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53 Jahre nach der Revolution fliegen immer noch Österreicher als Brigadisten nach Kuba. Statt für Urlaub zahlen sie für drei Wochen Feldarbeit.
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„Basta! Die Arbeit ist zu Ende. Schluss für heute!“, ruft Compañero Juan über die Felder und klatscht in die Hände. Erleichtertes Aufatmen. Es ist Juli, Punkt zwölf Uhr, Mittagshitze. Über den verschwitzten Körpern ist nicht eine Wolke zu sehen, nachdem Dauerregen in den letzten Tagen den Boden völlig aufgeweicht hat. Die ersten Arbeiter stapfen Richtung Palmen in den Schatten. Dicke Klumpen roter, eisenhaltiger Erde kleben an Schuhsohlen und Fingernägeln, die Haare sind schmierig. Juan schöpft jedem einen Becher lauwarmes Wasser aus dem Kanister. Die Brigadisten sind erleichtert.

„Morgen wirst du noch mehr schaffen, da kennst du dich schon aus“, sagt der 40-jährige Kubaner zu einem braungebrannten Burschen, der gierig trinkt. Der hat die langen Dreadlocks sorgfältig hochgesteckt, damit sie ihn nicht bei der Arbeit stören. Er hat sich entschieden, seinen Dienst an der Gesellschaft im Arbeiterparadies Kuba zu leisten. Es geht ihm um die Sache. Und deshalb ist er hier gelandet, in einer Art Ferienlager für Erwachsene mitten in den Tropen. „Gib Nazis nichts zu ficken“, prangt in großen Lettern auf seinem T-Shirt. Er ist der Einzige hier, der ein solches Leibchen trägt. Die anderen sind mit einem freundlich lächelnden Che Guevara zufrieden, bei manchen darf es auch ein Lenin oder roter Stern sein. Aber Jusstudent Benjamin Dianat aus Graz ist eben auch hier ein bisschen anders, in der Arbeitsbrigade „José Martí“.

Gemeinsam wird hier geschlafen, gegessen und auf dem Feld gearbeitet. Was nach Abenteuerspiel für große Indianer klingt, ist eine politische Veranstaltung. „Gehirnwäsche“, nennt es Grünen-Mandatar Peter Pilz – und spricht aus eigener Erfahrung. Denn auch er landete 1973 in einer Arbeitsbrigade auf Kuba. Ideologisch interessierte Europäer verzichten hier freiwillig auf Pauschaltourismus mit Hotel am Strand und Mojito am Pool. Stattdessen gibt es Camp zwischen Yuccafeldern und Cuba Libre am Lagerfeuer.

Rund 350 Euro zuzüglich Flugkosten hat Benjamin gezahlt, um drei Wochen lang ohne Lohn auf Kuba arbeiten zu dürfen. Viele andere haben es ihm gleichgetan: Fast 200 Ärzte, Studenten, Lehrer und Pensionisten aus 19 europäischen Ländern sind diesmal angereist. Für ihr Geld bekommen sie neben freiwilliger körperlicher Arbeit 21 Tage lang Verpflegung, Unterkunft, Ausflüge und politische Informationsveranstaltungen. Gemeinsam ist ihnen der Glaube an die Überlegenheit oder zumindest Notwendigkeit des kubanischen Systems. Nur Sasha fällt etwas aus dem Rahmen. Sie kommt aus der Ukraine und ist hauptsächlich deshalb hier, um sich billig die Haut therapieren zu lassen. Im Lager wird sie dafür schief angeschaut.

