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53 Jahre nach der Revolution fliegen immer noch Österreicher als Brigadisten nach Kuba. Statt für Urlaub zahlen sie für drei Wochen Feldarbeit.
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Immerhin, diese kostenlose ärztliche Versorgung aller Kubaner ist eine Errungenschaft der Revolution von 1959. Bereits sechs Jahre davor hatte Fidel Castro Ruz, Comandante en Jefe, kühne Zukunftsvisionen für sein Land gehegt. Landverteilung, Industrialisierung, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Bildungs- und Gesundheitswesen: Das seien die sechs Probleme, fasste der Jurist in seiner Rede vor Gericht zusammen, als er nach dem Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba auf der Anklagebank saß. Das war in den ersten Wochen der Revolution, als der junge Castro und seine Leute den Volksaufstand gegen Diktator Fulgencio Batista planten. „Die Geschichte wird mich freisprechen“, war Castro seinerzeit überzeugt.

Es ist halb zwei am Nachmittag. Benjamin hat brav aufgegessen, er muss zu Kräften kommen. Die vergangenen Tage ist er krank gewesen. Er sieht zum Himmel hoch, es ist noch immer brütend heiß. Nur noch eine Stunde Freizeit, bis das politische Nachmittagsprogramm beginnt. Gerade recht, um noch ein paar Zeilen Marx und Engels zu lesen. „Das ‚Kommunistische Manifest‘ habe ich zwar schon gelesen, aber beim zweiten Mal fallen einem immer andere Details auf“, sagt der 19-Jährige. Benjamin macht sich auf den Weg zu den Schlafhäusern. In den Siebzigerjahren, als das Camp entstand, waren das noch Baracken, heute sind es Sechsbettzimmer-Bungalows, brav getrennt nach Männern und Frauen. Die Toiletten und Duschen sind Gemeinschaftsanlagen, verschließbare Türen gibt es nicht. 

Vor Benjamins Bungalow sitzt im Halbschatten zwischen den Wäscheleinen der Brigadisten ein kubanischer Wachtposten in brauner Uniform. Hin und wieder macht er einen Zug von seiner Zigarre und starrt in den Fernseher. Eine Parlamentsrede von Venezuelas Präsident Hugo Chávez wird übertragen, der kürzlich zur Krebsbehandlung auf Kuba war. Benjamin legt sein Buch weg, er ist wegen etwas anderem gespannt: Heute kommt Aleida Guevara für einen Vortrag ins Camp, die Tochter des legendären „Che“. Sie ist der Star aller politischen Gäste, die jeden Nachmittag zur Diskussion eingeladen werden. „Arbeit ist ein Recht, keine Pflicht auf Kuba“, sagt Aleida. Damit spricht sie ein zentrales Problem an: Jeder Kubaner erhält eine monatliche Essensration, unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht. Dazu kommt das Recht auf freie Bildung. Jeder kann Arzt werden. Aber wer will da noch Feldarbeit machen? Kuba hat zu wenige Bauern. Denn Arzt sein bedeutet, das Land verlassen zu können, ohne auf die Bekanntschaft mit einer Touristin hoffen zu müssen. Eine heikle Diskussion zwischen Alternativlinken, Sozialdemokraten und Kommunisten in der Brigade bricht los. Aleida ist inzwischen längst gegangen. Eine politische Heldin wie sie hat Termine. 

Während Benjamin treu nach Parteilinie argumentiert, haben die Belgierinnen Roos-Lien und Morgane das Camp schon am frühen Nachmittag verlassen, wie so oft. Mit dem Bus fahren sie nach Havanna. Am Malecón, der Strandpromenade der Hauptstadt, haben sie den jungen José Angel kennengelernt: kaffeebraune Augen, zarte Hände und dieses unwiderstehliche Lächeln. Wie ist das denn nun mit dem Regime, seid ihr glücklich?, fragen sie. „Pssst, nicht so laut!“, sagt José. „Die Straßen haben Ohren und Zungen!“ Er zieht die Mädchen in eine Seitengasse, sieht sich um. Ein unbewaffneter Polizist beobachtet die Szene von der anderen Straßenseite aus, spricht etwas in sein Funkgerät. „Natürlich sind wir glücklich über kostenlose Bildung und Spitäler, sonst gäbe es wieder Revolution“, sagt José. „Ich will keinen Kapitalismus, aber Castro ist zu alt. Ich will in euer Land reisen können, euch die gleichen Fragen stellen. Versteht ihr?“ Er flüstert aufgeregt und verstummt plötzlich, als der Polizist näher kommt. „Buenos Dias, deine ID bitte, Compañero!“ José Angel holt eine kleine Karte aus der Brusttasche seines Hemds. Wieder Funkgespräche. Der Polizist lächelt und geht weiter. „Keine Angst“, sagt José, „ich bin kein Verbrecher. Jeder auf Kuba hat einen Personalausweis. Sie schreiben meinen Namen auf der Wache auf, weil ich mit Touristinnen gesehen wurde – zu eurer Sicherheit.“ 

