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Süsser Schlaf

Öffentlich schlafende Menschen fand der Fotograf Andreas Jakwerth auf seiner Reise durch Asien nahezu überall vor. Dort gilt: Wer tagsüber schläft, hat schon viel Arbeit vollbracht.
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„Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten.“ Man könnte meinen, der begnadete Schläfer Johann Wolfgang von Goethe habe Asien bereist, bevor er seinem Egmont diese Worte auf den Leib schrieb.

Der österreichische Fotograf Andreas Jakwerth bereiste Mitte 2009 zweieinhalb Monate lang Asien und brachte zwar keine Gedichte mit heim, aber Bilder von schlafenden Menschen in allen Lebenslagen und zu allen Tageszeiten. Auf seinem Reisen durch Vietnam, Thailand und Kambodscha fiel Jakwerth auf, dass die Menschen dort einfach jederzeit und überall schlafen, und es entstand spontan eine Fotoserie daraus. Belichtet wurde auf analogem Material, die Filme wurden auch an Ort und Stelle entwickelt, deshalb die manchmal etwas überzeichnet wirkenden Farben.

Eine Testentwicklung in Vietnam ließ den Fotografen erschaudern, die kleinen Minilabs sind in erster Linie nur noch auf digitale Ausbelichtung ausgelegt. Also wurde das belichtete Material durch alle Wetterzonen Asiens (von 15 bis 40 Grad Celsius) transportiert, um in einem Profilabor in Bangkok entwickelt zu werden.

Bequem sieht es nicht aus, wenn die Menschen da so hängen auf Sesseln oder Kisten, manche gar auf dem Boden. Es wirkt eher belustigend für den Reisenden, der diesen Anblick aus seinen Breiten nicht gewohnt ist. Und doch sehen sie irgendwie zufrieden aus. In sich ruhend fast. Und: Niemand stört sich daran, wenn nebenan mal kurz öffentlich geschlafen wird. Die Selbstverständlichkeit des untertags Schlafens in östlichen Kulturen und bei Naturvölkern wird in westlichen Kulturen oft als beneidenswert empfunden, und doch ist das „Power Napping“ hierzulande verpönt. Sucht man im Internet etwa nach „schlafen untertags“, findet man in erster Linie Einträge verzweifelter Mütter zu den Schlafgewohnheiten ihrer Babys, die nicht dann schlafen, wenn die Eltern es wollen. Womit wohl einer der Gründe für das eher verkrampfte westliche Schlafverhalten schon gefunden wäre.

Von klein auf wird einem der natürliche Schlafrhythmus ausgetrieben. Außerdem herrscht der Grundsatz: Geschlafen werden muss im Bett. Im Pyjama. Das gilt schon für Babys. Und bei Erwachsenen ist das Schläfchen untertags höchstens als Nickerchen von Pensionisten zulässig. Wer aktiv im Arbeitsleben steht und untertags schläft, gilt als faul. Ja, als „Penner“. Der leistet nichts.

In östlichen Kulturen hingegen ist das genau umgekehrt: Der Schlaf untertags fungiert als Leistungsnachweis. Wer tagsüber schläft, der ist müde von der vielen Arbeit, der hat sich das Schläfchen verdient. Schlaf als etwas Positives zu sehen wäre ein guter Anfang, um das Büro-Nickerchen auch im Westen endlich salonfähig zu machen. Oder, um bei Goethe zu bleiben: „Schlafe, was willst du mehr.“