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Streitgespräch

Bundespräsident Heinz Fischer über Streitkultur, Liberalismus und Sozialismus.

In 24 Stunden um die Welt

Einmal um den Globus in 24 Geschichten aus aller Welt, von Mumbai über Tokio nach Sarajevo.

Schuld und Sühne

Das Gefängnis ist gescheitert. Justizminister Brandstetter verspricht längst notwendige Reformen, an die kaum wer glaubt.

Unterwegs im Rotlicht

Puffgeschichten

Sex ohne Gummi für 30 Euro: Prostituierte in Wien leiden unter massivem Preis- und Sittenverfall. Das neue Prostitutionsgesetz hat die Lage weiter ver­schärft. Eine Erkundung im Untergrund.
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Eine Wohnung irgendwo in Wien. Das Türschild verspricht Wellness und bleibt vage. Eine Frau öffnet die Tür, unter ihrem dünnen, bodenlangen Kleid trägt sie nichts. Sie stellt sich als Emmanuelle vor und führt die Besucher einen schmalen Gang entlang. Er führt vorbei an geschlossenen Türen, leise dringt Meditationsmusik heraus. „Wir arbeiten auf der energetischen Ebene“, sagt Emmanuelle. Sie wirbt mit Zeitungsannoncen und in Internetforen um Kunden, es kämen Männer wie Frauen, auch viele Pärchen, meist untertags. Dann wird man zuerst unter die Dusche geschickt und landet anschließend in einem der Zimmer. Dort ist es ruhig, dunkel und heiß. In der Mitte eine große Matratze, daneben Massageöle und Handtücher. „Was wir hier machen, hat mit Sex nichts zu tun“, sagt Emmanuelle. Die Leute bekämen „zärtliche Streicheleinheiten, damit ihre Seele Glückshormone ausschüttet“. Dafür stimulieren sie und ihre Kollegin die „energetischen Punkte“ der Kunden mit Fellen und Federn und befriedigen sie durch Massagetechniken mit exotischen Namen. 110 Euro kostet das in der Stunde. So sehr sich die Angelegenheit auch in einer Grauzone befinden mag – Emmanuelles Wohnung ist ein illegales Bordell. 

300 bis 400 solcher illegalen Wohnungsbordelle gibt es in Wien, schätzt die Polizei, genau weiß es niemand. Denn obwohl die Sexanzeigen der Prostituierten täglich mehrere Seiten in Österreichs Boulevardzeitungen füllen, ist Wohnungsprostitution unter den verschiedenen Formen der Sexarbeit die am wenigsten sichtbare. Und das in einem Bereich, der auch sonst kaum einzusehen ist: Prostitution passiert hinter den verspiegelten Türen und verklebten Fenstern von Bordellen, in den Kellern von Saunaclubs, in den Zimmern von Laufhäusern an den Durchzugsstraßen oder auf dem Straßenstrich am Stadtrand. Die öffentliche Diskussion drehte sich in Wien in den vergangenen Jahren vor allem um jene rund 300 Frauen, die ihre Dienstleistungen auf der Straße anbieten. Angefangen hat es mit wütenden Anrainern, die mit Fackeln die Prostituierten vom Straßenstrich auf der Felberstraße im 15. Gemeindebezirk vertrieben. Mit Einführung des neuen Prostitutionsgesetzes im November 2011 änderte die Stadtregierung die Spielregeln in zwei zentralen Punkten: Seither muss jedes Rotlichtlokal als solches gemeldet sein und strenge Auflagen erfüllen, zusätzlich wurde der Straßenstrich auf zwei Erlaubniszonen beschränkt, die eine in der Nähe des Praters, die andere auf einem Parkplatz bei Auhof am Rand des 14. Bezirks. Das Gesetz hat Prostitution wieder ein Stück unsichtbarer gemacht, dabei hatte die Stadtregierung sich zum Ziel gesetzt, die Arbeitsbedingungen für Prostituierte zu verbessern. Eineinhalb Jahre nach Einführung des Gesetzes sehen Kritiker die Konzepte der Politik deshalb bereits als gescheitert an. Der Straßenstrich ist aber bei weitem nicht der einzige Brennpunkt: Nach inoffiziellen Schätzungen arbeiten derzeit 8.000 bis 10.000 Prostituierte in Wien – nur knapp 3.000 davon sind gemeldet. Die Zahl der Prostituierten steigt seit Jahren, und damit auch der Konkurrenzdruck: Die Preise sind in den Keller gerasselt, bezahlter Sex kostet in Wien heute oft nicht mehr als 30 Euro.

