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„Ich will nie nach Amerika zurück“

Mustafa Ait Idir saß sieben Jahre lang unschuldig im US-Gefangenenlager Guantanamo. Seit drei Jahren lebt der Bosnier mit algerischen Wurzeln wieder in Sarajevo. Auf Entschädigung wartet er noch.

Man sieht Mustafa Ait Idir sein Schicksal kaum an: Der 41-jährige mit dem schütteren Haar und den schmalen Augen wirkt auf den ersten Blick selbstbewusst und ruhig. Nur manchmal blickt er nervös nach links und rechts und erschrickt dann etwas, wenn sich eine Person unvermutet von hinten nähert. Es ist mehr als zehn Jahre her, trotzdem erinnert er sich noch genau an den 17. Oktober 2001. Es war der Tag, an dem bosnische Polizisten an seine Tür klopften und ihn baten sie auf die Polizeiwache zu begleiten. Man wolle ihm ein paar Fragen stellen, es würde nicht lange dauern, hatten sie gesagt. Es dauerte mehr als sieben Jahre, bis Ait Idir wieder nachhause durfte. Als Gast der TV-Show „Talk im Hangar 7“ erzählt Mustafa Ait Idir heute zum zehnjährigen Bestehen des Gefangenenlagers von seiner Zeit in Guantanamo. Sein Fall wurde von Beginn an vom Menschenrechtsexperten und ehemaligen UN-Sonderbeauftragten für Folter Manfred Nowak dokumentiert. DATUM traf den 41-jährigen Bosnier in Salzburg.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag ihrer Festnahme?

Es war der 17. Oktober 2001, das Datum werde ich nie vergessen. Ich habe schon damals mit meiner Familie in Sarajevo gelebt und als Grafikdesigner und Karatetrainer gearbeitet. Aber man kann nicht von einer Festnahme sprechen. Ich wurde gekidnapped. Ich bin freiwillig auf die Polizeistation gegangen, weil man mich darum gebeten hat. Doch dann durfte ich nicht mehr nachhause.

Was hat man Ihnen vorgeworfen?

Ich hätte einen Terroranschlag auf die amerikanische Botschaft in Sarajevo geplant. Das hat natürlich nicht gestimmt. Deshalb hat mich das bosnische Gericht auch kurz darauf freigesprochen. Als ich aus dem Gerichtssaal kam, sollten mich die Polizisten nachhause bringen. Aber dort kam ich nie an. Ich kannte den Polizisten sogar, der mich damals den Amerikanern übergab. Er war einer meiner Karateschüler. Ich wurde dann auf den amerikanischen Stützpunkt in Sarajevo gebracht, danach gleich weiter in die Türkei.

Wann kamen Sie in das Gefangenenlager in Guantanamo?

Das ging alles sehr schnell. Am 17. Jänner 2002 kam ich aus dem Gefängnis in Sarajevo. Am 20. oder 21. Jänner war ich bereits in Guantanamo – ab diesem Zeitpunkt war es schwierig zu wissen, welcher Tag gerade ist. Niemand hat uns gesagt, welche Uhrzeit oder welches Datum wir gerade haben. Nur wenige Wärter haben uns überhaupt geantwortet, wenn wir sie etwas gefragt haben.

Unter welchen Bedingungen wurden Sie in Guantanamo festgehalten?

Etwas wie Guantanamo konnte ich mir davor und auch danach nicht vorstellen. Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass dieser Ort überhaupt existiert, obwohl ich selbst dort war. Ich habe dort mit den schlimmsten Menschen zu tun gehabt, die ich in meinem Leben getroffen habe. Die Schläge, das ungenießbare Essen, der Schlafentzug, die Medikamente, die wir vor den Verhören verabreicht bekommen haben - man hat sich erzählt, dass die Verantwortlichen in Guantanamo auch medizinische Experimente mit uns gemacht haben und unerprobte Mittel an uns getestet haben. Ob das stimmt oder nicht, die Art wie in Guantanamo Bestrafungsmethoden erdacht und ausgeführt worden sind, ist für mich immer noch unvorstellbar. Ich habe die schlimmsten Dinge erlebt, die sich Menschen ausdenken können. Es gibt keine Menschlichkeit in Guantanamo.

Sie wurden regelmäßig gefoltert?

Ja, aber die Bestrafungen funktionierten auf physischer und psychischer Ebene. Ich war einmal sechs Monate durchgehend in Isolationshaft. Man hat mich in einen Metallcontainer gesperrt. Der war in sechs winzige Zellen unterteilt, jede nur 1,80 Meter breit. Es war stockdunkel, ich konnte meine eigene Hand nicht sehen. Und es war eiskalt. Die Wächter haben die Klimaanlage eingeschaltet und den Raum auf unter minus 10 Grad gekühlt. Ich durfte dabei nur Shorts tragen. 

Hatten Sie während dieser Zeit Kontakt zu anderen Gefangenen?

Das war sehr schwer. Wer versucht hat sich durch die Wände mit den anderen zu unterhalten, wurde bestraft. Man holt dich aus der Zelle und bringt dich an einen Ort, der noch schlimmer ist. Sie haben sich immer noch schlimmere Dinge einfallen lassen.

Was bekamen Sie zu Essen?

Ich habe schreckliche Erinnerungen an das Essen in Guantanamo - wenn wir überhaupt etwas bekommen haben. Manchmal brachten uns die Wärter das Essen, zeigten es uns und nahmen es wieder mit oder warfen es vor uns in den Dreck. Doch selbst wenn wir Essen bekommen haben, war immer zu wenig und kaum genießbar. Ich habe immer die Bohnen gezählt, die ich zum Mittagessen bekommen habe. Es waren meistens genau 15 Bohnen auf dem Teller. Der Koch muss sie einzeln abgezählt haben, anders kann ich mir das nicht vorstellen.

Sie wurden aber auch körperlich gefoltert?

Sie haben einmal meinen kleinen Finger so weit zurückgebogen, dass er gebrochen ist. Die Verletzung ist bis heute nicht verheilt, man kann noch immer sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich wurde immer wieder geprügelt, einmal so hart, dass mein Gesicht für längere Zeit halbseitig gelähmt war.

Wie ist das passiert?

Man hat mich geschlagen, auf den Boden geworfen und einer der Wärter hat sich mit vollen Gewicht auf mein Gesicht gekniet. Danach konnte ich nur mehr mit Mühe Essen und Trinken. Wenn ich getrunken habe ist mir alles seitlich aus dem Mund gelaufen. Trotzdem habe ich keine ärztliche Versorgung bekommen. Die Medikamente die ich bekommen habe, habe ich nicht genommen.

Seite 2: Pillen, Green Cards und das Leben danach