Alter Text
Memorandum zur Zölibatsdiskussion
Die Fastenzeit hat begonnen. Zeit kritischer Einkehr. Papst Johannes Paul II. hat die Weltkirche seinem Nachfolger Benedikt XVI. in der schwersten Krise ihrer Existenz seit Luther hinterlassen. Unter den vielen dogmatischen und hierarchischen Krisenbausteinen ist die Ehelosigkeit der Priester ein Schlüsselelement. Hörte der bayerische Papst auf sich selbst, nämlich den Theologen und Dogmatiker Joseph Ratzinger des Jahres 1970, dann würde er nicht weiter den Zölibat als theologisch unabdingbares Wesenselement katholischer Seelsorge propagieren. Zusammen mit acht anderen herausragenden Köpfen des Katholizismus aus dem deutschsprachigen Raum forderte Ratzinger damals ein radikales Überdenken des Ehelosigkeitsgebots als keineswegs theologisch begründet und schon gar nicht von Jesus selbst gestiftet. Hätten sich die damals noch eher „jungen“ Theologen durchgesetzt, die Kirche hätte heute eine Sorge weniger. Der alte Papst jedenfalls ist seinen eigenen Gedanken von einst heute absolut abhold. Den kircheninternen Text, der bis in diese Tage so nie der Öffentlichkeit zugänglich war, entnehmen wir dem Mitteilungsblatt des hierarchiekritischen Aktionskreises
Regensburg.
Michael Frank
Die Unterzeichneten, die durch das Vertrauen der deutschen Bischöfe als Theologen in die Kommission für Fragen der Glaubens- und Sittenlehre der Deutschen Bischofskonferenz berufen worden sind, fühlen sich gedrängt, den deutschen Bischöfen folgende Erwägungen zu unterbreiten.Unsere Überlegungen betreffen die Notwendigkeit einer eindringlichen Überprüfung und differenzierten Betrachtung des Zölibatsgesetzes der lateinischen Kirche für Deutschland und die Weltkirche im ganzen (weil beide Gesichtspunkte nicht gänzlich voneinander getrennt werden können). Ob man diese erneute Prüfung „Diskussion“ nennen will oder nicht, ist ein sekundäres, terminologisches Problem. Über die Frage, wie diese Überprüfung angestellt werden könnte, soll in folgenden noch einiges gesagt werden (vgl. bes. V).
I
Die dringliche Forderung nach einer solchen Überprüfung präjudiziert in keiner Weise eine Entscheidung darüber, was als Ergebnis resultieren soll oder faktisch herauskommt. Diese Petition ist keine Forderung von Gegnern des priesterlichen Zölibats. Die Unterzeichneten haben sich bis jetzt auch gar nicht zu einer gemeinsamen Ansicht darüber verständigt, was sie über die Sachfrage selbst im einzelnen meinen. Aber sie sind alle davon überzeugt, daß eine solche Überprüfung auf hoher und höchster kirchlicher Ebene angebracht, ja notwendig ist. Nur dazu soll im folgenden etwas gesagt werden, nicht aber schon zum konkreten Inhalt einer solchen „Diskussion“ selbst. Die Unterzeichner bitten die deutschen Bischöfe, die hier unternommenen Überlegungen in keiner Weise als eine Bekämpfung des Zölibats selber mißzuverstehen.
Wir sind davon überzeugt, daß die freigewählte Ehelosigkeit im Sinne von Mt 19 nicht nur eine sinnvolle Möglichkeit christlicher Existenz darstellt, die für die Kirche als Zeichen ihres eschatologischen Charakters zu jeder Zeit unabdingbar ist, sondern daß es auch gute theologische Gründe für die Verbindung von freigewählter Ehelosigkeit und priesterlichem Amt gibt, weil dieses Amt seinen Träger eben endgültig und umfassend in den Dienst Christi und seiner Kirche nimmt. In diesem Sinne bejahen wir, was jüngst in dem „Schreiben der deutschen Bischöfe über das priesterliche Amt“ zum Zölibat gesagt wurde (vgl. Nr. 45, 4. Absatz; Nr. 53, 2. Absatz). Und in diesem Sinne sind wir auch davon überzeugt, daß unbeschadet des Ausgangs der Diskussion das ehelose Priestertum eine wesentliche Form des Priestertums in der lateinischen Kirche bleiben wird. Es ist darüber hinaus klar, daß in unserer Kirche für den Weltklerus – im Unterschied zur protestantischen Praxis – auch im psychologischen und gesellschaftlich-öffentlichen Bewußtsein ein eheloses Priestertum als echte und reale Möglichkeit bestehen bleiben muß, wobei das ehelose Leben durchaus als Verpflichtung auch der Kirche gegenüber übernommen wird.