„Ein nachfrageunabhängiger Zustrom“ sei für den krassen Anstieg der Zahl der Sexarbeiterinnen verantwortlich, schrieb die Arbeitsgruppe Länderkompetenzen in einem Bericht zur Lage der Prostitution für das Bundeskanzleramt im Mai 2012. „Dafür spricht ein starker Anstieg des Konkurrenzdrucks in Wien, der vor allem am Straßenstrich zu einem massiven Preisverfall geführt hat.“ Was der Arbeitsgruppe sonst noch auffiel: In der Branche finde man kaum noch Österreicherinnen. „Etwa 95 Prozent der Sexdienstleister­Innen sind MigrantInnen“, der Anteil an „relativ jungen SexdienstleisterInnen“ habe zugenommen. Die vorliegenden Daten lassen nur wenige Schlüsse zu – der größte Teil der Szene bleibt Außenstehenden und auch der Exekutive verschlossen.

Das weiß auch Christian Knappik. Er sei einer der wenigen, die Zugang hätten, sagt er. „Es gibt 6.715 Polizisten in Wien. Wenn wir davon ausgehen, dass es 8.000 bis 10.000 Sexarbeiterinnen gibt, heißt das: Jedes Mal, wenn man einen Polizisten auf der Straße sieht, sieht man auch eine Sexarbeiterin.“ Mit Sätzen wie diesem ist der in der Szene „Zwerg“ genannte 1,94-Meter-Mann in den vergangenen Jahren als scharfer Kritiker der Lage der Prostituierten in den Medien gelandet. Gemeinsam mit Frauen aus der Branche leitet der 54-jährige ehrenamtlich das Onlineforum sexworker.at, in dem sich Prostituierte austauschen können – die Frauen haben ihn zu ihrem Sprecher gewählt. Seinen Lebensunterhalt verdient er tagsüber in seinem Brotberuf in der Dienstleistungsbranche.

 Wegen seiner Rückenschmerzen schlafe er ohnehin nicht gut, sagt Knappik, er müsse in Bewegung bleiben – auch deshalb ist er Nacht für Nacht mit seinem alten, schwarzen Mercedes im Wiener Rotlichtmilieu unterwegs. Wird eine Prostituierte von ihrem Freier ohne Geld am Parkdeck aus dem Auto geworfen oder gehen ihr die Kondome aus, klingelt häufig bei Knappik oder einer seiner Kolleginnen bei sexworker.at das Telefon. „Ich zeige den Frauen auch, wie man mit dem Mund ein Kondom überstreift“, sagt er und lacht. „Natürlich an einem Dildo.“

Es seien Zorn und Zivilcourage, die ihn antreiben, sagt Knappik. Der große Mann kommt mit seinen lose zurückgekämmten Haaren und dem zur Brust hin aufgeknöpften Hemd dem, was man sich unter einem Wiener Strizzi vorstellt, recht nahe. Obwohl Knappik auch im Sitzen schwer atmet und gerne scherzt – hört man seine Geschichten, spürt man, dass er auch anders könnte. Früher sei er selbst zu Prostituierten gegangen, erzählt er. Irgendwann aber habe er es nicht mehr ausgehalten, unter welchen Bedingungen die Frauen arbeiten müssen. Die rechtliche Unsicherheit, die gesellschaftliche Verachtung, der Druck der Männer auf die Frauen – deshalb sei er vom Freier zum Feministen geworden.

Knappik hält vor einem Haus im Stuwerviertel im zweiten Wiener Gemeindebezirk. „Kurzfristig Zimmer zu vermieten“, steht auf den Fensterscheiben des Stundenhotels. Drinnen lehnt eine junge Frau mit langen wasserstoffblonden Haaren am Türstock und schaut das Frühabendprogramm auf ORF 2. Es ist kurz vor sechs Uhr, bisher war heute wenig los. Bald werden ein paar Kunden kommen, nach der Arbeit, sagt der Betreiber, der sich als Emmerich vorstellt. In der Ecke des kleinen Vorraums steht ein durchgesessenes Sofa, darauf ein bierbäuchiger Mann, eine kleine, dunkelhaarige Frau schmiegt sich an seine Seite. An den Wänden kleben Poster von nackten Frauen in eindeutigen Posen. Das Lokal sei zwar nicht schön, sagt Knappik, aber der Betreiber ein Guter und „immer korrekt zu den Frauen“. 

