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Streitgespräch

Bundespräsident Heinz Fischer über Streitkultur, Liberalismus und Sozialismus.

In 24 Stunden um die Welt

Einmal um den Globus in 24 Geschichten aus aller Welt, von Mumbai über Tokio nach Sarajevo.

Schuld und Sühne

Das Gefängnis ist gescheitert. Justizminister Brandstetter verspricht längst notwendige Reformen, an die kaum wer glaubt.

Motorstory

Long may you run

Umweltfreundliche Mobilität muss nicht nach Müsli stinken, dachte sich Musikerlegende Neil Young und bastelte sich sein eigenes Hybridauto. Als Basis diente ihm einer der größten Stinker der Autogeschichte.

Der Mann am anderen Ende der Leitung war unmissverständlich: „Ich will die Welt verändern. Seit vier Jahrzehnten schreibe ich Lieder. Früher habe ich geglaubt, ich könnte damit die Welt verändern. Heute weiß ich, dass ich die Menschen höchstens zum Nachdenken bringen kann. Aber die Welt kann ich mit Songs nicht verändern. Verändern kann ich sie mit diesem Auto. Und Sie müssen mir dabei helfen.“ 

Jonathan Goodwin, ein 34 Jahre alter Techniker aus Wichita, schluckte. Seit er in der MTV-Sendung „Pimp my Ride“ aufgetreten war und in weiterer Folge den Hummer des damaligen Governors von Kalifornien auf umweltfreundlich trimmen durfte, wunderte ihn nur mehr wenig. Auch nicht, dass sich der Mann am anderen Ende der Leitung als Neil Young ausgab. „Und wie haben Sie mich gefunden?“ – „Fast einen Monat musste ich googeln, um jemanden zu finden, der nicht nur aus kleinen Spielzeugautos Hybride bastelt, sondern sich mit den großen Dingen beschäftigt. Amerika ist ein großes Land, wir fahren große Distanzen, wir brauchen große Autos. Was sollen wir mit einem Toyota Prius?!“ – „Und an welches Auto hätten sie da gedacht, Herr, ähm, Young?“ – „An eine Lincoln Continental Convertible Mark III, Baujahr 1959. Sie heißt Lincvolt; wenn ich den Kopf drehe, kann ich sie vor meinem Haus sehen.“

Lincoln als Luxusabteilung von Ford hatte immer die fettesten Schlitten im Programm. Und in den späten Fünfzigerjahren hätte sogar Smart fette Schlitten gebaut, hätte es Smart damals schon gegeben. Ende der Fünfziger war die Zeit der Sieben-Meter-Schlitten, zwei Meter breit, mit unendlich langen Heckflossen, Chrom ohne Ende und Motoren mit über sieben Litern Hubraum. Ein Lincoln Continental Convertible III markierte ungefähr all das und noch mehr; ein Auto als Höhepunkt einer Epoche grenzenlosen Wachstums und opulenten Luxus. Ein Dinosaurier aus der Zeit, als Saurier die Herren der Welt waren. Neil Young, Jahrgang 1945, wusste genau, was er da hatte, galt er doch zeitlebens auf ganz selbstverständliche Art als Automensch, einfach weil das Auto so unbedingt zur nordamerikanischen Kultur gehört wie Kaffee oder Wein in Europa: möglicherweise nicht sonderlich gesund, aber integraler Bestandteil der Freuden des Alltags und jedenfalls wert, sich darüber auf intellektuellem Niveau auszutauschen. Hier trifft sich Young thematisch mit Schriftstellern wie Hunter S. Thompson, John Steinbeck und Jack Kerouac oder auf der musikalischen Seite Bruce Springsteen und Johnny Cash. Sich in oder vor einem amerikanischen Auto ablichten zu lassen gehörte jahrzehntelang zum Pflichtkanon möglicher Plattencover- oder Schutzumschlag-Motive.

Neil Young sang nicht nur über das Auto und das Unterwegssein, er hatte sie auch alle, und manche von ihnen schafften es sogar in Songtexte, wie zum Beispiel sein Pontiac-Leichenwagen in „Long May You Run“. So ganz sicher konnte man aber nie sein, wie seine Texte genau gemeint waren und ob das jeweilige Auto oder Motorrad nicht bloß als Chiffre für etwas Tiefgründigeres fungierte.