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Republik

Megatrend Matthias

Wenn Medien, Politiker und Manager in die Zukunft blicken wollen, läutet sein Telefon: Matthias Horx, der Zukunftsforscher. Wissenschaftler ist er freilich keiner – weshalb er in der Gegenwart um seine Glaubwürdigkeit kämpfen muss.
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Jetzt ist erstmal Krise. Das kann selbst Matthias Horx, der unverbesserliche Optimist, nicht leugnen: „Das Weltfinanzsystem ist aus dem Ruder geraten. Der Markt hat versagt, das tut er immer wieder.“ Seine eigene Meinung dazu ist dann aber gleich wieder die eines Menschen, der es gelernt hat, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken: „Krisen hinterlassen immer eine Infrastruktur, auf der man billig in den nächsten Boom reiten kann.“ Jetzt werde erst mal das Bankensystem renoviert, meint der 54-Jährige. Die Globalisierung werde sich in anderen Bahnen als bisher entwickeln und China sich neu erfinden. Und wenn dem Zuhörer das nicht konkret genug ist, dann erzählt der selbsternannte Zukunftsforscher Horx von der Vergangenheit.

Vom Platzen der Dotcom-Blase am Anfang dieses Jahrhunderts, vom Silicon Valley, von Glasfaserkabeln und technischer Evolution. Der Zuhörer denkt dann an Facebook, YouTube, das iPhone und sagt sich: Irgendwie hat er schon recht, dieser Horx. Das ist, in einem Satz, das Erfolgsrezept des Matthias Horx. Die deutschsprachige Welt kennt ihn als „Trend-“ oder „Zukunftsforscher“. Oft wird er sogar als der „renommierteste“ oder „bekannteste“ Vertreter dieser Gattungen bezeichnet; nicht zuletzt auf den Umschlägen seiner eigenen Bücher. Matthias Horx ist einer dieser Den-Namen-hab-ich-doch-schon-mal-gehört-Typen. In den Medien spielt er jene Rolle, die Günther Paal bei „Dorfers Donnerstalk“ übernimmt. Er ist der „Experte für eh alles.“ Die Begeisterung der Journalisten für Horx kennt kaum Grenzen.

Was Wunder: Horx redet wie gedruckt, Horx ist fernsehtauglich und Horx spricht über die Zukunft. Matthias Horx macht denselben Job, den Astrologen, Wahrsager und andere Scharlatane gerne übernehmen und wird im Gegensatz zu diesen in der Regel immer ernst genommen. Kurier, Presse, Standard, Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine Zeitung: Kaum ein Blatt, das nicht zu Horx greift, soll es um die Zukunft gehen. Ähnlich bei vielen Unternehmen und Institutionen. Infineon Austria, Oberbank, Telekom Austria, Wirtschaftskammer (WKO), Post, Deutsche Bank, BMW, Daimler. Um nur die prominentesten zu nennen.

Wenn das Management sich Gedanken über das Morgen machen soll, wird Horx geholt, um einen Vortrag zu halten. „Wir haben Horx bestimmt mehr als tausend Mal vermittelt. Er ist in den Top Drei unserer Vortragenden“, sagt Ulrike Ramsauer, Chefin von Ramsauer Rednermanagement, die Horx von München aus „exklusiv“ vermittelt. Vorträge bilden das wichtigste Standbein im Berufsleben von Matthias Horx. Für 45 bis 60 Minuten verlangt er 9.500 Euro brutto. „Dazu kommen noch etwaige Reisekosten und die Mehrwertsteuer“, sagt Ramsauer. Für soziale Einrichtungen, Kirchen und Bildungsstätten gibt es Rabatt. Seit Mitte der Neunziger vermittelt Ramsauers Firma den Zukunftsforscher. Negatives Feedback gab es noch nie, sagt Ramsauer: „Es gibt Horxjünger, die ihn geradezu verehren. Die, die nichts von ihm halten, buchen ihn ja nicht.“