„Beeilt euch“, ruft Juan den Brigadisten über die Felder nach, „sonst kommen wir zu spät zum Mittagessen!“ Er spricht mit diesem typischen kubanischen Akzent, die Machete hat er umgeschnallt. Juan ist ein stattlicher kubanischer Bauer, groß, muskulös, optimistisch. Die blond gefärbte Sasha direkt neben Benjamin übersieht er. Sie sitzt auf einer umgekippten Palme und leert sich das restliche Trinkwasser über die verdreckten langen Nägel. In Blau-Gelb sind sie lackiert, den ukrainischen Nationalfarben. Sasha hört gar nicht zu. Erst als Juan den leeren Wasserkanister zum Truck trägt, hebt sie den Kopf. Eine halbe Stunde lang geht es nun mit einem Traktor, Typ Belarus 550, samt Anhänger über von Bananenbäumen gesäumte Landstraßen, bis sie endlich das Campamento „Julio Antonio Mella“ 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt Havanna erreichen. Rundherum ist nichts zu sehen als Palmen. Im Namen der Revolution wird hier gehackt, gebuddelt und gerupft, seit das Kubanische Institut für Völkerfreundschaft (ICAP) vor 40 Jahren zum ersten Mal internationale Brigaden für Kuba organisierte. 

„Man lernt im Westen von klein auf, dass in Kuba die Bösen sind“, sagt Ruth Aspöck. Sie selbst sah das einst ganz anders. Die 64-jährige gebürtige Salzburgerin hat selbst vier Brigadeaufenthalte hinter sich, die letzten zwei in den Neunzigerjahren als Brigadeleiterin. Das erste Mal kam sie Mitte der Siebziger ins kommunistische Eldorado. „Wir waren am Anfang wahrscheinlich eher gläubig, wollten dieses Wunderland kennenlernen“, sagt Aspöck. „Und vielleicht haben wir auch unsere Wünsche hineinprojiziert.“ Einst hat sie sich gegen AKWs engagiert, dann die feministische Zeitschrift Auf mitbegründet. Die idealistischen Kuba-Zeiten seien vorbei, sagt die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin und nippt an ihrem Kaffee, bevor sie ihn sacht abstellt. Die Haare sind ordentlich frisiert, die rote Brosche sitzt perfekt, nichts erinnert an eine kämpferische Vergangenheit. „Die Hoffnung, dass man in einem Land etwas ändert und dann die Grenzen dichtmacht, dieser Idealismus hat sich im Lauf der Jahre geändert“, sagt Aspöck.

Das Camp „Julio Antonio Mella“ hat dennoch auch heute noch Zulauf: eine Brigade im Frühjahr, eine im Sommer und eine im Winter. Auch die Österreichisch-kubanische Gesellschaft (ÖKG) hat im Sommer wieder eine kleine Delegation auf die Reise geschickt. „1982 hatten wir noch 50 Anmeldungen für 25 Brigadeplätze“, sagt der ehemalige Brigadist und jetzige ÖKG-Vorsitzende Heinz Gruber. „Mit den Jahren hat die ÖKG dann eher Plätze zurückgegeben.“ Nur fünf waren es diesmal, die im Sommer an der europäischen Brigade „José Martí“ teilnehmen wollten: vier Studenten und eine Lehrerin Anfang 50. 

Benjamins Geschichte ist davon die verwickeltste. Die Leute in den Roter-Stern-T-Shirts sind für den Sohn eines in den Achtzigern nach Österreich geflüchteten iranischen Guerillakämpfers gegen den Schah ein rotes Tuch. „Poplinke“ nennt der die modischen Linksmotivträger ohne Parteimitgliedschaft, weil sie „ein Problem haben, sich zu organisieren. Sie erkennen den Gesamtzusammenhang nicht. Sie sind gegen die FPÖ, aber nicht gegen den Kapitalismus.“ Aber es gibt Schlimmere. „Andere glauben überhaupt, sie können hier noch Profit rausschlagen“, sagt Benjamin. Er meint Sasha. Die junge Brigadistin, die in der Sowjetunion aufgewachsen ist und nicht viel vom Sozialismus hält, hat Amerika zu ihrem Vorbild erkoren: groß, individualistisch, frei. Warum sie trotzdem die sozialistische Arbeitsbrigade auf Kuba gewählt hat? Sie möchte hier ihre Pigmentstörung der Haut billig behandeln lassen: die Weißfleckenkrankheit, Vitiligo im Fachbegriff. Der Reaktorunfall in Tschernobyl sei der Auslöser gewesen, sagt Sasha. Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Und Benjamin ist überzeugt: „Die Behandlung hätte sie in der Sowjetunion gratis auch haben können.“ 