Es dämmert schon, als Roos-Lien und Morgane zurück ins Camp kommen. Die wenigen Wolken am Himmel sehen aus wie kleine rosa Zuckerwattefetzen, die langsam vorbeiziehen. Der heimelige Geruch von gekochten Bohnen und Reis liegt in der Luft, ein Hund bellt vor dem Speisesaal. Wie fast jeden Abend gibt es nach dem Nachtmahl eine „Fiesta Cubana“ im Camp mit afrokubanischer Livemusik. Das gehört zum Programm. Sobald es dunkel wird, verwandelt sich die Insel auch hier in ein Land, wo Rum und Cola fließen. Das Softgetränk stammt von der kubanischen Marke tuKola, der Rum aus Havanna. Es wird auf „Cuba libre“, das freie Kuba, angestoßen, zweimal, dreimal, viermal. Leicht angeheitert fallen die letzten Hemmungen. Solidarisch wird alles geteilt: Lebensweisheiten, Zärtlichkeiten. Die ersten Pärchen verschwinden kichernd mit Decken Richtung Feld in der Dunkelheit. Auch Benjamin verlässt gegen Mitternacht die Fiesta. Alleine. Er ist der Erste in seinem Bungalow. „Buenas Noches“, wünscht er dem einsamen Wachtposten und macht in seinem Zimmer das Licht aus. Im Halbschlaf hört er von weitem, wie die Brigadisten den alten Partisanensong „Bella Ciao“ auf Italienisch lallen, während ihm der Ventilator warme Luft entgegenbläst. Dann ist er eingeschlafen. 

Klick. Die Lautsprecher werden eingeschaltet. Ein aufgenommenes Hahnenkrähen schallt über den verlassenen Sportplatz bis zu den Bungalows und reißt die Brigadisten aus ihren trunkenen Träumen. Drei Volkslieder ertönen, danach eine alte Rede von Fidel Castro. Es ist dreiviertel sechs in der Früh und Zeit für den Morgenappell. Ein neuer Arbeitstag beginnt, neben dem Sportplatz versammeln sich die Brigadisten zur Arbeitseinteilung. Benjamin und die anderen Österreicher arbeiten mit den Deutschen, den Schweizern und den Italienern zusammen auf der Papayaplantage. Sasha fehlt. Sie ist erst um vier Uhr von den Feldern zurückgekommen. Sie will leben, nicht arbeiten. Eine Einstellung, mit der sie sich wenige Freunde im Camp macht. „Dieses Ichbezogensein, das ist heute stärker als früher“, sagt Heinz Gruber, der in einem Wiener Kaffeehaus sitzt und eine Zigarette aus dem silbernen „Viva El Che“-Etui nimmt. Vor dem Eingangstor zum Camp wartet schon Compañero Juan mit dem Truck. Abfahrt. 

„Ich brauche vier Arbeiter pro Reihe. Ihr macht alles, wie ich es euch gezeigt habe. Nur das Unkraut muss weg. Und passt auf die Papayapflanze auf“, sagt Juan und macht die ersten großen Schnitte mit der Machete vor. Die Brigadisten rupfen und hacken mit Spaten gewissenhaft hinterher. Ein wenig enttäuscht sind sie, als ihnen klar wird, dass sie nach Kuba gekommen sind, um drei Wochen lang ganz unheldenhaft Unkraut zu jäten, statt etwas anzupflanzen oder zu ernten. Aber die Revolution braucht jetzt Hände, keine Helden. Auch Heinz Gruber kennt die Ernüchterung: „Natürlich, die Romantik vom Guerillero, der im Gebüsch herumklettert – dort habe ich mich auch gesehen.“ Damals, 1982. 

Die erste Stunde vergeht schnell, und alle arbeiten auf Maximum. Dann wird alles träger. Spätestens um halb zehn ist es so heiß, dass sich Schweiß und Erde auf dem Körper zu einer schmierigen Schicht vermengen, die die Brigadisten nun wirklich wie bemalte Guerillakämpfer im Unkrautdickicht aussehen lässt. Wer vorher noch Arbeitslieder gesungen hat, ist jetzt ganz still, um Kraft zu sparen. Manche der Pflanzen sind so stark, dass zwei hingreifen müssen, um das Übel an der Wurzel zu packen. Benjamin ist müde. Noch eine Stunde Arbeit, dann ist es vorbei, motiviert er sich für die gute Sache. Die Sonnencreme ist bereits völlig zerlaufen, und die Ersten bauen ihre Sonnenbrände vom Vortag aus, als Juan plötzlich in die Hände klatscht: „Gut gemacht, Compañeros! Das reicht für heute!“ 

Zurück im Camp schaut Benjamin in das Programmheft, das alle am ersten Tag bekommen haben. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Abreise. Nie wird er die Dankbarkeit der Kubaner für ihre Unterstützung vergessen. So hat er es jedenfalls empfunden. Obwohl er abseits des Camp-Personals nur wenige Kubaner gesehen hat.