Das Vortragsrepertoire des Matthias Horx reicht von „Die Macht der Megatrends“ über „Die Zukunft nach der Krise: Globalisierung 4.0“ bis zu „Die kreative Klasse“. 50 bis 60 dieser „großen Vorträge“ hält Horx nach eigenem Bekunden im Jahr, dazu ebenso viele Seminare und Workshops. Rund 100 Tage pro Jahr ist Horx unterwegs, weg von seiner Frau Oona und den zwei halbwüchsigen Söhnen, mit denen der Deutsche seit 1999 in Wien lebt. Gelohnt wird ihm diese Arbeit in den Medien manchmal auf eine Art und Weise, die ihm fast schon selbst ein wenig peinlich ist.

„Werden Sie Zukunfts-Optimist“, titelte etwa das Münchner Nachrichtenmagazin Focus im Sommer vergangenen Jahres. Die Titelgeschichte fasste auf zwei Seiten das ein Jahr zuvor erschienene Horx-Buch „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ zusammen. Es folgten ein dreiseitiges Interview mit Matthias Horx und ein zweiseitiger Essay von Matthias Horx. „Für die Titelstory wurde einfach ein weiteres Interview mit mir in Redaktionstext umgeformt“, beschwert er sich heute. Überhaupt finde er nicht, dass ihn die Medien bevorzugt behandeln würden. „Ich werde ja ständig falsch zitiert“, sagt er. Zudem würden sich viele Redakteure über seine Arbeit lustig machen. Die Berliner tageszeitung hätte es besonders auf ihn abgesehen. Tatsächlich kennt man bei der taz den Trendforscher Matthias Horx nicht.

Dort ist er bloß Horx, die „Trendgranate“. Seine Kritiker sind die arrivierten Wissenschaftler, die sich auf das so wenig wissenschaftlich definierbare wie weite Feld der Trend- und Zukunftsforschung wagen. Die, die mit trockener Methodologie versuchen, die Zukunft zu prognostizieren. Und dabei Details herausfinden, die sich schlecht für Schlagzeilen oder neue Produkte eignen. Details, die nicht so spektakulär sind wie die „Megatrends“, über die Matthias Horx referiert (das Wort geht auf den 1930 geborenen US-Bestsellerautor und Politikwissenschaftler John Naisbitt zurück, seines Zeichens der wohl berühmteste Zukunftsforscher der Welt und laut Horx’ Frau ein „Freund der Familie“).

Aus dem „Zukunftsinstitut“, Horx’ Zentrale, die er 1998 in der rund fünfzehn Kilometer westlich von Frankfurt/Main gelegenen hessischen Kleinstadt Kelkheim eröffnet hat, dringen hingegen keine Nachrichten, die sich schlecht verkaufen lassen. Rund 20 feste Mitarbeiter, zwei Praktikanten sowie laut Homepage eine „Vielzahl von auf Projektbasis mitarbeitenden Experten“ arbeiten dort an den Visionen von Morgen. Bezahlt werden sie nach Angaben von Institutssprecherin Daniela Sturm von rund 3.000 Kunden, die der Firma einen jährlichen Umsatz von knapp über drei Millionen Euro bescheren.

Die Titel der derzeitigen Arbeitsschwerpunkte: „Strategien für Zukunftsmacher – Die Krise als Chance nützen“ und „Die Zukunft des Körpers“. Horx selbst schreibt nebenbei an seinem 15. Buch. Er und seine Mitarbeiter bezeichnen die Trend- und Zukunftsforschung gerne als „neue Universalwissenschaft“; laut Sturm bestehe diese „aus einer Mischung aus Evolutionsbiologie, Kulturanthropologie, systemischer Anthropologie, Neurowissenschaften, Evolutionären Kognitionswissenschaften, Konsum-Anthropologie, ja sogar ,Ethno-Philosophie‘ und ,Neuroökonomie‘.“ Auf Horx‘ persönlicher Homepage (www.horx.com) listet er selbst als Basis für seine Arbeit unter anderem auch noch auf: die Systemtheorie, die Spieltheorie, Semiotik, Kulturwissenschaften, Memetik, Probabilistik und Evolutionspsychologie.