 Emmerich ist über 70, ein kleiner Mann mit Herzproblemen. In den vergangenen Jahren ist ein Magengeschwür dazugekommen, er schiebt es auf den Stress: Vieles sei komplizierter geworden. Ein Pärchen betritt das Lokal, der Mann zahlt für das Zimmer: zehn Euro für eine halbe Stunde. „Papi“, wie die Frauen Emmerich hier nennen, kassiert die Miete, wie viel die Prostituierten für ihre Dienstleistungen verlangen, ist ihre Sache. Meist sind es 30 Euro für die halbe Stunde, sagt Emmerich. Das Stuwerviertel war jahrzehntelang eines der Wiener Strichgebiete, seit Inkrafttreten des neuen Prostitutionsgesetzes im November 2011 gilt es als Sperrzone. Früher haben die Frauen hier direkt vor dem Lokal posiert, seit dem Verbot schauen sie vorsichtshalber, ob Polizei in Sicht ist, wenn sie Zigaretten holen gehen. 

Vor kurzem hat Emmerich eine Strafe von 365 Euro bekommen, weil eine der Prostituierten in seinem Lokal keinen „Stempel“ hatte, also nicht zur wöchentlichen Gesundenuntersuchung erschienen war. Er hält es für eine Schikane, versteht nicht, warum er nach dem neuen Gesetz haftbar gemacht werden kann, wenn er die „Deckel“ der Prostituierten – wie die behördliche Genehmigung zur Ausübung von Sexarbeit in der Szene heißt – nicht selbst kontrolliert. „Das zahle ich nicht“, sagt er, springt auf und beginnt Geschirr zu waschen. „Das ist ein Familienbetrieb“, sagt der kleine, alte Mann, „so etwas gibt es in ganz Wien nicht mehr.“

Seit 47 Jahren ist er im Geschäft, zu Ostern würden Freier bunte Eier bringen. Wenn es ihn nicht gäbe, müssten die Frauen mit den Männern ins Auto gehen, in den Park oder in irgendeinen dunklen Keller. Dabei dürfte sich Emmerich eigentlich nicht beschweren: Andere Betriebe mussten zusperren, weil sie sich die vorgeschriebenen Umbauten nicht leisten konnten, über seinem Schreibtisch hängt die Genehmigung für sein Lokal – daneben sein Meisterbrief der Fleischer. Früher war das Lokal tatsächlich eine Fleischerei. Als in den Sechzigerjahren gegenüber ein Billa aufmachte, sattelte Emmerich um und eröffnete das Stundenhotel. Heute wirkt es, als habe die Zeit den alten Mann wieder einmal überholt.

Von Emmerichs Stundenhotel zum Edelpuff Maxim in Sichtweite der Wiener Oper sind es mit dem Auto zehn Minuten. Dazwischen liegen Welten, aber auch hier spürt man die Unsicherheit, die sich in der Branche breitmacht. Varieté steht auf dem Schild über der Tür, im Barraum mit den verspiegelten Wänden hat sich der Glanz vergangener Zeiten gehalten. Auf einer der weißen Ledercouchen sitzt mit rabenschwarzem Haar Betreiber Josef Stern, mittlerweile Anfang 70, und neben ihm sein knapp 30-jähriger Sohn Roman, der bald das Geschäft übernehmen soll. Im Hintergrund wärmt sich eine Tänzerin an der Stange für die Nacht auf. Zwölf bis vierzehn Mädchen würden hier arbeiten, die Hälfte von ihnen sei nur auf der Durchreise, sagt der Vater. Die letzte Österreicherin habe den Club vor zwei Jahren verlassen – angefangen habe die Krise noch früher. Seit den Achtzigerjahren sei das Geschäft um zwei Drittel eingebrochen, sagt Josef Stern. Früher hätten die Reichen Wiens hier Nacht für Nacht die Puppen tanzen lassen, Geld habe keine Rolle gespielt. Er erinnert sich an Firmenfeiern, bei denen sich die ganze Belegschaft auf Spesenrechnung vergnügt hatte.

 Die Zeiten haben sich geändert, heute wird auch im Maxim über den Preis verhandelt – „sinnlos“, sagt Juniorchef Roman. Die Frauen würden zwischen 2.000 und 3.000 Euro im Monat verdienen, das Maxim versuche, dem Preisdruck nicht nachzugeben. 200 Euro zahlt der Freier hier für die Stunde – 100 Euro gehen an die Frau, 100 an das Maxim. Doch die Zeichen stehen schlecht. „Das Billigsegment wächst“, sagt Roman Stern. Vater und Sohn beschweren sich über die Sitten der Freier, über Internetpornos, die die Erwartungen der Kundschaft in die Höhe geschraubt hätten, über „Mädls, die es heute einfach nicht mehr so können wie früher“. „Die goldenen Zeiten sind vorbei, die kommen auch nicht wieder“, sagt Josef Stern.

