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Republik

Schwarz, Rot, Gold

Alle Jahre wieder putzt sich die rechte Prominenz heraus, um ein Fest zu feiern. Auf einer Ballnacht voller vernarbter Gesichter, deutsch geschmückter Uniformen und eingeschlichener Journalisten.

Ich halte die Karten gerade in der Hand“, hat sie am Telefon gesagt. Sieben Stunden später sitzen wir zusammen in einem Taxi. Zielort: Die Redoutensäle der Wiener Hofburg. Dort ist heute der alljährliche Faschingsball des Wiener Korporationsrings (WKR), der deutschnationalen Studentenverbindungen. Viele von ihnen werden der rechten Szene zugeordnet. Einige schlagen sich regelmäßig mit echten Säbeln tiefe Wunden in Gesicht und Kopf. Um sich abzuhärten und ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Ich habe mir den Bart abrasiert, meine Begleitung, eine freie Mitarbeiterin der Tageszeitung Die Presse, hat sich Locken in die Haare gedreht. Wir wollen nicht allzu leicht erkannt werden.

Es ist Freitag abend, kurz nach halb acht und unser Taxifahrer nuschelt auf Arabisch in sein Funkgerät. Gerade eben musste er hinter dem Burgtheater abremsen. Hier vorbei über die Freyung und dann weiter über den Michaelerplatz zum Josefplatz lotst die Polizei die motorisierten Ballbesucher. Sie müssen ein paar tausend Menschen ausweichen, die heute gegen das Fest demonstrieren. Eine Gruppe Fahrradfahrer hat das Taxi entdeckt, stellt sich vor die Motorhaube, damit es nicht weiterfahren kann. Ein paar Minuten Schrittempo, dann durch die Polizeiabsperrung in der Herrengasse. Hier darf man nur mit Eintrittskarte durch. Der Taxifahrer sagt: „Oh, ein Ball. Da kommt der Bürgermeister. Der kommt immer, wenn es was zu feiern gibt.“

Nein, Michael Häupl, der sozialdemokratische Bürgermeister von Wien, kommt heute nicht. Es ist eine Nacht für jene an der rechtesten Kante der politischen Gesinnungen. Ein österreichischer Ball in Schwarz, Rot und Gold, den Farben der Burschenschaften, aber auch den Farben Deutschlands. Von dort kommen auch viele der Ballgäste, dazu hört man hin und wieder Schwedisch, Französisch und Englisch auf den Gängen. Auch ein Vertreter der belgischen Rechtspartei Vlaams Belang hat sich angekündigt. Die österreichische Rechte hat geladen, die europäische Rechte ist gekommen. Eine unpolitische Veranstaltung, beteuert der WKR Jahr um Jahr. Trotzdem trauen sich die Vertreter einer heimischen Parlamentspartei hierher: Der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Viele ihrer Mitglieder waren während ihrer Studentenzeit bei einer der 23 Burschenschaften, die Namen wie Bruna Sudetia, Moldavia, Olympia oder Teutonia tragen. Im Viertelstunden-Rythmus gibt die Kollegin per SMS an ihre Redaktion durch, welche Politiker gerade über die Gänge der Hofburg flanieren.

Alleine ein Besuch auf diesem Ball reicht für eine Geschichte. Ein falsches Wort zum falschen Zeitpunkt macht Schlagzeilen. Deswegen sind auch Journalisten von anderen Zeitungen hier. Sie haben die Brillen zu Hause gelassen, sich Schnurrbärte wachsen lassen, die Haare zurückgegelt. Die meisten haben schon hochrangige FPÖ-Politiker persönlich interviewt, dafür ist ihre Verkleidung dürftig. Nur ein einziger Mitarbeiter der Austria Presse Agentur (APA) darf offiziell von hier berichten, alle anderen haben sich eingeschlichen. Nun spazieren sie wie wir mit schüchternem Blick an vernarbten, muskulösen Mittzwanzigern vorbei, von denen manche Säbel tragen. Zu später Stunde werden sich ein paar der Reporter fragen, ob sie nicht Teil eines gewieften PR-Planes sind. Zu einfach sind sie an Karten für diesen so umstrittenen Ball gekommen. Zu höflich, distanziert und unaufgeregt ist man ihnen den ganzen Abend über begegnet. Vielleicht liegt es aber auch an den fehlenden Burschenschaftermützen, Schleifen, Orden und Narben, dass keiner des knappen Dutzends verdeckter Journalisten so richtig mit den Ballgästen ins Reden kommt. Zwei Redakteure der Tageszeitung Kurier recherchieren gleich so verdeckt, dass sie nicht einmal ihre Namen unter einen Artikel setzen wollen, der auch nicht anders ist, als der ihrer Kollegen.

Seite 2: Uniformen, Krawalle und Swarovski-Kristalle