Forscher, die mit wissenschaftlichen Methoden versuchen, der Zukunft Herr zu werden, treiben solche „Universalwissenschafts“-Theorien des Studienabbrechers Horx regelmäßig auf die Palme. Einer, der seit Jahren ganz oben sitzt und Kokosnüsse der akademischen Empörung auf Horx wirft, ist der Hannoveraner Soziologe Holger Rust. „Horx betreibt keine Forschung, sondern Marketing“, sagt Rust. „Was er publiziert, nennt er Studien und auf dieses Wort reagieren Medien so, wie es Geldanleger tun, wenn sie ,Steuerersparnis‘ hören. Da rasten alle Kontrollmechanismen aus und es wird nicht mehr gegenrecherchiert.“ Das neue Buch des 62-jährigen Professors von der Uni Hannover, „Zukunftsillusionen“ (VS Verlag), ist eine einzige 180 Seiten starke Abrechnung mit dem System Horx.

Er bedient sich jeder Statistik, die ihm in den Kram passt“, sagt Rust. Der Uniprofessor warnt vor der Breitenwirkung, die Horx auch mit seinen Büchern erzielt (unter anderen „Wie wir leben werden“, „Technolution“, Campus Verlag). Die scheinen regelmäßig in den Bestsellerlisten auf. Auf jenen für Sachbücher. Neben seiner Popularität bei Journalisten und Managern haben deshalb auch Politiker ein offenes Ohr für seine Ideen. In Österreich vor allen anderen die von der ÖVP. „1996 waren wir die ersten, die ihn nach Österreich geholt haben“, sagt heute hörbar stolz Michael Urban, Assistent der Geschäftsführung der Niederösterreichischen Landesakademie, die laut dem letzten vorliegenden Leistungsbericht 2006/07 als Arbeitsfelder „Leitbild- und Zukunftsarbeit, Politikberatung, Management innovativer Projekte, Forschungsdokumentation und Wissensmanagement“ anführt.

Horx leitete damals einen von acht Arbeitskreisen („Leben und Wohlfahrt in Stadt und Land“) und erstellte eine Studie für ein Leitbild für das Bundesland („Die niederösterreichische Seele“). Alles im Auftrag des Landeshauptmannes, der damals wie heute Erwin Pröll (ÖVP) heißt. Das zweite Projekt, zu dem Horx laut Urban „umfangreiche Expertisen“ beisteuerte, war das „Positionierungsmodell Niederösterreich 2010“. Wie viel Geld diese Blicke in die Zukunft die Steuerzahler des flächenmäßig größten Bundeslandes gekostet haben, weiß Urban nicht mehr. Heute ist Horx auch an der Entwicklung der Zukunftsvision „St. Pölten 2020“ beteiligt.

Mit Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) traf sich Horx nach eigenen Angaben im Sommer vor der Nationalratswahl 2008 zu einem „Brainstorming über Zukunftsthemen“ in Wien. Die damalige Außenministerin Ursula Plassnik (ÖVP) sei auch dabei gewesen. „Ich habe aber keine offiziellen Beziehungen zu Schüssel und zur ÖVP. Ab und an arbeite ich auch als Redenschreiber, aber ich sage nicht, für wen“, sagt Horx. Weder Schüssel noch Plassnik waren zu einer Stellungnahme über das Gespräch mit Horx bereit.

Vor drei Jahren veranstaltete Horx im Schloss Primmersdorf im Waldviertel (das er „mein Denkschloss“ nennt) ein Seminar „mit Ministern“ – mit welchen, will er nicht sagen –, „aber jedenfalls ohne Schüssel. Ich treffe mich bisweilen zu Gesprächen mit Politikern im kleinen Kreis, die es aber nicht so toll fänden, wenn ich öffentlich darüber rede.“ Öffentlich geredet hat Matthias Horx nur einmal über Schüssel. Das war an dessen 60. Geburtstag. Horx hielt eine Rede über den „Zukunftspolitiker“ Schüssel. Seine „Kleine Wolfgangologie“ erschien auch in der Festschrift zum Geburtstag des Politikers. Das war 2005, als Schüssel noch der schwarz-orangen Regierung als Bundeskanzler vorstand.