Glaubt man der Lokalbetreiberin Liane, leiden vor allem die Prostituierten selbst unter der Krise. Die Mittsechzigerin mit den langen hellblonden Haaren sitzt auf einer Couch aus falschem Tigerfell in ihrem Lokal an der Linzer Straße im 14. Gemeindebezirk. Als junge Frau ist sie selbst auf der Kärntner Straße in der Innenstadt gestanden und hat ihre Freier beim Schaufensterbummel angeworben. „Da hat man lieb geschaut, und dann ist man ins Hotel Orient gegangen.“ 5.000 Schilling habe es damals für die Stunde gegeben, „ich habe geglaubt, die haben das Geld abgeschafft“.

Seither sei der Druck auf die Frauen enorm gestiegen, für immer weniger Geld müssten sie immer mehr machen. „Die Welt ist heute verkehrt“, sagt Liane. Ihr Lokal ist winzig, ein Barraum, zwei Zimmer, 28 Quadratmeter. Auf der Tigercouch sitzen vier Mädchen eng gedrängt, im Fernsehen läuft ohne Ton ein Actionfilm über Menschenhandel, im Radio ein Song von Beyoncé. Eine der Frauen ist Isa aus Deutschland, 36 Jahre alt und seit 16 Jahren in Wien am Anschaffen. Sie beschwert sich über den Preisverfall, über die heftigen Wünsche der Kunden. „Das hier ist eines der wenigen Lokale, in denen es Sex nur mit Kondom gibt“, mischt sich Liane ein. Isa weiß, was sie meint. Früher stand sie bei der Shell-Tankstelle an der äußeren Mariahilfer Straße, die Frauen hätten sich gut verteilt. Doch durch das Gesetz seien die Räume enger geworden. Eine Zeit lang habe sie es im Prater probiert, doch dort seien die Kunden „extrem dreist“ und die Konkurrenz enorm. „Fast alle anderen Mädchen kommen aus dem Ausland: Vorne stehen die Rumäninnen und Bulgarinnen, ganz hinten die Afrikanerinnen.“ Bei den Ausländerinnen sucht Isa auch die Schuld für die verfahrene Situation – vor allem bei jenen aus dem Osten. Sie würden den Preis drücken: weniger als zehn Euro für einen Blowjob ohne Gummi. Seit Isa nicht mehr auf der Straße anwerben darf, läuft das Geschäft aber auch hier auf der Linzer Straße schlecht – doch sie weiß, dass sie sich hier glücklich schätzen kann. Denn um den dunkelsten Flecken der Wiener Rotlichtszene zu sehen, muss man noch ein paar Kilometer weiter stadtauswärts fahren.

Ein kalter Frühlingsabend, Nieselregen, es ist 23 Uhr. Bei der OMV-Tankstelle am Auhof stehen die ersten Frauen in glänzenden Strumpfhosen und Miniröcken, ein paar Meter weiter auf der Wiener Straße brausen späte Pendler Richtung Westautobahn ins Wochenende. Das größte Elend der Wiener Prostituierten findet man hier an den Toren der Stadt. Hierher wurde der Straßenstrich durch das neue Prostitutionsgesetz verschoben, doch eigentlich brechen auch die Frauen bei der Tankstelle das Gesetz: Die Erlaubniszone befindet sich ein paar hundert Meter weiter am Ende des Parkplatzes. Nur ist es dort stockfinster. Autos drehen ihre Runden, die Fahrer begutachten im Schritttempo die Frauen, die auf den Grünflächen posieren – trotz Regens sind zehn gekommen.

Gegen die Kälte stecke sie sich Zeitungspapier in die Stiefel, sagt eine der Frauen. Am Parkplatz werden die Jobs durchgeführt. Legal ist das nicht, denn Sex im Auto gilt als Erregung öffentlichen Ärgernisses und ist strafbar. Aber das nächste Stundenhotel ist Kilometer entfernt. Schnell verschwindet in einem Auto, die Innenbeleuchtung ist an, der Kopf einer Frau unter dem Armaturenbrett. Danach hat sie keine Möglichkeit, sich zu waschen: An der Tankstelle dürften sie das nicht, sagen die Frauen, und öffentliche Toiletten gibt es keine. 