Mit 16 hat Benjamin begonnen, sich in der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ) zu betätigen. Weil das „der einzige Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft ist“, sagt er. „Das Volk will es so, und Kubas Regierung strebt das an. Kein einziger Kubaner wird wegen seiner politischen Ansichten festgehalten.“ Drei Jahre und ein Kuba-Maturaspezialgebiet später ist er nun auf Arbeitsbrigade gefahren. „Die Probleme kommen von außen“, sagt Benjamin. „Deshalb ist es für mich so wichtig, meine Solidarität zu zeigen.“ Peter Pilz hat da andere Erinnerungen. „Wir mussten miterleben, wie Regimegegner einfach verschwanden“, sagt der Grünen-Abgeordnete. „Ich organisierte damals den ersten Streik innerhalb der Brigade. Wer heute noch in einer Brigade arbeitet, ist nicht ganz bei Trost.“ Benjamin ist trotzdem da, und Grünen würde er ohnehin nichts glauben. Der Speisesaal im Camp ist schon fast voll, als er zur Essensausgabe kommt. Am Speiseplan warten sowieso keine großen Überraschungen: Zu Mittag gibt es Reis mit Bohnen und Süßkartoffeln, am Abend Reis mit Bohnensuppe und Süßkartoffeln. Manchmal auch rotes Fleisch – ein Luxus für die Kubaner, den die Europäer an die Hunde im Camp verfüttern. 

Und von denen gibt es einige. Es ist eine Mischung aus arrogant erhobenem Tierschutz-Zeigefinger und eigenem Unmut, weil man von zu Hause eine andere Fleischqualität gewohnt ist. „Es haben schon damals viele über das Essen gejammert: Ah, ungenießbar!“, sagt Heinz Gruber, verzieht das Gesicht und streicht sich mit der Hand über den langen Bart. „Ich habe schon keinen Reis mehr sehen können!“ Nach sieben Tagen Reis mit Bohnen beginnen auch im Camp die ersten Klagen. Zuerst scherzhaft, dann schmerzhaft. Einige werden krank, Magen-Darm-Probleme, Erbrechen, Fieber. Zeitweise erscheinen 15 Brigadisten nicht zur Arbeit. Die Kubaner reagieren gelassen. Der Arzt im Camp verabreicht Tabletten gegen den Brechreiz, gegen den Durchfall gibt er nichts. „Es ist besser, wenn alles von selbst rausgeht“, sagt er. „Das ist wahrscheinlich ein Virus im Trinkwasser oder das Fleisch von gestern in Havanna. Das geht vorbei.“ Alles eine Frage der Gewöhnung. 

Immerhin, diese kostenlose ärztliche Versorgung aller Kubaner ist eine Errungenschaft der Revolution von 1959. Bereits sechs Jahre davor hatte Fidel Castro Ruz, Comandante en Jefe, kühne Zukunftsvisionen für sein Land gehegt. Landverteilung, Industrialisierung, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Bildungs- und Gesundheitswesen: Das seien die sechs Probleme, fasste der Jurist in seiner Rede vor Gericht zusammen, als er nach dem Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba auf der Anklagebank saß. Das war in den ersten Wochen der Revolution, als der junge Castro und seine Leute den Volksaufstand gegen Diktator Fulgencio Batista planten. „Die Geschichte wird mich freisprechen“, war Castro seinerzeit überzeugt.

Es ist halb zwei am Nachmittag. Benjamin hat brav aufgegessen, er muss zu Kräften kommen. Die vergangenen Tage ist er krank gewesen. Er sieht zum Himmel hoch, es ist noch immer brütend heiß. Nur noch eine Stunde Freizeit, bis das politische Nachmittagsprogramm beginnt. Gerade recht, um noch ein paar Zeilen Marx und Engels zu lesen. „Das ‚Kommunistische Manifest‘ habe ich zwar schon gelesen, aber beim zweiten Mal fallen einem immer andere Details auf“, sagt der 19-Jährige. Benjamin macht sich auf den Weg zu den Schlafhäusern. In den Siebzigerjahren, als das Camp entstand, waren das noch Baracken, heute sind es Sechsbettzimmer-Bungalows, brav getrennt nach Männern und Frauen. Die Toiletten und Duschen sind Gemeinschaftsanlagen, verschließbare Türen gibt es nicht. 