Trotz alledem sieht sich Matthias Horx als „Teil eines politischen Innovationsnetzwerkes quer zu Parteien und Lagern.“ Er ist im Stiftungsvorstand des „Instituts für eine Offene Gesellschaft“ der ehemaligen liberalen Spitzenkandidatin Heide Schmidt. Für die Grünen in Hessen war er von 2005 bis 2006 als Gutachter für die Enquetekommission „Demographischer Wandel“ tätig – und auch mit den Berliner Sozialdemokraten verbinde ihn viel, sagt Horx.

1955 in Düsseldorf im westlichen Bundesland Nordrhein-Westfalen geboren, wächst Horx zunächst in der norddeutschen Hafenstadt Kiel auf. Erste Leidenschaften laut seiner Homepage: „Zukunftsbilder sammeln, Weltraumfahrt, reisen um die Welt, fremde Kulturen.“ 1965 zieht die Familie nach Frankfurt am Main, acht Jahre später beginnt er dort das Studium der Soziologie. Kurz darauf landet Horx in der Redaktion des PflasterStrand, einem 1976 unter anderen von Daniel Cohn-Bendit gegründeten Sprachrohr der linken Sponti-Bewegung.

Die charismatische 68-Ikone, die seit 1994 für die französischen Grünen im Europaparlament sitzt, hat bei Horx nachhaltigen Eindruck hinterlassen: „Er ist sozusagen mein geistiger Hintergrund. Bis heute spiele ich mit Daniel geistig Ping Pong.“ Die Publizistin Cora Stephan, die heute unter dem Pseudonym Anne Chaplet Kriminalromane schreibt („Schrei nach Stille“, Liszt) kam 1976 zum PflasterStrand: „Wir Spontis waren die Gegenbewegung zu den Dogmatikern. Wir rannten keiner Ideologie hinterher. Durch das ständige Hinterfragen linker Positionen haben wir für den Joschka Fischer praktisch die Realpolitik erfunden.“

Horx, sagt Stephan, mache bis heute konsequent das weiter, was sie damals angefangen hätten. „Schon damals hat Matthias sich gerne mit der Zukunft beschäftigt – als Publizist, nicht als Wissenschaftler.“ Es sei die Breitenwirkung seiner Artikel gewesen, die ihn interessiert hätte, sagt Stephan. Auch bei seinen späteren journalistischen Stationen sollte er der „Zeitgeist-Spezialist“ bleiben. „Damals war das von den Journalisten durchaus abwertend gemeint“, erzählt Stephan: „Zeitgeist, das klingt so nach vorübergehend und kurzfristig.“ Beim PflasterStrand unter dem Pseudonym „Paul Planet“.

1985 bricht er nach zwölf Jahren ohne Abschluss sein Studium endgültig ab, nachdem ihn der ehemalige Wiener-Macher Markus Peichl (heute Herausgeber der Monatszeitung Liebling) nach Hamburg in die Redaktion des Magazins Tempo geholt hat. Dort steigt Horx schnell zu einem der profilierteren Schreiber auf. „Horx hatte diesen Singsang von Cohn-Bendit kultiviert. Er war unglaublich eloquent“, erzählt sein damaliger Kollege Michael Hopp, heute Redaktionsleiter des Evonik-Magazin beim Verlag Hoffmann und Campe. In den Redaktionskonferenzen sei man an Horx nicht vorbeigekommen, „weil er seine Vorschläge so zwingend argumentieren konnte. Er hatte immer für alles eine Einschätzung parat. Für ihn war es kein Problem, innerhalb von Minuten eine Vision über die Zukunft der Waschmaschine zu entwerfen. Damals ist er dafür belächelt worden. Heute hat er seine Existenz darauf aufgebaut“, sagt Hopp.