 In der Erlaubniszone im Prater ist es nicht viel besser. „Auch dort müssen die Frauen ins Gras pinkeln und können sich nicht die Hände waschen“, sagt Christian Knappik, der regelmäßig in die Strichgebiete kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Seine Vorwürfe wiegen schwer: Durch die Verbannung des Straßenstrichs ins Niemandsland habe die Stadtregierung nicht nur die Arbeitsbedingungen der Frauen verschlechtert, sondern zusätzlich etwas wiederbelebt, das aus dem Geschäft mehr oder weniger verschwunden schien: die klassische Zuhälterei. Die meisten Prostituierten in Wien würden heute selbstständig arbeiten, sagt Knappik, doch diese Selbstbestimmung sei in Gefahr. „Die Frauen brauchen wieder einen starken Mann hinter sich, der sie schützt und nach den Jobs wieder in die Zone bringt.“

Denn was schwer zu glauben ist, ist Realität: Es gibt trotz aller Widrigkeiten Frauen, die sich bewusst für die Straße und gegen kontrollierte Lokale entscheiden. Eine von ihnen ist Josefine. Nach Inkrafttreten des neuen Wiener Gesetzes blieb die 40-Jährige vorerst in den Erlaubniszonen, heute arbeitet sie in Salzburg – dort gibt es offiziell keinen Strich, er ist verboten. Am liebsten würde sie legal und zu ihren eigenen Bedingungen auf der Straße arbeiten, sagt Josefine. „Ich verlasse mich lieber auf mich als auf die vermeintliche Sicherheit im Laufhaus.“ Auch Clubs seien nichts für sie: Sie trinkt keinen Alkohol und hat Angst, von den Betreibern ausgenommen zu werden. Das Geschäft ist in den vergangenen Jahren auch für sie härter geworden – anders als Isa glaubt sie aber nicht, dass die Kolleginnen aus dem Osten schuld daran sind. „Es geht um politische Stimmungsmache“, sagt Josefine. Je strenger der Strich verfolgt werde, desto reicher werde auch der Nährboden für Kriminelle. Die Regelungen, die Prostitution sicherer machen sollten, gehen ihrer Meinung nach hinten los: Mittlerweile würden viele Freier fragen, ob sie einen „Deckel“ habe. „Wenn ich Ja sage, glauben sie, sie können eh ohne Kondom. Deshalb behaupte ich, keinen zu haben.“

Dass es Frauen wie Josefine gibt, will Wolfgang Langer, Leiter des Wiener Prostitutionsreferats, nicht glauben. Seit September 2012 führt er die neu geschaffene Abteilung und überwacht die Umsetzung des Gesetzes. Seine Hauptaufgabe: die Genehmigung von Rotlichtlokalen. Die Straße ist für Langer ein Modell der Vergangenheit: „Straßenprostitution ist gefährlich, schmutzig, ungesund für Prostituierte wie Freier, und viel Geld lässt sich dort auch nicht verdienen.“ Dass es durch das Prostitutionsgesetz zu Verschlechterungen für die Frauen gekommen sei, lässt er nicht gelten: „Das wird von denen lanciert, denen das Gesetz geschadet hat.“ Auch dass viele Frauen, die nicht mehr auf der Straße arbeiten können oder zu wenig verdienen, nun in die Wohnungsprostitution gedrängt würden, hält er für Propaganda: „So viele passende Wohnungen sind in Wien gar nicht frei.“ Das Gesetz habe für Unruhe im Milieu gesorgt, „das war ein guter Nebeneffekt“. Am anderen Ende von Wien, an der Triester Straße im zehnten Gemeindebezirk, zeigt der Polizist, was er für die Zukunft der Branche hält: das Laufhaus.

Der große Mann mit Glatze kommt in Zivil und führt durch den Innenhof, vorbei am Türsteher in das rote Ziegelhaus – es funktioniert ähnlich wie ein großes Stundenhotel, nur wird nicht pro Stunde bezahlt. Prostituierte können sich für 370 Euro pro Woche einmieten und ihre Preise selbst festlegen. 40 Zimmer fasst das Haus, im Moment sind alle ausgebucht. Das Laufhaus sei ein Erfolgsmodell, sagt Langer, „eine der seltenen Win-win-Situationen im Leben“. Fast alle Zimmertüren im ersten Stock sind offen, darin warten junge Frauen auf Kundschaft, die meisten sind laut ihren Türschildern Anfang 20. Sie liegen in Reizwäsche mit dem Laptop auf dem Bett oder schauen fern. Es ist kurz nach ein Uhr nachmittags, ein paar Freier flanieren durch das Haus, werfen verstohlene Blicke in die Zimmer, bis sie hinter einer der Türen verschwinden.

