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Streitgespräch

Bundespräsident Heinz Fischer über Streitkultur, Liberalismus und Sozialismus.

In 24 Stunden um die Welt

Einmal um den Globus in 24 Geschichten aus aller Welt, von Mumbai über Tokio nach Sarajevo.

Schuld und Sühne

Das Gefängnis ist gescheitert. Justizminister Brandstetter verspricht längst notwendige Reformen, an die kaum wer glaubt.

Motorstory

Speed Metal

Von grünen Monstern, rasenden Bierdosen und der Sehnsucht nach dem Knall: Der Landgeschwindigkeitsrekord – eine kurze Geschichte der Gewalt.

Kalt, bedrohlich lag die endlose Gerade vor ihm. Camille Jenatzy packte den Lenkknüppel fester und verkeilte sich mit den Beinen im Inneren seiner Höllenmaschine. Der Belgier mit dem feuerroten Vollbart, gemeinhin „Der rote Teufel“ gerufen, machte sich bereit für seinen Eintrag in die Geschichtsbücher, während insgesamt sechs Zeitnehmer, die entlang der zwei Kilometer langen Strecke postiert waren, ihre Stoppuhren synchronisierten. Hunderte Augenpaare fixierten den 31-Jährigen, dessen Oberkörper aus einem überdimensionierten Torpedo mit vier Rädern ragte, der auf den Namen „La Jamais Contente“ (Die niemals Zufriedene) hörte. Die Rennleitung gab die Strecke frei. Jenatzy trat das Gaspedal durch, das blaugrau lackierte Gerät sprang nach vorn und schoss über die staubige Piste. Nur wenige Augenblicke später hatte die „Jamais Contente“ einen unfassbaren Geschwindigkeitsrekord aufgestellt: 105,822 km/h.

Schneller war bis zu diesem Zeitpunkt kein Straßenfahrzeug gewesen, erstmals hatte ein Mensch zu Lande die magische Grenze von 100 Stundenkilometern durchbrochen. Doch das, was an jenem 29. April 1899 in Achères, einem nahe Paris gelegenen Dorf, in Szene ging, war mehr als bloß ein technisches Hasardstück. Jenatzys Triumph war zugleich der Startschuss für ein von Tempo und Technik akzeleriertes Jahrhundert. Die Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden zu Lande, zu Wasser und in der Luft war nichts weniger als ein Pars pro toto für diese atemlose Epoche. Der schnellste Mensch auf Erden – dieser Titel war gleichsam das Öl, mit dem Teufelskerle, grandiose Tüftler und fanatische Speedjunkies zu Helden gesalbt wurden.

Camille Jenatzy verdankte diesen Aufstieg einem selbst konstruierten Wägelchen, das dank zweier Elektromotoren insgesamt 53 PS auf die Hinterachse brachte. Die Hoffnung eines Redakteurs einer französischen Tageszeitung, mit dem fantastischen Rekord möge der „Wahnsinn auf vier Rädern“ ein Ende finden, wurde in den folgenden Jahrzehnten eher enttäuscht.

Drei Jahre später flog in Nizza der Franzose Léon Serpollet unter Zuhilfenahme eines Dampfkraftwagens mit 121 km/h über die Promenade des Anglais. In jenen Tagen war die Jagd nach dem Landgeschwindigkeitsrekord bereits zu einem veritablen Medienereignis aufgestiegen. Publicity und ein prestigeträchtiger Eintrag in die Annalen des Motorsports lockten nicht zuletzt betuchte Herrenfahrer auf die Hochgeschwindigkeitspisten.