Auch Kommissionsmitglied Johann Rzeszut erhebt in einem 25-Seiten-Dossier sehr schwere Vorwürfe gegen Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Opposition fordert seit langem die Einrichtung eines neuen Kampusch-U-Ausschusses.
Glauben Sie noch an die Einzeltätertheorie im Fall Natascha Kampusch?
Nein, ich glaube, die Einzeltätertheorie kann man getrost verwerfen. Die einzige Zeugin der Entführung hat jahrelang gesagt, dass sie zwei Täter gesehen hat. Erst bei der letzten Befragung, bei der auch Kampusch selbst anwesend war, hat sie ihre Aussage geändert. Und der ehemalige Höchstrichter Johann Rzeszut, ein Mitglied der Kampusch-Kommission, hat diese letzte Befragung als „Gegenüberstellungsfarce“ bezeichnet.
Worauf stützen Sie Ihre Annahmen?
Uns stehen eine Reihe von Dokumenten zur Verfügung. Neben dem Rzeszut-Dossier, das an die Klubobleute im Parlament ging, auch Aktenvermerke und Unterlagen aus dem Untersuchungsausschuss, der durch die Neuwahlen 2008 abgedreht wurde. Aber gerade das Rzeszut-Gutachten zeigt, dass es noch sehr viele Dinge gibt, die fragwürdig sind.
Zum Beispiel?
Neben der unhaltbaren Einzeltätertheorie gibt es auch viele Indizien, dass es sich bei den angeblichen Suiziden von Wolfgang Priklopil und dem letzten Kampusch-Ermittler Franz Kröll nicht um Selbstmorde gehandelt hat.
Sie glauben nicht daran, dass Oberst Kröll sich selbst erschossen hat?
Nein, Kröll hat nie und nimmer Selbstmord begangen. Im Gegenteil: Er war ganz knapp an der Auflösung des Falles dran, das hat uns auch sein Bruder bestätigt. Er war gerade bei der Fertigstellung seines Endberichts. Außerdem gibt es inzwischen Gutachten, die die Selbstmordtheorie dezidiert ausschließen.
Aber wer hat den Kampusch-Ermittler dann umgebracht?
Das muss jemand gewesen sein, der Angst davor hatte, dass Kröll kurz vor der Lösung des Falles stand und damit an die Öffentlichkeit gehen wollte.
Was wissen Sie zu Wolfgang Priklopils angeblichem Selbstmord?
Nicht allzu viel. Mir erscheinen manche Zeitangaben zwischen Kampuschs Flucht und Priklopils Tod aufklärungsbedürftig. Es könnte durchaus sein, dass auch Herr Priklopil durch Fremdeinwirkung zu Tode gekommen ist.
Sie beklagen Ermittlungspannen und haben drei neue parlamentarische Anfragen eingebracht. Wer hätte denn ein Interesse an der Vertuschung der Wahrheit?
Nun, wenn das stimmt, was unterschwellig immer wieder behauptet wird, dann geht das bis in die allerhöchsten politischen Kreise. Dann müssten SPÖ und ÖVP am meisten zittern.
Ihre Behauptungen basieren nur auf dem, was unterschwellig behauptet wird?
Nein. Dieses Bild ergibt sich mir aus den Daten und Unterlagen, die uns vorliegen, die aber geheim sind. Da gibt es Anzeichen darauf, dass es einschlägige Kontakte zu höchsten Kreisen gegeben hat. Und diese Kreise dürften größtes Interesse daran haben, dass der Fall Kampusch nie aufgeklärt wird.
Aber warum trägt das Opfer selbst dann so wenig zur Aufklärung des Falles bei?
Ich glaube, Natascha Kampusch hat sich zur Aufrechterhaltung ihres neuen Lebens mit dem Establishment arrangiert.
Glauben Sie, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden?
Ja, ich glaube, sie müssen wieder aufgenommen werden.
Haben Sie bei all dem auch Angst um das eigene Leben?
Manchmal ist mir ein bisschen mulmig. Aber Angst habe ich nicht, ich wurde ja auch noch nicht konkret bedroht.