„Am Nachmittag kommen die Ehemänner“, sagt Langer. Er hat sich mit den Sitten der Wiener Szene vertraut gemacht. Die kleinen Lokale von früher findet er „grindig“, Laufhäuser wie dieses „durchgestylt“. Dass es in der Branche auch Gegner des neuen Geschäftsmodells gibt – sie warnen davor, dass die Frauen im Laufhaus mit Schulden in den Tag starten, die Konkurrenz massiv und die Abhängigkeit vom Betreiber groß sei –, weiß Langer, hält aber dagegen: „Das sind alles wahnsinnig fesche Mädls, die könnten überall in Wien arbeiten. Wo soll da der Zwang sein?“ Doch ist in den Laufhäusern überhaupt Platz für die tausenden Wiener Prostituierten? „Wenn die Frau nicht gut genug aussieht, um in so einem Laufhaus arbeiten zu können – na ja, für die war es vorher nicht toll, und für die wird es jetzt auch nicht toll sein“, sagt Langer. „Das ist eben Angebot und Nachfrage. Aber da hat sich durch das Gesetz nichts verändert.“

Der Polizist liegt mit seiner Einschätzung weitgehend auf Linie der Stadtregierung – zumindest was die Wirksamkeit des Prostitutionsgesetzes betrifft. „In der Vergangenheit haben wir immer wieder gesehen, dass das Gesetz wirkt“, antwortet ein Sprecher der zuständigen SPÖ-Frauenstadträtin Sandra Frauenberger auf Anfrage. „Aktuell gibt es keine Veränderungen, die an der Wirksamkeit des Gesetzes zweifeln lassen oder Adaptierungen verlangen würden.“ Für ein Interview stand Frauenberger nicht zur Verfügung.

Birgit Hebein, Sozialsprecherin der Wiener Grünen, hat das Gesetz mitgestaltet – ihre Einschätzung der Lage klingt ganz anders. „Der Raum wurde verengt, der Druck auf die Frauen ist gestiegen, die Zuhälterei hat überhandgenommen“, sagt sie. Hebein weiß auch von einer Zunahme bei der Wohnungsprostitution. „Ich kenne persönlich Frauen, die dort gelandet sind“, sagt sie. Von dem Zukunftsmodell Laufhaus hält sie hingegen wenig: „Die Abhängigkeiten der Frauen im Laufhaus sind enorm. Viele Frauen gehen von drinnen wieder nach draußen, weil sie unabhängig sein wollen.“ Die Gerüchte über ein neues „Megalaufhaus“, das bald im Süden Wiens eröffnet werden soll, machen ihr dementsprechend Sorgen.

Dennoch warnt Hebein davor, die Situation vor der Reform zu verherrlichen. „Vor zwei Jahren war es für die Frauen auch nicht einfach“, sagt sie. Man habe sich mit dem Wiener Prostitutionsgesetz Ziele gesetzt – die Verbesserung der Situation der Frauen, die Entlastung der Anrainer – und noch nicht alle erreicht. Mit einem einfachen Gesetz sei es aber auch nicht getan. Hebein sieht sich mit einer umfassenden gesellschaftlichen Bewegung gegen die Sexarbeit konfrontiert: „Der europaweite Druck, Straßenprostitution und Prostitution an sich zu verbieten, ist enorm.“ In Wien erlebe sie das tagtäglich. Weil die Erlaubniszonen beim Auhof und dem Prater den Frauen keine sicheren Arbeitsbedingungen bieten, sei die Stadt auf der Suche nach neuen Plätzen, scheitere aber am Widerstand der Bezirke. „Die Leute sagen: Macht was für die Frauen, aber bitte nicht vor meiner Tür!“, sagt Hebein. „Dieselben Diskussionen führen wir bei den Themen Bettelei, Drogensucht und Obdachlosigkeit.“

Doch wie soll es nun weitergehen, welche Konzepte hat die Stadtregierung in der Schublade? Was im Moment passiere, sei eine Politik der kleinen Schritte, sagt Hebein – von der Lösung sei man aber Jahrhunderte entfernt: „Es geht um ein gesamtgesellschaftliches Problem: die Doppelmoral, die Verlogenheit, die Feigheit, sich mit Prostitution auseinanderzusetzen.“