Vor Benjamins Bungalow sitzt im Halbschatten zwischen den Wäscheleinen der Brigadisten ein kubanischer Wachtposten in brauner Uniform. Hin und wieder macht er einen Zug von seiner Zigarre und starrt in den Fernseher. Eine Parlamentsrede von Venezuelas Präsident Hugo Chávez wird übertragen, der kürzlich zur Krebsbehandlung auf Kuba war. Benjamin legt sein Buch weg, er ist wegen etwas anderem gespannt: Heute kommt Aleida Guevara für einen Vortrag ins Camp, die Tochter des legendären „Che“. Sie ist der Star aller politischen Gäste, die jeden Nachmittag zur Diskussion eingeladen werden. „Arbeit ist ein Recht, keine Pflicht auf Kuba“, sagt Aleida. Damit spricht sie ein zentrales Problem an: Jeder Kubaner erhält eine monatliche Essensration, unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht. Dazu kommt das Recht auf freie Bildung. Jeder kann Arzt werden. Aber wer will da noch Feldarbeit machen? Kuba hat zu wenige Bauern. Denn Arzt sein bedeutet, das Land verlassen zu können, ohne auf die Bekanntschaft mit einer Touristin hoffen zu müssen. Eine heikle Diskussion zwischen Alternativlinken, Sozialdemokraten und Kommunisten in der Brigade bricht los. Aleida ist inzwischen längst gegangen. Eine politische Heldin wie sie hat Termine. 

Während Benjamin treu nach Parteilinie argumentiert, haben die Belgierinnen Roos-Lien und Morgane das Camp schon am frühen Nachmittag verlassen, wie so oft. Mit dem Bus fahren sie nach Havanna. Am Malecón, der Strandpromenade der Hauptstadt, haben sie den jungen José Angel kennengelernt: kaffeebraune Augen, zarte Hände und dieses unwiderstehliche Lächeln. Wie ist das denn nun mit dem Regime, seid ihr glücklich?, fragen sie. „Pssst, nicht so laut!“, sagt José. „Die Straßen haben Ohren und Zungen!“ Er zieht die Mädchen in eine Seitengasse, sieht sich um. Ein unbewaffneter Polizist beobachtet die Szene von der anderen Straßenseite aus, spricht etwas in sein Funkgerät. „Natürlich sind wir glücklich über kostenlose Bildung und Spitäler, sonst gäbe es wieder Revolution“, sagt José. „Ich will keinen Kapitalismus, aber Castro ist zu alt. Ich will in euer Land reisen können, euch die gleichen Fragen stellen. Versteht ihr?“ Er flüstert aufgeregt und verstummt plötzlich, als der Polizist näher kommt. „Buenos Dias, deine ID bitte, Compañero!“ José Angel holt eine kleine Karte aus der Brusttasche seines Hemds. Wieder Funkgespräche. Der Polizist lächelt und geht weiter. „Keine Angst“, sagt José, „ich bin kein Verbrecher. Jeder auf Kuba hat einen Personalausweis. Sie schreiben meinen Namen auf der Wache auf, weil ich mit Touristinnen gesehen wurde – zu eurer Sicherheit.“ 

Es dämmert schon, als Roos-Lien und Morgane zurück ins Camp kommen. Die wenigen Wolken am Himmel sehen aus wie kleine rosa Zuckerwattefetzen, die langsam vorbeiziehen. Der heimelige Geruch von gekochten Bohnen und Reis liegt in der Luft, ein Hund bellt vor dem Speisesaal. Wie fast jeden Abend gibt es nach dem Nachtmahl eine „Fiesta Cubana“ im Camp mit afrokubanischer Livemusik. Das gehört zum Programm. Sobald es dunkel wird, verwandelt sich die Insel auch hier in ein Land, wo Rum und Cola fließen. Das Softgetränk stammt von der kubanischen Marke tuKola, der Rum aus Havanna. Es wird auf „Cuba libre“, das freie Kuba, angestoßen, zweimal, dreimal, viermal. Leicht angeheitert fallen die letzten Hemmungen. Solidarisch wird alles geteilt: Lebensweisheiten, Zärtlichkeiten. Die ersten Pärchen verschwinden kichernd mit Decken Richtung Feld in der Dunkelheit. Auch Benjamin verlässt gegen Mitternacht die Fiesta. Alleine. Er ist der Erste in seinem Bungalow. „Buenas Noches“, wünscht er dem einsamen Wachtposten und macht in seinem Zimmer das Licht aus. Im Halbschlaf hört er von weitem, wie die Brigadisten den alten Partisanensong „Bella Ciao“ auf Italienisch lallen, während ihm der Ventilator warme Luft entgegenbläst. Dann ist er eingeschlafen. 