„Tempo, das war sowas wie eine Spaßguerilla“, sagt Christoph Scheuring, ein anderen Ex-Kollege Horx’, der heute mit dem Fotografen Jörg Wischmann in Hamburg ein Redaktionsbüro namens strich2 betreibt. „Horx war der Intellektuelle unter den Freaks. Er war aber schon damals nie derjenige, der die harte Recherche gemacht hat, der auf die Straße gegangen ist und mit den Leuten geredet hat“, sagt Scheuring. Und ergänzt: „Dafür war er immer der, der am saubersten angezogen war.“
Die Zukunft, da sind sich die Kollegen aus vergangenen Tagen einig, war schon immer das Thema des Matthias Horx. Warum das so gewesen sei, drückt Christoph Scheuring heute so aus: „Kein anderes Thema eignet sich so gut für nebulöse Worte.“

Neben Tempo schreibt Horx in der zweiten Hälfte der 80er Jahre auch für die Zeit, Anfang der Neunziger für das Reisemagazin Merian. Zur selben Zeit kehrt er kurz nach Frankfurt zurück, um die Chefredaktion des PflasterStrand zu übernehmen. Beide Intermezzi verschweigt Horx auf seiner Homepage. „Der Vorstandsvorsitzende der Volksbank will ja sicher nicht den Horx vom Sponti-Blatt einladen“, rechtfertigt er sich. 1992 heiratet Horx die englische Journalistin Oona Strathern. Ein Jahr später gründet er gemeinsam mit Peter Wippermann, einem ehemaligen Artdirector des Rowohlt-Verlags und des Zeit-Magazins, in Hamburg das „Trendbüro“.

Es ist die Geburtsstunde des Trendforschers Matthias Horx. Eine Begegnung mit der amerikanischen „Futuristin“ Faith Popcorn (bürgerlicher Name: Faith Plotkin) hatte Horx und Wippermann auf die Idee gebracht, die „Zukunftsforschung“ in Deutschland einzuführen. Während die Begriffe Trend- und Zukunftsforschung in den USA schon damals auf eine gewisse Tradition zurückblicken konnten, waren sie in Deutschland Anfang der Neunziger praktisch unbekannt. „Wir haben erstmal eine Strategie entwickelt und mehrere Bücher auf den Markt gebracht“, sagt Peter Wippermann heute. „Trendbuch I“, „Was ist Trendforschung“ und „Das Trendwörterlexikon“ (alle im Econ-Verlag erschienen) sorgten für erste deutschlandweite Aufmerksamkeit.

Knapp fünf Jahre geht die Zusammenarbeit gut, dann geht Horx nach Frankfurt, um allein eine Firma zu gründen. Die Hintergründe der Trennung sind bis heute unklar. Beide bestätigen, dass es keinen Streit gegen hat. Wippermann sagt: „Matthias meinte, dass Zukunftsforschung wichtiger wäre als die Trendforschung. Dass die ferne Zukunft ihn mehr interessiere, das, was in 20 bis 50 Jahren geschehen könnte.“ Horx sagt: „Was wir im Trendbüro gemacht haben, war schon fast Marketing. Deswegen hab ich 1998 gesagt: Schluss!“

Entgegen dieser Aussage nennt sich Horx heute neben Zukunftsforscher auch gerne wieder Trendforscher – und macht genau dort weiter, wo er mit Wippermann seinerzeit angeblich aufgehört hat. So können sich Kunden auf der Homepage seines Instituts gegen Bares Artikel wie „Urlaubsbilder als Marketinginstrument“ herunterladen. „Matthias arbeitet bis heute nach einem einfachen Quellcode“, sagt Wippermann über seinen Ex-Partner: „Er behauptet einfach immer das Gegenteil von dem, was mehrheitsfähig ist. Egal, ob es um den Klimawandel, den Irak oder die Finanzkrise geht.“

Ein Jahr nach der Gründung des Zukunftsinstituts zieht Horx mit seiner Familie nach Wien. „Wir wollten damals in einer Stadt leben, in der wir beide fremd waren“, erzählt Oona Horx-Strathern. Im 18. Gemeindebezirk Währing betreiben die beiden bis heute ein kleines gemeinsames Büro. Horx und seine Frau sind heute auch Kollegen in Sachen Zukunftsforschung. In ihrem Buch „Die Visionäre“ (Signum Verlag) ist ihrem Mann ein ganzer Abschnitt gewidmet. Balsam auf die Seele des von den „akademischen Wissenschaftlern“, wie er seine Kritiker nennt, geprügelten Mannes. Und zu denen nicht nur sein Intimfeind Rust zählt.

„Natürlich redet Horx über die Zukunft, ist schon klar“, sagt Reinhold Popp, Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg: „Aber er redet eben nicht auf der Basis von Verfahren, die in der Forschung anerkannt sind. Zwei Nachbarn, die sich zehn Minuten lang über die Grippewelle unterhalten, behaupten danach ja auch nicht, dass sie jetzt Ärzte seien. Zukunftsforschung ist nicht Zukunftswissenschaft. Wir brauchen Leute in allen Disziplinen, die in die Zukunft schauen.“

Und die gibt es: Physiker, Chemiker oder Maschinenbauer, die nach alternativen Funktionsweisen für Maschinen forschen; Mediziner, Pharmazeuten oder Genetiker, die auf der Suche nach neuen Medikamenten sind; Meteorologen, Geologen oder Ozeanographen, die im Rahmen der Klimaforschung die Temperaturen von Morgen prognostizieren. Im Graubereich der interdisziplinären Forschung hat Horx leichtes Spiel, seine Ansätze als „neue Universalwissenschaft“ zu verkaufen. „Das ist natürlich eine Lachnummer“, sagt Popp. Persönlich habe er ja nichts gegen Horx und es sei auch nicht die Aufgabe der Wissenschaft, ihm das Geschäft zu vermasseln, aber: „Er agiert wie ein Guru. Und zu dem, was er macht, soll er bitte alles, nur nicht Forschung sagen.“

Ein Guru sei er sicher nicht, sagt Matthias Horx, weil „ein Guru führt seine Anhänger ins Verderben.“ Und Prognosen mache er nur dann, wenn ihn jemand danach frage – und dafür bezahle. So wie der Beate-Uhse-Konzern. Ende 2007 suchten Horx und seine Mitarbeiter im Auftrag der Firma, deren Kerngeschäft im Vertrieb von Sexartikeln besteht, nach dem „Sex der Zukunft“. Heraus kam die Studie „Sexstyles 2010“, die auf gewaltiges Interesse stieß. Zu lesen war dort von „Überinformierten Einsteigern“, „Cool Cats“ und „Sexgourmets“. Irgendwie hat er schon recht, dieser Horx, werden sich die Manager des Konzerns gedacht haben, denn: „Er bestätigte uns, dass wir auf dem richtigen Weg gewesen waren“, sagt Unternehmenssprecherin Assia Tschernookoff.

Die Studie – wie viel sie gekostet hat, fällt unters Geschäftsgeheimnis – habe sich in jedem Fall ausgezahlt: Man kenne jetzt „wissenschaftliche Definitionen der Zielgruppen von morgen.“ Als Reaktion auf die Studie kündigte der Konzern damals in einer Presseaussendung Investitionen von bis zu zehn Millionen Euro an.
Ein gefundenes Fressen für Holger Rust, der seitdem gerne mit dem Aktienkurs des Unternehmens hausieren geht, der sich seit Jahren im Fallen befindet.

Diese Studie sei laut ihm ein „Paradebeispiel“ dafür, was falsch laufe im System Horx. „Da sieht man, dass er nur auf die Verkaufbarkeit seiner Ergebnisse schaut“, meint der Soziologe. Zukunft und Sex in einer „Studie“ stellten für die Medien eine unwiderstehliche Mischung dar: „Was dann eintritt, ist ein affirmativer Zirkel. Horx’ Ideen gewinnen an Gewicht, weil sie von den Medien ungefragt übernommen werden und dort von den Menschen als Ergebnisse von Forschung wahrgenommen werden.“ Für Matthias Horx ist Rust schlichtweg einer, der „desperatly (verzweifelt, Anm.) Beratungsjobs braucht. Und da gibt es einfach nichts besseres, als auf Feindbilder einzudreschen.“