Klick. Die Lautsprecher werden eingeschaltet. Ein aufgenommenes Hahnenkrähen schallt über den verlassenen Sportplatz bis zu den Bungalows und reißt die Brigadisten aus ihren trunkenen Träumen. Drei Volkslieder ertönen, danach eine alte Rede von Fidel Castro. Es ist dreiviertel sechs in der Früh und Zeit für den Morgenappell. Ein neuer Arbeitstag beginnt, neben dem Sportplatz versammeln sich die Brigadisten zur Arbeitseinteilung. Benjamin und die anderen Österreicher arbeiten mit den Deutschen, den Schweizern und den Italienern zusammen auf der Papayaplantage. Sasha fehlt. Sie ist erst um vier Uhr von den Feldern zurückgekommen. Sie will leben, nicht arbeiten. Eine Einstellung, mit der sie sich wenige Freunde im Camp macht. „Dieses Ichbezogensein, das ist heute stärker als früher“, sagt Heinz Gruber, der in einem Wiener Kaffeehaus sitzt und eine Zigarette aus dem silbernen „Viva El Che“-Etui nimmt. Vor dem Eingangstor zum Camp wartet schon Compañero Juan mit dem Truck. Abfahrt. 

„Ich brauche vier Arbeiter pro Reihe. Ihr macht alles, wie ich es euch gezeigt habe. Nur das Unkraut muss weg. Und passt auf die Papayapflanze auf“, sagt Juan und macht die ersten großen Schnitte mit der Machete vor. Die Brigadisten rupfen und hacken mit Spaten gewissenhaft hinterher. Ein wenig enttäuscht sind sie, als ihnen klar wird, dass sie nach Kuba gekommen sind, um drei Wochen lang ganz unheldenhaft Unkraut zu jäten, statt etwas anzupflanzen oder zu ernten. Aber die Revolution braucht jetzt Hände, keine Helden. Auch Heinz Gruber kennt die Ernüchterung: „Natürlich, die Romantik vom Guerillero, der im Gebüsch herumklettert – dort habe ich mich auch gesehen.“ Damals, 1982. 

Die erste Stunde vergeht schnell, und alle arbeiten auf Maximum. Dann wird alles träger. Spätestens um halb zehn ist es so heiß, dass sich Schweiß und Erde auf dem Körper zu einer schmierigen Schicht vermengen, die die Brigadisten nun wirklich wie bemalte Guerillakämpfer im Unkrautdickicht aussehen lässt. Wer vorher noch Arbeitslieder gesungen hat, ist jetzt ganz still, um Kraft zu sparen. Manche der Pflanzen sind so stark, dass zwei hingreifen müssen, um das Übel an der Wurzel zu packen. Benjamin ist müde. Noch eine Stunde Arbeit, dann ist es vorbei, motiviert er sich für die gute Sache. Die Sonnencreme ist bereits völlig zerlaufen, und die Ersten bauen ihre Sonnenbrände vom Vortag aus, als Juan plötzlich in die Hände klatscht: „Gut gemacht, Compañeros! Das reicht für heute!“ 

Zurück im Camp schaut Benjamin in das Programmheft, das alle am ersten Tag bekommen haben. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Abreise. Nie wird er die Dankbarkeit der Kubaner für ihre Unterstützung vergessen. So hat er es jedenfalls empfunden. Obwohl er abseits des Camp-Personals nur wenige Kubaner gesehen hat.