Die bislang letzte Runde dieses Kräftemessens fand Ende vergangenen Jahres im populärwissenschaftlichen Fachblatt Bild der Wissenschaft statt. Das Magazin gab Holger Rust mehr Raum als je eine Publikation zuvor, um Horx „methodologische Scharlatanerie“ vorzuwerfen. Der Artikel strotzt vor Beispielen von Horxschen’ Fehleinschätzungen; seine Prognosen würden laut Rust „meist auf trivialem Wissen oder falschen Tatsachen beruhen“. Horx ließ sich angesichts dieses Textes nicht lange bitten.

Auf seiner Homepage konterte er mit einem Kommentar, in dem er die Kritik an seiner Arbeit selbst als „billigen Trend“ zu entlarven versuchte. Auf die Argumente Rusts ging er nicht wirklich konkret ein – was ihn nicht davon abhielt, ihm im letzten Absatz vorzuwerfen, „mit der Denunziation derer Aufmerksamkeit zu erzeugen, die schlichtweg seine Konkurrenten sind“. Rust selbst lebe davon, „serienweise polemische Bücher gegen die Trendforschung zu veröffentlichen.“ Rust weist diese Vorwürfe zurück. „Die Behauptung, dass ich von der Konkurrenz zur Trendforschung leben würde, ist schlicht absurd.“ Horx wolle laut Rust, „die Öffentlichkeit über seine wissenschaftliche Position hinwegtäuschen. In meiner an Aufträgen von Wirtschaft und Politik nicht gerade armen Karriere habe ich nie aktiv akquiriert, also mich empfohlen“, sagt Rust, der auch lange in Wien gelebt und gearbeitet hat – unter anderem für das Wirtschaftsmagazin trend, für das er Mitte der Neunziger zwei Jahre lang als Berater der Chefredaktion bei einem Relaunch half.

Der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) hatte ihn als einen von 26 Beratern für das Projekt „Themen der Zeit“ engagiert, an dessen Ende eine Buchreihe gleichen Namens (Passagen Verlag) stand. Von 1996 bis 1999 war Rust im Leitungsteam des Delphi-Projekts des Wissenschaftsministeriums. (Delphi ist eine Befragung von Experten zu Zukunftsthemen. Die Ergebnisse werden den Befragten vorgelegt und bewertet. Beim österreichischen Projekt wurden rund 2.000 Experten befragt.)

Persönlich begegnet sind sich Horx und Rust nur einmal; daran erinnern können oder wollen sich heute beide nicht mehr. „Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, den Kontakt mit jemandem aktiv zu pflegen, der seine Gegner doch recht unangenehm beschimpft“, sagt Rust, der einmal monatlich eine Kolumne in der Wiener Zeitung-Beilage „Extra“ füllt. Horx, selber von 2003 bis 2006 ständiger Kolumnist der Presse, sagt: „Den Diskurs über die Frage, was Wissenschaft ist, würde ich schon gerne führen.“ Aber weil seine Kritiker der Meinung seien, dass „nur sie wissen, wie Wissenschaft definiert wird“, sei das nicht möglich. An sechs Tagen im Semester hält Horx eine Vorlesung über Trend- und Zukunftsforschung an der privaten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee.

„Dieser Methodenstreit ist von kriegerischen Tönen durchzogen“, sagt Horx: „Aber gut, dann gebe ich jetzt eben zu Protokoll: Horx arbeitet nicht wissenschaftlich.“ Auf seiner Homepage steht freilich auch Tage nach dieser Aussage über die Zukunftsforschung á la Horx: „Sie ist gewissermaßen die Königswissenschaft per se, denn sie versteht sich als ,Universalwissenschaft im Wandel‘.” Und weiter unten: „Trotzdem wird sie von den Teilwissenschaften niemals als Wissenschaft anerkannt werden.“ Eine Prognose, die zur Abwechslung auch seine Kritiker unterschreiben dürften.